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Full text of "Ąskulap als Harlekin. Humor, Satire und Phantasie aus der Praxis."

549] 



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Blau Memorial Collection 




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Äskulap als Harlekin 



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Äskulap als Harlekin 

Humor, Satire und Phantasie 
aus der Praxis 

Von 

med. Dr. Serenus ^^scM^i ^r^ 




Wiesbaden 

Vertag von y F. Bergmann 
19U 



Digsi, 



O'iqinalfrcm 
PRIHCETON UNIViFlSITV 



Alk Rechte vorbehalten. 



t>ruÜC WML Ojtrir Brinitiilrttfr In L^rpaif. 



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Geleitworte, 

Wir Arzte üben eine Iraudge Kunst aus. Wir leben 
von den Beschwerden und Leiden der Mitmenschen. 
Äskulap ist ein ernster Kämpfier, der seine besten 
Kräfte im Ringen mit dem Tod vcfbrauchi 

Nun hat er auf einmal FaschlrtgsgelÜste, will ein 
Narrenkleid anziehen und ab Harlekin seine Schellen 
Jclijigen [asEen. IHat Äskulap den Verstand verloren? 
Sollte man den Narren nicht in ein Toll haus sperren 
lassen, um ihn unschädlich zu machen ? Jedes Gewerbe 
erfordert seine Stimmung und seine Haltung. Hat man 
je etwas von einem Ball der Totengräber vernommen ? 

O^dutd, liebe Freunde'! Habt ihr vergessen, daß 
der gro6e Menschenkenner Shakespeare den Toten- 
gräber immer als humorvoilen Philosophen gesctiüdcrt 
hat? Der arme Mann mijßte ja in den Tränen der 
Leidtragenden ertrinken, wenn ihn nicht sein gesunder 
Humor vor Todesangst und Spintisieren schützen 
würde. \uch wir Ärzte bmuchen eine Dosis Humor, 
wenn wir unseren Kranken ruhige und tatkräftige 
Helfer sein sollen. Wir müssen über unserem Berufe 
stehen. Wir müssen die Unannehmlichkeiten einer 
Tätigkeit» die alle kleinlichen Gebresle der Mensch- 
heit rnntaßt, in der Unendlichkeit des Ewigen auf- 
lösen. Wir müssen unter Tränen lachen und [ächelnd 
weinen können. Äskulap muß von Zeit zu Zeit eiti 
Narrenkkid anziehen, um über all dem Elend, das er 

' y X> 550540 

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PRIHCETON UNIViFlSITV 



— VI ^ 

miünachcn uad miUülilca muB, mdii trüb^inaig lu 
werdeji. 

Danuii, [iebe Kollagen, gefaxt mit mir nidit allzu 
strenge ins Gcridit! Alks im mcnsdiljchcii Leben hat 
zwei SeitcD. Ich woUtc Euch und Euren Kranken 
zeigen , daß es so viele ernste Dinge la der Medizin 
gibt, über die inaii lächelo kann. Die Tragödie ift 
uui alliu iiäufig eine Tragikomödie. La^äct Euch also 
von merner Phantasie durch etaen bunten Karneval 
führen. Der Aschermittwoch sali nur altruhald dettt 
tollen SpuL cia Ende befieiteo. 

Dr. Seren US, 



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Inhaltsverzdchnk 

Seil! 

Der Teflorene Gcdtuike 1 

Aus dem Tagebuche eines Tuberkelbazilliii 8 

Die Biologie vor Gericht 16 

Unbeibsichti^e Wirkungen . . . , 24 

Arzte als Patienten M 

Di« Zerstreuungskur ..,.,,,,,.,,,,,,, 3S 

Untei der Herrschaft der Impentive 47 

Der Unterhiltungsabead S3 

Jmige knit 60 

Meine Wurderloir 74 

Gebildete Patienten ......> 83 

Die Tante ..,,.....,. . , . , 90 

Die N*chbaiiii W 

Der MfgrinestiH .,.,.,,., 104 

Das OJirenstechen 110 

Der Streik der Bakierieti 117 

Buillen der Liebe , 123 

Der Erste Krankenhdiii^rcfl . . , , 12& 

Die Heilma^chtre 13& 

Die Ref^enkiir , , . , 142 

Das soziale Senim 150 

BaiLillen des Tratsch« 1S9 

Die Ur.tersachung der Zukunft , , . . . 165 

CID Besuch bei Dr. Zukunft 172 

Die modernste Wohnung .,..,.. 17Ä 

Das mediziniEclie Gasthaui 186 

Eine nms Erfinrlung ,,..,.......,.,., 103 

Phantasien «jnea GeLmpften 300 

Der Himmd der Namenlosen ....... ..... 316 

Aschermittwoch 214 



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Der verlorene Gedanke. 

Es ist traurig für einen Humoristen, der von seinem 
Humor kben soll, wenn er keinen eigenen Gedanken 
hat Ich vciTJitc cm lange gehütetes Oeheimnis, wenn 
ich jetzt der Mitwelt kundgebe, daß ich nur atis diesem 
Onind Humorist und Satiriker g<^word*n bin Eigent* 
lieh brauche ich für diesen blutigen Beruf gar keinen 
Oedanlien. Ich sitze hoch oben, gewisse maßen in der 
Vogelperspektive, und registriere nur die Dummheiten, 
die von aadeten Menschen gemacht werden, wenn 
sie eigene Gedanktrn haben. Isl das nicht eine sondef- 
bare Erscheinung? Ist jemand schon so klujs^, daQ 
er einen eigenen Gedanken hat, so beginnt er Dumm- 
heiten £U machen. Um mit eigenen Gedanken haus- 
haltet) zu können^ muß man schan ein Genie seiJi, 

Trotzdem ich mir das täglich, ja stündlich vor- 
sagte,, waren meine Sehnsüchte {&o sagt doch ein 
rapdemer Mensch?) nicht zu unterdrücken. Einmal, nur 
einma! wollte ich nicht von der Dximifiheit und Klug- 
heit der anderen leben. Einmal nur einen eigenen 
Gedanken haben! 

, Ich malte mir das königlich aus. Wie ich die 
scharlachrot eti Poriiieren meiner Seele auseinander- 
Echlagen würde, wie er seinen festlichen Einzug in 
mein gedankenarme Oehirn YuH^iehen würde. Wie 
eia Triumphator müßte er einmarschieren, um end- 
lich einmal in meinem verstaubten Gehirnzellen Ord- 



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— 2 — 

nttng zti machen. Mit königlicher Gebärde würde er 
das SatiimElsurium vcru Iremdeii Qtdaiiken, von BQcher- 
niedersch lägen, Iheaterblülen, ieitartikelfrag^tnenten 
und Feutllctonspiitkm aus seinem Reiche weisen. Ein 
Eig:ciier Gedanke ist da! Ein Fürst! Leibeigene auf 
die Knie! Die Sehnsucht nach dem eigenen Gedanken 
wurde bei mir zur Zwangsvorstellung;. Ich beschloß 
eines Tages, mtr einen ei^^enen Gedanken anxuschaffen, 
zu kaufen, zu rauben, zu stehlen. Auf irigcrtdtiiic 
erlaubte oder unerlaubte Weise. 

Weiß jemand meiner entEÜckten Leser, wie schwer 
Jas ht:utzutage ist, dncn dg:enen Gedanken aufzu- 
treiben? Zuerst war ich so naiv und uollte diesen 
Oedanken ohne fremde HiSfe finden. Ich begann 
nachzudenken. Ich bitte nicht zu lachen ! Es kocnint 
selten bei mir vor Ich habe wirklich intensiv und an- 
g^estrengt nachgedacht. 

Und da — ttiit s dun erzlichen Qeburtswehen und 
stoßweise, widerwillig, halb g(^zwungen, kam nun der 
erste eig^ene Gedanke. Es war ein wunderschönes^ 
rosiges, vielversprechendes Kind. 

Da hatte ich nun die neue Sorge. So ein neu- 
geborenes Wesen muß doch einen Namen haben. Ich 
ging also zu einem befreundeten Fe tilUe tonred akteur, 
der Erfahrung itn Taufen hatte — er war selbst ge- 
tauft — und bat ihn« meinen jüngsten SprölJling zu 
taufen. 

„Was bringst du da?" 

„Du fragst noch? Einen eben zur Welt gekom- 
niciien neuen Gedanken, dem du einen Namen geben 
sollst,*' 

„Ws.s? Da& &ol] dein Ktnd sein?'^ fuhr er mich 
aiL „LaD nur sehen," Nahm meinen ersten Ocdau- 
ketif betrachtete ihn von vorn sehr fEüchtlg^ von rück- 



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— 3 — 

wärts sehr genaUj und sagte dann geringschätzig: 
„Ist dtm Goelhe entnommen! Steht iin iwanzigsten 
Bald seiner gesammcKen Schriften, Seite 103,24. Zeile.*' 

Pater semper tiicertus est! Ich war tief gedemütigt. 
Ich schämte mich zu sageti, daß ich Goethe wohl 
sphr verehr*', ahsr den jw^nTigsien Rand seiner ge- 
SBüimelten Schriften „Ooethes Aussprüche während 
der Verdauung" nie geJesen haihe, 

Ich bekam einen Riesenzom. Einen Zorn auf die 
Fe uiJletonredak teure, die alles gelesen haben und es 
im Kopf wie in einem Lexikon herumtragen; einen 
Zorn auf den alten Goethe ! Warum hat denn dieser 
Mensch so lange gelebt und so vieI geschrieben ? Kann 
man denn heute überhaupt einen eigenen Gedanken 
haben? Steht nicht alles im Ooethe? In seinen Wer- 
ken, Briefen, Gesprächen, Tagebüchern? 

Ich beschloß, mich bei den modernen Geistern um- 
zusehen. Vielleicht könnte dart für mich ein bescliet- 
dener eigener Gedanke abfallen. Ich schmücke mich 
also, so gut ich komjte, mit sezessionistisciien Emble- 
men und begab mich ins Kafiee „zur Degeneration." 

Richtig saßen sie dort um einen großen, runden 
Marmortisch, die auserwihlten modernen Geister Ich 
setzte mich in ihre Nähe und horchte. Und das Resul- 
tat? Ich habe zwanzig Themen für satirische Sonn- 
tagsbetrachtungcn gefunden und keinen einzigen eige- 
nen Gedanken. Seh heimlich kam ich darauf, daS die 
Teilnehmer der Tafelrunde offenbar Mitglieder eines 
geistigen Abstinentenvcreins waren und schiiich empört 
von dannen. 

Wunderbare Fügung des Schicksals! Ich war m 
hellster VeivweLflLüg. Fluch iattig verließ ich das 
Kaffeehaus, In der Drehtür stielJ ich m.it einem frem- 
den Herrn zusammen; dki^er trat auf mein HQhner- 



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- 4 - 

au^, Ich schrie laut auf. Die Tür drehte sich weiter 
und beförderte mich sanft ifis freie — und . , . und 
in diesem Moment kam er, der langeiwartcie, sieg^es- 
sichere, klassenbewußle, neue, eigene Gedanke. 

Ich [lätte vor Frcudt ^u taa^en Uejjoiinen. kh hitte 
den Herrn, der mir auf das Hütinerauge g-etreten, um- 
armen kfinnen, wenn mich nicht die unumstöRlicha 
Tateachc, daß ich Besitzer citics eigenen Gedankens 
war, mit einem Stf>lz und SeltietlieMrußtsein gepanzert 
hätte, die mir jede Bewegfung; erschiverien. 

i-I och erhobenen Hauptes spaiterte ich über die Ringf- 
straßc und begann, mir den Gedanken von alleo Sei- 
ten 2U l>e trachten, ich liebkoste ihn fömilich^ rollte 
ihn von rpf^hts nach links, vrm oben mach unten und 
war eben im Begriff, ihn geistig zu v^erdauen, als mir 
der Teufel meinen alten Professor, den Holrat X., 
entfjegenführie. Wieso das kam, ich weiS es nicht. 
Sollte zwischen eigenen Gedanken und Hofräten, die 
Professoren, oder Professoren» die Hofräte sind, eine 
solche Todfeindschaft bestehen? Kurz und gut — 
der Gedanke war verschwunden, schon als ich metDen 
tiefen Diener machte. 

Der Holrat versictierte mir^ ich wäre ein ganz ori- 
gineller Kopf mit eigenen Gedanken. (Welche Ironie 9 
Er lese meine Sachen mit großem Vergnügen. Ich 
möchte nur recht bald wieder was Lustiges schreiben. 

Wer begreift meinen Schmerz? Haben Sie schon 
einen Gedanken verloren? Einen so schönen, er- 
habenen, klassenbewußten, siegessicheren Gedanken? 
Ich war zu Buden ^cschmeiterL Ich lief zur Polizei. 
Ob man nicht dort meinen Gedanken im Fundbureau 
Abgegeben hättf^. Sis verlangten eine genaue Re- 
schreibiing. Äußeres : Einnehmend. Alter; Eine Stunde. 
Kleidung r Funkelnagelneues, hochmodernes KostüiiL 
Besondere Kennzeichen: Nicht von Goethe. 



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— 5 — 

Die Polizi?iheamferi üchüticltf*« Ate. Kopf*^. Ein neuer 
Gedanke sei doiicn schon seit Jahren nicKt gefunden 
worden. \dt\ möge annoncieren, 

Auch dies Mittel versuchte ich: 

„Ein funkelnagelneuer, klassrnbewußtcr 
eigener Oedantce i«t festem zwischen fünf 
und sectia Uhr nachmirtag'a auf der Ring* 
straBe verloren f (gangen. Der rediicKe Finder 
wird ersucht, ihn gtgtn eise hohe Belohnung 
(Dr. Sereniu eesamtnelte Werke in Pracht« 
einbatid) beim Untfrzpichnelen abjugehett.'* 

[ch bekam eine Unmenge Zuschriften, die mich 
erst belehrten, wie populär ich war. Es wurden eine 
Unmenge Gedanken bei mir und meiner Hausbesorge- 
rin abgegeben. Leider war der meine nichi d3,runter. 
Der FcuLllctoiHedakteiir, dem ich sie zai Begutach- 
tung vorlegte, meinte, sie wären alle von Goethe, 

Nun versuclile ich mein Glück mit einem Detektive- 
buieau, Ich ging zum rühmlichst bekannten Wi<;ner 
Sherlcck Holmes-Institut „Spürnase". Der Oeneral- 
direktor (Direkter schlechtweg ist heutzutage schon 
eine Bdeidigfung) empfing mich mit jenem praktischen 
Übereifer, der den Auftrag^geber nicht tti Worte kom- 
men läöt; „Ich weiß schon altes! Sic kommen wegen 
Ihrer Frau. Habe bereits alle Daten in Händen. Zwölf 
Liebhaber. Täglich ein anderes Rendezvou». BescEiäf- 
t^t fünf Schreibbureaus mit dem Abschreiben und 
VervielfäKigfen der Liebesbriefe. Der letzte Treubruch 
fand am . . . 

„Halten Sie ein, Herr Generaldirektor Spumascl 
Ich komme ja wegen der verloren gegangenen . . /* 

<,Richtig! Nr. 1568143. Ein anderer Fall. Weifl 
seh an. Verlorene Brieftasche, Täterin ein hübsches 
Stubenmädchen im Hotel .. .'^ 



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- 6 - 

„Um Himmels willen," stöhnte ich, „Sie wollen 
mich ji nicht anhören. Es handelt si^h um einen 
verloren gegangenen Gedanken. Sie unterbrechen mich 
immer. Dann haben Sie eine Art, einen armen Humo- 
risteti zu erschrecken. Sie bringen mich ja auf neue 
Gedanken . . . Frau . , . Brieftasche . . /* 

Das Gesicht der Spiirtiasc wurde lang und länger. 

,^Wa£ suchen Sie? Einen verloren geg'angenen Qe- 
danken?'* 

„Ja — neulich auf der Ruigstraße, zwischen fünf 
und sechs . , ,** 

Scfion war die Spürnase verschwunden und hatte 
rasch die Tür hinter sich versperrt. Ich war gefangen. 
Verzweifelt trommelte icti mit beiden Fäusten an die 
Tür Ich schrie nach Poüzei, nach Hilfe. 

Hinter der Tür hörte ich di*n Oeneralrfirektor und 
seinen Stab geschäftig durch einandsreiten und tele- 
phcn leren. 

Wie Unfifc es dauerte? Ich weiß es nicht. P16b- 
lich öffnete eich rückwärts eine Tür. Ich wurde von 
zwti handfesten Kerlen ergriffen, gefesseH und In 
einen Wagen geführt 

ich hörte noch, wie die „Spürnase" emcm Herrn 
im Zylinder, der ein* große Tasche trug (Diägfnose: 
Arzt), etwas von einem Tobsuchtsanfall erzählte. 

Nach einer halben Stunde war ich im Irrenhause. 
Vor itiif stand der berühmte Psychiater Dr. Cerebelto 
mit seinem Assistenten. Sie nahmen ein ktig^es Ver- 
hör mit mir auf und sprachen setir eitidringhch über 
tu eine Erlebnisse. Dann sagte der Professor: 

„Sehen Sie^ Herr Assistent. Hier ist der in (er- 
es sante Fall von Monumanit:, den sie so lang^e suchen. 
Der Mensch leidet an der modemsien Form des 
Größeriwahnes. Er bildet sich ein, eigfene Gedanken 
a:u besitzen. Es iät ein reiner, ausgeprägter klassischer 



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_ 7 — 

Fall. Atinllches — aber nicht Jn so schöner Ausbildung 
— habe ich schon bei Komponisten, Parlamentariern, 
Erfindern und Enqudeexperten konstatieren können, 
Sic streben ja eine Dozentur an> Das ist der Fall^ 
der Ihnen dazu verhelfen wird.*'^ 

Jetzt wußte ich, daß ich verloren war. Interessante 
Fälle sind immer verloren, besonders \ftnn eine Dozen- 
tur daran hängt 

Ich sitze nur schon vier Monate in Beobachtung. 
Und das Wunderbarste habe tch in diesen Tagen erlebt 
[eil habe die prachtvollsten Gedanken über unser Leben 
und unsere tinrichtungen bekommen. 

Aber ich sagE keinem Menschen was dl von. Der 
Assistent ist nämlich schon Dozent geworden, und 
ich soll morgen entlassen werden, kli bin kein inter- 
essanter Fall mehr. 

Ab«r ich bin um eine Erfahmnjg^ reicher geworden, 
ich wtrde nie mehr einen eigenen Gedanken verlitrca. 
ich bleibe Humorist und Satiriker. 



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Aus dem Tagebuche eines Tuberkelbazillus* 

Ich bin ein echtes Wiener Kind. Im Wiener Stra Ben- 
staube bin ich geboren worden. Meine Jugend war 
meine schöoste Zeit. Ich werde sie nie vergessen^ 
Hei ! war das ein Leben : Vom Winde lieS ich mieh 
lustig dürcti die großen StraOen treiben und Sonn- 
tags durften wir sogar mit in den Prater. Wo der 
Lärm am größten, das Gedränge am stärkste^n und 
der Staub aim dichtesten war, dort fühlte ich mich 
im wob Ist en. 

Dann erinnere ich mich dutikel an eine schwere 
Zeit Es hatte drei Wochen nicht geregnet. Wif 
tagen alle hodi oben auf der Dachrinne eines ge- 
waltigen Mausen. Die Sonne brannte auf uns mll 
aller Kraft, Rn daß wir f;iitt gänzlich eingingen und 
trocken vvtii-den wi^ dürres Strati. 

Mama machte meinem Papa heftige Vorwürfe, „Wir 
werden alte zugmnde fehen und wer wird daran schuld 
sein? Du! Du hast uns von der schdnen StraBe, wo 
die braven Männer inil dem Sdilauche uns dreimal 
täglich bespritzt hatien, hiertter gebracht — aul diese 
Dachrinne, damit wir hier sterben sollen. Ja! Ich 
durchschaue dich, du attcr^ hartgesottener Stind^r! 
Glaubst du^ ich habe nidit gemerkt, daß du mit der 
Staphylokokken Jungfrau fortwährend kokettierst? Ich 
werde deine Pläne dLirichkreti7en — ich - — — ^^^-^a 
,j3chweigt" rief mein Vater ptötilich aus. „Ver- 
dirb mir nicht meine Kinder! Ihr kurzsichtigen^ klein- 



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— Q — 

köpfjg'eii U^dber! Ihr glaubt auch, daß ihr alles besser 
vereteht Habe icJi dir nicht von dem neuen Tuber- 
kuloser-HrlaO erzählt? Die Meiisclüieit rüstet sich 
zum Kampfe ^egen uns. Habe ich dir nicht den Leit- 
artikel aus iler 1et?tPtt Tiibi^rtiiFniienTeituiig gp^eigi? 
Sic wollen uns vernichten^ durch ihre grtulichtn Säfte 
verderbe rij uns den Garaus machen. ^ Deshalb habe 
ich diese sichere Wohnung bezogen." 

„Sicher! — Daß ich nicht lache. Noch zwei Sonnen- 
tage, und wir sind verloren/* 

Aber es kam ganz anders^ Ein kl ein er, schöner, 
gelber Kanarienvogel setzte sich auf die Dach rinne, 
mit angenehm feuchten Füßen gerade auf unsere 
Sommerwohnung da oben. Flugs waren wir alle auf 
meinen rüfleti und tränkteJ) uns gierig mit Wasser. 'Wir 
quollen sofort auf und neue Lebenslust durchströmte 
unsere Adern. ,jNür iest anhalten/' rief mein Vater, 
„komme, was da wolle." Schon Lm nächsten Momenle 
kam das Verhäng^nls in Oestalt eines g^rofien^ schwar- 
zen Katers über unser eben aus dem Kerker entflohenes 
Singvögelchen ! SchwLpps hatte der Kater das arme 
Tierchen ^icfi viar immer ein Ocmütsbazillua) er-* 
wischt und trug^ es im sctineöen Laufe über Stiegen 
und Geländer in eine ^oEe, reich ausgestattete Woh- 
nung. 

„Mutter! Mutter! Schnell! Der Kater, der schlimme 
Hinz, hat unseren armen Kanari überfallen l Mut — 
ter! ■" 

Die Mutter kam und der schwar2e, schlimme Hinz 
mußte seine Beute fahren lassen, E)cr Kanari jcdocK 
sdiien schwer verwundet m sein. Der kleine, herzige 
Knabe streiche He das Vögelchen, küßte ihm den 
Schnabel und sagte: „Warum bist du denn fortge- 
flogeti? Ist es denn da dtau0en schöner a.h hier 



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- 10 - 

bei deinen Freunden ?'' Der Kanah sprach kein Wort 

und sah seinen kleinen Freund nur traur^ an. 

Währenddessen waren wir vom Kanari alle auf die 
Hand des Knaben ffe kommen. Mein Vater war plötz- 
lich ernst geworden. „Höre, Junge, ich mtifl mit dir 
ein gewichtLg^{^ Wertchen reden. Du bist schon groß 
und erwachsen und brauchst deine Eltern nicht mehr. 
Hiermit spreche ich dich frei und führe dich ins große 
Leben ein." Während dieser Worte fiel ich vom 
välcrlidien Kürper, mit dem ich bisher verwachä^en 
war, ab und ein nie gekanntes Wonneg^efühl der per- 
sönlichen, iinbeschräniden Freiheit durchzuckte tneiiten 
Jf leinen, aber elastischen Körper, 

Meine Mutter weinte Freuden tränen, „Was du 
auch erlebst, zeige, daß du aus einer guten Bazillen* 
familie bisi Rädie uns^ in unseren Erbfeinden, den 
iVlcnschen, deren letztes Werk uns wegen der Torheit 
und Teig^heit deines kindischen Valers (hier warf sie 
ihm einen /omigen Blick 7u) bald das I.eb^n getccu^tet 
hätte. Hier bei diesem schönen, wohlgestalteten 
Knaben kannst du gleich dein Lebenswerk beginnen. 
Vernichte alle lebe ns seh wachen Menschen, die dir be- 
gegnen. Ziehe hinaus in den heiligen Krieg. Du hast 

meinen Segen." ^ * 

Der Knabe hatte die schlechte Gewohnheit vieler 
Menschen, die wir wohl kennen und ausnützen, seinen 
Finger in den Mund zu stecken. So hameri wir alle in 
seine Mundhöhle. Aber mein Vater, der sicii sehr gut 
auskannte, blickte mißtrauisch umher und sagle: „Wir 
müssen uns einen hohlen Zahn aufsuchen. Nach dem 
£5sen wird der feine Knabe mit irgfcndcinem schreck- 
lichen Mundwasser den Mund ausspülen und dann 
sind wir verloren." 

Nadi einigen Irrfahrten gelang e« uns, einen 
fcaricsen Zahn zu cnidecken. Hier driunen war es 



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— 11 - 

herrlich. Hier machie tch eine Menge Bekanntschaf- 
ten, lernte zutrst die versdiiedenslen Kokken und 
Bazillen kennen, selbst den reichsten und stärkste a 
unter unseren Verwandteo, den Diphtheriebazillus. 
Allerlei SüGigkeiten, Sctiokokde, feine Spe[sen waren 
meint; Nahrung. Nach dnlgt^n Tagen crfütgk mdn 
etidßfiJltififer Abschied von mainer Familie. Mein Vater 
benutrte den Kuß einer zHrtlichen Tante des Knaben, 
um eine Übersiedlung- vorzu nehmen j und ich blieb 
allein beim herzigen Jungen^ der meine Beute werden 
ßollle. 

Aber es kam anders. Eines Tages ging der kleine, 
tiübächc Juügc, auf den idi niich so gefreut hütte, zu 
einem Zahnarzte. Dieser bohrte mit einem großen 
Bohrer in seinem 2 ahn hernm. Wenn ich mich nicht 
in die Vcrticfungfcn des Bohrers gcilüchtct hätte, wäre 
ich zugrunde gegangen. Dann warf mich der grau- 
same Mann auf eine unhetmlLch reine Olasplatte. Später 
hörte ich ihn eageni „Fräulein Anna — vergessen 
Sie niciit — alle liisttutti eilte sorgfältig zu desinfi- 
zieren. Die Bohrer und Zangen werden ausgekocht! ~ 
Verstehen .Sie?" 

,,Es soll sorgfältig- geschehen, Herr Doktor/* 

Ich wudte^ daß meine letzte Stunde geschlagen hatte 
und mich nur ein Wunder retten konnte. Denn das 
hail« mir schon mein Viter gesagt: ,,V^on alleti Mitteln, 
weitete die Mt^nsuhen anwenden, um uns zu tuten, ist 
etEfentiich keines absolut gefährlich. Ich war äclton in 
Kirballosungen, ich hin schon auf einer anti septischen 
Ljsolacifc eine Woche ohne Schaden gesessen , aber 
das Auskochen, das ist gefährlich ! Das fibersteht keiner 
vcn uns, selbst der stärkste und kräftigste nicht» Hüte 
dich vor dem Auskochen.'^ 

Jetzt solhe ich so jämmerlicK zugrunde gehen. Oüb 
es denn keinen Ausweg? 



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— 12 — 

Dlc Rettung* kam Jn Gestalt eines hübsclietij. wohl- 
gestalteten Mannes, der das schöne Fräulein Anna 
stürmischi umarmte und im zäh tigern al fcüQte. 

„Las«* mich aus! Ich muß die Instrumente reintgein 
und kochen/' 

„Blöder FJIanz vom Doktor Kotnm', i htH' dir *a! 
mit an TiJcKI auswi-tich^n. Beim Iet7ten Elmkfor, v/ö 
ich ^var, haben wir nie g^e keucht Diese übertriebenea 
Sachen kann i net leiden/* 

Schon fuhr er mit etnem Handtuch über alle Zang^cn 
hin und her, trocknete die Bohrer und so kam ich auf 
das I landtuch. Zum Schtti^se wusdi ei sidi dte liätide, 
trocknete sich mit dem schmutzigen tiandtuche; auf 
diese Weise gelangte ich auf eine weiBe Hand und 
war dem sicheren Tode entronnen. 

Der eitle Mann 20^ dann ein Paar schöner Hand- 
schuhe an, die mir jede Au^icht raubten und ging, 
mit dem Fräulein Anna Arm in Arm aus dem Hause. 
Wir fuhren dann weit hinaus ins Grüne. Das sih 
ich ei^t, M/ie er die Handschuhe auszog^ ujid die Arme 
weit ausbreitete. 

Dd g^eschah nun etwas sehr Sonderbares. Eine kleine 
Frau stürzte sich auf unseren hebesbedürTtigen Mann 
und schrie; „Fremde Fräuleins führst du aus und mir 
machst du weis, du mußt täglich bis in die Nacht 
arbeiten und wirst so schlecht bezahlt L \/arf nur, 
du Haiiodrij i werd' dir's g:ehörig heimgeigen, Marsch 
nach Hause!" — Er weigerte sich, es g-ab harte Worte, 
fr«mde Leute mischten sich ein^ es kam zu einer 
Prügelein 

Rötzlich war ich allein auf dem Boden im Straßen- 
staube dieser Sommerfrische. Zwei Tage lag ich dort 
ruhige, sonnte mich fröhlich und sab nach Beute aus. 
Am dritten Tage erhob sich ein leichter Wind!, dem 
ich mich anvertraute. Er führte mich über grüne 



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— 13 — 

Wiesen und Felder hin zu einer prachtvollen Villa^ vor 
der auf einet Veranda eine Heine, lustige Familie äaß. 
„Ah ^ diese Luft,*' sagte der große, elegante Jicrr, 
wie ich später erfuhr, das Familienoberhaupj. „Das 
tut wohl, diese wuraige Luft einzuatmen. Wenn man 
Sü die ^an£c Wuche in Wien cirbcitet, »ith rttckcrtj hat 
man wenigstens am Sonntag den Lehn. Ach — diese 
herrliche Luft!" 



Dabei machte er einen tiefen Atemzug und schon 
war ich in seiner Lunge drinnen. Endlich eine mensch- 
liche Lunge — der g'rößte Leckerbb&en für einen 
ausgewachsenen Tuberkelbazillus ! So eia feuchtes, 
weiches, appetitliches Oewebc! 

Ich machte mich gleich an die Arbeit. Es war nicht 
so leicht, als ich mir das vorstellte, Es gab eine Menge 
zäher, elastischer Fasern, denen (ch nichts anhaben 
konnte. Verschiedene weiße Blutkörperchen verfolglen 
mich und wollten mich auffressen. Der Zufall jedoch 
führte mir andere Genossen zu, ich lernte das Glück 
der Liebe kennen und war bald das überhaupt einer 
zahlrHchfn Familie. 

Trotzdem konnlen wir dem großen, starken Men- 
schen nichts anhaben. Nur eine kleine, winzige Spitze 
seiner Lungen hatten wir erobert. 

Da kam eine Tages ein unerwarteter Bundes* 
geiioi^se, Ein luflut^n^iibüicillus be!^ul;htc uns und äiehc 
da, was wir allein nicht vermochten, das gelang den 
vereinten Kräften, Der Menacti wurde schwer trink, 

Ärzte kamen, Professoren wurden gerufen. Der 
Jammer der Famihe war groß. Ich konnte das nicht 
länc:er anhören und tiachlete ins Freie zu gelangen. 
Ein kräftiger Huslenstoß des Kranken brachte mich 
wieder an das Lidit der Sonne, Cr hustete wohl in 
einen Napf mit Karbolwasser hinein, ich flog jedoch 



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— 14 — 

hart beim OefäB vorbei auf ein großes, weißes Stück 
Papier, dicht neben mir meine Frau und zwei meiner 
Kinder. 

Dort saßen wir eine Weile ruhig- Von Zeit zu Zeil 
sciirieb der Kranke einige Zeilen auf das sciiöne weiße 
Papier. ... Er wurde zur Freude der Familie bald 
gesund und soüte noch für einige IX^ocheii nach dem 
Süden reisen. Vorher schrieb er noch den großen 
Bogen voll. Es wsu* ein neuer Erlaß zur Bekämpfung 
der Tuberkulose, Denn der Mann war ein hoher 
Beamter, ich glaube sogar irgendein Minister. 

„Herr Doktor/* sprach der Minister zu seinem Arzte, 
„heilte hahe ich einen neuen Rrlaß gegen die Tuberku- 
lose herausgegeben. Wollen Sie ihn lesen?" 

„Ich danke, Exzellenz Sie kennen ja meine Ansicht. 
Die Tu her ku tose ist nur durch allgemeine Maflregeln 
zu bekämpfen. Können Sic alle Armen reicti machen, 
jedem Menschen sein nötiges Maß von Licht, Luft 
und Sonne mteilen, für die soziale Hygfiene die not- 
wendigen JVlilliarden auftreiben? Können Sie die Men- 
schen anhalten, häufig zu baden, ilire Widerstands- 
kraft zu Stählen und ilire üesundheit nictit in ein- 
gebildeten Vergnügen zu vergeuden?" 

Die Hxzelleuf seufzte. 

„Aber einen Anfang' muß man doch machen, 
li^endwo den Hebel ansetzeni Sollen wir die Hände 
ruhig in den Schoß legen P" 

,, Bessern Sie die schalen MiQstände der Armen. 
Die Tuberkulose ist eine soziale Krankheit — eine 
Kfankiieit der Annen/' 

,^Es erkraihen aber auch un^hlige Reiche und diese 
besonder« schwer." 

„Diese büSen die Sünden der Väter oder ihre eigenen 
Sünden wider die Natur, ütn die sterbenden faulen 



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— 15 - 

Früchte ist's nicht schade. Aber lassen Sie die ge- 
sunden nicht faul werden. Das ist die Hauptsache/* 

^.Nehmen Sie meinen Erlaß, lieber Herr Doktor, 
und lesen Sie thti wenigstens durch." 

„Bitte sehr!" 

So kam ich in die Tasche des berühmten Arztesf. 

Hier schließt das Tagebuch meines gemütvolieit 
Tubeikcibazillus. Neugierigen Lesern kann ich aucli 
dniß[es über sein weiteres Schiclcsa] berichten. Als 
der E>i>ktor nach Hau^e kam, hatte er erst einige Patien- 
ten zu behandeln, die seiner harrten. Dann zog er 
den Erlaß aus der Tasche und las ihn flüchtig durch. 
Ein merkwürdiges Lächeln ging über sein geistvolles 
Gesicht. Plötzlich stand er auf, ballte den Erlaß zu 
einem Knäuel und warf ihn ins Feuer Unser gemüt- 
voller Tuberkelbazillus ging jämmerlich zugrunde. 

Dabei war er eine seltene Art uritfr seinesgleichen. 
Er war einer jener wenigen Bazillen, die durch 
einen mimsteriellen Erlafi ihr Ende gcftindea 
haben. ^ -^ — 



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Die Biologie vor GericIiL 

Der üerichtssaal war dicht gerüllL Schon Wochen 
vorher waren alle Eintritte karten vergriffen werden. 
Es handelte sich auch um die Existenz einer ganzen 
Familie, um den Rui einer schönen Frau» der selbst 
dte besten Freundinnen nichts Qhles nachsagen konn^ 
ten, es handelte sich um die Erhärtung einer wissen- 
schaftlichen Erfind iiEg, die hier das erstejnal äue. 
reuerprobe bestehen sollte. Aternlos, in fieberhafter 
Etregung saBen die Zu«;chauer da und horchten qe- 
spannt auf djä Ausfährungen des Klägers, des bekann- 
ten Fatrikanten Fritz Lindenschlag'. Eljen hielt er seine 
Anklage vor den Geschworenen aufrecht und wieder- 
holte seine Beweisgründe. Der kleine, hagere, früh- 
gealterte Mann sprach in höchster Aufre^ng mit hei- 
ierer Stimme, bhckte unausgesetzt auf den Boden, nur 
hie und da traf ein schlier und doch verachtung^svoJler 
fihck seine auf der Anklagebank sitzende Gattin, die 
Echüne Frau Therese, die er vor zwei Jahren in 
einer Anwandlung von Ltebesraserei aus einer armen 
Schusferstcichter lur reichen Fabrik an teasfrau gemacht 
hatie. Freilich muBte er vorher einen binde rrdtn Vcr* 
trag unteischreiben, in dem festgesetzt wurde, dafi sein 
gesamtes Vennögen seiner Frau gehören sollte» fallB 
dieeelbe von der gütigen Vorsehung tnit dem Segen 
ciuer Nachkommenschaft bedacht werden sollte. 

Sein Kausch war rasch verflogen, seine Liebe hatte 



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— 17 = 

sich in Gleichgültigkeit verwandelt. Plötzlich gfe^chah 
das Unerwartete. Seine Frau Fühlte sich Mutter und 
er, der achtundsechzigjalinge Greis, konnte sich bald 
stoiz den Vatef des alicrschönsten Bebes nennen, das 
dif? Fahi-ilffitadf Win^t^mrfe aijf7iiwfi<ien hätte. Sein 
Stolz sollte bald in andere viel wcnig^er angenehme 
Gefühle verwandelt werden. Eine Flut von anonymen 
Briefen ergoS sich in sein Haus. Der ganze Unrat 
einer kleinen Stadt^ in welcher der Tratsch die einzige 
Aüwechüilung in de;; Lebt;ns Eintrki bedeutete, wurde 
vom Briefträger in sein Haus gebracht; wie eine Klostke 
verpestete die Verleumdung die bisher sfl reine At- 
mospfiärc seines Hauses. Gerade erzählte er mit hei- 
serer Stimme seinen Richtern diese Vörg^änge, 

„Jeder Brief stellte irgendeine neue Vermutung als 
Tatsaefae hin. Bald sollte es dieser Herr^ bald ein 
anderer gewesen sein, mit dem mich meine Frau be- 
trogen hatte. Menschen, mit denen sie sicherlich nur 
einige Male flüchtig gesprochen hatte, wurden mir 
als ihre Hausfreunde geschildert, Ersparen Sie mir 
die weitere Auizählung dieser niedrigen Gemein- 
hellen. Wenn ich trotzdem die Anklage gegen meine 
Frau erhoben habe, die schwere Anklag^e a.uf Ehe^ 
bruch und Untere ciiicbung eines fremden Kindes, &o 
geschah es nui deshalb, weil berechtig'te Zwtife) an 
der Vaterschaft die«ie<i Kindes mein gepeinigtes Herz 
erfüllten. Ich kann nicht utnhjn^ den sonstigen Eigen- 
schaften meiner Frau das höchste Lob zu zollen. Sie 
ist bescheiden^ nicht vergnijgungssüchtig und hat nur 
den einen Fehler, dafi sie jung ist. Sie werden sagen, 
idi hätte das frülier bedenken sollen/' 

Vorsitzender (unterbrechend): Das gehört ja nicht 
zur Sache. Qehen Sie auf den Inhalt Ihrer Anklage ein. 

(Einige Bravorufe erschollen aus dem Zuschauer- 
räume.) Die festlich geputzten Damen blickten sich 

SerBBUs, ^ili« tu Hwrleklii. 3 



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^ IS — 

justinitiiciid an, als ob sie sagen wollten; Recht hat 
er. Der üerichtspräsident war überhaupt der Lieb- 
ling der weiblichen Welt von Wingerode. Ein schon 
gewachsener, kräftiger sympathischer Mensch, dessen 
Frau schon früh g^cstoiben vv^arj^ ein ausgc^cidmcttr 
Reiter und Jäger, der aiifi;enehnisfe Gesellschafter, den 
man sich denlten konnte, Eigenschaften genug, den 
Herzen dtr noch ledigen Damen gefährlich zu werden. 
Trotzdem gelang es keiner, itin zu fesseln.^ und es 
galt für ausgemacht^ .daß er sein Leben unbeweibt 
beschtieBen werde. Auch konnte eich Leine der Damen 
eines besonderen Vorjuges rühmen, so daß sie alle 
gleichmäBig für ihn schwärmten. 

Herr Lindenschhg war einen Moment ans der 
Fassung gebracht. Dann fuhr er stockend fort: „Out — 
icii will auf den wichtigsten Teil meiner Rede zurück- 
kommen. Meine Herren Geschworenen! Die Wissen- 
schaft hat ungeahnle Fortschritte gemacht. Sie wer- 
den wohE alle schon von der biologischen Reaktion 
auf blutverwandtschaft g;ehDrt haben, äetzt man zu 
einem vorher entsprechend präparierten Kaninchen- 
aerüin einige Tropfen des Blutes der zu prüfenden 
Person hinzUj so ergibt sich bei naher Blutsverwandt- 
schaft eine sofortige Trübung des sonst so klaren 
Serums. Besteht diese Blutsverwandtschaft nicht, so 
bildet sicli kein Niedcrssditag, die Flüssigkeit bleibt 
klar die sogenannte Niederschhgsreaktion, welche die 
Gelehrten Präzipitin -Reaktion nennen, fällt negativ 
aus. Hier sehen Sic ein mit meinem Blute vort>ch«n- 
dehes K a Clin che nserum. ist das Kind das meine, so 
müßte ein diesem Kinde entnommener Blutstropfen, 
diesem Serum beigemengt, einen sofortigen Nieder- 
^dilag zeigen. Bleibt dieses mein Serum klar, so bin 
icti nicht der Vater des Kindes. Dann habe ich den 
Herren Geschworenen den sicheren, untrüglichen Be- 



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— 19 — 

wns meiner nicht jn leichtfertiger Weise erhobenen 

Beschuldißune: erbracht." — 

Peinlirhe Stille herrschte im weifen Saale. Die 
Geschworenen und der Gerichtshof zogen sich zu einer 
Beratung zurück tiud beschlossen, sich von den Ge- 
richts ärzlen über den Wert der biologischen Reaktion 
aufklären za lassen. 

Dieselben verlangten einen Bericht desjenij^en Ar£' 
tes, der Herrn Lindenschtag das Kanlachenserum ver- 
schafft hatte. 

Es war dies Dr. Schtaghaixinier, der Hausarzt und 
treue Berater des Fabrikanten. Obwohl erst seit eini- 
gen Jahren im Orte lätigf. hatte er sich bereits eine 
g:roße Praxis erworben und sein Ruf ging weit über 
die Umgehung; der kleinen Stadt hinaus. Besonders 
bei den Frauen stand er trot2 seines schiefen, etwas 
verwachsenen Rückens und seiner unsrhönen Zilge, 
die auffallend einem Dachs ähnlich sahen, in hohcrr 
Otinst. IDtes verdankte er seinem liebenswürdigen 
Wesen und seinem wannen Herzen, das sich sehr 
kichi entflatninen ließ. Dabei hatte seine V€rehrung' 
einen so sentimental kom Lachen Charakter, daß sie 
einerseits den Frauen schmeichelte, andererseits wegen 
ihrer tJngefährlichkeit die Heiterkeit der Männer er- 
regte. 

Schlaghammer schilderte nun ausführlich, wie er 
das Serum gewonnen hatte. Täglich war ein Kanin- 
chert tnit dein Blute des Fabriksherm behandelt worden, 
bis si:h]ieß[idi !»ein Glut 4Ue Eigenscbditeii der Linden- 
sch!agschen Faratlie aufweisen konnte. Während seiner 
Ausführungen wurde er von dem Vorsiti enden des 
Gerichtes und dem Verteidiger der jungen Frau, dem, 
bekannten Rechtsanwalt Dr. Karl Hammer wiederholt 
unterbrochen und einem starken Kreuzverhör unter- 
zog'en. Aber alle Alühe dieser Herren, ebenso wie 

2* 



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— 20 - 

die stutntiien, j'edodi so beredle», rührenden Blicke 
der Angeklagten blieben vergebens, Dr. iSchlaghammer 
meinfe, die bio]og[sche Reaktion werde sich in diesem 
Falle gläDEcnd bewahren. Es wäre ein neuer Triumph 
der Wissenschaft, dem gegenüber das Schicksal ein- 
zelner Menschen gzr nicht in Frage itäme. Die 
Spanaung war auFs Äußerste gfes biegen. Der Geschwo- 
rcncrn hafte sich eint große Erfcg^ung bemächtigt Sie 
veriangten trotz der abmahnenden Ausführungen des 
Oerichtspräsidenten und des Verteidtg:ers die sofortige 
Vornahme der biologischen Reaktion. 

Frau Llnden&clilag verfiel in einen Welnknmpf und 
mußte aus dem Saale entfernt werden. Einer der 
Herren Oerichtsärzte bemühte sich um sie, während 
Dr> Schlaghaninier alle nötigen Vorbereitungen zur 
Vomahme der Niederschlagsreaktion trat. Auf einem 
erhöhten Tischchen wurde eine kleine Phiole mit dem 
bewußten Kanindhensertmi aufgestellt, so daß es den 
Oesctiworeaei und dem Vorsitzenden und auch dem 
Auditorium deutlich sichtbar war. Eine robuste, kräf- 
tige Amme txrachte das friedlich schlafende Kind Iiin" 
ein, das einen so heftigen Strcil entfesselt halte. 
Dr Schlagfiammer desinfizierte eine feine Nadel in 
sorgfältigster Weise. Der Gerichtspräsident verordnete 
eine Pause von fünf Mtnuteti, um die Angeld lagta zu 
bcf wegen, der Verhandlung beizuwohnen. 

Feierlich, mit ernster, fast betrübter Miene ver- 
UeB er den Qericht^saaf. i3ie AngekSagfte saß schluch- 
zend in der Ecke eines Zimmers, das Für gewöhnlich 
dera Gerichtspräsidenten eingeräumt war. Sie war 
allein. In hastiger Erregung schritt der Präsident auf 
sie zn, und flüsterte zu ihr kaum hörbar: ,,Wir sind 
verloren, aber komm'' auf jeden Fall in den Saal; 
die Wissenschaft hat sich &chon öfters als einmal 
blamiert, ^- und vor allea Dingen, was auch kommen 



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— 21 - 

raag, — schweigen j schweig^ett, schweigen , schwei- 
gen!'* 

Während dieser leisen Worte, welche die junge Frau 
gar nicht beantwortete, steckte der Verteidigter seinen 
Kopf zur Tur herein. „Outj daß Sic kommen,'^ sprach 
mit lauter^ sonorer Stimme der Qerichtspräsidenl, 
„untejrstüJzen Sie meine Bemühungen* Vtelleicht be- 
wegen Sie Frau Lindenschlag, an deren Unschuld ich 
ebenso fcat wie Sic glaube, dazu, der vermaledeiten 
Probe beiz uw oft nen. Ich warte noch einige Minuten 
im Verhandlungssaale/' 

Kaum hatte er das Zi Dimer verlassen, als Dr Karl 
tianimer, der beliebte Verteidiger, sich auf die Klientin 
stürzte und ihr, in fast sinnloser Erregung, leise zu- 
rief; „Thereschen, mein süßes Thereschen, geh docii 
in den Saal hinein, vielleicht irrt sich dieser greuliche 
Dr. Sdilag^hammer, und du bist gerettet Auf jeden 
FaH bleibe bei deiner Aussage. Gott, was ist das für 
ein heißer Tagf Wenn meine Frau die Wahrheit er- 
fahren soUte, so bin ich verloren. O, dieser elende 
Doktor mit seiner hoHischen biologischen Reaktion. 
Und du ha^t behauptet, er wäre dein Freund und 
wüixlc dif nicht schaden '* 

„Er ist ein gemeiner Bursche/* zischte die Junge 
Frau, „er ist an altem schuld, ich werde mich rächen, 
ich werde diesem Heuchler die Larve vom Gesteht 
herunterreißen; er aliein ist an meinem Unglücke 
schuld" Plötzlich erhob sie sich mit einem ener- 
gischen Ruck, wischte ihre Tranen mit einem seidenen 
Taschentuche ab und Iie3 sich vom Verteidiger, der 
ihr galmt den Arm gereicht hatte, in den Oerichts- 
saal führen. Freilich vor der Tür hatte Herr [>r. 
Hajnmer den Arm ausgelassen, aber nur, um die Tür 
leichter öffnen zu können, — 

Feierliche Stille herrschte im Saale, als Dr. Schlag- 



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— 22 - 

Iiamtner mit seiner Nadel den Tn<!fgen nanmeTi des 
noch immer friedlich schlummernden Kindes anstach. 
So lejdit hatte er diesen Stich geführt, da6 das Ktnd 
ruhig veiterschiief und nur ein leises Zucken des 
Körperchens den vargenommenen Eingriff begleitete. 

Jetzt tauchte er seine Nadel in das bereitstehende 
Serum. 

Dasselbe blieb klar. Eisiges Schweiger herrschte 
im weiten SaaL Die Geschworenen und der Gerichts- 
präsident, der Verleidiger, die Zuhörer und selbst 
Dr. Schlaghamtner, waren blaß g:e worden und starr- 
ten mit großen, wettgeöffneten Augen auf die kleine 
Phiole. Da — siehe da — mit einem Male senkte 
sich ein kleines Körnchen zu Boden, dann kam noch 
ein zweites, dann ihrer mehrere und in einigen Seknn' 
den war die ganze Phiole getrübt 

Brausender B elf all, nicht enden wollendes Hände- 
klatschen ertönten durch den Saal. Alle Bande der 
Ordnung schienen gelost. Der Verteidiger stürzte sicH 
auf die junge Frau und kijßte ihr unter Tränen galant 
die Mand, der Mann bat sie stammelnd um Ver2eitiung 
und ii:m;5rrnte sie unter neuerlichem Beifallsklatschen 
des Auditon ums. 

Nach einigen Minuten waren alle Förmlichkeiten 
vorüber und die Angeklagte wurde freigesprochen. 

Die heftige Aufregung, die unverhoffte Freude, das 
Durcheinander von Angiit, Koffen, Sthmcrz und Ver- 
zweiflung lösten aufs neue bei Frau Therese einen 
heftigen Weinlcrampf au«, 

Dr. Schlaghammcr ließ es sich nicht nehmen, seine 
Klientin nach Hause zu begleiten. Kaum war der 
Wagen auf der Straße, als er ihre Hand ergriff und 
ihr zuflüsterte: ,}WaK, das hab^ ich doch glänzend 
gemacht? Weißt du, wie nur dein Alter hineingefalleti 
ist? Ich habe 2u gleicher Zdt bei mir zu Mause da 



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— 23 — 

Kaninchen mit meine ttt Blute behan<Idt und Uann in 
geschiclder Weise vor der Verhandlung mein Senim 
mit dem deines Alten vertauscht . . /' 

Abo er ist der Väter — dachte Frau Thcreae. 
Sie sprach icein 'W'^cirt. — Ein warmer Händedruck 
war ihre Antwort. Der Weinkrampf war vorüber. 
Mit heiterer Miene, in der außer freudigner Aner- 
kennung: Ä^cf* *^in '^l"" wenig Enttäuschung zu lesen 
war, betrachtete sie sinnend den Vater ihres Kindes, 
Diesmal glaubte sie an die Wissenschafl und insbeson- 
dere a^n den Wert der biologischen Reaktion. 



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Unbeabsichtigte Wirkungen. 

,j Vater, es läutet schon wieder!" schrien die Kin- 
der, cb der unerwarteten Stöiting^ sehr erfreut, im 
Chore durcheinajider. 

„DaB stc alle nur der Teufel ..." brummte Gym- 
nasiaSdirektor Müller, den Fluch zur Hälfte unter- 
drücltend. „Kann man denn heute gar nkht zur Ruhe 
kommen? Ich habe noch SO Hefte zu korrigieren 
und muß mit mdnert Jung;eriis noch die Aufgaben für 
morgen korrepetieren!" 

Die altes (e Tocfiter^ eine hfibscKp, horJigMvathsetie 
Blondine^ stutzte atemlos ins Zimmer: „Papa, ein 
sehr feiner Herr ist da, er muß <]ich dringend sprechen." 

„Wie sieht er denn aus?" 

jjEia after, seht beleibter Hetr mit einer goldenen 
Brille," 

„Wahrscheinlich wkder so ein Vater irgendeines 
zuchtlosen Rackers. Sage, hier kann ich keine Aus- 
künfte geben, Oder nein, warte Heber, ich will selbal 
mit ihm sprechen," 

Der Direktor trat ins halbfinstere Vorzimmer hin- 
aus, woselbst er einen kleinen, dicken Herrn mit einer 
Tasche in der H;ind lrti(, dtr äicii verbeugte; „Er- 
lauben, daß ich mich vorstelle — Ur Xaver Kolben- 
schlag ist mein Name. Ich wurde soeben telephoni«!ch 
dringend in Ihre Wohnung gebeten. Sie sind doch 
Herr Direktor Müller?" 

„In meine Wohnung? Was wollen Sie denn hier?" 



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— 35 - 

„Ja um Himnicls willeiij ver^tehtn S^c mich* denn 
nicht?" stohnk der etwas, asthmatische Arzt, der in- 
folge der \ier Treppfii, die er haffe etstetgen müsFten^ 
den Atem verloren hatte. „Versteh tn Sic mich dctin 
nicht? Ich bin Arzt, praktischer Arzt, haben Sie denn 
noch nie meinen Namen gehört?" 

„Eia Arzt?! Wir siad alle vollkommeti gesund! 
Jdi habe keinen Anct boten Ussen , * > (In die Küclie 
hinausscltrelend) . . . Emma, hast du einen Ant holen 
iasaen?" 

Eine hag'crc, dijtrc Gestalt erischicn fdr einige Sekun- 
den und murmelte einige ve schüchterte^ \rerneinende 
VK^orie. 

„Sie sehen, lieber Herr Doktor, es ist ein Irriunr. 
Hier wohnt die Gesund he 11, weder ich noch oieine 
Kinder haben seit Jahren einen Arzt gebraucht und so 
Gott will werden wir so bald auch keinen brauchen,'* 

Der Arzt schüttelte den Kopf, „Sollte ich mich 
geirrt haben? JedeniaEls bitte ich um Verzeihung» 
daß ich gestört habe . . " 

Es dauerte keine Viertelstunde, als ein zweiter Arzt 
erschien, der ebenfalb behauptete,, hierher gerureii 
worden zu sein und dringend eine Entschädigung 
für den weiten Weg verlangte. Er kenne schon diese 
Sachen und werde sich nicht so mir nichts dir nichts 
abspeisen lassen. Mittlerweile habe der Kranke wahr- 
scheinlich die Schmerzen verloren und nun wolle man 
da£ einfach ableugnen, um sich das Honorar für die 
Visite EU ersparen. Mit Mühe ließ er sich überitugen, 
dad dem nicht so war. Aber während er die Stiegen 
hinunterging, suh er seinen Konkurrenten, den er icn 
Arzte klub Dr. Preisdrüciter nannte, in aller Eile hin- 
aufklettern, Selbstverständlich sagte er ihm kein Wort 
und dachte: Du kantet ja auch mal hineinfallen. Unten 
ingelaiigt, öberkatn ihn eine fürchterliche Ahnung; 



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" 26 ^ 

„Wie, wenn beim Direktor wirlilich ein Kranker da 
wäre, und er es sich nur Überlegt häUe und mittler- 
weile den Or, Preisdrucker statt seiner haböi wollte. 
Atemlos eilte er die vier Stockwerke wieder hinauf. 
Einen Vorwand für sein tietjes Eindringen wollte er 
schon finden. Er hätte ja etwas vergessen können. 
O, Hr. Kratzfl lieft sieh nieht so leicht hiniprs Lieht 
fCihreii, IiK Voreimmer des Direktor? angelang^t, traf 
er seinen Kollegen In erregte m Streit mit dem ganz 
aus dem Häuschen geratenen Direktor. 

ipWas wollen Sie wieder?'' schrie dieser hlaB vor 
Zorn, deiu sdiücliterii ein tretend tu Dt. KraUel an, 

,Jch — ich," erwiderte dieser erschreckt, „ich weiÖ 
nicht, nb ich meinen Schirm nijtg;ehabt habe und ob 
ich ihn hier oder bei einer der früheren sechzehn 
Visiten vergessen habe." 

Dr Prei^d rücker, vulg^o Mätzchen, warf seinem Riva- 
len cin«n giftigen Blick zu. „Renommieren Sie nicht! 
Sie kommen doch direltt aus dem Haffeeliauäc t Mir 
werden Sie doch diese äactien nicht vormacheiL Seclt- 
zehn Visiten?!'' 

Ein erregter Streif entstand» Müller atand ratlos 
zwischen den beiden Kämpfern, die sich bald in die 
Haare zu greraten drohten. Der Lärm wurde noch ver- 
stärkt, indem die awei jüngsten Knaben Müllers, in 
der McJnung^, es handle sich um einen Kampf ^wisdien 
Russen und Japanern, mit Trommeln und Trompeten 
zu der Feldarmef de-.r Strc^itenden ^tieften. Auch die 
liebliche, nicht nur alle Sorgen, sondern auch alle 
g^uten Geisler verscheuchende Erscheinung der Frau 
Direktor und die Magd erschienen in dem kleinen 
Räume, in dessen Dunkel sich die einzelnen Qestallen 
phantastisch vergrößerten. 

tndlich löste sich der wirre Knoten. 

Mit einem tiefen Seufzer be^ab sich Müller an 



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-^ 27 — 

»einen Schreibtisch, um die «rsten Hefte Endtich lu 
Erde zu korrJE^ierea Nervös, änfirstlich, iörmlich wie 
hypnotisiert^ horchte er auf die Tiirg locke; er war 
nicht imstandt, einen Gedanken zu fassen. 

„Kling-ling'iing" ertönte es wieder. Die gesamte 
Kinderschar erhob ein fanatisches Krtegfsgeheul und 
stürzte $jch johlend in das Vorzimmer, woselbst in 
dncn PeljcruLk gehüllt, mit ewig; jovjalein Lädieln 
Sanitätsrat Rater alle Miene machte, sich ein nE^ues 
Hä«s zu erobern. Wer beschreibt sein erstauntes Ge- 
sicht, als ihm sechs schreiende Kinder mit Sacktüchern 
wehend entge^ren liefen und sehnen: „Hinaus! Hinaus! 
Wir brauchen keinen DoMor rieht!" (Auch Direktors- 
kinder sÜTidigen in großen Momenten gegen die heili- 
gen Regeln der Grammatik.) 

HoheitsvoU schritt er durch die halbgeöffnete Tür 
an Hrr kläffenden Mente voriiber auf den S4:hreib- 
tjsch zu, an dem der Direktor in lähmender Resignation, 
unfähig noch ein Wort zu sprechen, dem Ankömm- 
ling entgeg^en starrte. Sanitätsrat Rater war ein Mann 
von raschen Di^nosen. Mit elegantem Griff erfaßte 
er die Rechte des alles gewälirendeii Direktors und 
sagte; „Kongestion gegen das üehirn — Schwindet — 
Schlaggefahr! Sie müssen sofort einen Adertaß er- 
halten/' 

„Hinaus!'^ brüllte Direktor Müller, von seinen Kin- 
dern kräftig sekundiert, die um den erstaunten Sani- 
tätsrat einen wilden Kriegstani aufführten. „Ich habe 
keinen Doktor verlangt, ich werde keinen verlangen! 
Scheren Sie sich zum Teufel/' 

SanitJt<;rat Rat**r sagte ir gemessenem Tone: „So 
cinffich geht das nieht, lieber IDirektcr! Ich bin tele- 
phonisch hierher gerufen worden, habe mir Ihret- 
wegen einen Wagen genommen; den müssen Sie mir 
ersetzen." 



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— 28 — 

„Hinaus, sage IdiV* briillte der Dircttor mit so 
kräftigter stimme, daU der Sanitälsrat es für geraten 
iaad, eiligst dte Flucht zu ergreifen und etwas von 
Rechtsschutz erst vor sich hinntarmelte, als er bereits 
aus dem gefährlichen Bereiche der ärztefeindlichen 
Familie verechwunden war 

^jBerta!^' schrie der Direktor die schon erwähnte 
älteste Tochter an, „das hat gewiB mein Erzfeind» 
der Supplenl Riedl getan! Aus Zorn, daß er auch 
jetzt nodh nicht definitiv wurde uad ich dte Direktor- 
stdU erhalten habe, O, dieser Mensch soll es mir 
büßen! Vorläufig schreibe sofort eine Tafel; ,Hier 
in dieser Wohnung wurde heute kein Doktor verlangt 
Ärztliche Hilfe strengstens verbeten I Ferner wird dar- 
auf aufmerksam gemacht, daß sich im Vorzimmer 
mehrere tnaui korblose, bissigfe Köter befinden. Bitte» 
nicht einzutreten!* — Kinder, wenn jemand läutet, so 
geht ins Vorzimmer iind bellt aus Leibeskräfttti." 

Die Kmder waren über diesen Vorschlag derart 
begeistert, daß sie sofort ein sehr natürlich klin^en- 
gendes Probegebell anstimmten, das Herrn Direktor 
MülJc^r aufs beste bcrfricdigte. 

Unheimhch ruhige fünf Minuten voll erwartungs- 
vollen Schweigens vergehen. Die Kinder blicken ein- 
ander gespannt an, als plötzlich die ominöse Glucke 
zu läuten beginnt, diesmal Icräftiger als je vorher. 

^jGIingeriügingfingia!" Wie auf ein Kommando 
störEte die Kinderschar ins Vorzimmer und bellte» bald 
hoch, bald tief ein ohrenbetäubendes tlundekonzert. 
Der vemieintlkhe Doktor jedoch läßt sich nicht ab- 
weisen; ein zweitem und drittes m^I ertönt der schrille 
Klang der Glocke. „Qlingeringiiigingin" — und jebtt 
dröhnen sogar energische Stockschläge. Direktor 
Muller will ein Exempef statuieren. Hochrot, auf der 



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— 29 — 

Sfim die Zornesader mächUg angeschwollen, die liaare 
borst ejigleich zum CelechJe erhoben, stürit er auf die 
Tür zu, durch die ein kleines, mageres Männchen ein- 
tritt, das von sdnen kräftigen Täu^ien sofort unter 
assistierendem Oeheule der entfesselten Kinderschar 
an die Tür zu riickbe fördert wird. 

Da geht plötzlich mit dem Direktor eine merk- 
würdige Verwandlung vor, „Um Himrnels willen, der 
Herr Landesschiilinspektor!'* stamtnelte er zu Tode 
erschrocken und nicht verabsäumend, durch einen mit 
dem rechten Fuße nach hinten ausgeführten Stoß die 
rebelltsdie Kinderschar, zur Ruhe zu mahnen. Dieser 
Stoß hatte zur Folge, daß sein kleines Töchterchen 
Emma, in den Gauch getroffen» ein fürchlerliches Ge- 
heul erhob, das die besagte liebenswürdige Gestalt 
der Mutter und des Dienstboten in das Vorzimmer 
hin ausrief. 

Der Landesschulinspektor wtirde mit tiefen Bück- 
lingen ins Zimniier geführt, woselbst er tlerm Direk- 
tor Miiller seine GrattiUtion aussprach und sich na^h 
der Ursache des sonderbaren Empfanges erkundigte. 

Als er den gaiuen Sachverhalt gehört hatte, lachte 
er hell auf und meinte, wenn der Scher? nicht so 
grausam wärCj so könnte er fast gut sein; dem Supplen- 
ten Riedl wäre et jeden falts Euzutrsuen. Er empfahl 
sich nach einigen Minuten vom Direktor, der infolge 
des übersfan denen Schreckens, am ganzen Körper zit- 
temdj plötzlich van Übelkeiten hefallen wurde, die 
sith fast zur Ohnmacht steigerten. Ungeheurer 
Schrecken herrschte im Hause, die Mutter rief nach 
Essig, die Magd eilte 2um Hausbesorger «nd nur 
Bcrta, das hübsche Töchterchen, hatte soviel Fassung, 
ihr nachzumfenj sie möge rasch den nüchsien Arzt 
holen. 

Langsam erholt« sich' der Direktor, seine Farbe 



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— 30 — 

kehrte wieder, als endlich der Dtenstbote selbstzuf nei- 
den eintrat: ,,Kotnmtc schon, der iunge, schone Dok- 
tor von Sechs erhaUiS. Hab' ich gesagt, solle gteicEi 
kurnmeii, ise tltrrr Direktor aclu kroiik. llal er g'^^gi, 
fcoramte gleich,'* 

PlÖt^rlich fuhr ^erta auf: .^Richtig, der unglÜck- 
sclLg;c Zettel." Rasch dltc sk zur Tür und kam nocK 
eben 2ti recht, um deti entrfistet fortgehenden jungen 
Arzt ins Zimmer m bitten. Mit wenigen Worten wurde 
das MiQverständniG aufgeklärt. Doktcr Wolkenturtn 
bei uiiigte die erregte raiiiilie und erklärte, im Inttr* 
esse des Kranken noch eine Weile bd ihm bleiben 
7u wallen, his das Herr. — es handelte sich tim einen 
Anfall von Herzschwäche — sich völlig^ erholi hätte. 
Diese Worte richtete er mehr an das Fräulein Berta, 
das er sehon $eit längerer Zeit von der Straße her 
kannte, als an die Frau Direktor Müller erholte sich 
bald und bat den jungen, sympatischea Arzt wieder- 
zukommen. Nactt einer Woche jedoch erhielt der 
Supplent Riedl einen Brief, der folgend emiaBen 
lautete : 

,jLieber Herr Kollege! 
Ich danke Ihnen fijr Ihren genialen Plan, der 
vollends geglückt ist. Nur Ihrer liebenswürdigen Inter- 
vention habe ich es zu verdanken, daß meine Tochter 
Berta sich heule mit Herrn Doktor Wolken türm ver- 
lübl hat, wovon ich Sic liiemit g:e2ieniend benach- 
richtige Müller, Direktor. 



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Arzte als Patienten, 

Wenn ich UöterricMsmintster wäre und dei Lehr- 
plan der medizinischen Fakultät nach meinem Out^ 
düt;ken andern könnte, ich würde eine Unzahl von 
überflüssigen^ theoretischen Erörterungen, ehen 
Ballast veralteter Anschauungen, einen trüben WuBt 
unnötiger, komplizierter chemisi.'her Furmeln über üea 
Haufen werfen und eine neue Disziplin hinzufügen r 
Die Krank enps/chologie, Freilirh warf es Rchwer, für 
eine solche Diziplin die cnlsprechenden Professoren 
zu finden. Und so läclierUch es klingen mag, Ich 
würde es für das beste hatten, einen solchen Lehr- 
stuhl mit altetli vernünftigen und vielgeprüften Kran- 
ben iu beselicn. Nur der Kranke kann alle jene 
feinen Zusammenfiänge zwischen ps>chi sehen tmo- 
tionen und physischen Aherationen enthüllen, nur der 
Kranke könnte uns verstehen lernen, wie seine Welt 
beschaffen ist. Wir Gesunden urteilen ühei alle Dinge 
anders, wir sehen alles in anderem Lichte, wir emp- 
finden alles anders. Und da sollen wir einen Menschen 
begreif eti, der die Welt von dem Standpunkte eines 
Kranken aus betrachtet? Vischer hat in geistreicher 
Weise in seinem Romane „Auch Einer" klargelegt, 
wie schon ein gewöhnlicher Schnupfen auf das Den- 
ken und Handeln eines Menschen Einfluß nehtnen 
kann! Wieviel größer müssen erst die Veränderungen 
bei tiefer eingreifenden Krankheiten ^ein! 



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— 32 — 

Tabichlich wissen wir heute, daß es Krankheiten 
gibt, die das Hirn und die Nerven intakt lassen ttnd 
die doch auf dJe Psyche des Kranken einen gewaltigen 
Eindruck machen, sie verändern, sie umgestalten, de 
vollkoititnen beherrschen. Speziell über die Seelen- 
KtininiLtigeti der Tuljerkulü^tn, übt^r ihre Laune, über 
ihre utimoti vierte Lebensfreude, über ihren ung'estiinien 
Drang zur Fortpflanzung «nci IJehesfat«! sind Bände 
geschrieben worden. Und doch ist dies erst der Att- 
tang einer neuen Wissensdiaft. Viele Menschen, viele 
große Genies und ihre Werke werden wir erst besser 
begreifet!) kÖTinen, wenn wir die einzelnen psychischen 
Qualitäten ihrer Krankheiten vor und nach Abfassuiig; 
ihrer Werke mit in Betracht ziehen werden. 

Die kindische Foidernng, ÄrTte sollten alle Krank- 
heiten, die sie behandeln, selber durchg-cmacht haben, 
hat im Orunde genommen einen tiefen Sinn. Freilich 
müßte der Arzt das Alter Methusalems oder Ahasvens 
erreichen und ein zweiter ^, Fliegender Holländer'* 
müßte er sich In jede Krankheit stürzen, um unversehrt 
unil unbeschädigt den Kampf mit einer neuen auf- 
nehmen zu können und wunde nach diesem entsetz- 
lichen Kampfe von tausenden Jahren gerade erst am 
Anfang der Erkenntnis stehen, sc ungeheuer ist die 
Zahl der verschiedenen Krankheiten, die mit ihren 
mögliehe Fl Variationen und Kombinationen eine unt>e- 
rechenbare, link omni ensurable Größe cncidit. 

So ist es uns Anten nur vergönnt, oder richtiger 
flusgedfückt, glücklicherweise nur beschieden, hie und 
da als si^enes Zentrum die Gedankenwelt eines Kran- 
ken beobachten zu könnenj sich als Patient zu fühlen^ 
einen Arzt kritisch beurteilen zu müssen und dergleichen 
Dinge mehr. Eine alte Erfahrung besagt, däB Ärzte 
die schlimmsten Patienten sind und dies wird jedem 
begreiflich^ der sich in die Seele eines ^olcheti Arzte« 



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— 33 — 

hineindenkt Das glänze Buch des Wissens liegt vor 
ihm aufgeschlagen. Er sietit alle die schrecklichen 
Möglichkeiieii, die ungünstigen Ausg'äiig'e seiner Ef- 
kramküng, die der Arzt dem Laier wohlweislich ver- 
schweigt. Sein Wissen muß er teuer bezahlen; alle 
ecine Wissenschaft wendet &idi gegen ihn, wird zu 
seinem Quälgeist, zu seiner großen Ptfi nigerin, £u seiner 
ewigen Sor^e. Denn es gibt eigentlich keine Krank- 
heit, selbst die scheinbar harmloseste^ die nicht hte 
und da einmal die schlim^msten Komplikationen heriiei- 
f Uhren könnte, wie es anderersett£ auirh kein Leiden 
gibt, das nicht die Möglichkeit einer Heilung gewährt. 
Ärzte als Patienten können nicht mit den süßen Wor- 
ten trügeri^üier Lügen, mit ewigen Verheifluiigen auf 
künftig^e bessere Tage beruhigt werdeti. Hie und da 
mag es einem auSerordentiich beredten Arzt durch 
fcitiC5 diplottiatischcs Vorgehen gelingen, seinen Kol- 
legen über den Ernst der Situation tu nwcgzutäu sehen. 
]n der Mehrzahl der Fälle geht der kranke Arzt schein- 
bar auf die Tröstungen ein und sagt sich heititlich: 
„Mir kannst du niclds votniadien^ KoUega. Ich kenne 
diese Kniffe und Mätzchen zu genau, ich habe sie 
selber zu oft in gleichem Falle aiigp«fendet." 

Verflossenen Winter hatte ich Gelegenheit, mich 
zweimal selber als Patient zu fühlen. Immer gesund 
und kräftig, abgehärtet, jeder Verkühlung und jeder 
Infektion spottend, hatte mich eine scheinbar unbe- 
deutende Krankheii: aufs Krankeidager geworfeji und 
mich monatelang meinem Bemfe entzogen. Und ich 
k^Tin sagicrij d^R ich in dieser Zeit das beste gelernt 
habe, was ich für meinen Btruf benötige, nämlich 
das Verständnis für gewisse Eigentümlichkeiten und 
Unarten des Kranken seinem Arzte gegenüber Ich 
hatte verstehen gelernt, daß alle Kranken den Ant 
in tweifadiet Weise beurteilen. Als den Freund und 



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— 34 — 

Retter ans der schweren Not und anderseits als den 
hetmljdien Schädigfer unseres Wohlstandes und unserer 
Gesundheit, der tins nicht versteht, der uns 3wiiigt, 
lädgri im Bette zu bleiben, als es nötig ist, der uns 
schon längst hätte gesund machen körnen, wenn er 
nach anderen Prinzipien vorgegangen wäre. Diesen 
Seelenk am pf zwischen Liebe und Verehrung einerseits 
und HaS und Vcrathtung anderseits müssen alle Kran* 
ken, die einen mehr, die anderen wenjj^er durchkämpfen 
und ihr Bemehmen dem Ar^te gegenüber ist nur die 
Resultierende aus all dea verschiedenen widersprechen- 
den Oefüfilskomponenten. Nur jener Arzt Wird seine 
Kranken verstehen, beherrschen und heilen können, 
der diese Resultierende in die verschiedenen Kotit- 
ponenten zerlegen kann, der durch gewisse kleine 
AuBeruagen, durch kleine Kunstgriffe die unheimliche 
schädliche Gedankenarbeit der meistens unbewußten, 
feindlichen Gefühle zu unterdrücken versteht. 

Gelingt dies einem Laien gegeniiber in nicht allza 
leichter Weise, so ist dieser Vorgang einem Aizte 
gfegenüber noch unendüch schwerer. Unsere Medizin 
hat eint; derartige Ausgestaltung erfahren, daß fast 
jede Krankheit eine grohe, verschiedene Anzahl der 
Heilmitiel und Heilrnethoden bwiti^. Alle diese Heil- 
methoden utid Heilmtitel haben ihre Vorzüge und Nach- 
teile. Nimrnt nun der kranke Ar^t irgendein Alediica- 
ment, so suggeriert er sich häufig nach kurzer Zeit 
irgendeine schädliche Nebenwirkung; aindererssits l&t 
er ungeduldig und weim die erwaitete Wirkung iiidit 
eingetreten ist, verlang! er stürmisch nach einem 
anderen Medikamente, probiert allerlei, nimmt ver- 
schiedenes hinter dem Rücken meines behandelnden 
Arztes, kurz, er zeigt alle Jene Unarten und Launen, 
die er an seinen eigenen Kranken so schwer ge- 
tadelt hat 



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— 35 — 

Unverg'eßGcli wird es mir btetben, wie ieh dnmal 
Gelegenheit hatte, einen großen Chirurgen, der täg- 
lich mit sei nein Messer walire Wundertaten verriditete, 
in einer kleinen Krankhett zu beobachten, die ihm 
viele Seh merzen verursachle, quä[ende,bohrende Schmer- 
zen, weiche durch einen (deinen Schnitt sofort hätten 
gelindert werden können. Drei Tage und drei Nächte^ 
drei schlaflose Unge Mächte quälte sich nun dieser 
Mann, der die größten Operationen mit eisiger Ruhe 
ausriiliren konnte, bis er endlich zähneklappernd, 
leichenfahl, vor Angfst fast verirrt, unter dem Ein- 
druck wirtcT^trfbendster Gefühle sich in einetn pjoh- 
Jiehen Entschlüsse den kleinen Schnitt in ungeschick- 
tester Weise beibrachte, dabei fürchterlich aufschrie 
und kurz darauf, vom Schmerze befreit, vor Freude 
fast zu weinen anfing, Ungeheures Aufsehen hat es 
vor duigeiL Jahren in ärd]i;:hen Krd^cn gemacht, als 
ein berühmter üaitensteinoperateur, der jeden üaüen- 
steinkraniceti sofort dem Messer auslieferte, die Oalfen- 
stcinc entfernte und diese Methode als die alkin rich- 
tige und logische bezeichnet hatte, als nun dieser Ge- 
lehrte plötzlich nach Karlsbad fuhr, weil er selber 
an der schmerzhaften Galieneteinkrankheit zu leiden 
begann. Freilich vcn»ü^;htc er sein Vürgdicii in jeder 
möglichen Weise des lächerlichen Beigeschmacks zu 
berauben. Aber eines hat sich auch liier klar ge- 
zeigt, daä der Arzt als Patient aufhört, hier wie ein 
Ar7t zu deaken, da6 sein Denken unter dem OnFlusse 
setner Krankheit steht und daß die Seele des Kranken 
nur von der Seele des Kranken verstanden werden kann. 

>ä/iedel Menüchen hatte ich Kaltwasserkuren ver- 
crdnet, wie lächerlich waren mir alle jene Leute er- 
üchienfn, die unttr einer kj^lten f>us,rhe anftüchrien und 
die kalten Prozeduren entweder widerstrebend oder 
mit verschiedenen Ausrufen Huuu-uu Uhuü-uu oder 

3* 



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— 36 — 

Eiie-cj-ei oder einem langigedehnteti I i i 

in höchsten Tönen über sich ergehen Jießen, Man 
Ucrhe niemals über gewisse Situationenj. in denen man 
skh sjclbcr noch nkht befunden hat. Das Lä^herLicht: 
Jst immer nur dis Unverstandene, ist die Projeklion 
unserer eigfpnen Psyche in eine fremde GeHanken- 
vclt. Und die Differenz dieser verschiedenen Welten 
löst dann jenen Vorgang aiis> den wtr das Gefühl 
des Lächerlichen nennen. Da sollte ich selber eine 
Kaltwasserkur durchmachen, und als eifdger Schwim- 
mer Liud Wasserpritäcliler schiai nur dies eine ange- 
nehme Abwechslung m sein. Nun hatte ich dabei 
so rneine eigenen Erlebnisse, Sich selbst zu wasctien, 
ht gewiß sehr angenehm; gewaschen zu werden 
ist geradezu entsetzlich. Da stellt ein baumlanger, 
riesenstarker Wärter vor dir und fährt dir mit einem 
kalten Tuche über Gesicht, Kopf und Nacken und du 
lernst jetzt deinen Jungen begreiftn, der beiEti Waschen 
hnner entsetzhch heult und sich gerne all ein waschen 
niöchtej was itmi jedoch der Ordnung halber strenge 
verboten wird. Dann steckt man dich in eine moderne 
eiserne Jungfrau, das Ist ein sogenannter Dampf- 
kästen, wo du wehrlos und förmlich gefesseh der 
Alarht der heißen Glühlampen oder brennenden 
Dämpfe ausgesetet bist Aus allen deinen Poren 
bricht Schweiß, ein Angstgefiihl, du könntest hier ver- 
brennen, der Badewärter könnte deiner vergessen, 
bemächtigt sich deiner armen Seele, die ia diesem 
Motnente nicht entscheiden kann, daß dieses Angst- 
gefühl nur durch eine leichte Erregung: des Herzers 
entstanden ist. Vor dir steht der treffliche Leiter der 
Wa^serliciUnstalt wie ein OroSinquisitor und weidet 
sich an deinen Qualen. Das heiltt, wissenschaftlich aus- 
gedrückt, er will beobachten, wie die Reaktion eintritt, 
da£ heißt die entsprechende Antwort der Hautgefäße 



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— 37 — 

auf die verschE« denen Wärme- und Kätterciic, Du 
schwitzt wie in der Köllel Endlich wird die Situation 
uncrträgrlich, du rufst nach Hilfe und win;t befrdt. 
Aber schon stünrcn gich zwei baumlange Kttle auf 
dicli und ünkr dcmVorwandj dkh abreiben ^uwol];;n, 
prüg^eln sie dich gehörig durch, watirscheinlich um 
dich für deine früheren OftfQhlslosigki^iien so [eben Ab- 
geriebenen gegenüber empfindlich zu strafen. 

Zum Schlüsse wirst du noch in ein kalles Bad ge- 
steckt, gerieben, übergössen, hin- und hergeschupft^ 
atigeeifert, selber zuzugreifen, daß dir Hören und 
Sehen vergeht Und unter dem Einfluß dieser ver- 
schiedenen Reize vergttit du deine langhe wahrte Würde 
und stofli das vielverachtpte „[J-hu-hti-hij-hu*hu-hu'* 
deiner Patienten selber aus. Heimlich denkst du dir, 
das ist Ja nichts als eine Marter im wissenschaftlichen 
Gewände und nimmst dir vor, nie mehr deinen edlen 
Körper solchen Barbareien auszusetzen. Aber siehe da, 
nachher durchströmt dich ein wohliges Gefühl der 
Wärme, deine Schmerzen tind trühen Gedanken ver- 
schwinden und pünktlich zu ^ng^es agier Stunde bist 
du am nächsten Tage wieder da und läBt die vom 
O roß Inquisitor anbefohlene Marter wieder über dich 
ergehen. Am dritten Tage bist du ihm sogar dankbar, 
weil du dich besser fühlst und .allmihllch dämmert 
in dir das Verständnis, daß du als Arat g;eradeso 
schlimm denkst wie die anderen Patienten^ dafl du nur 
nach der Erfolgen urteilst, dafi du nach einem an- 
fänglichen Mißerfolge sicherlich die Geduld verloren 
hättest und daß du auch nur ein ganz gewöhnlicher 
Mensch bist 

Und du lernst den Schredcensnif aller ntediTin^ 
sehet! Größen verstehen: „Gott bewahre uns vor Ärz- 
ten als Patienten l" 



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Die Zerstreuungskur. 

Das nenne ich ein verteufeltes Ptch! Gerade am 
Silvester muß ich über einen giatleiif schaeebedeckten 
Stein ausgfleiten und mir eine Sehtienzeirun^ zuziehen! 
Und ich habe heute noch so viel zu besorgen und a.b- 
zu laufen. Jeder Schriti ist so schmerzhaft, daß ich 
unwiJlkiJrlich hinken muß. Aber mir fällt eine Er- 
zihluag meines unvergeßlichen Lehrers Albert ein; 
er zwang einen mühsam humpelnden General dadurch 
zum Gehen, daß er seinen Wagen fortschicken heß, und 
heilte itin so auf rascheste Weise. 

Ich muß also gehen, g^ehen, gehen, wenn es auch 
schmerzt. Ich zwinge mich, energisch aufzntrt^tcn und 
militärisch auszuschreiten. Es geht nicht Der Schmerz 
\;vtrd immer heftiger; wenn ich eine Stiege steigen si?!!, 
ntuB ich bei jeder Shifc stehen hidben. Bücken ist 
mir absolut unmöglich, Eine schöne Bescherung! 

Ich traut? mich gar nichl^ in diesem Zustande nach 
Hause zu kommen. Was wird meine Frau sagen? Wird 
sie mir aucti glauben? Es i^t schon das zehntemal, 
daß mir gerade zu Silvester etwas passiert, Einrnal 
erkranke ich an so heftiger Migräne, daß wir aus der 
Itisiigsten Oe&eJ behalt fortmiis^cn, ein anderem Mal 
ziehe icfi mir einen akuten Luftröhre nkatarrli zu, das 
drittem eI muß ich bei einem Kranken wachen — uud 
&o fort in mannigfaltiger Abwechselung. Der Sil- 
vester ist für mich ein kritischer Tag erster Ordnung — 



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— 39 — 

und jedesmal verderbe ich einer g:&iiul!freiidigen Qe- 
Seilschaft die frohe Stiraniüng, Au weh! V3C/ie d^ 
bohrt und mßt^ wie üäs brejini und ä^chneUttf ab wenn 
eine glühende Nadel durch meinen Schenkelxierv ge- 
stoßen würde. Nun geht e$ absolut nichl weiter. Ich 
muß ins Bett g^chen. 

Eine Patientin sagt mir ironisch; „Sie als Ar7l 
werden sich schon zu helfen wissen. Ein Arzt darf 
überhaupt nicht krank sein." 

Ein Arzt darf nicht krank sein! Ein altc!^ Wuhj:- 
wort. Wir dürfen keinie Menschen sein, für uns soELen 
keine Bakterien, keine Verkiihhtngen, keine Sehnen- 
zerrungen existieren. Doch ein kleines Körnchen Wahr- 
heit lag trotzdem in den Worten meiner Patientin, 
Ich maß mir selber helfen. Was würde ich meinen 

Kranken in dieser Lage verordnen? 

Ich lasse alle Heilmittel und I lEihnetliodcu Revue 
passieren und zwei finden für diesen ^all Onade vor 
meinen Augen: W3f;«;prkur und Massage. Ich raffe 
mich auf und erklettere mit Mühe eine Elektrische. Bei 
der Rotenturmstraße steige ich aus, Die paar Schritte 
bis zum Eleischuiarkt sind mir mühseliger und schwerer 
als eine Bergpartie im Raxgebiete. Endlicht Endlich! 
Icli bin in der Anstalt — ich i( leide mich mit Ach 
und Weh aus und stelle midi tapfer unter die 
schottische Heische Heiner Wassfrrfampf dringt auf 
mic^, dazwischen prasseln cinig^c kalte facher^chläge. 
Dann kommt die Tortur der Massage, 

Ich beginne die Logik der Naturvölker zu be- 
greifen, die ein krankes Glied schlagen, um es f iir die 
erlittenen Schmerlen tu bestrafen, 5o durchzuckt nucli 
unter fürchterlichen Leiden ein unsagbares Wonne- 
gefiihf, wenn der Masseur auf die empfindlichen 
Stellen kommt, ,,Nur£u! Kneten! Streichen! DrCirken! 
Kräftiger!** Der Oesamtorganismus rächt sich an dem 



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— 40 — 

elenden Zeüenhaufen, der midt so pdnigl „Nur 
weiter!!'^ Der Massetir keucht, ich fühle, er ist müde, 
er kann nicht weiter 

O Wunder! Ich *tehe schmerzfrei aul, ich hüpfe 
durch die Anstalt wie ein Seiltänzer, der sich kokett 
und graziös nach allen Seiten hin vertrug L Schmerz- 
frei! Was sind alle Freuden dieser Welt gegen die 
eine Freude, Leid überwunden zu haben? Ich kleide 
mich an, ich bücke mich ohne Schmerzen. Hallelujah! 
auf zur Silvesterfetcrf 

Ich gebe dem Masseur ein für meine bürgerlichen 
Begriffe königliches Trinkgeltt Mein Gott — ich bin 
so glücklich^ daß ich aUer Welt ein Trinkg^eld g^eben 
künnle. Dem Türstehei, der mich vcrwunüerl onätelU, 
drücke ich datikesinni^ auch ein Trinkgeld in die Hand, 

Wie weise wären doch die alten Deutschen 1 Wie 
sagt ihr alter Sprudi? „Nimm das Geld, solange der 
Kranke noch Schmerzen hat; nach der Krankheit ist der 
Arzt in üblem Genich/* Kaum höre ich die Tür hirter 
mir ine Schloß fallen, so durchzuckt mich wieder der 
alte Schmerz. Es wird nur ein leiser Nachklang sein, 
tröste ich mich und will niir die Schmerzen psycfiisdi 
wefpuggfrieren. Fs hilft nichts. Radedifuer, deine 
Mühe und mein Trinkgeld waren vergebens! Es ist 
dieselbe Geschichte, wie vor der Kur Wütende 
Schmerzen, die mich zum Hinken zwingen; mühsam 
schleppe ich mich die Stufen zu meiner Wohnung 
hinauf. 

Meine Frau ist schon angekleidet Mein Schwatzes 
Staatskleid lie|rt ebenfalls in düsterer Ruhe vor- 
bereitet „Muß ich mich uitiitlcidcn?"^ fragte ich klein- 
laut, in der stillen Hoffnung^ mir diese jetzt so schmerz- 
volle Prozedur zu ersparen, 

„Du wiret doch nicht in diesen Kleideni in Gesell- 
sdiaft ^ehen woUen?'' 



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= 41 = 

Ich hldde mich resigniert um und meine stark 
verhüllten Schmenempf in düngten verraten meiner FraUp 
daß etwas bei mir nicht in Ordnung ist Ich gesteh« 
endlich, dab ich groEie ijclimerzeti Im Beine habe, i^ie 
sieht mich etwas ungfliubig; an und meint endlid^ 
gefaßt: ,Jch wußte es ja. Du hast halt deinen obligaten 
Sllvesterschraens, Bleiben wir also zu Hause," 

Ich verlieh ere darauf, daß es nur eine Kleinigkeit 
wäre, daß ich mich närri^di auf den Silvester ireue 
und dergleichen Ditige mehr. 

Endlich bin ich mit der Toilette fertige reiche 
meiner Trau den Arm und füitre sie mit festen 
Schritten zu den ,,Elf Scharfrichtern", wobei ich mir 
wie ein mnrfemer Mnciiis Scävola vorkoramp, der seine 
Hand ins Feuer steckt, ohne eine Miene zu verziehen. 
Der Wille vermag alles ... IcJi gehe weiter, ich 
plaudere und vermeide es, von meinem Schmerz zu 
reden, weil dz& bei meiner Frau immer ein mir sehr 
unangenehmes ironisches Lächeln des Unglaubens her- 
vornifL 

Endlich sitze icli anf meinem Pktze und schwöre 
es mir, mich jetzt einige Stunden aicht vom Hecke zu 
rühren. Damen erscheinen. Ich iquÖ aufstehen, Grüße 
wechseln, was mir sehr schwer fällt. Zum Überflüsse 
wird dit Sitzordnung {geändert, was mir nur mit 
großem Heroismus und unter Höllenqualen möglich ist, 

Da;S Spiel beginnt. Ich kann kaum hinhorchen. 
Dabei mißfällt mir die erste „Es^ekution'' gründlichst 
Das soll eine Satire sein? Das ht nichts als Porno- 
graphie in dramatischer Form. Meine Gedanken weilen 
bei meinen Schmerlen. Wenn ich nur wenigstens lachen 
könnte! 

Warum Udien denn alle diese Leute über „Het^rl 
den Cunferender^'? Icli blicke gelassen mit mttder 



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— 42 - 

Duldermiene auf das Publikum. Wenn nur alles schon 
aus wäre! Wenn ich schon daheim wäre und meine 
kranken Glieder im Bette weich und ruhig lagern 
kojitite! Wie laags^n die Zeil ventr eicht! — 

Ein sympathiscfaer Bafi beginnt ein üed von Otto 
Julius BJerbaum. Der paßt mir in meine Stimmung'! 
Als wenti die Welt aus lauter Rosenbusch, Maienfanz 
und Tanderadel bestehen würde. Lydk und Ischias, 
ein se[tsames Paar, die hat nur der selige F. Th, 
Visciier in seiner köstllcheii„lschiade''ziisanintenreimen 
können. 

Nein — diese schöae Stimme! Der Mann beginnt 
mich zu interessieren, ]ch werde warm. Bravo! ßravoJ 
Er muß noch ein Lied singen. 

Schon Ist ein anderer Scharfrichter auf der BtJhne 
und exekutiert das dramatische, ergreifende Erntelied 
von Richard Dehmel: „Mahle M&hle, mahle/' Das 
gebt mir durch Mark und Bein. Ich vergesse meinen 
Schmerz und springe erregt auf. Mit meiner Frau 
wechsle ich einen Blick stillen Einverständnisses, den 
ersten an dieseni Abend. 

Bewegung im Publikum. Der Star des Abends, 
die Delvard, erscheint. Erst mißfällt sie mir gründlich; 
bald aber hat sie mich besiegt und überwunden. Sie ist 
ja eine groBe Künstlerin! Ihr stajTes, unschönes Gesicht 
gewinnt beim Vortrage, wird lebhaft und mitunter hin- 
reißend sehen. Ich verstehe jetzt zum erstenmal das 
Wesen der Schönheit. Nicht das ewig Schone, 
sidi Gleichbleibende reizt uns Männer; kh begreife, 
da0 uns eine Schönheit so unanßfenehm werden kann, 
wie ein ewig blauer Himmel. Wenn jedoch ein häß- 
liches Gesicht sich plötzlich verklärt^ das muß über- 
wältigen und hinreißen, wie die Sonne, wenn sie aus 
dtisterem Gewölk plötzüch hervorbricht. Jn diesem 
Siung gibt es keine absolut häßlichen Menschen; 



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— 43 — 

SO erkläre ich mir die Macht mancher schei/ibar un- 
schönen Frauen. Ich beginne diesen OedAtiken aus^ 
zLisphitieii, ich vertielc tnich ia die Psycholügte der 
Schbnheitsempfmdung, ich verfechte meine Ajisicht vor 
tneineri Tischgen ossen, ich werde immer lebhaffer und 
erregter und habe — ganz meinen Schmerz vergessen. 

Da wir um die zweite Stunde aufstehen, merke 
ich mit Erstaunen, daß ich voll kämmen seh mejz frei bia 
Ich konnte jubeLn vor Freude und überra&che die große 
Gt^^dlsehdft durch dt^n unersuhüpflichen Born mtiint;;! 
schlechten Wüz^ und mdne überschäumende „Drahrer- 
stiinmdng". Ich habe gar kein Sfhlafbedfirfnis. 

Kaum einige Stunden kannte ich in der Nacht der 
Ruhe pflegen. Gegen meine sonstige Oewohnlieit emp- 
finde ich am näcteten Ta^e nichts von einem Katzen- 
jammer Jch fühle mich vollkortimen frisch und arbeite- 
fätiig^t schmerzfrei und glückädiif. 

Das „Drahn'' als Heilmittel! Nachträglich fällt 
mir eine noch ähnlichf^ Erfahrung ein. Ich soll in 
meiner Studentenzeit zu einem Bankette gehen, dort 
eine Rede halten und Gelegen hei tsverse deklamieren. 
Plötzlich fühle ich Fieberschauer und heftige Hals- 
schmerzen. Ein Blick in den Spiegel belehrt mich, daß 
Ich mictt in dein ersten Stadium ein^r verildblcn Iläls' 
entzürdung befinde. Was tun? Sollte ich meine 
Kollegen im Stiche lassen und ihnen d^n ganzen Abeid 
verderben. Ich ^entschließe mich hinzugehen und nur 
das Notwendigste zu leistei. Bald war jcti von der 
atlgeui einen Erregung fortgerissen. Ich halte meine 
Rede, spreche, singe ohne Unterbrechung — denn 
ich hatte das ehrenvolle Amt eines Sangwartes — 
und bald war die Malsentzüriduag' vei^essen. Ich war 
geheilt. 

Eine gefährliche Kur! Und ich mochte keinem 
rateiij sie mir nachzumachen; denn ich hätte mir 



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^ 44 — 

ebensogut eine unangenehme KomplikatiOTi holen 
können. Aber als einen beweisenden Fall für die 
Macht der ü title rhaLtcing; mochte ich dieses Erleb ais 
anführe Q. Freilich spieten noch andere Fabtoren mit. 
Die permanente fnanspruchnahtne dtr Stimme führt 
zu einer besseren EJurchblutung der Rache nmuskulatur 
Mit dem ßlute strömten die Schutizellen meines Orga- 
nismus in die kranken Gewebe. Wer möchte <ta ent- 
sdieiden, wieviel auf Reell nuag dei Psyche, der Zer- 
streuungskur zti schreiben ist? 

Jedenfalh ergibt sich aus solchen Erletmiasen die 
weise Mahnungj sich zeitweise aus dem ewigen Einer- 
lei herauszureißen. Das moderne Leben wird immer 
eintöniger, unsere Oefühlsskala immer kleiner, unsere 
Erlebnisse werden immer geringfügiger. Während die 
Zeitung unseren Geist in einer halben Stunde duiclj 
das bunte Welttheater führt, wir mit Asien, Afrika 
und Amerika die Sensation des Tages teilf'n, läuft 
unser Leben in ausgefahrenen Oel eisen müde und 
monoton seinen langweittgen Trott. Vielleicht drängen 
sich die Menschen deshalb zu grausigen Stöcken, blu- 
tigen Stierkämpfen und grellen Kunstwerken, weil sie, 
vom Reizliunger gepeinigt, der Langweile, dem ewig 
drohenden Qespenste unserer Zeit, enigehen wollen. 

Soll es nicht eine jener uralten Lögen sein, 
denen die Menschheit den gleißenden Mantel ewiger 
Wahrheiten umhängt, daß ein s(llles|, ruhig:es Leben 
alt werden lasse? Zeigt nicht die Erfahrungf, daß 
die nervösen Menschen mit ihren unzähligen Er- 
regungen am längsten leben? [st die Nervosität nicht 
seltter die Heaktion auf die Reizlosigkeit unseres Da- 
seins? Seht euch doch die jämmerlichen Menschen 
an, deren Leben jahraus jahrein nach der Uhr ver- 
läuft, die ihre OenüssE: und Luden program mäßig 
absolvieren und die nicht etnseben woUen, daß Ab- 



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— 45 — 

wcclislung^ das einzige VergnDgungsrtiiHcl alles 
Lebens t$lJ 

In einer g-emütlichen Gesellschaft wurde jüngst 
eriähli, ein Leutnant habe beim „Brad/", als das 
UcO^ „Ith reJ6' der Welt a tiax'n aus'' gesungen wurde, 
einem Tische ein Bein aus^ferissen. Unter tosendem 
Jubel der Korona trug er datin den Tisch mit einem 
Aim durch den Saal. Der übctmijtige Kraftmeier wurde 
gehörig verlacht: Wie kindisch! Wie töricht! Wie 
sinnlos! O, ihr klugen Philister t Wi Bt ihr denn, von 
welchen Energien dch ein gequältes Mensch enherz 
durch svldi eine Tat befreit hat? Vielleicht hat er 
mit diesem Kraftstücke seiner Seele einen spitzen Pfeil 
entrissen, der in einer brennenden Wunde steckte lind 
»ic nicht heilen ließ] Vielleicht . . . Doch woni die 
vielen Hypothesen? Die Dinge scheinen ihre tiefe 
psychische Beiechtigfungf zu haben. Man verg^esse au± 
nicht, daß der Einsatz ein hoher ist: Wir opfern kö&t- 
lidie Stuitdtj] de& uiucntbeitrlidien Sclilafcä, dti:s 
Regenerators unserer See'en- und Körperkräfte. Hat 
der Aderlaß nicht auch sHne große physin logische Be- 
rechtigung in vielen Fällen, und wir opfern unzählige 
Millionen roter Blutkörperchen? Von Zeit zu Zeit 
mag eine Änderung der Lebensweise, wenn auch nur 
für einen Tag oder für eine Nacht^ wie ein Aderlaß 
wirken. JVtan vergesse nicht, einen wichtigen Faktor 
mit in trwägung^ zu ziehen! Uas sinnlose Upfem der 
Stunden, das Bummeln von einem Vergnügung«; Inkal 
ins andere, blofi um die Zsii totzuschlagen, hat mit 
meiner Zerstreuungskur nichts zu. tun. 

Die Stimmung darf nicht fehlen, die Stunden 
müssen uns in einem Freude ntaumel verfließen, und 
wir müssen sie bangend entfliehen sehen und sie 
zurückhalten wollen. Sie müssen wert sein, in unserer 
Erinnerung aufzublühen und in düsteren S hin den 



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— 46 — 

cmcn rosig;en Schein zu verbrdlf:n. Audi das „Drahn" 
schetnt eine Kunst und kdti gewöhnliches Handwerk 
TU sein. 

„Das willst du drucken lassen?'^ sagte vorwurfs- 
voll meine Frau, welche die feuchten Blätter gespannt 
gelesen hatte. 

„Warum nicht?" 

„Uas geht nicht! Du gibst den Ehemännern einen 
neuen Vorwand, wie sie sirh im machen können. 
Wenn sie jet^t „Drahn" werden, so können sie den 
annen Frauen vormache nj es sei eine vom Arzte ver- 
ordnete j.Zerstreuungskuf". 

„Ah — so habe ich es nicht gemeint, jeder Ehe- 
mann muß die Kur in Gemeinschaft einer Trau durdi' 
machen/* 

Eine Zeitlang schwieg" meine immer sehr kritisch 
angelegte Gattin. Dann nahm sie eine Feder und setzte 
dem Wörtchei j^einer" ein ,jS" vor. 

Ich schwieg beschämt, denn sie hatte recht — wie 
immer. 



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Unter der Herrschaft der Imperative. 

Icli geniere mich, die Wahrheit zu gestehen: Ich 
bin ein Unglück lieh er Mensch. Und die ürüdche meint:!» 
Unglücks ist meine ffute Erziehunjjf. Das klingt komisch, 
ist aber leider die ernste Wirklichlceit. Meine gute 
Erziehung^ ist meine erbliche Belastung. Schon früh 
predigten mir meine Eller n> Tanten, Lehrer und Er- 
zieher Gehorsam als die schönste Tugend eines Kindes. 
Ich w^r unglaublich gehorsam. Ich glaube, wenn mir 
mein Vater befühlen hätte, tlas Ei des Ki>lu[nbub» Jtus- 
zubrütett, ich hätte es nach meine ti schwachen Kräften 
versucht, ich war ein Musterknabe, für den ein Befehl 
immer ein Befehl utid zugleich ein Wunsch war. Der 
„kategorische Imperativ" war der Leuchtturm meiner 
Jue:end, 

Leider ist die^e Ach tun g^ vor den Imperativen nicht 
mit der JugeniJ in Nichts zerflattert, ijundem mir fürs 
ganze Leben ^blieben. Bin ich eine Aitsnahtne? Oder 
ist tnein Schicksal ein typisches? ith g^laiih^, wir alle 
leiden unter den Imperativen. Der eine mehr, der 
andere went|^er. Mein Unglück ist es, daß ich mich 
unter Jenen befinde, die mehr leiden. O» was sind 
alle UntefdrücJtungeQ des Altertums, wae dte Tyrannia 
der Dtspoleii, Miuistcr, Pulimbeaiiiteji, 1 lausbe^orger 
Und Kritiker gegen die unerträgliche Schreckensherr- 
Schaft der Imperalive? Was wijrde ich nicht gehen, 
um mich vcn dieser vermaledeiten Suggcstibilität — 



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— 4S — 

SO nennen es ja die Gelehrten — befreien zu IfCöDitenl 

Man wird meinen Schmerz vpritphf'n, w^nn ich einige 
Eriebnisse aus meinem Leben zur belehrenden War- 
nung für alle Erzteh^ hier mitteile. 

Jahrzehntelang war ich der größte Sodawasser- 
tonsuRient der Welt Andere Menschen lasen ja auch 
ui dcji Teilungen die ^tebuide Farttiel ; ^,Tritikeu Sie 
^ur Erhaltung Ihrer üesundheit Sodawasser** 
Icfi stand unter der Herrsc^haft dieses Imperativs vol- 
len los^ seelenlos, ein Automat. Ich trank Sodawasser 
des Morgens, Ich trank Sodawasser des Mittags, ich 
trank Sodawasser bei Nacht Icti wurde kugehtind 
und aufgebläht, wie ein lenkbares Luftschilf mit einem 
Windmotor. Ich wäre sicherlich an diesem Imperativ 
zugrunde gegangen, wenn die H. T. Sodawasser- 
fabri kanten nic^ht müde gewoHen wären und den 
Imperativ nicht hätten verschwinden lassen. 

Einige Monate durfte ich mich meiner Freiheit 
freuen. Ich trank einfach» wonach ich Verlangen hatte. 
Die schöne Zeit sollte nicht lange dauern. Eines Tages 
kam ein Flugblatt in mein Haus, das eint Reihe der 
saftigsten Imperative enthielt. t5 war mir von einem 
Abstinenten zugeschickt worden. Aul der ersten Seite 
stand : Fort mit dem Alkohol aus dem deutschen 
Bur gerhause! Freilich kam ich bald darauf^ daß 
dieses Flug'blalt nur eine Reklame für den alkohol- 
freien Trank ,,Giftreitier Fruchtsaft Pomato'* darstellte. 
Was half mir meine Einsicht gegen diese fettgedruck- 
ten, unverschämten Imperative? „Sie müssen Po- 
tnato trinken, wenn Sie gesundes Blut haben 
wotten!" Welcher Mensch will kein gesundes Blut 
haben? Die Logik war ja für mich niederschmetternd. 
Ich beerann» „Pomato" zu trinken, und ich hätte es 
noch bis heute getnmken, wenn nicht eine große Reihe 
neuer Imperative den Bann gclüst halte. Ist das ein 



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— 49 — 

menschenwürdiger Zustand? Darf sich jeder wild- 
fremde Mettsdi unterstehen, mir etwss zu befehlen? 
Ich komme mir ja vor wie die armen Opfer, denen 
der Hypnctismus energisch zurufi: Schlafen Siel — 
und die sofort wie die Läxnmchen eiaschiafen. 

Oj, wie habe ich durch diese abscheulichen Impe- 
rative gelitten! Ich gehe ahnungslos durch die Straßen. 
Plötzlich fällt mir ein Rtesenplatat in die Augen: 

Waicn Sie schon beim Wotlkötiig^? 

Wenn Ihnen Ihre Gesundheit lieb ist — 

Gehen Sie zum WoSlkäDtg! 

Oehra Sic — und Si« werden ein 

netier Mensch 

sein! 

Verwechseln Sie nicht die Adresse I 

VI. Majiat)j]fe]-$tra£e 432. E, 

Nur El Nicht F. 

Ein anderer Mensch hätte sich gefragt; Was gebt 
mich der Wollkönig an? kh — Unglückseliger^ ich 
mußte midi sofort auf die Elektrische setzen. Dort 
wollte ich ein wenig ausspucken. Aber die Warnung: 
„Nicht ausspuckenf*' machte aus einem befreien- 
den, selbstverständlichen Akt einen entehrenden, ab- 
sorbierenden Vorgang, Vor dem WoHltänig befolge ich 
erst durch eine Viertelstunde den Imperativ: „Schuhe 
sorgfältig reinig en!'* und versorge mich dann für 
ein Menschenleben mit Jäger- Hemden, Jäger-Hosen, 
Wollstrümpfen, Wolle ibchcn, Pulswärmern^ in denen 
ich in der Hitze unsäglich leide. Ich glaube^ der WoU- 
köiiig selber kann nicht so viel transpirieren wie ich. 

Ein anderes Mal will ich am Feiertag mit der 
Stadtbahn einen Ausflug machen. Vor der Kasse er- 
schreckt itiich der Imperativ; „Kleingeld bereit 
halten!*' Ich habe gar kein KIHng^ld bei mir. Ich 
muß ins nächste Kaffeehaus, um es dorten zu wechseln. 

SeicDüt, Aikulip ils HarltUn, 4 



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— 50 — 

Unglücfcseligerweise nehme ich eine Zdtung in die 
Mand Auf der letzter Seite packt mich wieder ein 
umschriebener [mperativ: ^Wiexis schönster Aus- 
flug' ist das Gasthaus ,zur Mühnersteige*. (Seichs 
Minuten von der Stadtbahnhaltestelie,) Jeder Wiener 
sehe sich die ,Hühn erste ige* an." Obwohl meine 
Freunde in Hütteldorf auf mich warten, Fahre ich zur 
,,tiiihn ersteige", Natürlich ist sie eine halbe Stunde 
von der Station entfernt Ein heißer, slaubig^er, sonni- 
ger Weg. Und in der „Hühnersteig^e" bin ich vor- 
läufig einer der wenigen Gäste. 

Was habe ich nicht versucht» um mich von diesem 
Bann 211 beffeien! Ich habe mir ein Rundreisebillel 
um die Erde gcnomnicnr um dncn Ort zu finden, wo 
man lieinen Imperativ kennt. Da kam ich vom Regen 
in die Traufe, In Amerika bekam ich den imperativen 
Wahnsinn. Jedes MauB;, jede Droschken jeder Oienst- 
mann, jeder Gegensta^nd v^ar der Träger irgendeines 
Imperativs. Auf dem Zahnstocher wurde mir befohlen, 
„Jrthn Perkins Mundwasser" 7ri gphraurben und 
auf dem Teller stand: ^Verwenden Sie nur Egger- 
tons Zahnseife". Der Kellner gab mir die Reclinung 
mit einem Imperativ, der mich beauftragte, „Mister 
Dick Watter Kenfers artiseptische Kautablet- 
te it" z\i benüLzeu. — Kut.!:;, die Iiiipeiaüve kreuzten 
Sich in meinem Hirn und erzeugten den imperabvcn 
WahnE;inn, der in Amerika jttii zahllose Opfer fordern 
soll. Ich wurde schließlich durch eine tiefe Narkose 
geheilt und Jn einer finsteren Kabine — fern allen 
Imperativen — mit lenkbarem Lüftschiff nach dem 
Nordpol g-eschickt, DoH sollte ich einige Wochen 
in dem ersten fossilen Mammutsanatoriuin „zum Eis- 
bär" die modernste Polarluftkur durchmachen. Wer 
beschreibt meinen Schrecken^ als ich dort auf einem 
schier unzugänglichen Eisberg die furchtbare Sug- 



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— 51 — 

gestion erhielt: f,Wa sehen Sie Bich mit RabeU 

patcntierler EicrsciFe". Wo scFÜte ich am Nord- 
pot Rabeis patentierte Eierseife hernehmen? 

Ich weiß es gar nicht, wie ich nich Wien zurück- 
gekommen bin. 

Es war ein glück lieh er Zufall» der mir den Befehl 
zur Heimreise gab. Ich bekam ein Zeitungsblatt aus 
Wien in die Hand, in dem sich ein Aufruf befand, 
der mit den Worten begann: ,>Witnc:rt Die Ent- 
scheidungsstunde [st gekommen. Auf zur 
Urnel" 

ich fuhr sctinurstracks nach Hause. Natürlich war 
diese betreffende Wahl schon längst zu Ende ~ und 
wir hatten schon iniwischen die zehnte neue Wahl. 
Mein Gott! Was habe ich darunter gelitten? Alle 
Parteien schickten mir kategoriäctie Wahl imperative 
ins Maus. „Wählen Sie nur Merm X, wenn Ihnen 
das Wohl der Vaterstadt am Hetzen liegt.'^ Oder: 
„Wer für den Fortschritt ist, wähle Herrn V." Oder: 
„Sie sind ein freier Mann, Sie werden dem unab- 
händigen Kandidaten, Herrn Z, ihre Stimme geben!'* 
Und das nennen die jWenechen eine freie Wahl? 
Haben wir Oberhaupt noch einen Schimmer von per- 
sönlicher Freiheit, so lange die verdammten Imperative 
nicht aus der Welt geschafft werden? Können wir 
einen Entschluß fassen, ohne dad uns Imperative dazu 
nütigen? 

Ich nehme die Zeitung: in die Ha.nd. Der Kritiker 
behauptet, dieses oder jenes Stück müsse jedermann 
gesehen haben, der sich für einen gebildeten Menschen 
hält. Dies oder jenes Buch muß man gelesen haben. 
Diese oder jene Aus stet in nir muß man gesehen haben. 
Außer diesen offenen Imperativen gibt es noch eine 
Uncneiige versleekler Imperative, die nicht ausgcspro 
chen werden, weil sie sozusagen in der Luft liegen. 



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— 52 - 

Die Mode ist — um nur etn Beispiel zu nennen — 
so cij.1 allgeniein ancrkanntcc [mperativ. Daß man 
im Sommer aufs Land muQj ist ebenfalls ein geheimer 
Imperativ, unter dem sich arm und reich beugt. Daß 
Alan Sonntag;s ein Kaffeehaus aufsuchen muß, ist in 
Wien ebenfalls ein in der Lutt liegender Imperativ. 
Soü ich einen Verein gründe Rt zur Bekärnpfung der 
Imperative? Ja — wenn ich nicht wüßte, daB das 
Gründen eines Vereins nicht an und für sich fLtr den 
Deutscfien ein geheimer Imperativ istt 

Ich weiß nur ein MitleL Die jetzige Generation 
ist schon unrettbar verloren. Wir können nur für die 
Zukunft arbeiten. Wir verbannen den Imperativ aus 
der Grammatik und dem öffentlictien Leben. Was 
soH uns eine befehlende Form^ aus der doch immer 
eine leidende wird? Wir erzwingen ein Gesetz, das 
die Anwendung von Imperativen in PolltJic, Kunst^ 
Wissenschaft und Reklame,, was ja eigentlich auf ein 
und dasselbe hinausläuft^ verbietet. 

„Fort mit den Imperativen!^*" soll die Losung 
einer neuen Zeit sein. Aber — das wäre ja wieder 
ein Imperativ 1 Gibt es denn Itdn Entrinnen au5 diesem 
Zirkel? 

Oder muß ich leiden, bis der letzte gewaltige Impe- 
rativ, der Tod, sein Machtwort zuruft: „Ruhe sanft!" 



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Der Unierhaltungsabcnd, 

[dl war gerade eingeschlafen, als mich ein heftiges 
Klopfen an meiner Tür wectte. „Was ist denn loa?" 
rief ich schlaftruoken. «Herr Doktor sollen sofort zu 
einem Schwerkranken kommen, Ein tieir wartet 
draußen." 

krztc wid ] la.usbcsoTgtr müssen sldi gewöhnen^ 
nsdi die Welt des Traumes und die wohlige Wärme 
des Bettes verlassen zu können. Im Nu war ich völtigf 
munt<:r und in meinen KEcidcrn. 

Fm Vommmer stand ein sehr eleganter Herr in 
fiaEltoiiette. Er niurmeUe in großer Aufregung einige 
unverständliche Worte von einer gefährlichen Ver- 
giftung und trieb micH zur höchsten Eile m. Er fürchte 
für das Leben seiner Frau. 

6alü darauf st^nü ich in seinem Suhlafünitner. 
Ua lag ein junges, hellblondes Wesen, in Tränen 
aufgelöst, von Krämpfen geschiittelt, in einem him- 
melblauen Bette. Jetzt erfuhr tch erst den wahren 
Sachverhalt 

Die erzürnte GaiÜD hatte nach einem erregteti 
Streite ein halbes Flästhcfien ,,Kirschlorbeer mit Mor- 
phium" ausgetrunken. Dk übrig gebliebene Hälfte 
wurde mir xmgfjngi. Den Resit glaubte ich, dem 
intensiven Gerüche nach, auf der eleganten Seidcndcckc 
verschüttet zu seilen. Ein Griff nach dem Pulse und 



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^ 54 =- 

ein Blick nach den Pupillen überzeugte mich,, daß ich 
ee mit einer jener theatraJischen Vergiftun^s&zenen zu 
tun haUe, die dazu bestimmt sind^ das steinliatle l\eti. 
eines grausamen Gatten durch bittere K^uegefühle zu 
erweichen, Icli war bald mit meinen Anordnungen 
fertig und wollte gehen. 

Der zitternde Gatte bat midi um alles in der 
V7elt, ihn jetzt noch nicht zu verlassen und noch ein 
Stündchen dazubleiben. Vielleicht würden sich die 
schädlichen tollen der Verg^iftung erst nach einiger 
2eif einstel[en. Was <;ollte icti mactien? Nclen<; volens 
muQte ich bleiben, obwohl es gar nicht notwendig' 
war. Wir träte Ji In sein modernes Ratich zun mer, brann- 
ten uns Zigarren an und sprachen eine Zeitlang allerlei 
gleichgültige Dinge. 

Plötzlicfi begann er: „Sie werden sich einen schönen 
Begriff von unserer Ehe mathen. Wir sind erst sechs 
Monate verheiratet." 

„Und schon so weit . . . Allerdings nicht alltaglich,« 
„Das Schönste, geehrter Herr Doktor;; es geschah 
ohne jede Motivierung." 

„Sie müssen doch einen heftigen Streit durchge- 
fochten haben?*' 

„Das wohl. Aber die Veranlassung war direkt 
kleinlich, Ichrnnß Ihnen reinen Wein einschenken, Sie 
sollen unparteiisch urteilen können. Gestern Mittags 
sagte mir meine Frau plötzhcti: Ich habe es satt, meinen 
Karren im ausgefahrenen Oeldse der Hauswirtschait 
weiterzuziehen. Ich mochte mich gern einmal herzlich 
untt:rh alten. Gut, sage Ich, das trifft sich ja vonügUch. 
Ich bin gerade fiir heute m einem Unterhat tun gsabend 
eines Cieselligkpits verein es geUd**n werden. Ir Her 
Einladung ist auch von einem gewählten humonsti sehen 
Programm die Rede. Gehen wir hin. Meine Frau 



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— 55 - 

war ganz glückselig vor Vergnügen, bat mtchj ja nicht 
tu spät aus den] Bureau zü kommen, damit wir noch 
gute Plätze erobern könnten. Das tat ich auch und so 
saßen wir eine Stunde vor (jffizLtfllem Beginn der Vor- 
träge als die ersten im leeren Saale, ganz nahe beim 
Podium, Allmählich kamen versteh iedene Menschen i 
Studenten^ junge und alte iV^ädchen, Ehern, Ehrengäste 
und Mitwirkende. Es war ganz amüsant^ die vielen 
Menschen der Reifte nach ankommen zu sehen, und 
erhöhte die feierliche Spannung meiner Frau. Mau 
denke — unser eitler Abend uLÜcr dem liauäej 

Die Vorträge begannen natürlich eine Stunde später, 
als es die Programme vorhei]gesagt haben. Das scheint 
eine allgemeine Sitte aller UntcrhaUungsabcndc zu sein. 

Aber endlich hatten wir es doch erreicht j sie be- 
gannen. Eine sehr bissig: aussehende Pianistin in den 
besten Jahren wurde von einem Komiteemitgliede zum 
Klavier g^eFührt und kämpfte einen lieroisclien Kainpf 
mit einer Rhapsodie von üäzt. Für musikalische 
Menschen, die dieses Werk bei Ähnlichen GflPgenheiten 
wiederholt gehört und uoeh häufiger selber gespielt 
hatten, war dies eine harte Oeduldprobe. Ich machte 
meine sehr erstaunte Frau, die eine glänzende Pianistin 
ist, darauf aufmerksam, daB gewöhnlich die schwächete 
Nummer zuerst geboten werde, gewiijserm:ißei] ein 
»jlever de rideau*', um durch den Kontrast die Wirkung 
der „Sehlager"^ der sogenannten „großen Kanonen" 
öl erhöhen. 

Inzwischen amüsierten wir uns über die kostUchen 
Gesten der „Künstteriit". Sie watf den Kopf i la 
Sauer zurück, lieB ihn ^ la Rubinstein nach vome 
f allen, kur£, die Mät£clie;n und Bewegungen der grüßen 
Virtuosen beherrschte sie meisterhaft, 

über das Spiel will leh schweigen, es war einfach 
unerträglich. Endlich — endlich war sie fertig. Ein 



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^ 56 " 

Beifällsorkati raste durch den kleinen Saal. Die jungen 
Leute E liegen auf die Stühle und brüllten wie rasend: 
Bravu! Br;jvo! Bravu! 

Die Gefeierte gab rrnch einige Stücte tu, die 
zu den abgedroschensten unserer Zeit gehören. Jedes- 
mal nachher lebhafter BelMH (Ich erhihr erst später, 
daß die Künstlerin die Schwester des Obmannes war 
und sich trotz ihrer ["läßlichteit beim letzten Vereins- 
kränzclieji dtru erste (i Schöiilieilspruis errungen hatte . . .) 

Schließlich hat alle Qual ein Ende und die D^me 
sank^ physisch g;ebrQchen, :iuf einem Sessel zusammen, 
unfähig, eine Taste zu berühren. Wir waren boshaft 
genüge uns darüber urbändig zu freuen. 

Wie bitteres Unrecht haben wir ihr getan! Was 
ist eine Pianistin gt^en ein Quarte tt^. vun zaghaften 
Dilettanten gespielt? Was ist die Längfe einer Rhap- 
sodie und diverser Angaben gegen ein Streichqiiairtett 
von Schubert ^^it allen WiederhoEnngen"? 

Eine seltsame Bescheidenheil zeichnete die vier 
jungen Leute aus^ die uns mit den versdilungetien 
Wegen der Kainniemiusik betiannt madiea wollten. Ein 
jeder wollte den anderen nicHt übertönen, und so ent- 
stand ein leises Gezirpe^ das ssch manchmal unheimlidi 
verstärkte und den Eindruck einer wilden Jagd machte. 
In der ein Instrument das andere suchte und nicht 
finden konnte. 

Ein mäßig gespielter Walzer kann noch immer 
einen gewissen Genuß bereiten. Wehe, wenti klassische 
Musik nicht in vollendeter Form geboten wird ! Dabei 
durften ViTir nicht Hnmal lachen ; denr\ rings um un? 

saßen sie, die Schwestern, Tanten, Onkel, und beob- 
achteten ängstElch unsere Mienen. 

AucEi das Streichquartett g;ing schlicßlidi zu Ende. 
Jetzt hoffte icli mit Bestimmtheit, daß es losgehen 



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— 57 — 

werde. RLcEitig betrat ein junger, sehr sympathischer 
Mann da«; Poriiiim. F. in erröte nri<^<;, leicht !;,tottemdes 
KomiteemitgUcd kündete Lieder von Schumann an, 
Sdiumann — o, das wird fein werden, dachte ich. 
EndlJdi ein Kunstgenuß! Er begann mit der „Mond- 
nacht'^ ,jEs. war^ als hätte der Himmel die Erde leise 
geküQt/' brüllte ei i(i den Saal hinein, als ob es sich um 
ein Lrdbeben handeln würde. 

Ersparen Sie mir die weitere Schilderung des Unter- 
haltuftgsahends. Ich will Ihnen nur andeuten, daß 
der Gipfel des humoris tischen Programms in einer 
Stimmennactiahrtiung bekannter Schauspieler und eines 
läiigst loten Komikers bestand Wir kotinteo nicht 
die Flucht ergreifen, wei! wir vorne saßen und 
unser i-ortgehen peinliches Aufsehen gemacht hätte, 
Wie ich lebend nach Hau<!e gekommen bin, ich weiß e& 
nidiL Abi^r ich habe es mir zugeschworen, ich gehe nie 
im Leben wieder zu eint m ünterhaltungs abend. Immer 
dieselben Lieder, dieselben Gedichte, cjieselben Klavier- 
stücke, dieselben humoristischen Vorträge, Wenn ein 
Fremder den Stand unserer Kultur nach einem unter' 
haltungsabend beurteilen müßte, er würde einen schö- 
nen Begriff von der ProdtjEcKon unserer Zeit haben, 
sie würde ihm pnimerlich gering" und unbedeutend 
vorkommen/' 

„Was Sie ausführen, i$t wohl sehr interessant/' 
entgegnete ich ; j,aber ich sehe noch immer keinen Zu- 
sammenhang zwischen dem ünterhaJtungsabend und 
der faeutigen Szene." 

„Das sollen Sie sogleich erfahren. Kaum waren 
wir zu Hause angekoFtimen, so begann meine Frau 
jämmerlich zu weinen. So sehen meine Vergnügungen 
aus, heulte sie; so wird mein ganzes Leben verlaufen! 
Tch wendete ruhig eiri, daB es doch nicht meine Schuld 
gewesen wäre, ich wäre ja nicht für ein verunglückte* 



"^ ' - O'iqinalfrcm 

°^^^''' PRIHCETON UNIViFlSITV 



— S8 ~ 

Propra mm verantwCPrtUch £U inacheti. Da kam ich 
sdiön au. 

„Natürlich hast du Schuld. Weil du mich gefangen 
fiältst^ wie ein Othello, weil du mich in[t Absicht hin- 
geführt hast, um mir den Qeschmick an den Freuden 
des Lebens zu verderben, O, wie unglücklich bin ich, 
daD ich dich gelieiratet habe/'' 

Jetzt war meine Geduld denn doch zu Ende, Wir 

halben uns ^us Liebe geheiratet. Aus Liebe I 

Ich wurde zornig tmd wenn ich einmal so weit 
bin, kann ich nicht gerade wählerisch mit meinen Aus- 
drücken sein. Ich legte mich also gehörig ins Zeug und 
wif;s ihr haarklein ihr Unrt^dtt nad). Damit machte ich 
CS nicht besser. Im üeßfenteile! Der Hader wuchs 
und düs Fnde war die Vergifhing mit den Kirsch- 
lorbeertropf en. 

Wollen Sie nicht nachsehen, was die Ärmste madit? 
Mein Gott, ich weiß es ja, daß ich der Sdiuldige bin! 
Ich habe sie schon um Verzeihung gebeten. Ich hätte 
das unerfahrene Kind sanfter behandeln müssen!'* 

Das ,,un erfahrene Kind", das soviel Talent für 
die großen ttnd kleinen strategisch cn Künste der Ehe 
bekundet hatte, lag in tiefem Schlummer^ als wir irs 
Schlafzimmer traten. Das Mädchen, das wachend neben 
ihrem Bette gesessen, berichtete^ d^ die ,, Gnädige" 
sufort nach unserem Versch winden ruhig und sanft ein- 
geschlafen wäre. Deshalb habe sie uns nicht gerufen, 
weil ja der Schlaf gewiß heilsam wirken werde. 

Der ängstliche Gcttte wullte nuch wissen, üb der 
tiefe Schlaf nicht etwa die Wirkung des Morphiums 
wäre. 

Ich konnte ihn vollkommen beruhigen. Es sei 
die natürliche Reaktion auf die Aufregungen des 
Unterhaltungsabendc. 



"^ ' - O'iqinalfrcm 

°^^^''' PRIHCETON UNIViFlSITV 



— 59 - 

Helnigfekehrt, konnte ich noch laufe keinen Schlaf 
finden. Ein sondeibires Leben, dachte ich. Wenn 
sich die Menschen zu gut unterhalten, brauchen sie 
am tiüchsten Tage best] tri mt eiJieti Arzt. Wenn sie 
sich laiigrweilen, brauchen sie ihn noch in derselben 
Nacht. Wird die Menschheit [e ahne Ärzte existieren 
können? , , . Über die Zukunft meines Standes be- 
ruhigt, schlief ich so fest ein, als ob ich das ganze 
Proeranun des Unterhalt uti^fsabends Jireno^en hätte. 



"^ ' - O'iqinalfrcm 

'^'9'=' PRIHCETON UNIViFlSITV 



Junge Ärzte. 
Briefe m einen jüngeren Kollegia 

h 
Lieber Kollege ! 

Sie erbitten einige Ratschläge^ wie Sie sich be- 
nehmen sollen, damit Sie rasch zu einer großen Praxis 
fco m nie n. Was für eine schwere Autgabe haben Sie 
mir gestellt! Es gibt so wenige Wege, die zu dner 
großen Praxis führen. Die gmße Mehrzahl der Arzte 
ist froh, wenn sie ein bescheidenes Auskominen findet. 
Viele, von denen es heißt, sie hätten eine große Praxts, 
müssen den trügerisdien Schein einer fieberhaften 
Tätigkeit aufrecht erhalten, um die bescheidene Wirk- 
lichkeit eines inühseligen Fort f rette ns retten ai kön- 
nen . . . 

Es ist nichts «arhwerer, als für einen bestimmten 
Stand bestimmte Regeln aufzustellen. Eines schickt 
sich nicht für alte. Jede Individualität muß einfach 
trachten, sich, nur steh zur Geltung zu bringen. Ein 
Grobian kommt unter Umstanden noch rascher in 
der Gunst des Publikums vorwärts als der Lkbens- 
wiirdäge. Aber sein Benehmen muß seiner Natur ent- 
fiprechen, Dm heißt, der Liebenswnrdige wird nie 
den Grobian und der Grobian nie den Liebenswürdigen 
spielen können. Schließlich wählt sich der Kranke 
jene Individualität, die ihm am besten zusagt Sie 
mÜEsen also trachten, recht viele Menschen keimen 



"^ ' - O'iqinalfrcm 

°^^^''' PRIHCETON UNIViFlSITV 



— 61 — 

zu lem^n^ sich recht vielen Mensctaca in iJirer Eigen- 
schaft als. ArzI zu it^igtn. Das andere findet sicti 
schon voQ selbst, wenn Sie das Zeug dazu in sich 
haben. 

Worin dieses Zeug be&tcht? Davon wollen wir 
eist später sprechen ! Zuerst die wichtige Frage, wie 
man zu Patienteu Icomitit. Sie habcu sich eben eta- 
bliert und sind schon hunderte Male bei Ihrem Mause 
vorbeigegangen, um den Eindruck zu beobachten, den 
Ihre Tafct auf die Passanten und die Nachbarn macht 
Sie haben mit Erröleti bemerkt^ daß einige Schulkinder 
schon stehen ^eblielwn sind. Triumphieren Sie nicht 
zu frijh I Es wird lan^e dauern, bis Sie die ersten 
Tafet freu den Fhirer Praxis genießen werden. Dana 
wird es in neuntindneunzig von hundert FälJen ein 
plö blich er Unglücksfall sein, bei dem Ihre ersü^n zag- 
haften Versuche von der Rcttungsgcscllschaft unter- 
brochen und 2U Ende geführt werden. Hie und da 
werden Sie auch zu einem Dienstmädchen gferufea 
werden. O, verachten Sie nicht die Dienste, die Sie 
den dienstbaren Gct&tem leisten. So mancher große 
Praktiker verdankt seine Klientel den Empfehlungen 
der unteren Hunderttausend Auch Sie werden in 
mancher Familie nur ein besseres „Mädchen für alles" 
oder gar ein „Exframädchen" repräsentieren, wah- 
rend die fettesten Bissen den Herren Professoren und 
Spezialisten zug^eworfen werden, 

Versud]en Sie es ja nicht mit Gewalt und demii- 
tiger Bitte! Verfeilen Sie keine Adreßkarten und hüte« 
Sie sich besonders vor jenen guten FreundeUj die 
solche Karten von Ihnen verlangen. Die Menschen 
sind ein sonderbares, eigensinniges Pack! Sie werden 
niemals einen Pattenten bekommen, dem Sie vorher 
bescheiden Ihre Karte überreicht haben. Niemals I Die- 
jenigeUf die Sie um eine Karte ersuchen, mit der be- 



"^ ' - O'iqinalfrcm 

'^'9''^" PRIHCETON UNIViFlSITV 



— 62 — 

liebUn MotlvStrung, jj^iari kötiue tüdit wissen" uiid 
„sie hätten gerade keinen Arzt", oder „sie wären mit 
ihrem Hausarzt sehr unzufrieden '', kommen bestimmt 
nie in Ihre mcdiziniachcn Klauen. Auch Verwandte 
pflegen den jungen Arzt nur so lange zu rufen^ als 
er sich nicht bezahlen läßt. Oder sie warten^ bis 
Sie sich bei anderen einen Namen gemacht haben. 
Daini crwaclieii üire faniiliären liisüjikte und Sie wer- 
den Eiie und da zur Besichtigung eines üühnerauges 
oder gar eines eingewachsenen Nagels eingeladen. 
Fremde Menschen^, an die Sic gar nicht gedacht haben, 
werden Sie zu Ihrem großen Erstaunen mit üescnderem 
Vertrauet! zu Rate ziehen. Meistens mit der Motivie- 
rung, Sie kämeTi gerad« aus der Schule und wüßten 
das „Neueste'*. Von diesen Erden pilgern wird keintr 
lange ihrer Kunst anvertraut bleiben. Nach ein paar 
Jahren wirii man Sie gegen einen anderen umtauschen, 
der das „Allerneueste" lur Verfügung hat. 

Ich irann noch heute das Lachen kaum unterdrücken, 
wenn idi an meine ersten Patienten denke. Sechs 
Tage lang saQ ich würdevoll vor meinem Schreibüsdi, 
in hocligeleiirle Lektüre vertieft. Die Türglückc rührte 
sich nicht, üle war — um einen alten Kalauer zu 
gebrauchen — das ungezogenste Ding in meinem 
Viertel. Ein paarmal wurde ich durch Bettier, Brief- 
träger, barmherzige Schwestern und einige Oiäubiger 
zum besten gehalten. Endlich kam eine schwarz ge< 
Ideidete, sehr vornehme Dame in mein Wartezimmer 
und setzte sicti würdevcll auf einen der arbdtshung^ 
rigen Stühle, Ich konnte meine Aufregung kaum be- 
meistern. Fndlich eine Patientin^ eine vornehme Patien- 
tin! Ich ließ bange fünf Minuten vo-strcichen. Das 
ganze Haus, metne Braut, meine Schwiegereltern, die 
Köchin waren herbeigeeilt und besichtigten durch das 
Schlüsselloch das große Wunder. Schlie Blich fand ich 



"^ ' - O'iqinalfrcm 

°^^^''' PRIHCETON UNIViFlSITV 



— 63 — 

es für g^eraten, die Dame vorzunehmen, One ge- 
heime Furcht^ sie könnte mir etwa davonlaufen, trieb 
mich zu entschlossenem Handeln, Ich öffne <iie Tür, 
mache eine graziöse Verbeugung und setze mich 
würdevoll vor meinem Schreibtisch nieder, auf dem 
ein auigeschlagener Rezepthlock nach Arbeit schreit- 

„Ich komme mit einer drückenden Angelegenheit 
zu Ihnen :'^ sagte die feine Dune. 

Aba! dachte ich — ein inneres Leiden. 

„Man hat Sie mir aJs ebenso guten Menschen, wie 
tüditig:en Doktc^r geschildert" 

Sollte ich schon so ein Renommee haben i' 

„Es ist mir nirhf IHrht, über meine geheimsten 
Angeäcgcnhcitcn so offen zu sprechen," 

lim! Hm! So eine bist du! In deinem Alter 
hättest du vorsichtiger sein sollen. 

Kurz, ich war Aut dramatlsclie Geständnisse, min- 
destens auf einen Kinde scnord gefaÖt, Statt dessen 
kam auf die kunstvoll aufgebaute, dramatisclie Ein- 
leitung die Er?^hlung vom Tode ihres Mannes^ der 
ein beschäftigter Landai^t gewesen und sie arm und 
unversorgt mit fünf Kindern, deren Photographien 
sie mir zeigte, zurückgelassen hatte. Sie sei jetzt 
auf die Gnade der Kollegen angewiesen und ersuche 
mich um eins ausgiebige ÜJiterslülzutJgr da die aitiien 
Kinder schon wocLlenlang nichts Warmes itn Magea 
gehabt hätten. 

Ich war in pcinUchstcr Verlegenheit. In meiner 
Börse befanden sich einige einsame Sitbergulden, die 
für hohe Zwecke reserviert waren. Konnte man einer 
so liebenswürdigen, vornehmen Dame nur einige 
Oulden anbieten? 

Ich stotterte emige Entschuldigungen. Ich hätte 
das „große Geld" außer Hause und momtntan nur 
einige Gulden in der Tasdic. 



"^ ' - O'iqinalfrcm 

°^^^''' PRIHCETON UNIViFlSITV 



— 64 — 

Sie zeigte sich sehr entg^eg^enkuEiimtnd. Sie sei 
bescheiden und nehme „alles". Das wai auch die 
volle Wahrheit. Sie war unglaublidi bescheiden. Sie 
nahm zwei Guldea und rau&dite mit bewunderns- 
werter Anmut Eur Tür hinaus. 

Erst später h:3be ich erf;ihrpn, dad diese Dame 
von Neuling-en lebi Sie suchte Üe frisch etablierten 
Advokaten als Advokatenswilwe auf, verblüffte durcb 
ihre Personen, und Standeskenntnis, war nach Bedarf 
Ingenieure, Geschäfts^ oder Beamte nswitwe. Ihr Be- 
ruf, eine traurige Witwe, soll sie sehr gut ernähren. I 

D^ alles erfubr ich erst später, aadiden] idi 
noch einigetnale Lehrgeld g^e^ahlt hatte. Schon mein 
zwdter Patient, eiti würdiger alter Herr mit einem 
echten Patriarchen bart. war ein stellenloser Landarzt, 
der mir ebenfalls einen GtiEden — es war damals der 
letzte — abknapste. Beim dritten Patienten verlangfte 
ich atis Verzweiflung zur Bestätigung seiner Angaben 
das „Diplom". Er versprach, es am nächsten Tage 
zu bringen. Aber er kam nie wieder. 

Der nächste war ein Kandidat der Medizin, dem 
noch einige Gulden zu der Rtgforosentaxe fehlten. 
Ich entschloß mich zu einer raschen Prüfung, „Wo 
i»t die Seila titrdui?" (der su^enannte „Türke njiattel''^ 
ein knöcherner Bestandteil des Schädels), fragte ich 
ihn nach dem Rate eines erfahrenen Kollegen. Er 
starrte mich an und machte, als wenn er nachdenken 
wurde. „Stella . . . (Stella sagte er statt seila), Stella ,..?** 

,,Was? Sie wollen ein Mediziner sein? Und wissen 
nicht j wo die 5c IIa turcica liegt? Da muß ich schon 
bitten, meine kostbare Zeit nicht länger in Anspnich zu 
nehmen!" So wurde ich der vermeintlichen Kandidaten 
der Medizin mit «inem Schlage los. 

Ich wäre noch lange nichl fertig und Sie werden 
wohl dieselben Erfahrungen machen müssen. Es gibt 



f^i^i^filif O'iqinalfrom 

' ^*-''-'g"^ 'RIHCETOM UNIVERSITV 



— 65 — 

ganze Scharen von Alenschen, die von den Anfängern 
iel>en. lo meiner gAnien Praxis sind mir nidil so 
viel Ar?:tewitwen, Ärrtegreis*, Studenten usw. vor- 
gckottitttcii;, wie in den ersten Monaten nach meiner 
Etablierung. 

Indessen werden Sie merken, da6 man Sie in der 
Nachbarschaft schon kennt Das isl ja die Haupt- 
sadie. Sie l^sen sich f leidig' bei verleb irdenen Raseu- 
ren der üragebung rasieren, fehen ins KaJfeehatis, 
in£ Gas Ih aus und machen BekanntGchaftea. Des Tags 
über niiissen Sie [nil einer großen Tasdiie fleißig 
durch die Straßen rennen. Ein bißchen Bewegung 
schadet niemals und je meiir Sie herumrennen, desto 
bekannter werden Sie der großen Menge. Das brauche 
ich Ihnen nicht zu sagen, daÖ Sie niemals über Patien- 
tennoi klagen dürfen. Sie haben gleich sehr viel zu tun 
und sind für den Anfang sehr zufrieden. Sic sind 
sogar sehr angenehm überrascht Denn einen un- 
beschäftigten Arzt holt selbst der ärmste Teufel 
nicht gerne. 

Die «^r^ten Patienten werden einige Freunde sein, 
die Ihnen nichts bezahlen. Benützen Sie sie^ ebenso 
wie die Armen zur „Wattierung" Ihrer Warteräume. 
Halten Sic jedenfalls einen Mensclien zu diesem Zvyeck 
Immer in Ihrer Näfie. Ein leeres Wartezimmer bei 
eirf-m Anfänger wirkt abschrectend. Aber lassen Sie 
nicht immer dieselbe Person dort sitzen, wie Kollege N, 
ein Augenant, dessen alter, beschäftigungsloser Valer 
einen Patienten markierte. Nacti ?.wei J.ihren trif ihn 
im Wartezimmer einer der ersten Patienten seines 
Sotines. „Was? Sie Unglücklicher, müssen roch 
immer täglich behandelt werden?! Na, ich danke . . . 
diese Kosten und Schmerzen." 

Wenn Sie eine große Verwandtschaft und Bekannt- 
schaft haben, lassen Sie diesen Dienst abwechselnd 



f^i^i^filif O'iqinalfrom 

' ^*-''-'g"^ 'RIHCETOM UNIVERSITV 



— 66 - 

besorgen. So kommen Sie am besten über die Lang- 
weile der ersten Monate hinweg. Schließlich erscheinen 
ja die ersten Patietiien und Sie haben errötend das 
erste Hooorar elngesteckl. Es ist Ihnen peinlich^ Oeld 
zu nehmen, Sie kommen sich entwürdigt vor, Ech 
habe keine Sorg-en. Sie werden eich dieses Erröten 
rasch abgewöhnen und es machen wie Kollege X, der 
immer nur errötet, wenn er kein lionorar bekommt. 

Noch immer sind Sie das wiHtommene Objekt 
für verschiedene geschäftshungrige Individuen, ße^ 
sonders beiiebt ist das Verfahren von Versicherungs- 
agetilen, die [hnen eine An*itelluTig hei „Ihrer" 
Gesellschaft versprechen. Nirgends gibt es so viel 
Generale, wie bei den Asse hu ranzen. Lassen Sie sich 
von dem Titel „Generalagent" tiidit um die VernunFt 
bringen. In dieser ßranche fängt die Armee beim 
„Oeneral'^ an. Als» der General verspricht Ihnen eine 
Anstellung als Untersudiungsarzt, wenn Sie sich selber 
versichern lassen, natürlich sehr hoch. Weh.e Ihnen, 
wenn Sic ohne weiteres, »hne sich bei ä Heren, Ihnen 
gutgesinnten Kollegen iti erkundigen, das Geschäft 
abschließen. Der „General" versichert Sie noch ein- 
mal seiner Hochachtung und Sic sehen ihn niemals 
wieder ebensowenig wie die Untersuchungen, die 
man Ihnen versprochen hat. Dagegen müssen Sie 
die hohe Versicherungsquote bez^Icn, die vielleicht 
weit über Ihre Kräfte geht . , . 

All das sind nur Anfänge 1 Was später zu geschehen 
hat und wie Sie sein sollen und müssen, das will 
Ich Ihnen im nächsten Briefe mitteilen. Meute will 
ich schließen und Ihnen nochmals recht viel Bewe- 
gung empfehlen. Laufen Sie! Laufen Siel Laufen Siel 

Mit kollegialen GriiG«a Ihr 

Dr. 5erenu&. 



f^i^i^nlif O'iqinalfrom 

' ^*-''-'g"^ 'RIHCETOM UNIVERSITV 



— 67 — 



Ich habe mit Vergnügen hemerkt, daß Sie meine 
Ratschläge gewissenhaft befolgen, Sie laufen mit einer 
großen Tasche durch Ihren Bezirk und die Lfute 
sind schon auf den ^,fleißigen" Etoklot aufmerksam 
worder. Aber daß Sie so stolz an mir vorbc ige Laufen 
Sind, das habe ich denn doch nicht verdienl. Ver- 
gessen Sie nicht, daß ich Ihnen den unbezahtbareii 
Rat fleißiger Bewegung gegeben und dadurch den 
Gmudütein zu Ihrer — will's Oott! — großen Praxis 
gelegt habe. 

Nun bin ich Ihnen ncKh einige Aufklärungen Cber 
das Benehmen mit den Patienten schuldig. Noch wis- 
Sie für die Pravis brauchen, nicht gelernt. Sie haben 
bisher in den Kliniken viele Kranke gesehen, aber 
keine Klientea Das ist ein großer, ein ungeheurer 
Unterschied. Eigentlich haben Sie das Wichtigste, was 
Sie für die Praxis brauchenj nicht gelernt Sie haben 
dne sctiier endlose Reihe von Krankenbildern gesehen, 
die seltsamsten und schwersten Fälle, die verulckd' 
testen und kompliziertesten Diagnosen, Es waren 
entweder sogenannte Sdiul falle üUer Rariläler aus 
dem ungeheuren Weltmuseum menschlicher üebreste. 
Aber Sie werden es bald anj eigenen Leibe erfahren, 
daÖ CS in der Prax» kdne Schulfälle gibt, oder nur 
solche, die Sie in der Schule nicht gesehen haben. 

Du lieber Ootl! Idt war ein fleißiger Student 
und habe keine Vorlesung versüumt, dünkte mich 
zum mindesten eine gelungene Mischung von Noth- 
nagel und Billrolh, als ich in die PraKis trat. Gleich 
ilcr erste Fall, den ich behctndtlH sollte, war ein 
solcher, den Ich im Spitale nie gesehen hatte. Es 



f^i^i^filif O'iqinalfrom 

' ^*-''-'g"^ 'RIHCETOM UNIVERSITV 



— 68 - 

war ein einfacfier, frisch verdorbener Magen, Ich 
unlctsüchtc den Patienten eine Stunde lang. Mir 
schwebten im Geiste die schwierigsten Diagnosen vor. 
Ich dachte an alles eher^ als an elneti „vetdörbenen 
Magen'^ Mein Geist ging auf das GroGe, Erhabene,, 
Komplizierle aus und hier lag das Abc der Medizin 
vor mir. Ich konnte mich zu keiner Diagnose ent- 
schließen. Und was dem Patienten verordnen ? Schließ- 
lich bat ich ihn, am näcihsien Tage wiErderzukommen^ 
ich müßle den Fall nach einmal „g^ründlich" unter- 
suchen. Mach einer Woche — er war natürlich nicht 
mdir ^ckummen — traf ich ihn aul der StraOst 

,,HerT Doktor," sagte er, „Sie haben mir eine 
so schreckliche Angst eingejagt^ daß ich sofort nach 
Ihnen zu meinem alten Hausarzt gegangen bin. Wissen 
Sie^ was der mir gesagl hat? Sie h;»hpn sich gestern 
sicherlich „überfressen". Essen Sie einen Tag nichts 
und die Sache vvtrd von selber gut werden. Und 
am nächsten Tage war es gut.** 

Das war gerade kein erhebender Moment für mich. 
Ich mußte mich erst jgewöhnen, an die Kleinigkeiten 
der kleinen JMedizin zu denken. Dann kannte ich 
nocii nicht den Wert einer raschen Diagnose, auch 
wenn sie falsch ist. 

Das Fubitkum will wis^ert^ woran es leidet. Die 
Krankheit muB einen Namen haben. Sonst gellen Sie 
als Ignorant. Ja, in der Klinik, dahängeti die Tafeln 
mit den Fragezeichen zu Dutzenden herum. iVlan 
kann eben noch keine Diagnose stellen und damit 
bastal Versuchen Sie es in der Praxis, einen Kranken 
eine Woche zu beobachten. Sie werden trübe Er* 
fahrungen machen, kh denke an ein kleines Kind, 
das mit heftigem Fieber erkrankt war; ich konnte 
beim besten Wilieü keine Diagnose stellen. Am dritten 



f^i^i^filif O'iqiTalfram 

' ^*-''-'g"^ 'RIHCETOM UNIVERSITV 



— 60 — 

Tag;c wurden die Eltern ungeduldig und fragten: 
„Wissen Sie nccli immer nicht, was dem Kinde fehlt?*' 
Ich meinte verlegen, ich müßte noch beobachten* 
Noch am selbigen Tage erhielt ich mein Honorar 
und einen kategorischen Absagt;britL An meiner Stelle 
wurde einer meiner Konkurrenten gerufen, der sldi 
ebenfalls in dieser Gegend niedergelassen hatte. Der 
JUiaiiii war mit sdiwerer Mühe durch die Exanujia 
mit Hilfe von „Paukkuisen" und im Vertrauen auf 
seine j^Sau'* durchgerutscht und galt afe der größte 
Ignorant auf Gottes Erdboden. Wie ich es von einer 
befreundeten JM ach barin, deren tmpfehlung ich dies 
„Haus" 7u verdanken h^tte, erfuhr, war dieser Mann 
nicht einen Moment lang um die Diagnose verlegen. 
Er untersuchte flüctitig und meinte, es sei eine 
„typische Influenza'*, wie er deren jetzt zu Dutzenden 
beobachten könne. Dabei h&tt& er nicht einmal einen 
kranken Hund in seiner Behandlung. Die Eltern waren 
hocherfreut, endlich zu Vfissen, was dem Kind fehle. 
Und als die Krankheit sich dann in die Länge zog, 
war es eint „wandernde [ufluenza", die sich überall- 
hin „geschlagen" hatte. Nach Ansicht der Eltern war 
ich daran schuld, weil ich nicht gleich „dazu gesehen*' 
hatte. Als sich da na herausstellte, daß das Fieber 
einen hektischen Charakter hatte und von einer 1 uber- 
ktito$e herrtihHe, wat die Tnfluen?^ natiirlich bald 
vergessen, Aber der Koileg^e blieb der große Dia- 
gnostiker und erfreut sich noch heute des Vertrauens 
der Familie. 

Vergessen Sic den ungeheuren wissenschaftlichen 
Ballast^ den Sie In die Praxis mIt|;enommen haben. 
Passen Sie sich der Denkweise des Volkes aa — 
und madien Si^ immer eine Diagnose. 

Ach — ich werde ein ähnliches Erlebnis nie ver- 
gessen. Ich kam schon fünf Tage zu einer kleinen 



f^i^i^filif O'iqinalfrom 

' ^*-''-'g"^ 'RIHCETOM UNIVERSITV 



— Tfl ^ 

Familie, wo ein Knabt nach einer Halsentzündung 
verdächtige Herzers che inunfjcn zeigie. Es war g:erade 
nicht gefährlich; aber ich wollte mir keine Von^'ürfe 
machan und rechtzeitig dem heimtückischen Übel nach 
mtriacn schwachen Kräften i»teucrn, Flinl Tn^^t war 
Ich ^hon in das Haus ge kam inen und überlegte mir 
es jedesmal, ob ich denn der Mutter die folgenschwere 
Diagnose mitteilen ^oiltc. [di wollte noch einmal das 
lierz aufs genaueste untersuclien und mich überzeugen^ 
oh nicht die h^rirrthlichen Symptome vf^rsrh winden 
würden, ohne da 13 ich meine Befürchtungen mitgetdlt. 
Da richtete sich während der Untersuchung der sechs- 
jährige Knabe plötztich auf und schrie mich an: „Sie 
sind ein Schwindler!'^ 

Ich verlor n[cht die Geistesgegenwart und fragte 
rasch; „Wer hat dir das gesagt, der Vater oder die 
Mutter ?"^ Die Mutter maclite dem Knaben panto- 
mimisch begreiflich, daß er schweigen solle. Es war 
zu spät Denn es war schon herausgeplatzt: ^.Der 
Vater!'* 

Entrüstet habe ich damals meinen Patienten ver- 
lassen, Ein vemünftiefer Arzt hätte einen Professor 
hfil(*Ti Jn^sen und wäre in der Glorie eines großer 
Diagnostikern dagestanden. 

Sie müssen sich überhaupt jede timpfindüchkeit 
abgtwöhnerj wenn Sie rafich vorwärtskommen wollen. 
Es wird immer Menschen geben, die Ihnen irgendwie 
begreiflich machen werden, daß sie Sie nur aus Onade 
gerufen haben. Der eine sagt es in feiner Fornii 
,, Wissen S' - bd mir spülen iw& Gulden da Rolle, 
wenn i meine Beruhiirung haben will." Der andere 
macht es noch handgreiflicher: „Eigentlich lehlt mir 
gar nichts. Aber ich habe mir gedadit; Warum soll 
der Duktvr nicht au[:h etwas verdienen? Oa habe iiii 
Sie rufen lassen," 



f^i^i^filif O'iqinalfrom 

' ^*-''-'g"^ 'RIHCETOM UNIVERSITV 



- 71 — 

Das alles miissen Sie ruhig; hinuntcrsdiluckcn, auch 
wenn Sie inaeriich berste a. Sie müssen sich aber- 
haupt alle wissenschaftlichen Prätentionen abgewöhnen. 
Vor allen Dingen verzichten Sie darauf, den Leuten 
Ihre mcüi^iniitthen Kenntni^^e nach Jcm Stande der 
Wissenschaft zu korrig^ieren. Da werden Sic üble 
Erfahrutig^d machen, Sie haben immer die Pflicht, 
die Diagnose der Nachbarin, der Friseurin, der Tante 
und der Köchin zu t^estätigen. Uas allererste Anrecht 
auf Restätigung hui die Diagnnse der Mutter. Meint 
die Mutter, sie kenne ihr Ktnd g^nz genau, es seien 
nur die „innerlichen Schleime", von denen das Kind 
fiebere, so bestätigen Sie ruhig die innerlichen Schleime 
und fugen 5te Ihre Diagnose, tutti Beispiel eine HiLs- 
ent2ündung, als einen nebensächlichen Appendix bei. 
Vertragen Sie sicti mit den in der Familie geheiligten 
Hausmitteln. Eher wird man auf Ihre Hilfe verziditen^ 
als auf ein bewährtes Hau!>mitleL 

Was werden Sie alles für Erfahrungen machen raQs' 
sen! Bereiten Sie sich iinerschöpffiche Ströme von Dank- 
barkeit vor. So wie es Wahlfächer, Königs mach er, 
Sp ort ma nage rs und Kunstimpresarios g:ibt, so gibt es 
auch ,,Praxi<imachei'**. iVlei.den<i «lind es ältere Damen, 
die Sic aus wer weiß was für Gründen in iht Uebe- 
bedurftiges Herz schließea Diese „Praxismacherinnen** 
kompromittieren Säe mehr als Sie Ihnen nütien. Sie 
sprechen vom frühen Morgen bis zum späten Abend 
von Ihren Wundem und erfüllen <lle Nachbarinnen, den 
Gretsler, die Korona des Fleischhauers, die Wäscherin 
und alle anderen Standespersonen mit Ihrem Rufe. 
Sie eilen Ihrer großen Praxis voraus wir stoke Herolde, 
Aber Sie werden sich Ihr ganzes Leben lang von einer 
drückenden Verpflichiung nleht loskaufen können. Die 
,,Praxis macherin" wird immer erzählen, wie arm Sic 
gewesen, daß Sie nicht einmal ein trockenes Stück 



f^i^i^filif O'iqinalfrom 

' ^*-''-'g"^ 'RIHCETOM UNIVERSITV 



— 72 — 

Brot verdient hätten^ und daß sie ihre große Praxis 
gemacht habe. Sie wird Sie in allen möglichen und 
iinmägtichen Stunden tufeti lassen und weiie — Ihnen \ 
wenn Sie nicht sofort diesem Rufe Folge leisten. Sie 
wird Ihnen Verpflichtungen auferlegen, zu den ver- 
schiedensten Tag^eszeiten bei Ihnen zu erscheinen und 
Ihnen die sonderbarsteti Ratschlagte erteilen, die Sie 
befalgcfi müSÄCn^ wenn Sic ihre Freuiidsdiaft nicht 
verlieren wellen, Wenn es nur die einzige „Praxis- 
macherin" wäre! Es werden «ich jedoch ein Dutzend 
um den Ruhm streiten, Sie in die Höhe gebrächt lU 
Italien. Wie gesagt! Bereiten Sie Ströme von Dank- 
barkeit vor. 

Ich war noch ein ganz junger Arzt und sah praxis- 
lüstern nach Patienten aus. Da wurde ich unvermutet 
zu einer Amerikanerm gerufen, die mir ein v^erhältnis- 
mäßig hohes Honorar für meine Bemühungen zahlte. 
O, dieses Honorar habe ich vielleicht hundertemale 
verflucht! Zuerst kam ein junger Mann in meine 
Ordination, der mich öhers hingenifen hatte, meinte, 
er hätte sich so oft bertii'iht, er set es übafiaupt, dem 
ich clie Patientin zu verdanken hätte, ich möge ihm 
einige Gulden ,, borgen*', er set in arger Geldverlegen- 
heit. Dann kam eine Nachbarin und ließ sich eine 
Wodte lang massieren, Beim Abschied sagte sie; 
,,Se werden doch vrin mir kein Geld nehmen wollen. 
Idi habe Ihnen die reiche Amerikanerin rckonman- 
dicrl.'' Kurz, an zwanzig Personen wollten mir diese 
Patientin empfohlen haben, jeder verlangte Qefäliig- 
ketten, Danksagungen, Atierkejinung. Schlie Blich er- 
fuhr ich, daß die Dame mich gerufen hatte, weil sie 
einen Verwandten meines Namens gekannt hatte und 
wissen wollte , was der besagte Vetter Jetzt mache. 

Doch das sind alles Klnderhrankhtitcn, die ein 
jeder dtuthmachen mufi. Später werden Sie lädlielnd 



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— 73 — 

auf die ersten Erfahningen zurückblicken, Sie werden 
langfsam und gemessen im Bewußtsein Ihres Wertes 
und Ihrer Würde, durch die Straßen schreiten, während 
die jungen Kollegen mit großen Taschen an [hnen vor- 
bei laufen werden. Wenn Sie Gluck haben, bringen Sie 
CS nocli zu eiueiTi Auto — oder gar zu eioem lenk- 
baren Luftschiff. Das wäre freilich für die holien Stock- 
werke das Bequem sie. 

Mit kollegialen OrüBän Ihr 

I>r. Serenus. 



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'V ^^UUglt JRIHCETOM UNIVERSITV 



Meine Wunderkur. 

Ich war soeben mit meinen Studien fertig geworden, 
Iiatte überall das notwendige Wissen zusannnengerafft 
und stand nun vor der schwierigen Entscheidung^ 
selhstÄndig yv werden. FifHg 3a£ ich alle medinni- 
schen ßlätter, wetche dte freien Stellen ankündigten 
und srfirieb überall hin, wo ich mir ein wann es Nest- 
chen und gule Arbeit erhoffte. Mittlerweite verstrichen 
die Tage und dn abschlägiger Bescheid nach dem 
andern führte mir das Schreckgespenst eines arbeits- 
losen Arztes var die Au^en. 

„Mit Offerten geht es nicht/' sagte mir ein alter 
Kollege. ,,Bis Ihr Brief Uitikptnxiit, da vrareri schon 
einige Mitbewerber dort und haben sich persönlich 
vorgestellt. WoJIeji Sie aiiFs Land hinaus und reflek- 
tieren Sie auf eine besoldete Stelle, da dürfen Sie 
keine Zeit verlieren «tid müssen sofort nach dem Ort 
Ihrer Wahl fahren.'^ 

Das leuchtete mir ein. Diesmal wollte ich mich 
nicht von meinen Kolleg'en überholen lassen. In fieber- 
hafter Ungeduld erwartete ich dh Zeitung. RjchtJE:, 
da waren wieder sechs Stellen ^lusgeschrieben und 
zwei davun in Nieüerü^tcrreidi. Odr nicht weit vun 
Wien. Wie ich es bald heraus hatte, waren beide Ort- 
schaften In einigen Stunden Eisenbahnfahrt leicht zu 
erreichen. 

Am Nachmittag war ich schon auf dem Staats- 
bahfihofj um mich womöglich als erster der Bewerber 
dem Bürgermeister in Herrnbaum garten vorzustellen. 



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— 75 — 

Eventuell hatte ich noch vor, den zweilen Ort — ich 
glaube, er hie 3 Ottenschlag — gleichfalls aufau- 
suchen. 

Etwas unangenehm überrascht war ich, als ich ani 
Bahnhof dte hagere, lange Oestalt meines Kollegen 
Sperber bemerkte. Er war uiigefätir utii dieselbe Zeit 
fertig geworden wie ich und befand sich offeitbar 
ebenfalls auf dem ^^Liigatis'* n;ich einer sich<?ren Stelle 
mit einem guten ^^FiKum". Diinals wuäten wir es 
noch nicht, daß gerade jene Stellen, welche am besten 
dotiert waren, die schlechtesten waren, weil das hohe 
Fixum Ersatz für das fehlende hohe Einkommen bilden 
mußte und weil man selten außer diesem Beamten- 
geh alt ein Übri|fes herausschlagen konnte, Sperber 
macht« dasselbe verlegene O «sieht, als er mich sah. 
Aber sdilit^ßlidi waren wir bddt; klug ^«eritig, gute 
Miene zum bösen Spiel zu machen und beschlossen, 
die Entscheidung dem Zufall und den Launen der 
beiden Bürgcrrneisicr zu überlassen. Wir wollten mit 
ehrlichen Mitteln livalisieren und freuten uns, die ein^ 
tönigen Stunden dieses Ausflüge*; dirrch Oespriche 
vbzr die gemeinsame Sorge leichter übc^rstthen zu 
können. 

Wir waren bald in Poysdorf angelangt, von wo 
au5 uns die Postku Ische an den Bestimmungsort 
bringen sollte. Da sie aber erst in einer Stunde: ab- 
zug^ehen hatte, beschlossen wir, uns an den Oetndnde- 
arzt von Poysdorf zu wend&n und ihn um Auskunft 
über die benachbarten Genicinden und <lie Aussichten 
eines Arztes daselbst zu besagen, ür. Seh., ein ge- 
müflich^T, heitfrer^ hreitschuÜeriger Mann^ dessen glatt- 
rasiertes, pockennarbiges Gesicht eher an einen Geist- 
lichen als an einen Ar^t gemahnte, empfing uns 
in der liebenswürdigsten Weise. Als wir ihm aber 
unsere Bitte vortrugen, machte er ein kurioses Oe- 



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— 76 — 

sieht und war tu keiner rechten Auskunft zu beweg-en. 
Kein Wunder. Lobte er den Ort, so machte ihm 
dann vielleicht der enttäuschte Küllt;ge Vorwürfe, 
fädelte er ihn, so konnte er vielleicht mil den Nach- 
barn in Konflikt kommen. Außerdem mag ihm ja 
die äntclose Zdt in Hcrrenbaumgartcn ganz gut be- 
hagt haöen, da er viel häufiger als vorher dorthin 
zur ärztlichen Hilfeieishing gerufEn wurde. Er ver- 
absäumte aber nichtj uns dnige g^tc Lehren zu gehen. 

An eine erinnere ich mich: „Der Arzt muß einen 
breiten Rücken haben. Lernen Sie beizeiten sich über 
die Meinung ihrer Mitmenschen^ tlber Lob und Tadel 
hinwegsetzen. Vorige Woche ist mir eine junge Wädi- 
iierin an einer ßlutveiigiftun^ gestorben, Meine Frau 
W5r ganz verzweifelt. Sie jammerte, man spreche im 
ganzen Orte von nidits anderem und böse Zungen 
behaupten, sie wäre infolge meiner schlechten tie- 
handtung jugninrfe gegangen. Wa* gktiben Sie, meine 
Herrenj, habe ich ihr darauf g-esagt? Was? So, der 
ganze Ort spricht davon? Das ist mir sehr recht 
Wenigstens werden noch fünfhundert Leute mehr 
wissen, daß es einen Doktor Seh. in Poyadorf gibt!'* 

Der Mai}n war, wie viele Landärzte, ein Original 
und in seiner Gesellschaft verstrich uns die Zeit so 
rasch, daß wir fast den Postwagen versäumt hätten, 
der UI1& liüef üie huEprigCj ütaubij^e Landislraßtr in 
die ärztelose Gemeinde bringen sollte. Plötzlich machte 
mein Kollege Sperber ein wehmütiges, geradezu ent- 
täu$ch1es Gesicht. Wir fuhren gerade an dem Gottes- 
acker vorbei. Lin kleiner, schlichter üorffriedhot, von 
niederen Mauern umfriedet, mit einigen firäbern, die 
fast an den Händen abzuzählen warenn 

„Schauen Sie sicii diesen Friedhof an, lieber 
Kollege/' saffte Sperber in eutrüstetem Tone. „Kehren 
wir um. Wie soll denn hier ein Arzt leben kennen?" 



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— 77 - 

„Es wird eben besser werden, wenn Sie herkotnmea 

werden," erwjrierte ich hrishaft und gereärf, da dieser 
geschäftliche Hinweis auf den Zusammenhang swisehcn 
Medizin und Tod memem jugendlichen Idealismus 
Qcrndtiu weh getan hatte. 

Es blieb uns nicht viel Zeit, das Thema furtni- 
spinnen. Schon standen wir vor dem Hause des 
Bürgern! efeters, der auf der StraBe die beiden Reisen* 
den Ulli prüfeinlem Blick uiusterte. Er wjir ein iiLitiel' 
großerj kräftiger Mann von ab^e rundeten Formen 
und mit einem wohlgefärbteri Gesicht, dessen rötlich 
schimmernde Nase beredtes Zeugnis zu geben sciiicn, 
daß der Hunger In Herrenbauni garten die Leute ent- 
schieden wenigfer plagte als der Durst. 

Bald hatten wir uns vorg^estellt, was er als Mann 
von guten Sitten, der häufig die Großstadt besuchte, 
mit einer gewissen plumpen Förmlichkeit erwiderte. 

„Also von Wean san die Eierren herkemma. Das 
ist schön, da3 das so schneit ffanga is. Vielleicht 
zeig' ich Ihna z^erscht den Ort, sunst glauben S' am 
End', mir san verseucht/* 

Bald hatte ich es herausgefunden, daß nur eine 
Idee das. Gehirn des Lenters der Geschicke von Merren- 
baumgarten beunruhigte. Eine Angsl quälte ihn, wir 
könnten glauben, der Ort sei verseucht und deshalb 
ließ er alie fünf MlnuUn du kräftiges: „Glauben 3' 
epper, mir san verseöcht?" vernehmen. 

Erst zeigte er uns das nette, rein gehaltene Bürger- 
meisteramt wieder unter energischer Verwahrung, ver- 
seucht TU sein. Dann führte er uns über einen aus 
groBen Pflastersteinen hergestellten Bikgersteig zum 
Schulhaus, wobei er wieder das uns schon wohl- 
bekannte: „Glauben S' epper, mir San verseucht" ein 
dutzendmal zum besten gab. Dann zeigte er uns ein 



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— 73 " 

kleines, sauberes liäuscheii} das dk Gemeinde für den 
Ar2t erbaut hatte. „Scg,*n S\ des kriagt der neiche 
Doktor umasujist und außerdem zahrn mir noch vier- 
hundert Flörr«, a schön's Qdd. Seh au' n S' llina des 
Häusi an, sonst glaub'n S' am End', mir san ver- 
seucht Und der frühere Doktor, wag zehn Jähr' da 
gewt^t iüt, der hat kan Grund zum Kiag^t^n net g'habt. 
L>er hat a die Post ^lialfn, weil mir ka Postamt 
sonst n&t hab'n und hat a sch5n's Geld 'rausg'schiag'n. 
Uni ein' Weinkdler tiat er g'habt, den hätten S' Ihna 
anschau'n soIIil Freiii, a Geld krlagt ma' net so 
Iddit ^raus, weil am die ßauersleut daa l^nnnrar in 
Wein beiahrn. Und so hat er alleweil mehr Wcia 
kriagt, bis er den grcȧten Weinkeller in Herrnbaum^ 
garien gehabt hat" 

,Ja, und warum ist er denn weggegangen?" er- 
laubte ich mir lu fragen. 

Ja, warum er wegganga s, seg'n S', das is a 
eigene O'schicht, Der hat 's gar soviel auf die jung'n 
Mad'ln abg'&eh'ii^ und da hab'ii iimi die Btirsdieti 
amol an Streich spiern woU'n und hab'n sich mit 
eabm :\ kloan's unschiildig's Spassetel erlaubt. Wie 
sie aniol mit ihm im Wirtshaus z'samm g^trunk^n 
hab'n, hab'n s' ihm soviel ziitrunken, bis tr ganz 
b'sofien war. Noeha hab'n s' ihm d^ Hand' und 
's G'sicht mit Ruß ang'scJitnlert, die Kleider mit 
Teer b'strich'n und Federn aufg'pickt, und so hab'n 
s' ihn durch's ganie Dorf g'führt. Bei jung:en Leuten 
derf ma so was net so ernst nehma. Der Doktor 
ßranimt;r aber — so hat er ^'iiaß'n — is erst am 
nächsten Morgen von sein' Rausch in an Straßen- 
graben aufg'waciit Wie er sich seine Häni' und 
sein G'wandi angeschaut hat, is er schnell in sei' 
Wohnung, hat sicti eing'spirrt, kan Menschen ein- 
gelassen, wollt' zu tein* Kranken geh'n und in in 



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™. 79 — 

selbiger Nacht mit sein Wagcri auf und davong'faihT'n 
und war net mehr z' seh'n. Das Geld, was ihm 
die Leui' schutdi war'n, hat er durch ein Advokaten 
eiiilrelben und scid Welnkdkr öffentlldi versktgem 
lassen. Jetzt fra^' ich Ihna, ob das recht ist? A 
so a gut's Geschäft — die Post Eat atich i schön's 
Geld trag' II — /Vuckz'lass*«, weil sich die jung'n 
Leut' so an kloan' Spaß machen?!'' 

Ich war plötzlich van tneinem Wahn, als Landarzt 
in einer Weingegend die Lehren der Hygiene zu vtT- 
breiten» geheilt ich hatte ebensowenig Lust, das Amt 
etties Postbeamten zti betreiben» als betrunken durch 
die Straßen geführt 2U werden. „Und wer weiß,** 
dachte ich mir, „welch edfe Anlagen dieser IVlann 
hier im Wein ersaufen mußte, um das eintönige Leben 
eines Landarztes in einer kJeinen Gemeinde zu er- 
tragen." 

Der Bürgermeister merkte meine veränderte Stim- 
mung, er hatte auch einen Blick aufgefangen, den mir 
Kollege Sperber bei seiner Erzählung zugeworfen hatte. 
Er wollte uns jedenfalls mit einem Knalleffekt ent- 
laR-sen und sagte: 

„Jetzt liab'n die Herren alles g'sch'n und jetzt 
zeig' ich Ihna noch mein' Weinkeller, sonst giaub'n 
'S epper, mir san verseucht." 

Wir willigten ein und stiegen mit dem Bürger- 
meister ahnungälus in den neigen Keller hinunter, 
in dem eine schier unendiiche Reihe gigantischer Fässer 
nebeneinander siand. Ich hatte wohl gehört, daß das 
Trinken im Keller sehr gefährlich wäre, pochte aber 
auf meine Alkohoif estig keit. Trotzdem ich In Jugend- 
licher Torh*Ht bei mancheni studenli sehen SymprKion 
über die Schnur gehauen hatte, war ich immer Herr 
meiner Sinne geblieben. Überdies nahm ich mir vor, 
nur sehr wenig zu trinken. 



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— 80 — 

Der Bürgermeister jedoch war von ausgesuchter 
Höflichkeit und schmunzelte seelenvergfnüg^t, offenbar 
im sicheren BewtiÖt&eiit dessen, was nun kommen 
werde. Olücklich, sieh den Spaß leisten zu kOnoen, 
zwei Städter von der Macht des Weines zu über- 
zeugen. 

Er Iic6 uns einige wirklich VQV7Üg\i<zhe Weine kosten^ 
wobei er es nictit verabsäurnie, au 3er seinem Leib- 
spruch einige seiner Kennerausdrtklie zum besten zu 
geben. 

»,Was sagen S' zu dem Bukett? Wann Sie das Ut 
Weati hätt*n, wo sie so ein Pantsch ausschenken? Dös 
finden S' nicht, wenn S* die ganze Stadt auslauFn. 
Und dös Aroma, dös is was ganz extra . . ** 

Nachdem wir so von einigen Fässern gekostet 
hatten, meinte ich, es wäre nun eben genug, denn 
wif hatten einen Wagen bestellt, der vor dem Keller 
wartete und uns in das benachbarte Dorf üttenschlag 
bringen sollte, von wo wir wieder die Eisenbahn 
leicht erreichen konnten. Es war keine Zeit zn vci^ 
säumen, wenn wir noch des abends in Wien ein- 
treffen sollten. Wir verließen den Keller, wobei ich 
mit Schrecken bemerkte, daß mein Gleichgcwichts- 
gefQhl bedenklich ins Schwanken gehommen war 
Trotzdem war ich noch Herr meines Injellekts und 
wußte mich von dem Bürgermeister in wohlgesetzier 
Rede zu verabschieden, während Koliej^e Sperber einige 
unverständliche Laute stammelte, über die ich herz- 
lich lachte. Eben sah ich wie im Nebel die Gestalt 
meines Kollegen Seh. auftauchen, der etwas von der 
üefähFÜchkeit des Irinkens im Keller sprach^ als 
Sperber plötzlich schwer röchelnd zu Roden sank 
und in einen tiefen, bleiernen Schlaf verfiel Was 
tun? Sollte ich ihn in Hermbaumgarten zurücklassen 
und allein in Ottenschlag absteigen? Mit Hilfe des 



Dlgmzeö Oy ^OOglC ^Ri^ceroM UNIVERSIW 



= 81 -^ 

Kutsclicrs^ des Rflrgermeisters und <!e* JCoIlegtn Tttden 
wtr ihn auf den Wageit^ wobei es $idi als unmöglich 
erwies, ihn sitzend Jerart zu befestigen, daJ] er nicht 
hätte herunteriallen können. Er wurde daher als form- 
l<Kc Masse auf das Heu des Wag-ens geladen, wahrend 
ilIi stolz den Sitz bestieg, die Beine als strammer 
Turner geratscht auseinander haltend, wobei die 
Deriterstirne Sperbers zwischen meinen kotigen 
ScEtuhen (es hatle indessen etwas geregnet) z\i liegeu 
kam. 

Ich war glücHich, daß sich d^r Wagen etidlicli in 
Bewegung setde, denn ich hatte tnetne Fassung nur 
mit dem letzten Reste meiner Energie bestreiten 
können. Ich erhoffte mir von der frischen LandluH 
eine rasche Genesung vom Rausche ; allein vorläufig 
verdichtete sich der Nebel in meinem Hirn, so daß 
ich mkh an alles folgende nur tu groben Umrissen 
erinnere. 

Es düuimed mir, daD idi eingeschlafen v^r und 
daß mich der Kutscher gevrec^kt h^tte. Wir standen 
vor ein^rn stntrlirhen Hause, in das ich taumelnd 
hineintorkcltc. Kollege Sperber war offenbar auf dem 
Wager geblieben. Was ich mit dem Bürgermeister 
gesprochen habe, weiß Ich nicht. Ich entsinne mich 
nur dunkel, daß er mir Seine Frau vorstellte, die 
schon längere Zeit krank war und der kein Doktor 
hatte helfen können. Tdi glaube mich traumhaft an 
das Wort ,,tnfauleii£ia'' erinnern za können. Was ich 
mit der Kranken getan habe und w^ ich ihr ver- 
ordnet habe, weiß ich nicht, Ich habe einige Vor- 
schriften erteilt und auch ein Rezept verschrieben. Das 
weiß ich, weil mir deutlich die Erinnerung voischwebt,, 
Wie schwer mir die Feder über ein rauhes l^apier 
gegangen ist Icfi weiB mich auch nicht zu erinnern, 
ob ich allein in den Wagen gestiegen bin oder hinein' 

Seienua, Aikutip ib Hirletin, 



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— 32 - 

gehoben wurde. Es scheint mir auch» daB in Otten- 

Gchlag mein M^geti rebellisch wurde und das Butett 
des Herrn Bürgermeisters von flerrnba um garten wieder 
das Lidit des Tages erblickt hatte. — — — 

Allmählich kam ich in der kühlen Abendluft zur 
BestuaLiiig. Es gelang mir, Sperber wachzurütlelu Liid 
ihn in ein Coupe hineinzubringen, wo er plötzlich 
ganz mnnter wiirde und sämtliche Shidenlenlieder in 
ununterbrochener Reihenfolge mit anerkennenswerter 
Ausdauer bei sehr falschen Meiodien mtn Vergnügen 
der Mitfahrenden 7um besten gaK Als wtr in Wtett 
eintrafen, waren wir beide vollkonuncn nüchtern und 
nichts mahnte uns an die Gefahren der Weinkeller. 

Das Nachspiel war ein sehr sonderbares. Ich er- 
hielt nach eiaigen Wochen einen Brief des Bürger- 
meiütcRi von Ottenschkg, worin er mir mitteilte, ich 
hätte ihm so sehr gfefalUn, daß dit Oenieinde bereit 
$ei^ über das ursprünglich bewilligte Pauschale hinaus- 
zugehen. An seiner Frau hätte idi eine wahie Wutider- 
kur vollzogen, Sie sei, dank meiner Beiiandltiijg^ voll- 
kommen her^e^teltl 

Jedenfalls ist es wunderbar, daß nach Wegfall aller 
intellektuellen Henimuagen noch Wunderkuren zu- 
stande kommen können. Ich hahe seit damali; nie 
mehr eine Wundcrkur irusammctigcbracht. Allerdings 
aifch keinen Rausch mehr gehabt. 



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' '^^^*^^^<- 'RIHCETOM UNIVERSITV 



Gebildete Patienten. 

,, Pikkolo, die luedJmnischeit Zeituiig:en!" 

„Herr Doktor, t\t sind noch Immer in der Kand/' 

f,üm Himmels willen^ wer liest sie denn so lange?" 

,,Der Herr Bocksbart, der Seifensieder aus dem 
Ncurhbarhause." 

„Na also, da seht ihr*s, meine Herren Kollegen/* 
sprach Doktor Krjehuher und schlug mit seiner ker- 
nigen Faust auf den Tisch, daß die Wasserglas er 
klirrten. „Soll unsereinen nicht der Teufel holen? 
Jetzt sitz' ich eine halbe Stunde da und wajie ajf die 
medi^iJiisdien Zdlun^t:n, die icli nicht bekotrunen kann» 
weil der Hcn Seifensieder aus dem Nachbarhause 
sich persönlich mit vielem Behagen von sämtlichen 
Fortsch litten der Medidii übencugen will. Es wird 
überhaupt täglich schwerer, Arzt zu sein. Komme 
ich zu einem Patienten, der ungebildet ist, so muß 
ich mich über die Unsumme von abergläubischen 
Vorstellungen und veralteter Tantenweisheit zu Tode 
irigem; aber was ist ersi dieser Arger gegen jene 
Qualen, die ich empfinde, wenn ich zu einem der 
sogenannten .Gebildeten' komnie. Der gebildete Patient 
ist für mich der Inbegriff aller irdischen Schrecken, 
Vorige Woche komme ich zu so einem Herrn, dem 
übrigens nicht viel fehlt und der sieb die meisten 

6* 



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— 84 - 

Luiden einbildel, weil er fortwährend alle mögUchen 
iinil unmöglichen mf:diuiiisctiE:n Bücher liest. Er klagt 
über Schmerzen m der rechten Schulter Ich unter- 
suche ihn sehr fenau, aber für einen gebildeten 
Patienten noch nicht genau genug, denn er Iragi luiß- 
trauLsch: „Sind Sie mit der Untersuchung fertig, Herr 
Doktor?" — „Natürlich," wende ich ein, „son^t hätte 
ich Ihnen nicht gesagft, daÜ Sie sich wieder anziehen 
können," — „Haben Sie nicht gemerkt, Herr Doktor," 
sagt mein gebildeter Patient, „daß an der rechten 
Seite der Perbussionsechail auffallend dumpf war?" 

jj,Neinj" sage ich verdrossen, „das habe ich nicht 
bemerkt, denn wenn er etwas dumpfer ist, so rührt 
es daher, daß Sie Rechtshänder sind und ihre Musku- 
latur auf der rechten Seite etwas stärker entwickelt ist/' 

„Sehen Sie," ruft er triumphierend, „daü ich doch 
richtig beobachtet habe; freilich um den richtigen Orund 
zu wissen, niuB man ein studierter Doktor sein, nicht 
nur so nebenbei einige Brocken von der medizinischen 
Wissenschaft genascht haben. Aber^ was glauben Sie 
denn, Herr Doiitor, was mir fehlt? Habe ich am 
Ende einen Lungenspitzenkatarrh? Oder soll das nicht 
die verdammte Harnsäure sein, die mir seit Jahren 
keine Ruhe läßt? Ist das nicht ein von der Leber in 
den Rücken ausstrahlender Schmerz? tlandclt es sich 
niclit um einen jener rätselhaften Druckpunkte, die 
das äußerliche Bild eines ioneriltchen Leidens sind? 
Muß icti iiadi dein Süden fahren? Soll Jch Kreosot 
nehmen?" 

„Ich hin außerstande, seinen Redeschwall zu hem- 
men; eine Flut von Diagnosen und von neuen und 
allen Mitteln ergießt sich über mein Haupt. End- 
lH!h ist er fertigf und ich sage, ihn beruhigend: ^,Es 
ist ein einfacher RheurnJitismuSr der auf ein bißchen 
Massage rasch seh winden wird; übrigens erhalten Sie 



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— 85 - 

auch einige Pulver, die sehr viel zur Heilung bei- 
tragen wcrdtrt." 

„Was wollen Sie mir denn verschrei ben, Herr 
Dcktor? Sie wissen, wie ich die Medikameinte haäse! 
Nur nichts einnthmeti!" 

„Nun kenne ich aber meine Leute: Je mehr einer 
vbtT die verfluchte Oiftmedizin schimpft Zekr und 
Mordio schreit, wenn man ihm etwas verschreibt, desto 
Unglück lichter ist cr^ wenn er kdn Rezept ediält. Lknn 
dann gtaubt er, es wäre ihm f[ar nicht mehr zu helfen. 
Ich schreibe ihm, also einige Aspirinptilver auf, wobei 
ich jedoch die Vorsicht gebrauche, statt des atlzu bc- 
faannten Aspirins einen chemischen Ersatznanen an- 
zuwenden. MHti gttfei" Patient ttlmmf da<i Rezepl in 
die Hand und l^cht hetl auf: .^Mitrh werden Sie nicht 
foppen, lieber Doktor, das ist ja ein Ersatzname für 
Aspirin/* 

„Woher wissen Sie das?" 

„Sehr einfach, ich habe mir das VB^rterbuch der 
SynOfiyme, der Ersatinament verschafft Ah, mir Isann 
keiner ein X für ein U vonnachen." 

r,Nuu gut^ wä3 hegt daran, wenn Sic wissen, daß 
ich Ihnen Aspirin gegeben habe?'' 

,jWas mir daran liegt? Sehr viel^ Herr Doktor, 
weil idi erst vorige Woche ir einer Berliner medizi- 
Dtschen Zeitschrift gelesen habe, daß das iVlittel in 
gewissen Fällen schädlich sein kattm, und ich nicht 
weiß, ob ich mich nicht cvcnfucil auch in denselben 
gewissen Falte befinde." 

,^AIso lassen Sie das Aspirin, wenn Ste so ein 
Angstmeier sind, und bleiben Sie bei der Massage." 

,^assage, lidjer Duklür, Idi ditcre bd dem; 
Gedanken an die Massage. Irffetid jemand hat mir 
gesagt, daß man damit erst recht das Gift jn den 
Körper hineintreibe/' 



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— 86 ~ 

,,Z|iin Kuckuck hindn, so machen Sie sich einen 
Pricßniti-Umstbtag, der ist dt»di gewiö unschädlich/' 

„Oho, bei empfindlicher Haut kommt es leicht zu 
Hautausschlägen; ich habe eine empfindliche Haut. 
Ich sehe, daß Sie auf meine Individualität absolut 
nicht ein^fehen WDllen; icti safs^'s ja immer und immer: 
unsere Ärzte icnnnc^n nicht individuell behandein/' 

„Wa3 soll man einen solchen Menschen antworten. 
Wie itin überzeugen? Aber nächste Wtxhc rennt der- 
selbe gebildete Patient, der seine Weisheit aus dem 
Platen oder Bilz her hat, zu irgeadeinem Kurpfusch erj 
der mit einer 'Wundersalbe alle Krankheiten hellen 
kann. Dieser Kurpfuscher läßt sich mit ihm in keine 
tnediz^ini sehen Gespräche ein. Er sa^ einfach, die 
Salbe hilft für alte Kran kh ei ttrn, folg:l[ch muß sie irgend- 
eines seiner wirklichen oder eingebildeten Leiden 
kurieren können. Da ihm aber gewöhnlich nichts Bc- 
sondcrcs fehlt und die Einbildungskraft Wunder zu 
wirken vermag, wird er schon nacti einigen Tagen 
finden, daß es ihm auffallend heü«ier gehe und aus 
Leibeskräften über die Ignoranten, die Giftmischer^ 
womit er alle Ärzte meint, schimpfen. Und w£nn ich 
morgen zum Herrn Seifensieder Bocksbart, der die 
Zeitungen noch immer in der Hand hält, gerufen 
werde, wird er mich fragen, ob ich den letzten inter- 
essanten Fall aus der medizinischen Zeitung- g:e lesen 
habe und meine Wissenschaft einem förmlichen Ver- 
hOnr untcrzieben. Ich bin überzeugt, daß er i^iL'h jetzt 
irgendeinen schwer zu merkenden Nanten notiert, um 
nächste Woche seinen Hausarzt zu fragen, ob er schon 
einmal das neue Mittd Hexametakatasuprainfrateh-a- 
lytamin versucht habe. Man sollte das Verbreiten medt- 
ziniticher KenntniMP vf rhieten ; wi(? bequem war das 
früher, wo wir gewissermaßen die Priester einer Ge- 
he im Wissens ctiaft waren, vom ganzen Nimbus des Ge> 



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-^ a? - 

heimnisses umgeben» und durch die Kraft der Sug- 
geetioTi irit alten, schlechten Mitteln mehr Wundef 
wirktt^n, als mit dem besten mo [fernen Präparat.^' 

,,Du willst das Kind mit dem Bade aiisg:ießen," 
entgegnet ihm sein Kollege Dr, Lerchmänn, der die 
ganze Zeit vergnügt den Ausfühmngen Kriehubers 
gelauscht hatte. „Die Zeiten, wo die Medizin ein 
Hnku!spokus war, der än|«!tlich g'phßtft wiirrfp, sind 
vorüber. Heute könnte ein Bomba$tu3 Thcophraslua 
Paracetsus auf seine Weise keinen Erfolg mehr er- 
zielen; freilich, der Marktschreier findet noch heute 
seine Rechnung, aber wenigstens das wiss&nschfiftliche 
Mäntetchen muß er sich umhängen. Ohne wiesen- 
Schaft lieh es Mänteldien geht's einmal nicht und ich 
glaube, wir müssen im Gegenteile das VoJi^ Immer 
mehr ujtid meltr aiiEklüren, dainjl es sid) überzeugen 
kann, ob hinter dem wissenschaftEichen JWäritelchen 
auch ein rechterj ehrlicher und verständiger Ar^t steckt 
Das ist die tlauplsiche! Was aber gefährlich ist, isl 
das gewisse Halbwissen und die falsche Aüfkläning, 
die Kenntntsse verbreitetj die dem Laien unnötig i^ind, 
anderseits andere verschweigt^ die er unbedingt be- 
sitzen soll. Wieviel Segen hat nicht Hufehnds ,Makro- 
biotik', Bocks ,Hausbucli vcm kranken und gesunden 
Menschen*, seihst der alte^ gu<e Kle ticke gestiftet ! Die 
haben kciaen Arzt verdrängt. Itn Otgentdl, sie haben 
das Publikum aufgeklärt und ihm tiahegfeEegt, wie 
w^ichtig es ist, im Ernstfälle gleich einen Arzt zu 
rufen. Nein, liehe r Kt ich über, nicht verbiet ea würde 
ich die Aufklärung, sondern sie von Gesetzes wegen 
einführen lassen. Nur wo Wissen ist, kann sicfi Wahr- 
heit und Gesundheit entwickeln, 5o hat Virchow ge- 
dacht, und so denken unsere ersten Kliniker, die ea 
jetzt nicht unter itirer Würde halten, populär-wissen- 
schaftliche Bücher zu schreiben, um das Volk aufzu- 



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— 88 - 

klären. Nur aus diesem Qninde, weil solche Büclier 
nicht in genügender Aniahl exietiercn, liest derSeifej>^ 
sieder Bocksbart die medizinischen Zeitiang:ea und 
delektiert sich daheim an der ^^niseligen Lektüre der 
div^r^^r Nfaturhpilbür-h^r, der neu^n Hetlmelhoden und 
»O weiter^ wie sie alle heißen mögcrii. Nein, nein, 
wir Arzte dürfen die Waffe üer wissenscti ältlichen 
Aufklärung nicht aus der Hand geben und den Kur- 
pfuschern überlassen, Bitdung stört mich niemals, nur 
die gewisse Hafbbildurig, die, ohne sicheres Fundament 
aus aJlen möglichen Konglomeraten zusammengesetzt, 
in dem Gehime tnehr Unheil stiftet, als man glauben 
sollte. Die Medizin ht eine ungeheure Wissenschaft, 
und wean der Laie einige der vorzüglichen populären 
Schriften g&Usen hat, wie sie jetzt die deutschen 
Arzte für das Volk schreiben^ so wird er sich üben 
zeugen, wie schwer es ist, ein Ar2t zu sein^ daß es 
überhaupt unmöglich kt, seinen eigenen Arzt tu spielen, 
und er wird nie den Versuch machcrt, sich und andere 
in leichtsinniger Weise zu behandeln, wie er es tut, 
wenn er eines jener dickleibigen Bücher, wie .Platen* 
und jBilz*, studiert hat, die ihn in einer Woche zum 
vollständigen Meister der gesamten ti eil künde machen. 
Das Volk muß aufgeklärt werden, daß noch sieben 
Jahre Hochschulstudiurti keinen Arzt ausmichen, daß 
cret die Derührudg^ mit dem kbcndig^cii Material der 
Praxis jere brfahrung scbatft, die für jeden Arzt eine 
individuelle ist und die mit ihm, für alle anderen ver- 
loren, ins Grab sinkt." 

In diesem Moment stürzte der Pikkolo, der die ganze 
Zeit aus Angst, um sein guteä Trinkgekl zw tommen, 
den Seifensieder aus dem Hachbarhause argwöhnisch 
beobachtet hatte und den ersten Moment benutzt«, 
die freigewordenen Zeitungen zu erhaschen, auf den 
Do^ktoren tisch lu und überreichte Kriehtiber die ge- 



f^i^i^filif O'iqinalfrom 

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— 89 ^ 

wünschten Blätter, Kriehuber sah seinen Kollegen 
Lerchmann herausfordernd an und safile zu dem 
Jungling: „AX'ejßt du vielleicht auch achoJi, was drin 

Der Pikkolo wari sich in die Brust: ^^NatürÜcK 
weis ich's; mein Vater ist ja Hfibner^mgennperateur^ 
da interessiere ich mich halt auch für die Medizin," 

»gNa^ da hab'n wir die Bescherung. Jetzt Ist dieser 
Raubersbub da audh ädicn ein gebildeter Patient I 
Kellner! — Zahl'ol" 



C^i^i^filif O'iqinalfrom 

' '^^^*^^^<- 'RIHCETOM UNIVERSITV 



Die Tante. 

Schreekgespenst möner Jugend — hebe didi hin- 
weg! Oder vie[inehr komme herzu, daß ich dich 
fassen und schildern und mich so von dir befreien 
kantL 



Witviel Tanten gibt es? Wer hüt sie geitäliU? 
Ich weiß es nicht, aber man müßte eine strenge Unter- 
scheidung machen können zwischen echten und falschen 
Tanten. Meine Idiosynkrasie gegen die Tanten ist 
eigentlich meinem Wahrheitsbedürfnis entsprungen. 
Man lächle nicht — — ^ es ist doch so. Als ich 
noch ein Id einer, selir l<leiner Junge war, wurde mir 
jedes Wesen weiblichen Geschlechtes, das innerhalb 
meines Horizontes auftauchte, als Tante vorgestellt 

^j Willi, mit der D^me mußt du sehr lieb und freund- 
lich sein, das ist eine neue Tante/' So hieß es jedes- 
mal. Die Zahl der Tanten war ung'ehetier. Von der 
Welt hatte ich ung;«fähr folgenden Begriff: 131 e Be- 
völkerung eines Landts settt sich iusammen aus 
Mänrterr], Dienstboten und Tanten. 

Bald hatte Ich es heraus^ d^B man mir mit den 
„Tanten" etwas vorgemacht hatte. Das kam so^ Ich 
war gerade in der iiA-eiten Voilcssch ulklasse und ein 
recht toller, dummer Jiing:e. Von den zahlreichen Tan- 
ten, die mir zu jener Zeit das Leben verbitterten, 
war mir Tante C^pp am meisten verhaßt Vor allem 



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_ gi „ 

war sie alt und häßlich und ich habe schon in der 
Jugend einen ungestüm eti ScEiönheitsdrang ebenso- 
wenig unterdrüi:ken können, als ich die Jugend auf- 
fallend dem reiferen Alter vorzog^. 

Tante Czapp halte eine dicke Nase, am Kitin eine 
große, mit langen weißen Haaren besetzte War2;e und 
trug Sommer und Winter einen graßkairicrten Schal 
um die Schultern, (Dieser sollte, wie ich später er- 
fuhr, die mangelhafte Toilette vor d«n iüs lernen 
Blicken der boshaften Nachbarn und Nachbarinnea 
schützen.) Sie lehte von einer kleinen Pension und 
hatte also keinen anderen l.ebensn^eck, ;ils für die 
Verbreitung der ^wichtigsten Neuigkeiten tu sorgen. 
Jedesmal kam sie wie eine Bombe in unser Maus 
und platzte schon bei der Türe. Sie hatte längere 
Zelt in Hamburg gelebt und jedes „s'^, das sie aus- 
sprach, wirtte wie ein vei^fteter Dolchstoß, unsere 
Feindschaft entstand auf folgende Weise. Eines Tages 
fitürzte sie 2\it Türe herein und das Trat seh dy na mit 
fing beim Anblick meiner lieben Mutter üofori Teuer 
und explodierte. 

„Was sagen Sie, Frau Nachbarin, 2ur Frau Ober- 
müllcr? Seit ihr Sohn im Konzert mitgespielt hat, 
ist ja mit ihr nicht mehr zu reden, Sie bläht sich 
wie Ein Frosch auf — ich sage Ihnen — wie ein 
aufgeblasener Frosch und kräht ja FÖmiHch wie 
ein Hahn.** Ruhig saß idi Heuchler über meinem 
Sprachbuche, in dem einige Absugbilder eben meinen 
Geist intensiver beschMtigt hatten, aie die gegen- 
wärtige und mitverg^angene Fonn. Aber diüse Neuig- 
keit brachte mich außer Rand und Band. Eine Frau, 
die sich wie ein Frosch aufblast und wie ein Hahn 
kräht. Das mußte ich mit eigenen Augen sehen, mit 
eig^enen Ohren hören. Leise und ruhig schlich ich 
mich hinaus, als oh es sich um alltägtichej. geringe 



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— f)2 — 

Dinge handeln würde. Rasch eilte ich über die steile 
Treppe hinunter imd galoppierte förmlich über den 
Hof 7ur Frau Oh^rmüller. Der Junge war mein 
Kollcg^t und so war der Besuch nidits Auffälliges. 

Meinen „Freund" traf ich nicht zu Hause, aber 
die freundliche Mutter kniff mich liebevoll in die 
Wange und wollte wissen, was mein Begfihf sei. 
Da faßte ich mir ein Htrz und ^ti^tand ihr, ich häUe 
vernommeii, sie könne sich wie ein Froscti aufblasen 
und wie ein Hahn trähen, das möchte ich für mein 
Leben gern einnial sehen und hören. Meine Muifcr 
könne so etwas nicht. 

,,Wer hat dir denn diesen Bären aufgebunden, du 
nairisdier Bab', du?" 

„Die Frau Czapp liafs soeben meiner Mutter 
er^hlt Nach dem Konzert, wo mein Freund Oskar 
g^e spielt hatj haben Sie sich wie ein Frosch aufgeblasen 
und haben danii gekräht wie ein Hihn.'' 

Frau Obennüller wurde damals so purpurrot 
und ihre Augen quollen so weit aus deu Höhlen 
lietaus, daG idi wJrklidi g;]aubte,, die Nachbarin be- 
fifinne sich wie ein Frosch aufzublasen. — — ^ ^ 

Dann kräbta — ja krähte sie einige unverständ- 
liche Worte und wies mir die Tür. — ~ ^ — — 

Schon am selbigen Abend erdröhnte der weite 
Hcf unseres Hauses voti den Schlachtrufen der strei- 
tenden Tanten. Alle Stimmen übertönte jedoch Tante 
Czappg tief dröhnender KonmandobaiQ, vor dem selbst 
ihr seliger Galtei» ein Steuerexekutor {!), ins Jenseits 
geflohen war. 

Ich hatte wenig Grund mtn Lachen, Als schuld- 
tragender Teil wurde ich von meiner Mutter unter 
Assistenz der Tanle, die mich den eriürnlen Göttern 
am liebsten gebraten zum Opfer gebracht hätten strenge 



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— 93 - 

bestraft und eine Periode schwerer Tage begann nun 
für mich. 

Denn Tante Czapp ließ keine Bombe mehr platze fu 
bevor sie mich airenge kontrolliert hatte. Meine Bücher 
wurden durchgesehen, meine Aufgaben kritisiert. 

,,Hast du nichts zu lernen, fauler Slingel?'' ziächte 
sie, wenn ich ein Gespräch belausciien wollte. ,,jVlars 
zu deinen Bücliem." 

Oh — wie ich sie haSte. Mit kaltem Blute hätte 
ich ihr eine Falle stellen können, wie sie die jä.ger 
den wilden Tieren vorbcreittn. 

Ich ütierstand diese lantej — wie man ja schließ* 
lieh jede Tante übersteht. Ein freundliches Geschick 
führte sanftere Fraucngcstaltcn in meine Nahe und 
ich fand dieselben tnanctmiäl gar nicht so übd- Die 
Zeit verwischte mit leisem Finger die Spuren der 
Iraurjg^en Erlebnisse und selbst Tante Czapp lebte 
In meiner Erinnerung als ein Endprodukt jener 
Büßen Früchte, die uns schmachtende Jünglinge gar 
zu häufig verlocken — anzubeiBen, 

Plötzlich fing jedoch die Tanie Czapp wiederum 
an, in meinem Leben eine verhängnisvolle Rolle zu 
spielen. Ich wurde Arrt und begann eben den dor- 
nenvollen Pfad zu beschreiten, der ia jenes Reich 
führt, das die Mitwelt mit feiner Ironie nach einem 
lateinischen Wahrwone „Praxis aurea*' nennt. Aurea 
heiBt n^imhch die goldene, worunter unter den jetzi- 
gen Verhältnissen selbstverständlich Talmigold zu ver- 
stehen ist. 

Auf diesem leider so dornenvollen Pfade kam mir 
das Schreckgespenst meiner /ug^end in einer ganz neuen 
Spezies als „medizinische Tante" entgegen. Es war 
bei einem meiner ersten Fälle. 

Zitternd mid an m einem Können verzctgendj 
untersuchte ich ein brüliendeSj mit den Füßen stamp- 



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— 94 — 

fendes und im Bette sich hin und her werfendes 
Kind Wie ich nach meiner muhsdi^en, eins halbe 
Stunde dauernden, iibergrürtdiichen Untereuchung 
konstatieren konnte, hatte sich das Kind durch den 
Genuß von einigen Zwetschkenknödeln, 2wei Äpfeln, 
einer Handvoll Zuckerl usw. etwas den Magen über- 
lade». Kaiuti Eiatte ich den besorgten Qtein diese 
scharfsinnige Diagnose mitgeteilt, als eine bisher von 
mir unbeachtete Oame das 'Ä'^ort ergriff; „Olaiibpn 
Sie DJdit, Herr Doktor, daß dies ein verschlagener 
Lungendampf ist und daß man dem Kind eine Talg- 
kerze aufs Bäucherl legen soll." 

Für einige Minuten war ich sprachlos. Dann ver- 
suchte ich naiver Mensch mit der ganzer Geistes- 
schärfe moderner Wissenschaft der Dane, die mir 
von den Eltern als „Tante'" vorgestellt wuide, das Un- 
lug;iädie ihres Ausspruches nachzuweisen. 

Da kam ich schön an. Ein un aufhaltsam er Rede- 
strom, gewür2t durch zahllose medizinische Beispiele 
eigener Erfahrung eigoß sich über mein Haupt 
Und ncKTh am selbigen Abend wurde mir brieflich 
bedeutet, ich hätte nicht mehr nötig, mich tu be- 
mühen, dem Kinde gehe es sehr gut, man werde 
mich schon wissen lassen, wenn es, usw. — — 

[dl bin nie wieder in dieses Haus gerufen wor- 
den, aber ich habe auch nia mehr im Leben etner 
Tante widersp rochen, 

Sa^ irgendeine Tante r „Glaubens net, Herr Dok- 
tor^ daß das Wasser von Q'him sich in den Fuß 
g'setzt hat?'' — so sage idi drauf: „fZs kann schon 
sein, so ähnlich sieht's aus, ich glaube aber doch, daß 
es eine Influenza ist."'* Sagt die Tante: „Glauben 
Sic nicht, vcrehrtester Herr Doktor, di6 in diesem 
Falte eine Abkochung von Ziegenstank und Mist- 
käfern am Platte wäre?" so antwfirte ich mit größtpr 



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— 95 - 

Seelennihe^ „Man sieht, <laß Sie eine erfahrene Frau 
sitid; das Mittel ist sehr gut, ich möchte aber dc»ch 
mit ihrer gütigfn Erlaubnis in diesem Falte mein 
Glück mit d^r Salizylsäure versuchen,'' 

Alles Böse in deiner Praxis kommt von irgend- 
einer Tante her. Wird ein anderer Ant hinter deinem 
Rücken gerufen CKJer verlangt die in ihrem Vertrauen 
erschütterte Familie bei Jedem Insektenstiche ein Kon- 
liiliiim mit einem Professur, wird eiin Medikament 
verkehrt verabreicht, findest du den Kranken atiBer 
Bett, obgleich du ihm bestimmt aufg'e tragen hast, noch 

einige Wochen im Bette zu liegen, forsche 

in allen diesen FäÜen ^enau nach und du wirst 
sehen, daß alle Spuren zu einem Ziele führen: Zur 
Tante. 

Und auch diese Tanten sind selten waschecht, sind 
meistens Pseudotanten, — Die echte, liebe Tante 
mit ihren mit Bonbons gefüllten Taschen, dem liebe- 
vollen Herzen^ der offenen^ freigebigen Börse und 
der riesigen Erbschaft, ist leider im Aussterben be- 
griffen. Schon sehe ich den Moment herankommen» 
wo man »ie in ^oulu^ächcn Gärten ah einer der 
letzten Exemplare einer aussterbenden Spezies an- 
staunen wird. Um den Hals wird sie ein Tätelchen 
tragen mit der Inschrift: Vermodert, bitte nicht zu 
bertihren. 

Die falsche Tante jerfrch wird der gruseln den Nach- 
welt nur in Folterkammern vorgeführt werden, Ihr 
Platz ist neben der eisernen JungfraiL Aber im Gegen- 
satz zu dieser wird sie innen ausgestopft sein und 
nach außen zahllose Stacheln tragen. 



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' ^*-''-'g"^ 'RIHCETOM UNIVERSITV 



Die Nachbarin! 

Der Nachbar! Wie herrlich klingt dies Wort! Wie 
ein siolzer, majestlüach dahinbrausender OrgeUon, über 
de» sicli die schausten Harniofilen aufbauen lassen! 
Aller sozialer Fonschritt ist im Grunde genommeo 
mii den Nachbar ziiriickzuführen. Was war der Mensch, 
bevor er den Nachbar kannte? Ein einsames, wild 
lebendes Halbtier, das in jedeiu Menschen einen Feind 
sah, der ihn in seinem Anteile an der Natur schmälerte, 
der ihm seinen Kampf um das täg-Iiche Dasein er- 
schwerte. Mit dem Nachbar entstand def erste Mit- 
mensch, der erste soziale Fortschritt, das eßte soaale 
CefühL Der Nachbar hat die Dörfer^ d[e Städte, die 
gfußcn Gemeinwesen^ die mächtigen Nationen gebildet 

Wie schlecht ist es in der Weif eingerichtet, daß 
alles Gute, aller Forts chrilt immer etwas Böses, 
imrier einen g^e wissen Riictschritt mit im Gefolge hat 
Kaum hatte der „Nachbar^' seine Existenzberechtigung 
erworben, so stellte sich die „Nachbaria*' ein. Gibt es 
eine schlechte Eigenschaft, die man einer Nachbarin 
nicht zutrauen könnte? Wer verbreitet böses Gerede 
über unser g-ewohnheitsmäßiges Leben? Wer redet 
unsere Dienstboten ab? Wer macht sich über uns 
lustig? Wer verfolgt unser Stieben mit Neid und 



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' ^*-''-'g"^ 'RIHCETOM UNIVERSITV 



— g? — 

MiÖgUJist? — Die Nachbarin. Was IicBe sich nicht alles 
von der Nachbarin er?ih]pTi, wenn man alle ihre 
schlechten Eigenschaften des Breiteren schildern wolltet 
Idi glaube, man könnte ßände füllen. 

Wenn ich hier einen schwachen Versuch unter- 
nommen habe, die Psychologie der NadibEtrin klar- 
zulegen, so geschieht es nur, well ich sie in meinem 
ärztlichen Benile besser kennen gelernt habe, als irgend- 
ein anderer. Und was ich jetzt von ihr sagen will, das 
gilt nur von der Nachbarin, die ich auf meinen Strcir- 
zugen durch die kleine und große Weit menschlicher 
Leiden kennen gelernt habe. 

Du trittst zu einem Kranken ins Zimmer und bcr 
merkst zu liäupten seines Bettes eine hagere, didi 
tnißtrauisc:h heabachtend?, kaum mit dem Kopf auf 
deinen GruB dankende, dir sichtlich unsympathische 
Person. Dreiviertel aller Nachbarinnen sind nämlich alt 
und mager ujid unsympathisch. Es ist ein unlösbares 
Rätsel, wo au die hübschen, schönen, wohlgelormten 
Trauen hingekommen sind, wenn man nur die Nach- 
barinnen kennt Also, besagle Dame wird dir von 
der Frau des Hauses vor^festellt; „Frau Müller, unsere 
liebenswürdige, aufopfernde Nachbarin, ohne die wir 
läng'sl zugrunde gegangen wären.'* Es ist merkwürdig^ 
aber wahr. Ohne Nachbarinnen gellt man immer 
zugrunde. Du beginnst d^ine Untersuchung, wobei dir 
die Nachbarin aufmerksam auf die Finger schaut, 
notabene mit dem rechten Auge, während sie mit dem 
linkea die große Pendeluhr kontrolliert, itm nachzu- 
zählen, wie Viele Minuten dein Krankenbesuch ge- 
dauert hat. Kaum bist du mil der Untersuchung^ 
fertig, sagst der Familie deine Ansicht über den Fall 
und schreibst ein Rezept auf, so meldet sich sction die 
Nachbarin. „Eine Infaulenzia soll's sein, Herr Dok- 
tor? Olaubett S' net, daß da£ verschlafene Wind* 



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— 9B — 

sein, die durch eine Verkühlung vom Bauch m den 
Kopf g*stieg*n san? Woher soll denn sonst der 
damische KopfscEimerz herkommen, als von die Wind^? 
Und glauben S^ net, daß man am Baudi a Wind- 
salb'n einreib'n und an festen Ölfleck, an recht an 
beiQ'n, vom auf die ßnist legen eoU? Mir hat's immer 
g^holfn und idh hab' schotn hundert von Leuf damit 
kuriert. 5e[bst an alten Kittmeister, der an Milzbrand 
^habt hat und den alle DoMers aufgeb'tt harn." Die 
Geschichte van dem geheilten Milzbrand erzählt sie 
na tn Eich in zwanzig Variationen, wobei der {Rittmeister 
gatiT merkwürdige Metamorphosen durchmacht. Bald 
vrird ei ein Prälat, bnld ön Obersthofmeister, bald ein 
Eierbrauer, bald ein Hausmeister, Nur der Milzbrand 
jst das einzig unabänderliche in dieser Geschichte^ 
die ihr in der Umgebung den Ruf eines Wunder- 
doktors und den Beinamen die „Milzbrandige" ein- 
getragen hat. 

Du bleibst all diesem Redeschwall gegenüber stand- 
haft, verweist auf deiue Auordiimigen und entlenist 
dich in mögf liebster SchnelJe, Was nun vorgeh tj kannst 
du dir nach eigenen Becbachtnngen sehr lebhaft denken. 
Die Nachbarin setzt sofort ein: „Na, hörn S', an schön* 
Doktor haben S' Ihna ausg' sucht, eine g'sclilagene 
halbe Stund' hat er an Ihrem armen Alann 'mm' 
klopft, düü 's mich wundern tut, daS er net den ganzen 
Brustkorb z'sammg^schlag^n hat. Da is mel Hausarzt, 
der Doktor Schätzt nger^ ganz anders. Der kommt 
nur eini, wirft an Blick auPn Kranken, greift sein' 
Pulü und wtiiO ^lIlüo alles. G'^ithtsaus drucks künde, 
sagt der Doktcr Seh atzt nger, mu3 a Arzt kentia. Dös 
i% noch aner vom alten Schlag. Was versteh'n denn 
die jungen Doktors heutzutag? Gar nix. ReiJi gar nix! 
Müssen erst a halbe Stund' lang 'nimklopfn und 'rum- 
hofch'n, nachher lassen s' &ich das gewisse Safterl 



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' ^*-''-'g"^ 'RIHCETOM UNIVERSITV 



— 09 — 

kotnmen — eh schon wtescn — und tun es chemisch- 
analytisch untersuchen, zapfen einem 's Blut ab, schaun 
mit dem Perspekttv auf die kleinen Viecher, die ßak- 
2illen, die noch ka vernünftiger Mensch not g'seh'n hat 
und wann's gfut geht, wissen s' nach vier Tagf'n den 
fremden Namen von der Krankheit. Und gewöhnlich 
is er falscli. Da h der Doklor Schatüinger a gatiz 
a anderer Mann. Frau Müller — liat er tu nur g'sagl — ^ 
an Ihnen is a großer Doktfir verWpn 'g^angeti, Sie 
hab'n entschieden a medluniscfaes Talent. Wann i 
waß, daß So wo in an Haus san, bin i eigentlich über- 
flüssig. So hat er g'sagt. Folgen S* mein' Rat, lassen 
S' 'n die Mordsmedifiti gar net machen und holen 
S' lieber glel den Doktor Schatzingen" 

Hast du bei den Leuten einig[es Glück gehabt und 
haben sie ein Restchen Vertrauen zu dir, so widerstehen 
sie vurcräl der Versuchung, den bt:ni hinten Arzt tu. 
holen, den die Nachbarin so warm empfiehlt Wehe 
dir, wenn es nicht gleich besser wird! Wie ein Rache- 
engel bewacht die Nachbarin die Fortschritte der Krank- 
heit und die erste Gelegenheit, die sich bietet, benutzt 
sie, tJitt dich, wie m nitt dem fach technischen Aus- 
drucke heißt, „hinauszubeißen^^ Aber glaube ja nicht, 
schöne Leserin, und ich betone es, daß du schön bist, 
weil ich damit einen erfreulichen Gegensatz zu der 
oben grau in grau geschildertea Nachbarin hersetzen 
will, glaube also |a nicht, daß der Doktor Schätzt ngei 
seines Sieges so letcht froh wird. 

Erstens empfärtgt er eines JWorgens um 7 Uhr 
dtn Erijucli der btrsagteii Frau Müller, die in dem 
Glauben lebt, die ganze Praxis des Dr, Schatzinger 
gemacht zu hatien. Infolgedessen tyrannisiert sie ihn 
auf unglaubliche Art und Weise, erscheint zu allen 
möglichen und unmöghchen Tagesstunden in seiner 
Wohnung, hält ihn stundenlang auf, worauf sie die 

7» 



C^r\r\cs{£> O'iqinalfrom 

' "^^^^^^^ 'RIHCETOM UNIVERSITV 



^ 100 — 

verlockendsten Bilder neuer zu erobernder ,, Häuser" 
entwirf i, aus denen sie den Hausarzt mit Bestimmt- 
heit hinausbeißen wifd. „Herr Schatzinger/' sagt sie, 
zu einem ,l~Teir Doktor* hat sie sich noch nie auf- 
geschwungen, „i bin her»kommen, um Sie zum Haus- 
besorger nebenan ins Zwölferhaus ru ruJani schaun 
S\ daß 3' Ihna duri äus^cidincn und das hlausi be- 
halten ; hat eil R^tmg Arbeit 'kost, bis ich den Dr. Kram- 
perl ^nausbiss^n hab'. Wissen S', der Herr Krampe rl 
ist der Doktor vom Haushtrm. Und wann der HauS' 
herr se^n wird, daß Sie den Hausbesorg^ef g'sund 
g'macht hab'n, nachher laflt er sich vnn Ihnen auch 
behandeln. Und da können S' Ihna g^ratulieren. San 
sechs Kinder im Haus und der Doktor geht la aner 
Tour atts nnd ein.'* 

Nachdem sie dem Doktor Eine ausführliche Schil- 
derung; kommender Honorargcnüssc entworfen hat, 
verbreitet sie sich des weiteren über jene gebeim- 
nisvolte Taktik, die er einschlagen muß, um den Haus- 
besorger aus dem Zwölferhaus sicher zu erobern. 
Eine alte Tante ist da, mit der er sehr höthcti seitt 
muß; er möge ja nicht vergessen, das schöne Hundert 
— den Affi — zu loben, obwohl er in Wirklichkeit das 
tiä 6 liebste Vieti sei^ das die Wienerstadt gesehen habe^ 
er möge ja nur eine recht große Flasche Medizin 
aufschreiben, weil die dummen Leute dort recht viel 
zum Einnehmen haben wollen, und — um Qoltes 
willen» er soll ja nicht versuchen, kaltes Wasser an- 
zuwenden, durch das der Großvater selig* des Herrn 
I lausbeü orgers ein mal zu Tod verkühlt wurden sei. 
An die Wjndsalbe und den wannen Ölfleck soll er 
wc>tnöghch auch noch denken und dann müsse es 
mit dem Teufel Eugehen, wenn ci nicht den Haus-* 
besorger mit der ganzen Familie und dann nachher 
den Hausherrn erohere. Bei die^^er GeiegenhEÜ möge 



f^i^i^filif» O'iqinalfrom 

' "^^^^^^^^ ■ 'RIHCETOM UNIVERSITV 



— 101 — 

er niclit versäumen, dncn Sprung zu ihr hiaauf zu 
machen, ihre Köchm habe das „Kheuniati$ch£" und 
wolle nicht wasthen. 

i^Ich käiV s* gern zu Ihn a g^'schlckt in die Ordina- 
tJonsstuRci, aber 's MadI kommt gar so schwer ab^ 
weirs tim die Zeit 's fi'schirr waschen mufl, und da 
hab* i mir denlct^ wattn Sie eh* in der Näh' san, 
machen S' an Sprung auffi in vierten Stock und schaun 
S' Ihna 's MadI an. Wann S' was finden, um Gotfs 
willen, nachher eag^n S' ihr's erst recht net, nur mir, 
sonst verdreht s' mir den Kopi, wird grantig un<f will 
net arbeiten. Und in der Krankenkasse ts s' a net. Ins 
Spital Behielten derfen' s' net Wann e' wirklich krank ts, 
soU s' zur Tant^ nach Enzersdorf ^iiausfahr'i], wo s' ganz 
ruhig 2. paar Tag liegen kinn, ohne daß die Doktors 
im Spital an ihr hertimshidieren. Und merken S' Ihna, 
das Hunderl, den Affi, müssen S' lot^n und mit der 
att'n Tant' recht Freundlich sein, nachher wird's schon 
geh'n. Pflat Ihna Qotl, und vergessen S' Ja net, gleich 
die erste Visit dort zu machen, denn die Leuf san 
schon ungeduldig und warten auf Ihna, wie auf den 
leibhaftigen Hcrrgoff." 

Glaubfif du, daß dies alle A/Lissetaten der Nachbarin 
sind^ die du crlebErn kannst? Plötzlich taucht bei cineni 
Kranken ein altes Rezept auf, das ang;eblic[i schon seit 
zwan2tg Jahren Wunder wirkt. Wer hat es gegeben? 
Die Nachbarin ! Unvermutet er fahrst du, daß der Kranke 
bei einem Professor oder in der Klinik gewesen ist, 
ohne dich gefragt 7U hahen. Wpr hat'-! ihm geraten? 
Die Nachbarin, Zu d<^incm Entsetzen bcrneikst du, daß 
der Kranke nach einem schweren iVlagenkatarrfi im 
Eette sitzt und verg:ebljch versucht, ein „G'seiclits mit 
Knödeln^' hinunterzuschlingen. Wer hat ihm diese 
empfehlenswerte Rekunvaleszentenspcise aufgedrängl? 
Natürlich wieder die Nachbarin, 



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— 102 — 

Ich habe mir schon oft ücti Kupf zerbrixUcii, warum 
es die Nachbarinnen gerade auf uns Arzte abgesehen 
haben. Hat man schoo je gehört, daß eine N;*rhb3riti 
zu der Frau des Hauses g^esagt hat: ,,5^e haben so 
schlecht genähte K'eider und zahlen so teure Preise 
dafür, bitte, versuchen Sie 's doch einmal mit meiner 
Schneiderin, die viel billiger ist und sehr viel Geschmack 
hat/' O, das wQrde sie niemals tEin> weil sie fürchte t^ 
selber ]äng:er auf ein Kleid warten zu müssen, wenn 
die bewußte Schneiderin allzuviel beschäftig;! ist. Oder 
hat man es je gehört, daß üu eine Nachücuin m einer 
jungen Frau gekommen ist und gesagt hat: „Ich be> 
merke mit Schrecten, wieviel Kummer und VerdruB 
Sie mit Ihrem Dienstinäddien erleben, Ech habe eine 
Köchin, die geradezu das Muster aller Köchinnen ist. 
Bitte, nehmen Sie doch die mefne, damit Sie auch 
einmal sehen, was ein braves, gutes, bescheidenes 
Dienstmädchen ist'* Oder hat man es je gehört, daß 
die Nachbarin Advokaten, Engfenleure, Seelsorger, 
Kohlenlieferanlen, Hütine taugen Operateure, Friseurin- 
nea hinausgebissen hat? Wenn es vorkooimt, sind es 
sicherlich AtisnahmefälJe. 

Nui auf die Arzte haben es die Nachbarinnen ab- 
gesehen und führen einen erbitterteil Kampf gegen 
den jeweiligen Hausarrf. Und doch sind diese Art von 
Nachbarinnen noch ungefährlich im Vergleiche mit 
jenen^ welche den Kampf gegen die Schulmedizin, 
gegen die neue Hejitnethode aufnehmen. Es gibt noch 
immer Nachbaritinen, die auf Homöopathie, falsche, 
übel verstandene Naturheilmethodc, BaUnscheidtismuSj 
Magnetismus und dergleichen Dinge mehr schwüren 
und SG lange bohren, indem sie von Mordmcdtzin und 
Vergiftung sprechen, bis man seh He Blich , um sich nicht 
später Vorwüife zu machen^ nachgibt und den be* 
treffenden Me&sias herbeiholen läßt 



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-- 103 — 

Eil berutimter Kliniker behauptete einmal; von 
zwei Dingen glauben alle Menschen etwas zu ver- 
stehen: von der PoUtik und der Medizin. Und eta 
Joumalst schrieb in einer Annierkung^ dazu: Es wäre 
gerecht, auch die Kunst hinzuzusetzen. 

Die Nachbarin vereinig aÜe drei Kenntnisse in 
ungeahnter Weise. Sie betrachtet dJe Medizin als die 
Kunst kleine Politik zu treiben. 



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Der Migränesttft 

Offizial Stölzl war ein Hypochonder, Die meist«]] 
Leute stellen sich unter einem Hypochonder einen 
griesgrämigen, bärbeißigen, intmer schlecht ^eSaunten, 
mürrischen Menschen vor. Das entspricht nicht den 
Tatsachen. Ja^ man kann ruhig; behaupten, diese Sötte 
der unangenehmen Ji/pochonder stirbt langsam aus» 
während eine zweite AH täglich häufiger wird^ nämlich 
die der liebenswürdigen Hypochonder Stöld war der 
beste Mensch, den man sich vorstellen konnte. Fast 
allzu bescheiden für seine großen Fähigkeiten, war 
er der Liebling aller seiner Kollegen, das Schoßkind 
der Vorgesetzten, deren Wünsche er aufs gewissea- 
faaf teste erfüllte. Seine Kollegialität bewährte sich iti 
den schw^ersten Fällen und die unangenehmen Seiten 
seiner Hypuchundrie fühlte niemand anderer als er 
selber, 5o ein Hypochonder ist nämlich immer ein 
Mensch, der über eine Unmasse überschüssiger Ener- 
gien verfügl, Von denen sein Beruf nur etJicn Teil 
verbraucht. Während nun vemiinitige Leute, oder 
hesser ausg^edrückt, glücklich veranlagte Natiirenj diese 
überschüssigen Energiemassen in verschiedenen Neben- 
beschäftigungen, wie Kunst, Sport, Spiel in jeder Fomt 
umwerten, verwendet der Hypochonder diese brach 
liegenden Kräfte zur Beobachtung seines eigenen Ichs. 
Nun ist der menschliche Körper in vielen seiner auto- 
matischen Funktionen eine merk würdigte Maschine: 
am besten läuft der Automatismus ab, wenn daa ße- 



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— 105 - 

wußtsein steh gar nkhf Tii nein mengt. Unter der Krittle 
des Bewußtseins beginnt die Maschine unrcgelmäBig 
zu arbeiten, sie stockt bisweilen und gerade das, was 
man durth die genaue Beobachtung verhindern will, 
«nt£Uhl nur durch die illzu genaue Beobachtung: 
dne Krankheit Es ist Ja bekannt, daß ein Oelehrter, 
der seine Gedanken beim Einschlafen genau fixieren 
wollte, £ch1i«^ßlicli an Schlaflosigkeit erkrankte. 

Dodi kdifca wir niteh dieser kkitJen Absdiwdfuug 
tu dem Mittelpunkte unserer heutigen AuSielnander* 
5et2ungeii, zu Herrn Offizial Stölzl zlirüclc. [ni höch- 
slcti Grad« erregt ging' er heute tu seinem Bun^au 
4uf und ab. Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick auf 
ein vor ihm liegendes Zf iiungshlatt, blickte dann ängst- 
lich in den Spiegel, besah sich seine Augi^n, seine 
Zunge, kontrollierte seinen Puls, der heute zu seinem 
Schrecken 68 statt der gewohnten 64 Schlägre in der 
Minute aufwicE, seufzte letse und raffte sich plötzlich 
zu einem Entscrlilusse auf. Mit einigen Worten vt:r- 
stand ig;te er seinen Vorstand, daß er seinen Arzt auf- 
suchen müsse, ergriff seinen Überzieher und seinen 
Schirm, von dem er sich selbst beim sdnönsten Wetter 
niemals trennte und verließ die Stätte seiner Wirk- 
samkeit linier Stj^iinfn seiner sämtlichen Kollegen, die 
sich seit zehn Jahren rieht eines derartigen außer- 
gewöhnlichen Ausj^anges ihres beliebteiij pflichteif- 
rigen Kollegen erinnerten. 

In einigen Minuten saß er schon im SteHwagen 
und eine halbe Stunde später stand er klagend vor 
seinem Arzte. 

,,Herr Doktor, ich habe eine Kok air Vergiftung, Sie 
haben mir während meiner Kur wiederholt die Nase 
mit Kokain £:e pinselt; o, wenn ich das £:ewubt hätte, 
was das für Folgen haben wird, ich hatte lieher weiter 
gelitten und geduldet.^' 



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„Was ist denn los, lieber Herr Stölzl?" 

„Heute habe ich erst in einer medizinischen Zei- 
tung, die mir üun:h Zufall in die Hanü kam, einen 
Fall von Kokainvergiftung; gelesen. Jetzt ist es mir 
klar, woher meine KopfBchmenen kommen. Das sind 
offenbar die ersten Zeichen einer beginnenden Kokain- 
Vergiftung," 

Der Doktor beruhigte seinen äng^tliehen Patienten. 
Die Kokatndoscn wären so klein gewesen, daß von 
einer Vergiftung gar keine Rede sein könne, auch sei 
es unmöglich, daß sich solch eine Wirkung vier Wochen 
nach einer Kur einstelle. Die leichten KopfBchmei^ett 
seien offenbar nervöijcr Natur und dürften auf etwas 
Brom sofort zurückgehen, 

„Ach, lieber tierr I3oktor^ nur nichts einnehmen! 
Ich habe von einem De kannten gehört, der sich mit 
Brom vergiftet hat. Können äle mir nicht etwas zum 
Einreihen gehen? Ein mildes äuRerltches Mittel?" 

„Freilich," erwiderte der geduldige Arzt, ,jauch 
das kann ich. Kaufen Sie sich einen Migränestift 
und bestreichen Sie damit morgens und abends die 
schmerzhaften Stellen.*' 

„Ist das vollkommen ungefährlich?" 

„Voli kommen:. Der Stift besteht hauptsächlich aus 
Menthol." 

„Menthol? Das ist doch kein Gilt?'* 

„Keine Spur. Das Mittel ist vollkommen harmlos." 

Wer da glaubt, daß ein Hypochonder nur traurige 
Stunden kennt, ist ein scHccliter Menschenkenner. Er 
hat seine Leiden und seine J=reudeii. Und sonderbar! 
Jedes Leid isl bei ihm die Quelle einer neuen Freude. 
Bildet er sich eine Krankheit ein und ist er darüber 
miglücklich, so genügen die beruhigenden Worte sei- 
nes Hausarztes und er ist übers el ig und sehr erfreut 
darüber, daß ihm nichts fehlt OfftzJal Stölzl ging 



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schnurstracks in die AjxitTieke, kaufte sich den vor> 
gieschriehf^nen Migrinestift, eilte dann in sHn Bureau 
zurück and erledigte mit Feuereifer alle seitie Akicti- 
stüdce. Er konnte es kaum erwarten, das neue Mittel 
anzuwenden. Var dem Schlafengehen, hatte der Doktor 
gesagt. Wie langsam die Zeit verstrich. Bis dahin 
mußte er noch den durapten Schmerz dulden, der über 
seinen beiden Auß:enlidern saß und ihn quälte, 
„Quälte"} diesen Ausdruclc fand er nicht richtig, e& 
war ja kein eigentlicher bohrender Schmerz, es war 
mehr ein uaangeaehmes GefüM, ein Ziehen. 

Endlich war er m seinem stillen Heim. Feierlich 
ergriff er seinen Mentholstift und fuhr zaghaft einige 
Male über die schmerzhaften Stellen. U^elch wunder- 
bare Wirkung] Mit jfidem Strirfie wurde der Schmerr 
geringer und schien sich vor dem Stifte förmücfi zu 
flüchten, so daß er in kurzer Zeit voUkomnen schmerz* 
frei war. So erging es ihm einige Tage, bis er eines 
Morigens, ins Bureau gekommen, einen gettsamen lolen 
Streifen auf seiner Stirne bemerkte. Gewöhnliche Mcu' 
sehen hätten ihn für einen Hutabdruck gehalten. L'nser 
liebenswürdiger Hypochonder wußte sofort, daß dies 
nur die giftige Wirkung des Migräne^tiftes sein konnte. 

Er telephonierte einem alten Freunde, einem 
ApnthE^ker, und hat ihn um die Au<;kunft, oh Menthol 
giftig wäre, ob man damit einen Menschen vergiften 
kenne. Der Apotheker meinte, es käme auf die Dosis 
an, man könne unter Umständen einen Menschen 
sogar mit Kochsalz vergiften^ geschweige denn mit 
Menthol, das entschieden ein stirteres Mittel wäre. 
Diese Antwort genügte, Stölzl war sich jetzt klafj eine 
chronische Menthotuergiftung erlitten zu haben. Wa& 
tun? Wie ein Blitz durchzuckte ihn der Gedanke, 
es wäre das Beste, das üift mit einem nassen Tuche 
fortiureiben. Gedacht, getan, Stöbl ri*b was er konnte, 



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— tos — 

aber zu seinem Entsetzen wurde der Fleck imtner röter 

und was ihn noch mehr erschreckte, diese Rnte brei- 
tete sich fast über die ganze Stirne aus. Wieder eUte 
Stölzl zu seinem Vorstand, flüsterte einige verlegene 
Wortt von einer sdiweren Erkrankung und verlieB 
schleunigst sein Bureau. 

Zu seinem Leidwesen traf er den Doktor nicht 

2U Hause; das Mädchen meinte jedoch, wenn «s 
dringend wäre, könne der Doktor verständigt werdeii 
und würde dann in einer halben Stunde hier sein l^ön- 
nen; c>r ?iM m einem entferntf^n Rexirk. 

Natürlich sei es dringend. Es handle sIcK um seia 
Leben, sie solle nur tele {>ho nie ren und zw^ bafd, 
augenblicklich} auf der Stelle! 

Die Minuten dehnten sich und die Stunde, die 
vErstrich, heiJor der I>:iktor erschien, wurde unsererti 
anticn Hypochonder eine Ewigkeit. Fortwährend 
t)lickte er in den Spiegel und rieb mit dem Taschen- 
tuch an der verdächligen Stelle herum. Wenn es nur 
kein Rotlauf war! Mein Qott, er hatte sich noch darauf 
gefreut, leben zu können und jetzt sah er schon den 
Tod vor Aügm. Endlich erschien der Doktor. Stöid 
berichtete ihm in fliegender Hast den S ach verhall 

„Lassen Sie mal sehen/* sprach der Etoktor. „Wahr- 
haftig, dit Stirn haut scheint gereizt zu sein. Sollte Ihr 
Migränestift gar verunreinigt sein? Oder haben Sic 
was Unrechtes gekauft? Lassen Sie mal sehen/' 

Zitternd überreichte Stölzl dem Doktor die Quelle 
seiner Kümmern i^se. Der Doktor öfhiete die hölzerne 
Hülse, besah sicii den ätilt, der tadellos und funkel- 
nagelneu schien und blickte dann arif seinen Patienten, 
der ein unendlich verblüfftes Gesicht machte. 

„Der Stift ist in Ordnung, ich kann mir Ihre Be- 
schwerden nicht erklären," meinte der Arzt 



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^ IM ^ 

„Liebster Herr Doktor/*' sagte verlegep, fast stam- 
mtlnd der dabei doch glückselige Stölzl, „seien Sie 
mir nicht böse, daß ich Sie so dringend herbemüht 
habe, aber der Stift kann tiicht die Quelle lueinei 
Krankheit sein^ weil ich nicht gewußt habe, daß er 
Oberhaupt aufg^eh* itn^ weil ich mich die gan^e 7-t\t 
über mit der bölzernen Hülse eingerieben habe. Wie 
kommt es aber^ Herr Doktor, daS mir der Migräne- 
stift in diesei Form dach die Schmerzen gelindert 
hat?" 

,,Das ist die Madit der Einbildung. Es Ist nicht 
das erstemal, daß ein Stückchen Holz Wunder gewirkt 
hal^ wenn es die ungeheure Kraft und den Einfluß 
des Ganüles als Verbündeten halte. Sotther JSlignine- 
stiite hat unser Leben sehr viele, Wii kennen ja von 
den meisten DingeTi, die uns besdiäftigen, nur die 
Schale und nie den Kern. Wenige Leute sind so 
glücklich wie haust, um ausrufen zu können: Das 
also ist des Pudels Kern!*' 



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Das Ohrenstechen. 

Ekfktor Backenbeißer ^viradite mit etnem gräßlichen 
Sdirei auf. ,^Uhu!" brüllte er, so daß auch seine sonst 
SO fest sdilatende, j^ewichtig^e Uattin sich erschreckt 
tJiti massiven EJchenbelte aufrit^htete. 

gjWas hast du dctiii, Alter?'' 

„Ein fürcbterlicher Traum) Ich habe mir das Ohr 
stechen lassen und dabei hat mir tnerit Kollege Max- 
hof er eine Nadel direkl ins Ohr gebohri,'* 

„Das ist ja grauenhalt; wie Icommst du denn zu 
diesetn Traume ?"' 

„Du welEt doch, daß Doktor Alavhofer seit drei 
Tagen krank ist und ich ihn vertreten mtiÖ. So habe 
ich auch die Nactibehandlung bei zwei Wöchnerin neu. 
Dfp *'ire hat ein JMädel, der soll ich heute die Ohren 
stechen/* 

„Das ist doch deine Pflicht — '* 

,^eine Pflicht aU Ant, alle Launen meiner Patien- 
ten zu erfüllen — ja wohl Aber innerlich wurmt es 
midi und kränkt es mich wie eine Schmach, die mir 
angetan wird Was sotJ mir alle unsere Kultur und 
unser Fortschritt, wenn wir noch bis über die Ohren 
tief in der Barbarei steckeo? Das Ohr^ehängt^ tragen 
ist auch so ein Rest, der sich aus der ieit der wilden 
Naturvölker in die Kultur eingeschlichen hat, Nasen- 
ringe, Mundringc^ Tätowierungen, alles im Grunde 
dasselbe wie die Ohrgehänge: Sc^hmuck des Körpers^ 



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— 111 — 

iiin den Mann anzulocken. Wie manche Tierweibchen 
um die Brunstzeit leuchtende Farben anlegen, um im 
Kampfe um die Liebe des Männchens Sieger zu blei- 
ben, so schmücken sich die meisten Frauen mit 
Brillanten, Boutons usw/' 

,jldi glaube, Ju übcrtrtibsL Es ist nicht so ar^g." 

tiNicht so arg — nein» noch ärger. Gestern habe 

ich ein interessantes Buch über Paris gelesen^ Der 

Name ist mir entfallen. Weißt du, was jetzt dort 

Mode — alJgcinettie Mode wird?" 

„Nein, woher soll ich das wissen ?'' 
^,So höre und staune Die Damen lassen sich die 
gewisse Stelle, die dem Säugling alles bedeutet, durch- 
bohren und tragen dort Ringe — Ringe, die sich 
unter dünnen seidenen Blusen diskret durchblicken 
lassen. Eine neue Quelle der sinnlichen Reize! Und 
wenn Paris befiehtt, muß Europa gehorchen — in der 
Mode wenigstens.** 

„Das wird eine anständige Frau nie madien. Das 
sind nur ,Ueminionde-Modeii'." 

,^Deminionde-Moden \ Du bist kindisch. Wns weißt 
du, einfaches Bürgerkind vom Lande, von den Moden? 
Jede Mode ist eigentlich Demimonde-Mode. Die Damen 
der Halbwelt diktieren^ sie geben den Ton an, sie 
eröffnen d«n Reigen und die anderen, Adel und Qeld- 
sack, tanzen nach. War der ,Cul de Paris' keine Demi' 
monde-Mode? Ich sae:e dir, die Busenringe werden 
bald so allgeimein werden wie die Ohrgehänge. Und 
idi muß dnt:ni wehrlosen Kiiidt: die Ohren stechen I 
Es ist empörend!*' 

„Es ist doch ein u agefährlich er Eingriff?** 
„Ungefährlich? Da täuacliat du dich. Nicht der 
kleinste Stich ist ungefährlichj weil er die Eingangs- 
pforte einer schweren Infektion werden kann. Häufig 
genug war das Ohrenstechen die Ursache eines Rot- 



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— 112 — 

law f es, dem das arme Kind mm Opfer gefallen isL 
Deshalb ist es vernünFtig- — wenn man schon bei so 
einem Unsinn von Vemuaft reden kann — , daß die 
Ehern diese Stecheret von einem Arzle besorgen lassen. 
Früher hat man sicli d£s vom Goldschmiede machen 
lassen^ der ein und dasselbe Instrument an unzähligen 
Kindern hintereinander gebraucht hat, ohne es m 
desinfizieren," 

„So viel weiß heutzutage Jeder Mensdi^ daD man 
ein Instrument desinfizieren tnuS." 

„Nfa — jeder Mensch — das ist sehr ühertriehen. 
Ich könnte dir ein schönes SQndenrcgisler von offent« 
Itdien Tc^llette kämmen und Bürsten, Gabeln und Mes- 
sern, Trinkgläsern und so weiter vorhalterL Zum 
Glücke für die Menschheit sind Infektionen verhältnis- 
mäßig sehr selten. Infcklionsmöglichkeiten jedoch 
sind uniähli^e.'' 

Damit beendete Doktor Backenbeiß er seinen täg- 
lichen Morgenseraion. Dieses friedliche Müfgen- 
gespräch war ihm ebenso Bedürfnis wie eine kriege* 
rische Ahendiinterhaliiing', bei der er seiner Frau all 
die Widerwärtigkeiten se:iiics Kleinkrieges mjt seinen 
PaMenlen mitteilte. Er war eine Kraft natur^ die sich 
gern in gfroßen Ausdrücken und l*Jbertreibung-en gefiel 
und dem es auf einen kräftigen Ruch mehr oder 
weniger nicht ankam. Von seinem akademischen Lehrer 
hatte er vernommen, es gäbe zwei W'ege, um ein be- 
rühmter Mann zu werden; man müsse entweder sehr 
UebenswiJrdig oder auöerordentlich grob sein. Der 
Mittelweg fiihre zu den irttttelmäßigren. 

Das hatte er sich hinter die Ohren geschrieben. 
Die Liebenswürdigkeit jedoch lag^ ihm gar nicht und 
so entschloß er sich zum dornenvollen Pfade der gött- 
lichen Grobheit. Dornenvoll, weil er für unsere Zeit 
der schwierigere und gcFahrliehcre ist Die große 



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^ 113 - 

Überfülle an Ärzten hat einer sotcheti OberffliiB an 

Ikbcnsvrurdigcn Jüngern Äskulaps gezeitigt, daß die 
Grobheit nur geduldet wird, wenn sie sich mit einem 
prunkenden Titel oder mit dnen schwindlerisch en 
Mäntelchen schmücken kann. Zu beiden Zieraten war 
Doktor Backenbeiße r nrclit geboren. 

Deshalb machte er mit seiner Grobheit schlechte 
Erfahrungen und schien schon für die Großstadt ver- 
loren zu sein, als sich meinem sinnenden (Jeiste ein 
neuer Au«;weg zeigte Fr wurde fin schweigsamer 
Arzt. Er redete kaum die notwendigsten Worte — und 
Siehe da — diese Eigenschaft verschaffte ihm eine 
große Praxis, da m^n hinter seiner Schweig'samkeit 
ein großes Wisse n, hinter seinen knappen Anord- 
nungen dne rettende iVlaOregel vermutete. 

Wenn ihm ein Patient vorjammerte und ihm sein 
Leiden klagte^ schüttelte er &ein Haupt und sagte 
nichts als „Aha!'' 

Dieses „AhaM' war sein Vademekum, sein Zauber* 
wort, das üim die Herzen seiner Kranken gewann» 

Die Patienten lieben im allg-emeinen einen schwatz- 
haften Arzt nicht. Sie hören hie und da ein Wort 
heraus, das sie ängstlich macht, weil sie es nicht 
verstehen und daran ungeheuere Vorstellungen knijpfen. 

„Was fehlt meinem Kinde?" traget die ängstliche 
Mutter. Der gewissenhafte Ant, der noch keine Dia- 
gnose stellen konnte, sagt etwas von „geschwächtem 
Atem" und ,jdunipfein Perkussion sschall", Worte, die 
der schreckhaften Mutter das Blut g^erinnen machen. 
Er könne noch keine Diagnose stellen. Morgen wolle 
er s^hun ^ehen usw. Dr. Baikenbeiß^r wdi in solchen 
Fällen in gro3em Vorteile. Auf die Klagen der Mutter 
entgegnete er sein ,jAha!** und auf die Fragen nach 
der Diagnose sagte er kurz: j,Das ist meine Sache, '^ 

Serenua, JbkuUp iJs HifleUa. 8 



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— 114 — 

MuRle et so den ganzen Tag den Schweigsamen 
spielen, so öffnete er des Morgens und des Abends 
bei seiner Frau alle Schleusen seiner Beredsamkeit 
tind ließ seinen Tag nochmals Revue passieren, wobei 
er alle OrobheJteti und Fiüche^ die er bei seinen 
Patienten unterdrücken mußte, zum besten gab. 

Heute hatte er einen schweren Taß; außer seinen 
eigenen Visiten sollte er nocli acht Besuche für seinen 
Kollegien Maxliofer bev\'äUlgeii, daiuuUj' die üim so 
widerwärtige Prozedur des Ohrenstechetis, 

Im Laufe des Vormittags traf er punlLtlich bei einer 
der Wöchnerinnen ein, bei der er seinen Kollegen ver- 
Ireteti sollte. Die ängstliche Dame, verwöhnt durch 
die Liebenswürdigkeit ihres Arztes, zitterte jedesmal, 
wenn der vierschrötige, einsilbige Dn Backe nbeißcr 
erschien. Sie kannte ihn noc^h aus der Zelt seiner 
Grobheits Periode her und war jedesmal froh> wenn 
der unheimliche Doktor wieder drauBen war. Dies- 
mal hatle sie ihm tlnige Beschwerden zu klagen. 

„Herr Doktor, ich habe diese Nacht nicht eine 
Stunde geschlafen.'* 

,jAna, , , , l 

„Ich hab£ auch gar keinen Appetit^ ist das nicht 
besorgniserregend ? Manchmal klopft mir das Her?." 

fjtlie und da fühle ich ein^ SiJdi in der linken 

Schulter" 

Schweigend zog der Arzt sein Rezeptbuch aus der 
Tasche, schrieb etwas nieder und gab den Zelle) der 
ängstlichen D^me. 

,Jedc Stujide einen ElOlöffel," 

Dann stand er auf und ließ sich von der Amme 
da? Kind in das andere Zimmer tragen. Die Tür 
sperrte er hinter sich zu und zog ein kleines Etui aus 



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— IIS — 

der Tasche, in dem sich eine in steiüc Gaze verpackte 
Nadel befand. 

„Was macht er drin?" fragte die besorgte Mutter 
die Amme. 

jjldi weifl nicht, untcrsuJien wird cr*s halt." 

Beide lauschten gespannt. — Plötzlich hörten 

sie dag Kind jämtneriicli schreie a 

„Gehen Sic hinein," sagte die junge Frau* 

i^ trau rni net zu dem ürol)ian . , /* 

Das nesthrei des Kindes IJeQ für einige Sekunden 
nach, bis es plötzlich wieder viel jämmerlicher als 
vorher zu heulen anfing. 

Diesmal zwang die geängstig^te Mutter die Amme 
dazu, sich in die Höhle des Löwen zu begeben, da sie 
Anstalten machte, selbst aus dem Bette zu springen, 
um ihr gequältes Kind aus den Klauen Dr. Bicken- 
beißers m retten. 

In diesem Motucnt trat dsr Arzt mit dem Kinde 
ein und gab es der vor Schreck erstarrten Amme. 
Auch die Wöchnerin schrie plötzlich furrhthar auf. 
Das Polster war blutig gefärbt und durch beide Ohren 
zog sich ein blutiger Seidenfaden. 

„Wozu haben Sie das gemacht? — Was fehlt 
meinem Kinde — sagen Sie mir alles, die reine 
Wahrheit." 

Dr. ßackenbetßer machte eine Sekunde lang ein 
erzürntes Gesicht; dann beherrschte er sich und sagte: 

„Was soll ihm denn fehlen? — Die Ohren habe 
ich ihm gestochen.** 

„Wo7u denn? — Wo2u braucht denn mein Knabe 
gestochene Ohren? — Wer hat Sie denn darum er- 
sucht?" 

Dr. Backenbeißer sah plötzlich den unheimlichen 
Vorfall In aller Klarheit. Er hatte die Kinder ver- 
wechselt Plötzlich fand er seine Für die Patienten 

8* 



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— HO - 

verloren geg-angene Beredsamkeit wieder. In ftner 
gdehrten Auseinandersetzung erklärte er der untrö$t< 
Udien Mutter, daß es jetzt in den feinsten Mausern 
Sitte sei, den Knaben die üliren zu stechen, daß 
Prinzen diespr Prozedur iinter^jogen werdpn und daß 
das Ohrenstedti«n der Knaben eine durch tausend- 
jährige ÜberiieJemitg geheiligte Traditian geworden sei. 
Seiner Frau jedach erzählte er diesen Vorfall 
nicht 



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Der Streik der BaJderien. 

Idt war in furchtbarer Erregung. Krampfhaft hielt 
idi das Körrohr des Teltphons am rechten Ohr und 
blickte zugleich gespannt auf den Spiegel, der mir 
alles in zehntausend fachen Vergrößerung zeigte. Das 
hatte ich djesmal schlau angestellt. Ich wollte er< 
gründen, ob die Bakterien auch eine Sprache hatten) 
legte also dn kleines, mit etnErr antiseptischen Seife 
bestrichenes Mikrophon schon eine Woche vorher in 
tnein bakterologisches Laboratorium. Ich wußte e$ 
längst, daß die Bakterien sich über die antiscp tischen 
Mittel der Menschen lustig machen und sehr gerne 
sich auf Lj^olf laschen, Lapisstifte, Kar holseifen oder 
ähnliche Dinge niederlassen^ um d^mit einerseits ihre 
Bravo Lir, andererseits ihre Verachtung den Menschen 
(regenüber zu beweisen. Über dem Mikrophon be- 
festig:e ich mein Mikroskop und mittels eines sinn- 
reichen Verfahrens konnte ich so zu gleicher Zeit die 
Bakterien beobachten und ihre Sprache verstehen. 

Wie gesagt^ ich war in furchtbarer Erregung, denn 
ich liattc Jiiicl] auf den ersten Blick überzeugl, daß da 
eine kleine, nette Q eselisch aft beisammen war, die^ 
entsprechend verwendet, imstande gewesen wäre, eine 
g^nzc Stadt in kurzer Zeit umzubringen. Da lagen, aic 
nach der Kangsordnung in rierlicfien Gruppen. Zuerst 
die Kugelbakterien, die wir auch Mikrokokken nennen, 
dann die StäbchetibakteHen, die Bazillen und weiter 
rückwärts die Schraubenbatterien mit ihren wunder- 



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-^ 118 — 

liehen^ peiischenartigen und auch unre^elrnaflig ver- 
schlungenen Gestalten, die der Arzt SpiriHen nennt. 

Heiliger Himmei, war da nicht eine klein« Tri- 
büne, auf der drei Vorsitzende saßen ? Riditig. Sdion 
erhob sich der eine, der größte und kräftigste der 
ganzen Versammlung, der Mikbrandbazillus. (Bacillus 
anthracis war seiti late misch er Name,) Er war selbst 
um er seinen Kollegen sehr gefürchtet und es war 
üllgtrnidD bekannt, daß sdbst die stärksten Debitdek- 
tionsmittel diesem grimmigen Menschen' und Tier- 
fetnd wenig* anhaben tonnten, „Kollegen," sprach 
er, „der Grund dieser Ziisamnienkunft dürfte euch 
wohl bekannt sein. Soll ich viel Worte verlieren ? 
\üh bin tein Redner ]hr wii^t es, daß Taten für mich 
sprechen, Ich habe unzähÜge Pferde, Rinder, Schafe 
und auch schon drei Menschen getötet. Zehnmal war 
ich in Nährg^elatinen eingesperrt, zehnmal habe ich 
mich gerettet. Jch mache tcine Worte. ^ ^ Diesmal 
aber gilt es eine grofie Sache, Wie gesagt, ich bin 
kein Redner, erkläre mich mii allem einverstanden, 
was wir beechlt^&en und lasse meinem geschätzten 
Koilqgen, dem Tuberkelbu^ Ullis, das Wort." 

Lebhafte Bravorufe erschallten, die Spirillen beweg- 
ten ihre peit seh enförm igen Schwänzchen und wedelten 
nach Hundeart, was als Zeichen großer Zufriedenheit 
aufzufassen isl. Schon erhob sich im allgemeinen 
Tumulte der Tuberkelhazillus, eine leicht vorgebeugte, 
schtankc^ elegante Erschciming. Plötzlich herrschte 
grcöe Sülle in der Versammlung und dem Redner 
wurde m aufmerksamer Weise Gehör geschenkt, 
„Leidensg^enossenl Wir alle haben ein gleiches Zieh 
die Vernlditung der Menschheit. Wir alle blicken 
auf eine unendliche Reihe von Ahnen zurück, die 
sich in diesem Kampfe über und über mit Ruhm 
bedeckt haben. Aber die schönen Tage unserer Vof- 



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— 119 — 

fahren sind für immer dahia. Die Menscftheit rüstet 
sich zum Kampfe gegen un^ und icK glaube, daß es 
ein ernster Kampf ^uf Tod und Leben sein, wird, SJe 
sdilagen uns mit utjseren eigenen Waffen. Aus 
unseren Säften bereiten sie Heilsera, die unsere Arbeit 
illmortsch machen und tägJtch t jausende uns fast ver* 
fallene Opfer cntrdBcn, Und wem verdanken wir 
diese fürchterliche Zeit, wem diesen gräßlichen Riick- 
ganfT unserer Tätigkeit? fierade einer Kaste von 
[ndividucti, die biahcr von uns gelebt hat^ der wir 
die meisten Kunden zugeführt haben, Sie wissen es 
alle» wen ich meine. (Rufe: Die Ärzte!) Stimmt: 
Die Är^te! Jahrtausendelang' haben wir ihrem Treiben 
ruhig zugesehen. Ja, wir haben es sogar gefördert, 
weil wir wußten, daß die falsche und unnatürliche 
Heilmethode der Menschheit nicht nützen konnte, well 
in vergangener Zeit der Arzt uns wiederholt der beste 
Bundesgenosse im Kampfe gegen die Menschheit war. 
(Stf-hf richtig! Bravo I Hortf Hörtf) Da er^tanften 
uns gewaltige Gegner in Pasteur, Ferdinand Cohn 
und Robert Koch, Plötzlich wurden wir entdeckt und 
mit uns die Ursache aller Krankheiten Trotzdem 
ging C3 uns eine Zeitlang gerade nicht schlecht." 

„Oho,'' tönte es aus der Gruppe der Streptokokken 
und ein vorwitziger, ianiettförmiger Streptokokkus lan- 
ceolatufi schrie: „Wir sind seit Lisier brotlos, ee gibt 
keine Eiteningcn, keine Blutvergiftungen mehr/* 

Das Getöse übertönte mi( lauter Stimme der Teta- 
nusbazillus, dessen zahlreiche Geißeln sich lebhaft hin 
und her bewegten, so daß er einen furchtbar wilden 
Eindruck machte. „Kühe, wir sind hier in keinem 
Pariamt^nt, Wollt ihr da« srhmäblifhe Rei<;piel unserer 
Gegner, der entarteten Mensehcnj nachmachen? Ruhe, 
sage ich/* — 

Es wurde mäuschenstill in der ein Kubikratllimeter 



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" 120 — 

großen Stelle der Mikrophcinplatte, wo diese Ver- 
sammlung stattfand. Der Tuberkdbazillus, der aus 
einem Wassertropfen gierig Sauerstoff an sieb zog 
(crhnc S4ucr»toff gdicn diese Bakterien jämineiiicti 
zug^runde)^ richtete sich wieder auf und sprach: „Sei 
dem wie es wolle, wir haben alle schwer gelitten 
durch die rastlose Arbeit der Arzte und duich ihre 
schändliche Wissenschaft, die sie Hygiene nennen. 
LaBt uns über die Mittel und Wege beraten, wie wir 
ihnen bcikoninicn, wie wir aic überlisten und Sieger 
bleiben können. Ich sdi ließe mit dem Rufe: Alle für 
eiaen und einer für alle, nieder mit den Ärzten!'* 

Reicher Beifall lohnte die interessanten Ausfüh- 
rungen des Redneis. Das Wurt erhielt der Lüfflersctie 
Diphterieba/illiis, der sich dadurch auszeichnet, daß 
er sich als treuer Gatte nie von seinem Weibchen 
trennt. Auch dies mal hatte er sie mit auf die Tribüne 
genommen, tr hatte einen auffal[end groöen Kopf und 
auch sein unteres Fnde war wunderÜrh angeschwollen. 
Seine Kleidung war äußerst defekt, so daß man ihm 
auf den ersten Blick den armen Teufel ansah. ,^cine 
Damen und Herren,'* begann er g;alant und sich kokett 
nach allen Seiten hin und her verneigend. „Ich glaube 
das Mittel gefunden zu haben, wie wir die Arzte kirre 
machen können. Wir müssen uns vor allen Dingen 
organisieren und ihre Absichten überall durchkreuzen. 
Was hat den Ärzten die Kenntnis unserer Eigenschaft 
verschafft? Das Tiere xperiment. Wer liefert ihneu 
das Senim, mit dem sie uns bekämpfen? Das Tier. Ea 
liegt nun in unserer Hand, ihnen alle die^e Möglich- 
keiten zu entzielien. Verschonen wir die Tiere, die 
sie uns in eigennütziger Absicht als Opfer darbieten 
und sie sind uns gegenüber wehrlos. Siebenmal habe 
ich in den letzten Jahren schon yersucht, mich in 
eitlem Menschenkinde festzusetzen und nie ist es mir 



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^ 121 — 

gelujigen, weil jedesmal das DyphterieKeilserum mehie 
AnsttengUiigen illusorisch machte. Das letztemal, ich 
muß es mit Trauer gestehen, war es ein Serum , das 
mein eigener Urgroßvater erzeugt hatte, der auf diese 
Weise seitien eigenen Urenkel ums Brot bractite. So 
geht ein edler Stamm jämmerlich zugrunde ! — Schonen 
wir die Tiere, die wir auf Geheiß der Arzte vernichten 
sollen, liefern wir kdn Serum mehr Zeigen wir, 
daß wir imstande sind, auf diese Weise den Ärzten, 
ihre furch tbarsle Waffe zu entwindet)/' 

„TOricIUes BeglUFicnT' rief da^ Bakta~iu[ii des 
Typhus, ein kurzer plumper Geselle, der sich während 
xles Sprechens lebhaft nach allen Seiten hin und her 
bewegte, „Wer kann denn diese ,überbaiiilöse* Wider- 
standskraft aufbringen? Ab, wenn man so monatelang; 
auf einer Nährgelatine oder gar auf einer filtrierten 
Kartoffel gesessen ist und endlich einmal in einen 
tierischen Körper hineinkommt, in dem man nach 
Herzenslust genießen kann, wofür man eine besondere 
Vorliebe hat wer soll da widerstehen tönrea. Ich 
gestehe es offen, ich kann es nicht Ich bringe diese 
Kraft nichl auf." 

Peinliche Stille herrschte in der Versajnmlung. Alte 
Augen richteten sich auf den hilluenüabazillus, der 
wegen seiner ^roüeii Verwandtschaft ein reiches Ai- 
sehen genoft. irtit einigen kurzen, ruckartigen Be- 
wegungen erstieg dieser die Tribüne, „Bakterien/' 
sprach er, „ihr werdet mir zugeben, di8 ich immer 
ein Freund der Ärzte gewesen bin und daß ich ihre 
Tasche gefüllt habe, wie kein zweiter unter euch. 
Ohne mich wären sie jetzt alle zugrunde gegangen. 
Zur Zeil ihrer größten materiellen Not bin ich aus 
dem Norden herbeigeeilt und habe die Menschen 2U 
Tausenden ans Krankenlager gefesselt Aber was die 
Arzte jetzt Ireiben, das ist selbst mir zu viel Ich 



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^ 122 — 

beantrage die radikalste Maßregel: den allg:eniei- 
nen Streik der Bakterien. Einige Monale lan^ 
verschonen wir die Menschheit, nähren wir uns von 
Staubi, Gras, Speiseresten und dergleichen Dingen 
mehr Nur einige /^lonate lang^ da werden die Arite 
sehen, was sie an uns gehabt haben. Dann Ribt es 
2wel Möglich keilen. Entweder die Ärzte gehen an 
Hunger fUgnj nde, weil sie ja gar keine Patienten 
haben oder sie werden uns aufsuchen^ uns aus den 
elenden Gefängnissen, den bakteriologischen Institu- 
ten, befreien und über die gaatt Erde verstreuen. 
Damm rufe ich nochmal; Unsere Losung muß heißen 
Generalstreik der Bakterien." 

Ein formlicher Beifallsorkan durchlaste die Mikro- 
photipUtte. Endlich schiilt man zur Abstimmung. Alle 
Zeichen sprachen dafür, daS dieser Antrag einstitnmjg 
z\im Beschluß erhoben werde. Da ereignete eich 
etwas Seltsames. Eine Horde großer, ungeschlach- 
ter Bellen, tn der Oelehrten Sprache jEfemeine Uarm- 
ichmzrotzer genannt (Bacillus coli comuni^), gefolgt 
von verschiedenen Mund-, Nasen-, Ha^utbazillen, stiiirmte 
mit dem Rufe; „AHgememes Wahlrecht! Gleiches 
Rpcht fftr alle? Ni^d^r mü Her aristrtkratt<ichpn Inter- 
essenvertretung!" in die Versammlung. Diese Mikro- 
organismen waren wegen ihrer geringen Oefährlich- 
kelt für die Menschheit zur Versammlung nicht £fe!aden 
worden. Jetzt entstand ein wüstes Handg;emenge und 
wer weiß, was das Ende gewesen wire, wenn nicht 
unvermutet ein blitzender Sonneistrahl durch die trüben 
Wolken hindurch die ganze Gesellschaft getroffen hätte. 
PlützUch verstummten alle, ihre kleinen zuckenden 
Bewe^un^en hörten auf und in todesähnljchei br- 
starrung lagen sie wie leblos, Freund und Gegner, 
einer neben dem anderen. 



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Bazillen der Liebe. 

Ich muß micli heute sehr kurz fassen. Ich schicke 
dieaea Bericht mittels Kabei aus Neuyork. Jedes Wort 
kostet einen Dollar und so kostbar sind meine Worte 
nie gewesen- Also die Sache verhält sich so. Vor 
niclit ganz zehn Tagen lia&e ic!i in einer Zeitung ein 
Telegramm iolgenden Inhaltes gelesen: „Dr. WilHam 
Hut£on Neuyork hat die Qaiillen der Liebe entdeckt.'' 
FlLg» war ich auf der Eisenbahn, reiste mit Sclmell- 
und D>Zügen nach Hamburgf, von dort mit einem 
Rtesendampfer über den Ozean nach Amerika, bestieg 
im Haren von Neuyork die erste Droschke, die sich 
mir darbot und war schon eine halbe 5tunde darauf 
im Warift^immer (fps herühmten Doktors Hut«;rin. 

Freilich habe ich mir die Sache leichter vorge- 
stellt. Vor mir schien der arme Mann, den seine 
Erfindung in einigen Tagen reich gemacht hatte, schon 
von Hunderten meiner Berufegenossen interviewt wor- 
den zu sein. Ich mußte mich in das anwesende Buch 
eintragen, hatte eine Gebühr von hundert Dollars 2U 
zahlen und erhielt dann eine Karte, auf der das 
Numero 5T1 verfeiclitiet v/ar. Da die ausländischen 
Berichterstatter, die per Dampfer aus Europa, Austra- 
lier, Asien und Afrika getommen waren, in besonderen 
Wariezimmem saßen und bevorzugt virurden, kamt ich 
nach zwei Tagen, während welcher Zeil ich hier für 
mein gutes Geld wie in einem erstklassigen Hotel 



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— 124 — 

verpflegt wurde, au die Reihe, wobei mir bedeutet 
wurde^ das Inteniew dürfe die Dauer einer Viertel^ 
sfnnd« nicht übersth reiten und jede weitere Viertel- 
stunde, gleichgültig ob begonnen oder vollendet, müsse 
mit weiteren fünfzig Dollars bezahlt weiden. 

Ruhig stand er vor mit, der weltberühmte Erfinder, 
dessen Name jetzt die ganze Welt erfüllt; eine kleine, 
magere, nnans eh q Ziehe Person, die midi mit einer 
freundlichen Handbewegun^f zu einem kleinen Tisch- 
chen hin dirigierte, auf dem ein groBes amerikanische 6- 
Mikro3kop styiid, „Werfen Sie eJnen ßlitk hmdn, es 
sind in dem Gesichtsfeld gerade einige üebesbazillen 
eingestellt." Rascli girckte ich in das Mikroskop und 
sah kleine, »täbchcnartigc, ficr^förmig gekrümmte Ge* 
bilde, die sich iebhajt hin und her bewegten, „Ich 
habe sie'^, sagte Dr. Hutson, „vor einigen Stunden 
aus dem Blut eines unglücklich Verliebten gcziicfatet, 
eines nach früheren Begriffen unheilbaren Menschen, 
der von einem Konstabier gerade in dem Moment 
erwischt wurde, als er Mch mittels eines Revolvers 
entleiben wollte. Er wurde mir sofort zur Behandlung 
zugeschickt und ich habe ihn auch vor einer halben 
Stunde vollkommen geheilt entlassen. E>enken Sie 
sich, der Gegenstand seiner Neigung, ein ungUublidi 
hübsches Mädchen, war hier und wollte, um sich 
von der Oüte meiner Erfindung 7U überzeugen, ihrem 
Anbeter einen Ku3 geben. Wissen Sic, was der Jüng- 
ling getan hat> Hochmütig hat er ihr den Hucken 
gekehrt und in die Luft gesehen, womit er j^usdrucken 
wollte, daß die schöne Miß für ihn Luft sei," 
„Wie haben Sie das getan, großer Doktor?'* 
„Sehr einfach. Ich habe ja bereits ein Serum fi er- 
gestellt, das solchen Unglücklichen sofort eingespritzt 
wird. Für Männer inpfe ich Ochsen und Esel; für 
das vreibliche Geschlecht Kütie und Gänse mit ßak- 



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— 125 — 

terieit und bereite dann aus diesem Blute das ncrt- 
wendjge OegenglfL Sic wissen jaj da5 diese Tiere die 
Infektion der üebe leicht überstehen. Hat sich je ein 
Ochs aus Liebe das Lebert genommen ? Hat tnan je ge- 
tiOrt, ddß ^di dncGanä au.a unglücklidier Neigung ins 
Wasser gestürzt hätte? Mit Hilfe meines Serums kann 
ich Taiisende Menschenleben retten, kann ich Tausenden 
unglücklichen Familitn ihre Ruhe wiedcrget>en< Kören 
Sie folgenden hall an: In einer der angesehensten 
Fantiiien Neuyorks herrschte ewiger Hader. Der Mann 
hatte ein kiditcntzundilchcs Herz und jede in seinem 
Horizont auftauchende weibhdie Person lictikeit war 
eine Gefahr für den Frieden des Hauses. Die schöne 
Frau, die zu stoEz war^ um gleich ihrem Mann das 
QelKJt der ehelichen Treue zu brechen, war tief un- 
glücklich. Sehen Sie, diesen Mann habe ich mit tneinem 
Schaf'Serum vollkommen immutiisiert. Er ist geg^en 
alle Personen weihticlitn Qesdilcchtes mit Ausnahme 
seiner Frau vollkommen unempfindlich." 

,,Wie haben Sie das gemacht, daß er die Neigung 
für seine Frau behalten hat?" 

^^Üäs machte Ich folgendermaßen: Sie wissen, jede 
f^erumtherapie beruht d^auf, daß man die Virulenz^ 
das hcißl die Giftigkeit der Bakterien allmählich ab- 
schwächt. Mitunter ist es jedoch notwendig, die Vim- 
lenz zu verstärten; so wurde beispielsweise in Europa 
die Virulenz von Mäuse- und Ratte tibazi II en, die zur 
Vernichtung dieser ebenso häßlictien als mi lunter ge- 
fährlichen Tiere führen, durch Zächligung auf Eigelb 
erhöht. Idi ließ nun di« Liebesbazillen der schönen, 
unglücklichen Fiau — denn sie ist noch inimer in 
ihren Mann verliebt -- auf einen 1 auber impfen und 
erhielt eine so hochgradig^e Wirltsamkeit des Serums, 
daß der nun mit diesem Liebeaseruni behandelte Ehe- 
mann bi5 über die Ohren in seine Frau verhebt ist, 



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— 126 — 

sie vergöttert, sie äiif Händen trägt, — kumim es 
sind ewige FliUerwochen, die dieses Paar verlebt" 

^,WMJkh großirtg, Herr Kollega, das kann aber 
noch weif er ausgt^mit?* werrff^n," 

„Das will ich meinen. Von einem hiesigen Ver- 
mtttlung^sbvreau wunjen mir bereits dreimal hundert- 
tausend Dollars geboten^ um meine Erfindung ja den 
Dienst der H ei rats Vermittlung zu stellen. Denken Sie 
sich, ein Paar soll verheiratet weiden. Alles paßt 
trefflich lUäammen, das Alter, die Statur, die gesell- 
ec haftliche Lage und die Vermögens Verhältnisse, Ein 
Umstand hindert die Vt^rbindung^. Die jungen Leute 
^[efalien einander nicht. Mit meinem Serum kann ich 
dieses Hindernis spielend aus der Well schaffen, sie 
müssen sich gefallen und werdeji ebeiiscr glücklidi 
miteinander, als wenn sie sich zufällig verliebt hätten. 
Das ist auch klar, wenn man das Wraen der Liebe 
vom Standpunkte meiner Erfindung aus beurteilt. Die 
Uebe ist eine Infektionskrankheit, verursacht durch 
Ltebesbazilk^n. Ist es nun nicht gleichg'ültig:, ob diese 
Bacillen mittels Kuß, Händedruck, Umarmung in den 
zu erobernden Körper gelangen oder ob icfi sie mit 
einer Impflanzette unter die Haut bringe? Im Oninde 
genommen ist es das Gleiche. Nicht wahr?'' 

„Teurer Herr Dolctor, es fällt mir wie Schuppen 
von den Augen. Jetzt begreife ich auch, warum die 
Liebe blind ist. Jetzt lerne ich so viel verstehen und 
milder beurteilen, was mich früher mit Entrüstung; 
erfüllt hat. Die Untreue kommt nicht mehr vor die 
Schranken des Gerichtes, die hedauems werten Treu- 
losen werden einfach Ins Spital g'tschafft. Manche 
Stände scheinen eben für die Infektion besonders 
empfindlich zu .^ein. Wiesn erklären Sie es nach Ihren 
Forschungen, daß gerade das Militär auf manche 
Damen einen so faszinierenden Einfluß ausübt?" 



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^ 127 - 

fjDaa fragen Sie noch, in der Zeit der Uchlthenipie, 
in der Zelt der roten und blauen Heilstra Eilen? Das 
ist^ wie der VoJksntund es schein betont hat, nur der 
Einfluß des farbigen Tuches. Die verschiedenen far- 
big:en Kleider locken die Liebesbakterien an und die 
Trailer solcher Kleider sind mit hodivfnilenten Bak- 
terien derart überfüllt, daÖ sie förmlich wie eine radio> 
aktive Subislanz permanente Lieb es strahlen in die üm> 
gtbung srKleudem. Aus ähnlichen Gründen werden 
ja die Bühnenkünstterltuien der Milwelt ^o gf&fihr1ii:h. 
Vor «inieeti Tagen hatte ich erst Gelegenheit, das 
rü beben einer Balle teuse zu unters udien. In einem 
Kuhikmlliimeter Blut hefanden sich fünf Millinrf^n 
Liebcsba^illcnt mit anderen Worten, jedes rote Blut- 
körperchen, denn ungefähr so viel Blutkörperchen hat 
ein Kubikmlllimeter menschltchen Blutes, war der 
Träger eines Liebesbazillus, .Bacillus cordiformis 
amoris'^ 

In diesem Momente verkündete ein Qlockenschlag 
dae Ende meiner Viertele trnide. Bevor ich noch Zell 
hatte, dein gmflen Entdecker m danken, hatte mich 
bereits ein unsichtbar an der Decke befindlicher Fang- 
Apparat ergriffen und mit sanfier Gewalt zur Tür 
hinausg eschle u dcrt. 



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Der Erste Kränkenkongreß. 

Er bot ge^viß einen seltsamen ÄnbUck, der „Eiste 
interna tionale Kraiikeokongreß". Bei der ersten all- 
E^emeinen Versammlung konnte der ungeheuere SaaJ 
kaum die Hälfte aller Kon^greBmitglieder fasseti. Der 
Alterspräsident, ein kleiner, magerer Krüppel, van dem 
die Sage ging^ er habe ein Dutzend seiner behandelit- 
den Ärzte übe rieht, brauchte lange, ehe er sJch Gehör 
verschaffen kannte, 

„Meine Damen und Herren! Vergessen Sie nicht, 
daß wir Kranke sind oder es zum mindesten waren. 
(Bravarufe.) Wollen Sie in den großen Fehler der 
wissenschaftlichen Kongresse, der Parlamente und 
Sladtväterstuben verfallen, wo einer den anderen über- 
schreien muß ? (Nein, niemals I) Zeigen wir^ daß wir 
Kranken die einiigen Gesunden sind, zeigen wir, daß 
der Schmerz ade II, bessert, verfeinert, (Bravo! Bravo 1> 
Mein Alter und meine Schwiche hindern mich, diese 
edelste aller Vereammlungcn weiter ru leiten. Sdircitcii 
wir zur Wahl eines Vorsitzenden/* 

In musterhafter Rube vollzog sieh der bedeutungü^ 
volle Wahlakt. Zum Vorsit2enden wurde ein stäm- 
miger, alter Herr gewählt, der bereits Typhus, Cholera, 
Pest, Malaria usw. und zwei Anfälle von Delirium 
tremens überstanden hatte und schon achtmal von 
seinen Ärzten aufgegeben war. Sein Stellvertreter hatte 



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^ I2f} — 

einen künstlichen Kehlkopf, eine Paraffinnase, drei 
Jodoform -Knochenplomben, einen Messing sehen Fuß 
und einen Teil seiner Schadeldecke aus Zelluloid 
Pein er sali tnan ün Bureau j^ einen Augen-, Haut-, 
Nasen- und Kehlkopf kranken. Die Otirenk ranken hatlea 
ihr Fernbleiben aus begreiflichen Gründen entschuJ- 
dig^t t . , Geisteskranke waren nicht eingeladen wor^ 
dcti . , . 

Die Eröffnungsrede dauerte zwei Stunden. Wir 
entnehmen ihr folgende wichtige Tatsachen: Die Kran- 
ken aller Lander tiatten sich vereinigt tmd org;a[ii$iert 
Jedes Land sandte g^egen hundert Vertreter. Alle 
Leiden waren berücksichtigt . . . Besonders großen 
Beifall fanden die Schlußworte r „Immer haben bloß die 
Arzte von uns jj es prochen, wie von willenlosen Werk* 
zeugen. Heute wollen wir von den Ärzten sprechen. 
Heute wollen wir Liusere Erfalirungeu übei dJe ver- 
schiedenen Fortschritte der Medizin mitteilen. Man 
soll nie einseitig bleiben. Zeigen wir der erstaunten 
Welt die Kehrseite der Medaille. Die Zeil, wo wir die 
Versuchskaninchen der Wissenschaft abgegeben haben, 
ist vorüber. Eine neue Aera beginnt. Ihr gilt mein 
GniQ." (Endlose Bravorufe. Einzelne stoßen mit den 
Krücken auf den Boden, die Gichtkranken lassen ihre 
sämtlichen Gelenke knacken, was in der Kranken* 
spräche schon die höchste Ehrenbezeugung bedeuten 
soll) 

Das erste Referat „Über den Wert der Lungen- 
heilstätten'^ führte ein auffaltend dicker, blühend aus- 
seilender Hatisbesltfer. „Meiite Damen und Herren I 
Gar nichts san s* nütz^ die Lungenheilstätten ! Schauen 
S* mi artt I war wie ein Kriepinderl und schon von 
alle Doktors aufgegcbca l war in Görbtrsdorf, Altand, 
Lussin, Falken stein usw. Und was ist das Resultat? 
Die TuherkuloRe haben sie mir freilich geheilt^ aber 

Seren U3, A»1culijp ais HulcLIn. 



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— 130 — 

dick habes sie mich gemachte Ist die Dicken net a eine 
Krankheit? Eine viel schlimniere? Wuin i heu«r nach 
JVlariejibad fahren muß^ wer is sdiuld? Nur die Ärzte.'' 
(Die Ante sind an allen Krankheiten schuld! kreischt 
eine asthntaiische Dame als Zwischenruferin. Endlose 
Bi4vumk. Nieder tail (kf Medizin. Peieat Mippo> 
krates!) 

Ein Eweiter Redntr klagte bitter darüber, daB in 
den Lungenheilstätten nicht strenge genug individuali- 
siert werde. Er sei gewöhnt, bis 2 Uhr nachts Violine 
ru spielen und gerade in der letzten Siunde Doppel- 
griffe in der liiatlen, sechsten und siebenten Lage zu 
üben. Dies.e nie ganz m bewältigenden Schwierig- 
keiten ermüdeten ihn und brächten ihm dann den er- 
sehnten Schlaf. Dieses so unschuldige Vergnügen 
wäre ihm in der Anstall verboten worden. (Unglaub- 
lich ? Niederträchtig' Empörend!) 

Das 2 weile Referat betraf das aktuelle Thema „Über 
den Wert der neuen Heilmethoden und Heilmittel'' 
Der Referent führte mit Re[:ht aus, daß das Forschung^s- 
gebiet ein so ungeheures ivire, daß es unmöglich sei» 
auf alle Einzelheiten einzugehen. Er habe nach lang- 
jähri^ern Studium dieser Fra^e folgende kleine S tat itilik 
lusamtnengestellt: 

Es gäbe 2159 neue Heilmethode ei (eine davon, die 
Serum therapie, umfasse allein löS verschiedene Sera[)» 
10560 neue Präparate und MiOQ neue Nährmilel, 

Wie solle man diese Themen In der kurzen Zeit 
von einer Woche gründlich durchsprechen? Das sei 
einfach ein Ding der Unmöglichkeit Die Kranken 
mögen ihre Erfahrungen mit neuen JVlittehi und Metfio- 
den schriftlich mitteilen. Das ^roBe, permanent tagende 
internationale Kranttenbiireau werde das gewahige 
Material ordnen und danii das sensationelle, iteue Sam- 



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— 131 - 

melwerk in diti&is Binden: ^^Die Welt des Kranken" 
Ueraubgtbefi. Dagegen sdiJage er vor, auf das wxdi- 
tigste Keferat des heutigen lages über2ug;elienf aui 
das Thema: „Unsere Stellung zu den Ärzten,** Vor- 
gemürkt waren T310 Redner. £s können nur 20 und 
jeder nur 10 Minuten sprechen. Das Los werde ent- 
scheiden. 

Als er&ter glücklicfier Referent besteigt ein behä- 
biger, glatzköpfiger Amerikaner die Tribüne, 

„Was sollen wir mit den Ärzten tun? sehr geehrte 
Damen und Herren! Icii schlage Ihnen ein Verfahren 
vor, das sich in Amerika großer Popularllät erfreut, 
Dtr Arzt wird nur dann gedulJd, wenn er seine 
Kranken gesund macht Stirbt ihm ein Patient, so wird 
er gelyncht, (Verlegenes Schweigen, der Versammlung,) 
Sehen Sie mich und meine Glatze an. Was habe ich 
nicht schon dagegen versucht? Wie viele Ärzte habe 
icb nithf schon krtnsijltiftrt? Ich liabe di(» gaiue Wf^tt 
bereist, alle mog'lichen Pomaden, Duschen, Salben, 
Massagen, Rötiigenstrahlen angewendet. Alles war 
für die KalzM Die Hälfte meines, allerdings nicht 
kleinen Vermögens habe ich an die Ärzte bezahlen 
müsseti. Endlich fand ich einen Mann, der mir inner' 
halb iwei Tagen hau (Unter den zahlreich eti Glatz- 
köpfen entsieht eine große Bewegung. Namen nen- 
nen! Wj wuhnt er? usw.) Dieser Mann vrar natürlich 
kein Arzt, sondern ein Friseur. (Setzt unter tosendem 
Beifalla d«r Kongreßmitglieder eine tadellos sitzende 
Perücke auf.) Ich hitte, ineineii Antrag, das Lyncli- 
sy$tem einzuf Uhren, zur Abstimmung zu bringen," 

Der Antrag wird mlf einigen Stimmen Majorität 
abgelehnt. 

Ab Zweiter bestieg der bekannte Vcgctarianer- 
häuptling Krautmsgen den Rednerstuhl, Er führte die 



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— 132 — 

Schäden des Fleischessens und des AlkohotUmus in 
breiten Pmsctstrlchcn aus. Er entwarf eine erschrek- 
kende Sctiildening vom Niedergänge der menschlichen 
Kultur. Die Rückt ehr im- Pflaiue solle das Schlagwort 
der neuen Zeit werden. ,,Los vom Ochsen l Reuige 
Ruckkehr zu den unscIiuldigeD Kuhprodukten !" 

,^Wer aber ist an allem Unglücke schuld?^' führte 
er des weiteren aus. „Nur die Ärzte, Ihre Pflicht 
Wäre es gewesen, die Menschheit rechtzeitig^ auf die 
Gefaliren de« IHeiscJigeimsses aufmerksam zu machen. 
Sic liäKcn dem g^roScn ,jWcltg^iftc Alkohol^^ (Bravo- 
rufe [) seine Qjftuähne ausreißen müssea (Der kühne 
Vergleich ruft eitdiosen jubel hervor!) Was tun sie 
statt dessen? Mit bösem Beispiele vorangehen. So 
traurig^ und unwahrscheinlich es klingt, ich habe gestern 
einen Ani in einem Restaurant beobachtet, der zwei (!) 
Fleischspeisen vertilgt hat und datu zwei, sage z^vei 
Krügel Bier getrunken hat," (Pfuirufe! Der schüdi- 
terne Ruf eines AVitgliedes; „Wie kamer Sie denn 
in das Restaurant ^'^^ geht in dem allgemeinen L.arm 
gänzlich verloren.) Krautmagcn schlagt cndlicli fol- 
gende wichtige Punkte hetreffs des Verhältnisses von 
Kr^inken zu Änelen vor: 

1. Kein Arzt hat einem Kranken etwas vorzn^ 
schreiben, 

2. Im Falle die Krankheit eine lingcrc D^uer als 
drei Tage dufweist^ ist der Kranke vom Arzt zu 
erhallen. 

3. Dem Kranken steht es frei, sich von zehn 
Ärzten zu flelcher Zeit hehandeln m lassen. 

4. Die Medikamente zahlt selbstverständlich der 
Arzt. 

5. Das Honorar bestimmt der Kranke nach freiem 

Ermessen. Ein üonorarzwang besteht nicht. 



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— 133 — 

Sämtliche PuDkte finden begeisferfen Beifall der 
Anwesenden. Einzelne Kranke jceireißi^n im Rausche 
des kommenden Sieges die letzten, ncch nicht be- 
zahlten Honorarnoteti ihrer Ärzte. 

Nach einigen Minuten erhält ein schon ein Viertcl- 
jahrh lindert besUndlg mit Nervenzuckungen behaf- 
teter Fabrikant das Referat: „Über Literatur und Krank- 
heil", Eist blickt er unruhig in den dunstigen Saal^ 
zappelt mit Armen und Beinen, schneidet fürdiler- 
liehe ürimassen, dann bringt er stoü weise tiervor: 
„Literatur und Krankheit! — Welche seltsame Zu- 
sammenstellung, werden Sie sagen ! — Und doch . . . 
werfen Sie einen Blick auf die gesamte Weltliteratur l 

— Was sehen Sie? — W,i<i selten Sie? — H*? — 
Sie sehen, daß fast alle modernen Werke über Krank- 
heiten handeln. Kranke 2U Helden machen. —- Schon 
war die Well nahe daran, ihre Literatur zu verlieren. 

— Den Künstlern ging der Stoff aus. - Da verfielen 
sie auf eine neue Idee, auf eine neue Welt! — Die 
Welt der Kranken! — Von uns leben sie schon seit 
Jahrzehnten, von unseren Leiden, von unseren Schirer- 
zcnj von unseren Erfaiirungen. — Alle! Alle! — 
[bsen. Zola, Hauptmann, Toistoj, wer hat sie groß 
gemacht? — He? Wer? — Nur die Schilderung 
irgendeiner Krankheil. — ist die Welt nicht gans auf 
den Kopf gesteül? — Brauchen wir uns das länger 
gefallen zu lassen? JWussen wir Uns krank nennen 
lassen — im häßlichen Sinne des Kra nkheitsbc griff es ? 
Nein, die Krankheit ist heute die Regel und die Gesund- 
heit die Ausnahme . . . überall . . . auf allen Ge- 
bieten ... in Politik, Kunst und Leben, — WoiU 
die Begriffe so weiler führen? Das Wort „krank" 
muß von heute an das Normale, den Durchschnitts- 
zustand des Menschen bedeuten und das Wort ,, ge- 
sund" soll sidi mit dem Be-griffc des Abnurmaten, 



C^ r\i-\ci\ff- O'iqinalfrom 

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— 134 - 

des Ufherlfchen, des Ungfsiinflen verhinden! ^- He? 
. , . Aber unsere Todfeinde, die Är^te, werden es nicht 
wollen. — Wie die Kuost uod die Künstler leben sie 
von ui] serer Krankheit und von den falschen Vor- 
Stellungen^, sie tonnten uns helfen und g^csund machen. 
— Ich hasse diese Aposlel der Gesundheit. Schwer- 
krank wie ich bin, habe ich mich no:h nie von einem 
Arzte berühren, gcschweig^e denn behandeln Ibissen, 
obwohl ich es weiß, daG meiner der Tod wartet, 
wenn ich einen großen Nervenanfall bekomme. — 
So w^r es auch bei meinem Vater, dem ich in allen 
Stücken gleiche. — Ich will aber lieber sterben, als 
mich von einem Arzte berühren bssen. U diese bände 
von RSubert), Mördern, Tagedieben — he , , , he . , . 
hc . . ," 

Plötzhch sank der vom Zorn gerötete iVlann zu- 
sammen und wurde leichenfahL Wte gfeJähmt sanken 
seine mageren Arme herunter^ die unruhigen Beine 
härten zu zucken auf, sein Atem stockte. 

Im großen Saale wurde es still. Dann beg^annen 
einiielne ediüditeme Rufe,, die imitier starker und 
stärker wurden: j, Einen Ai^t!" „Holt eiaen Ar^t!*' 
„Rasch einen Arztl" 

Schon stand einci atii Podium, da junger, sym- 
pathischer Arzt, dem eint eben überstand cne Krank- 
heit den hirttritt in die Versammlung verschafft hatte. 
Rasch bemühte er sich um den Kranken, rieb ihn 
kräftig, lüftete seine Kleider, machte einige kiJristUche 
Atembewegufigen und dergleichen Dinge meiir und 
siehe> das Gesicht des Kranken rötete sich, sein Atem 
wurde tief und regelmäßig Ufld sein Auge fi^g wiedcr 
zu leuchten an, 

Dankbar sah er seinen jungen Retter an. „Idi 
werde fhnen das nie vergessen, daB Sie mir das Leben 
gerettet hahen,^' hauchte er selig. 



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— 135 — 

Der glückliche Arzt wurJc itti Nu von Hunüerten 
Kranken umringt, die stürmisch seine Adresse ver- 
langten und verließ unter brausenden Hochrufen den 
überfüllten Saal. Seintn Patienten führte er am Arme, 
um ihn nach Hause zu bringen . . , 

So endete die erste denkwürdige Sitzung des ersten 
intern 3 tionalen Krankenkongresses. 



C^i^i^filif O'iqinalfrom 

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Die Heilmaschine. 

Eines Ta£:es trifft mich mein Freiiuid Weicnington» 
Besitzer eines Sdirelbmaschinetibureaus, auf der SiraBe. 

„Wie gtht es Ihnen," fragt er rakh in fast herab- 
lassendem Tone. 

„Ich danlce," sa^e ich etwas gereizt durch seine 
hochmütigen Allüren. ,,Icii kann jiicht klagen. Wenn 
man bescheiden ist . > ." 

WelmiTigton sah mich wieder so merkwürdig; von 
oben bis unten an. ,jSic tun mir aufrichtig leid, Sic 
und alte Fhre Standesg'enosseti, die Arzte." 

jtich danke Ihnen für Ihr Mitleid!*' emiderte ich" 
schon zornig^. „Vfas meine Kolleg^en betrifft^ es geht 
Ihnen nicht so schlecht, als Sie glauben. On jeder 
ringt heute schwer um seine Ej^Jstenz. Wenn irgend- 
einer prosperiert, ist es zufältig der Einfluß einer neuen 
Erfioduiig. Die Maachiiiea ändern unser ganzes Leben. 
Sie tnactien über Nacht einen ganzen Stand arm und 
erhöhen di€ Einnahmequellen des anderen in un- 
geahnter Wtisc. Sthcn Sie — und das Ist das Oute 
bei unserem Stande — bis jetzt können uns Maschinen 
noch keine Konkurrenz machen, Herr Welmington!" 

„Das ist zu köstlich F*^ mit der Amerikaner aus und 
beginnt herzlich zu lachenj dafi es Minuten dauert, bis 
er sich beruhigt, „Das Ist zu komisch, ha, ha!" Endlich 
kann er sprechen. „Wissen Sie, lieber Doktor, Sie 
haben uns Ammkaner d^ch unters chätzL Wir sind 



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— 137 — 

der alten Weif zumindest um ein halbes Jahrhundert 
voraus. Was wir bisher an ivunderbaren Erfindyngen 
geleistet h^bcn, ist jedoch gar nichts gegen meine 
neueste Vertretung, die mir aus AmeriJo übertragen 
wurde. Ich sollte Ihnen eig^entlich gar ntcht»; darüber 
verraten, denn es i$t ein streng'e$ Geschäftsgeheimnis. 
Aber wir sind gute Freunde und Sie haben mir schon 
ntandies Mal geholfen, wenn ich in Nöten war. Sie 
sollen der Erste sein, der die neue Maschine besich- 
t^en darf, die den glänzen Ärztestaad in kurzer Zeit 
zugrunde richten wird.'* 

„Sie belieben zu scherzen, Herr Welmingion." 

„Ich scherze nldit, es tst bitterer Ernsl Erinnern 
Sie sich an mdne kleine Rechenmascliine, die ich Ihnen 
vnr e'iti'igetn Jahren gf*7eigt habe? Das Teufelsding ist 
bereits an der Arbeit. Und glauben Sie mir, es hat 
hunderte Menschen brotlos gemacht Wozu sind die 
Mathematiker noch auf der Weh da? Mit meiner 
Rechenmaschine tcann ein kleiner Junge zehnmal so 
schnell rechnen als der berühmteste Mathematik- 
Professor Ihrer ehrwürdig^en Universität. Ähnlich wird 
es auch mit der ,Hei]niaschine' sein, die ich ihnen 
sofort demansfriertn werde." 

Mittlerweile sind wir vor Wellinfilons Maschinen- 
geschäft angelangt, in dess*^n AnsUge verschiedene 
Schreib*, Rcchen-j Koch-, Wasch- und Druckmaschinen 
zu sehen sind. Ehirch die grolle Verlcaufsbalte führt 
midi der achtungsvoll begrüßte Chef in sein Privat- 
zimmer, woselbst auf ein&m massiven Kasten eine 
plumpe, unFörmtgej mit zahllosen Hebeln und Radern 
versehene Maschine steht. 

„Das soll sie sein, die neue Hellmaschine?''' sige 
ich etwas beklommen. 

„Ja, das ist sie,'* antwortet stolz der Amerikaner, 
„die erste amerikanische Heilmaschine, die nach Europa 



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— 138 — 

gekommen ist. WülSeti Sie ifare Wunder kennen 
lerren?" 

„Frcitidii icli brenne darnach." 

„Nun, ich btri bereit, ste Ihnen vorzuführen. Sehen 
Sie hier an der Seite diese kleine Klaviatur Wenn 
Sie genauer hinbficken, bemerken Sie, daß da ver- 
schiedene Krankheitssymptome auf die einzelnen Knopfe 
geschrieben sind. Die erste Reihe repräsentiert die 
verschiedenen Schmerzen, Sie sinü sehr leicht zu 
merken. Der erste Knopf bedeutet Kopfschmerzen, der 
zweite Augen schmerzen, danti Nasenschmerzen, Hals- 
schmerzen usw. Ims zum letzten Knopfe, der Schmerzen 
in der f- ulisohle bedeutet. In ebeaso sinnreicher Weise 
sind auch die anderen Symptome systematisch hipr an- 
gct>racht. Also machen wir einen Versuch, Nennen 
Sie mir eine Krankheitj respektive ihre verschiedenen 
Symptome/' 

Ich überlege einen Moment, Dgnn sage ich; „Gut, 
prüfen wir Ihre Maschine. Also typen Sie: Kopfschmerz, 
Niedergeschlagenheit, Brechreiz,, Appetitlosigkeit, elen- 
der Geschmack im Mundc/^ 

„Das ist alles?*' 
,,Allesr" 

Herr Welmingfton klopft rasch auf einige seiner 
Typen und in einer Selmnde erscheint in einem Rahmen, 
der d[e Aufschrift „Diagnose" trug, mit roten Lettern 
das Wort „Katzenjammer!" Zugteich kommen eine 
Reihe von Zetteln zum Vorschein, von denen das eine 
ein Rezept ist, das ünz berühmte Spezialität des ameri- 
kanischen Oroßhauses Wilson & Co, enthält — wie ich 
später erfuhr, ist er Großaktionär der neuen inter- 
nationalen Heihnaschiticn-Qesellschaft — das andci^ ein 
Diälzettei, der verschiedene, sehr praktische hygienssctie 
Vorschläge vorgednictt hat, der dritte jedoch ein lar- 



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higtT Reklamezettel eines Delikatesse tigeschäftes mit 
der bezeichnenden Inschrift: j,FrLsche Heringe in allen 
Größen jederzeit vorrätig- nur bei NiJvcn St Koltee, 
ßei Abnahme von je hundert Heringen erhält der 
Käufer unentgeltlich eine Photographie," 

ich muß gestehen, daß ich etwas verblüfft war und 
dem Apparat etwas näher zu Letbe nicken wollte. Ich 
gebe eine Reibe der kompliziertesten Kr an klieüs Symp- 
tome an, berücksichtige die neuesten chemischeri und 
bakteriologischen Forschiingenf und siehe da, die 
Diagnose ist immer richtig, dte Behandlung ist die 
für unsere Zeit gebräuchliche, wobei jedoch mit großem 
Raffinement die verschiedensten modernen amerika' 
ni sehen Spezialitäten utid Apparate berücksichtigt wer- 
dett Als ich sqgar, einer momentaneti Laune folgend, 
die Symptome ,, Weltschmerz, Herzklopfen, unbe- 
stimmte Seha&ucht Reisefieber, Geldsorgen, Schlaf- 
losigkeit, Neigung zum Lesen lyrischer Gedichte" an* 
gebe, erscheint mit der Diagnose ,, Verliebt" zugSeich 
die Adre&se eines Vermittlungsbure^us^ das Verlieb- 
ten ujid Niclitver liebten seinen Rat in Liebesangelegej> 
heiten anbietet Der letzten Worte entsinne ich mich 
noch, es hieß dort^ Auch verfügen wir iiber ein reich 
assortiertes Lager ron Erbinnen und Adeligen jeder 
Rangstufe. 1 ausende Dankschreiben liegen im Bureau 
unserer Gesellschaft auf. 

,,Und diese JMaschinc soll den Ärztestand um- 
bringen?*' 

„Warum denn nicht, sa£te Herr Weltningtofi 
selbstbewußl „Ich rate Ihnen, geben sie bei Zeiten 
Ihren ärztlichen Beruf auf und erriehten Sie sich ein 
Hcilmaschinenbureau, Die Idee ist gar nicht so schlecht. 
Sie werden glänzende Geschäfte machen. Wenn Sie 
für jede ärztliche Auskunft nur z^vanzig Heller vei^ 
laugen, $o können Sie doch bald ein reicher M.&nn 



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^ 140 — 

werden, weiJ Sie bei allen diesen Unternehmungen j die 
diese Maschine propagiert, perzentuell beteiligt sind/* 

Sie werden wohl die HälJir ihripr Kollegfn Jiugrunde 
richten und zu Betttem machen. Aber es geht ja nicht 
anders. The struggle of life! Und glauben Sie ja nicht, 
daß dies der einzige Vorzug der Maschine ist Sehen 
Sie^ ein Griff an diese Kurbel und der ganze Charakter 
der Maschine ist verändert. Sie funktioniert jetzt nur 
homöopathisch. Selbstverständlich sind die homöo- 
pathi&chen Präparate auch von einem Aktionär. Ein 
weiterer Griif und Sie halben das reine Naturlieil- 
verfahren, wobei natürlich nur Anstalten empfohlen 
werden, die mit dem Gelde unserer Alctlengeselkchaft 
gebaut wurden. Für jeden Oeschniacfc ist vorgesehen. 
Dabei ist die Maschine auch eine wirliche 11 ei Ima seh ine. 
Säe elektrisiert, m-'igtietisiert, erzeugt alle möglichen 
Lichtarier, Diese beiden hervorspringenden Kolben, 
dienen der Vibrationsmassage, so daS der Patient für 
weitere zwanzig Heller auch gleich an Ort und Stelle 
behandelt sein kann. Bedenken Sie diese Erleichterung 
für die Krankenkassen. In Amerika sind die Ärzte bei 
den Kassen längst abgeschafft worden. Jede Kranken- 
kasse hat eine Heilma^chine, die voa einem Fräulein 
t>edient wird'' 

„Lieber Herr ^Celmington, das ist für Europa 
nichts Kenes- Unsere Ärrte sind b^i den Krankenkassen 
atich nichts anderes als Heilmaschinen; auch sie machen 
die Visite tlir zwanzig" Heller, auch sie müssen in ihrer 
Ordination in einer Stunde sechzig; Kranke .bedienen*. 
Audi sie fertig^en fast automatisch ihre Rezepte 
aus^ nur mit dem einzigen Unterschiede, daß sie 
sich dabei zug^ründe richten, ihre Gesundheit opfern 
und arme Teufel bleiben. Die werden noch immer 
billiger sein, wcntgstexis hei un$ in Österreich, als 
Ihre Heilm^schinE, die ja — ich will es nicht ab- 



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- 141 - 

streiten — bei der Torheit unserer Welt eine große 
Zukunft hat/* 

„Wellen Sie also die Vertretung übernelimen?" 
pieinte Herr Welmirgton bereit, mir seiner Ansicht 
nach einen großen Dienst zu erweisen, 

„Nein^ ich danke sehr, idi will es lieber mit der 
alten JVtethnde uveiterhalten. Sie uLrissei\ ich bin etwas 
konservativ." 

Herr Welmingtoa kommt mir etwas verstimmt vor, 
als ich ihm zum Abschied die Hand reiche; einen 
Moment lang überlegt er unsch lässig und sagt dnnn 
p]ötzJich: „Treffe ich Sie heute in Ihrer Ordination? 
Ich habe wieder meine alten Schmerzen/' 

„Bcbüte der Himmel, daß ich Sie Ihrer Hetl- 
maschine abspenstig mache/' 

„Unter uns gesagt," ffüsterte Herr Welmington 
ganz leise, ,Jch komme doch lieber zit Ihnen, ich 
habt tu dem verdächtigen KeH, dem kleinen, bucklig^cn, 
amerikanischen Arzt^ der in der Maschine drin sitzt, 
gar kein Vertrauen. Schließlich^ was kann ein Antt 
wert sein, def iüt zwanzig Etellars die Woche täglich 
zehn Stunden in einem so elenden Oefängnis sitzt?'' 



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Die Regenkur. 

War das ein verregneter Sommer! Und gerade ich 
gehörte heuer zu jenen Auserwählten, die das Be- 
dürfnis nach Ruhe und das brennende Vertangfen nach 
Sonnenschein ins Salzkammergut getrieben haben. Ich 
teilte mein Mißgeschick rnit unzähligen Gesinnuiig:s- 
genossen. Jeden Morgen sah ich bang;end und hoffend 
zum Himniel hinauf und immer erblickte ich nichts 
als Wolke it in versdiiedejien SchaUiermige«- Ein kalter 
Wild niahnte mich immerwährend daran^ daß ich 
daheim einen warmen Winterrock gelassen hatte, er- 
innerte mich an mein KafFeehau<i, an meine üebling^- 
bücher und an meinen LiEhlingshund; und über meine 
Bergschuhe zog sich ein dichter Überzug von grün- 
lichem Schimmel. Mein einziger Trost war die wasser- 
dichte Regenhaut, mit der ich mich in einer Stunde 
blitzartiger Erkenntnis und dunkler Sehergabe aus- 
gerlistet hatte. So bewaffnet, stapfte ich durch deti 
Regen und dachte tagelang über das Problem naeh, 
einen wasserdichten Schtih zu konsttuieren, der wirklich 
wasserdicht wäre. Andre Gedanken fanden in meinem 
Geliicn keinen geeigtiefen Nährboden. Mein eiüdge&i 
etwas boshaftes Vergnügen bestand darin, Wetter- 
berichte aus anderen Ländern ?u lesen, wo es noch ärger 
zuging. Hochwässer, Überschwemmurigen, Wolken- 
brüche fanden bei mir kein Mitgefühl, sondern weckten 
im Gegenteil eine Art boshafter Sctiadenfreude. Femer 
tröstete ich mich bei dem Anblick jener Ungllkk- 
lichsn, die das gleiche Los mit mir teilten. Nie im 



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— 143 — 

Leben habe ich so viele Kapuzer und Wett erkrage n, 
eine solch stattliche Auswahl wisserdichter ütnhüllu ei- 
gen bcisammcii gesehen ah in diesem Sommer. 

Um so auffallender war es mir, daß unter den 
vielen Menschen, die über das Wetter schimpften und 
verdrießlich durch die Kotlachcn j>atschten, hie und da 
Gesichter auftauchten^ die förmlich von Wonne strahl- 
ten und mit drtem gewissen verernü^Hchen Behagen 
durch die feuchte Atmosphäre trotteten. Noch er- 
s^Uuntcr war ich, als ich bemerkte, daß sich das Ge- 
sicht eines dieser feuchtfröhlichen Menschen plötzlich 
veHinsterfe, da eine Sekunde lang die Sonne aus den 
Wolken brach. Er blickte verdrießlich zum Himmel 
hinauf, schüttelte den Kopf und zeigte sein gutmUliges 
Lächeln erst wieder, äh diese kurre Sonneneptsode 
von einem melancholischer Regenguß abgelöst wurde. 

Dieses Benehmen konnte icti mir nicht erklären. 
Rasch entschlossen ei He ich auf den Menschen zu, den 
ich fiir den Erfinder eines neuarligen^ wasserdichten 
Schuhwerks hielt oder zumindest für einen Regen- 
schinn- oder Wetterlodenfabtikanten, wobei es mir 
auffallend war, daB es mehrere solche kuriose Ge- 
sellen im Orte gab- {Süllle hier vieileidit der Ver- 
ein der „Wasserdichten** seine Zentiale aufgeschlagen 
haben?) Ich eilte also auf ihn zu und ersuchte ihn, 
tnir dieses Phänomen zu erklären. „Das ist sehr ein- 
fach," antwortete mir der Angesprochene zuvorkom- 
mend. „Ich mache eine , Regen kur* durch, und jeder 
Sonnentag Ist für mich ein verlorener Tag." 

„Auf wessen Anordnung?'* 

^Ja, haben Sie noch nichts von Dr, Sturmflut ge- 
hörtf der heuer hier sein erstes internationales Regen- 
sanatorium errichtet hat?" 

„Wo wohnt der Mann?" fragte ich entschlossen, 
„Wo soll er wohnen?" antwortete der Wasseriichle 



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— 144 *- 

ntlt einer Fragte, 4lie in mir den Zweifel weckte, ob er 
auch in seiner Jugend das nötige Quantum Wasser 
zur Ebnung des Lebensweges erhalten hatte, ,,Also wo 
soll er wohnen?" wiederholte er. ,,li der Regenpsse/* 
Davon hören und zu Dr. Sturmflut eilen war 
das Werk einiger Sekunden. Schon stand ich vor dem 
merkwürdig niedrigen Oebäude, über dessen Portal 
sich eine uahre Fiut von Dach wassern ergoß, die 
durch ein eitiFimches System so geordnet wiren, daB 
jeder Einlretende ^leidj ptidduaD werden nmfitt. 
,,Dr. SturmfEuts ersles modernes, ultra hygienisch es 
Regen sanaiorium*' stand darauf im verwaschenen 
Lettern. Ich rettete rnich ra$c!i in den Vorsaa^l und 
bemerkte zu meinem Erstaunen, daß das Dach schad- 
haft sein mußte, denn e«; regnete, allerdings mit 
geringerer Inte itsi tat, auch im Vorzimmer; es tropfte: 
an allen Wänden, die in sehr geistreicher Weise mit 
verschiedenen Tropfsteing^ebilden geschmückt waren, 
so daß man sich in die Adelsberger Grotte ver- 
setzt wähnen konnte, Ich wurde rasch vQrgEtassen 
und traf Dr. Sturmflut, der mir sehr bekannt vor- 
kam, gerade am Schreibtisch sitzend, die Beine in einem 
Wiissersdiaff utid den Kopf unter einet QraLse, an 
seinem neuen großen Buche — „Die Entdeckung des 
Wassers im 70 Jahrhundert^^ arbeitend, Ich bat um 
die Erlaubnis^ den Regenschirm aufmachen zu dürfen, 
was mir Dr. Stumiftut gnädigst gestattete, wobei er 
mich mit einem mitleidsvoSlen, unsagbar ironischen 
Blick betrachte Ic. ^, Diese Unarten werden Sic ^ch 
bald abgewöhnen müssen, wenn Sie mein Patient 
werden wollen. Der Regenschirm ist auch eine jener 
teuflischen Erfindungen der modernen Zeit, wie die 
Galoschen und wasserdichten IVIäntt!, die dam be^ 
stimmt sind, die Menschheit auszutrocknen und zu 
degenerieren. Gerade schreibe ich die letzten Zeilen an 



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— 145 — 

meinem Buche, das» wie Ich hoffe, eine Revolutjon 
unserer An schattungen auf diesem Gebiete hervorrufen 
wird," 

Idi bat Dr. Sturmflut mir einige Auffalärungen 
über sein neues System zu £[eben, wom er sofort 
bereit war. Er stieg würdevoll aus dem Fußbad, 
stellte die Orause ab und sa^e: „Ich iccniie Uireii 
Einwand im vorliinelti. Sie werden SAgtn Mode, 
nichts Ah hAnde.. Rjs jet?t ist dlie Sonne in Mode 
gewesen, altes zog nach dem Süden, briet und röstete 
Sich; nun kommt ein findiger Kopf und versucht es 
mit dem Gegenteil. Ich SAgt Ihnen, wenn meine 
Regen iiEir Mode werden wird, woran icti nicht zwei fit, 
so ist es nicht das Neue, das sich durchsetzt sondern 
das Bessere^ das das Schlechtere verdrätigft Glauben 
Sie mir/' rief er mit Emphiise, „die Menschheit ist 
im Begriff £ü vertrOL'knen. 3chen Sie einmal hier diese 
Frucht'* — er zeigte mir eine gedörrte kalifornische 
Feige — „Ich hge sie jetiJ ms Wasser, und was be- 
merken Sie? Die versch rümpfte, verrunzelte, unge- 
nießbare, zähe, mißgestaltete, verkümmerte Frucht 
schwitit auf, Rie bekommt Form, Farbe, Geschmack 
und Leben. Blicken Sic in dieses Mikroskop zur 
Rechten. Vfas liegt dort? Ein Maufe schemlolerj 
zeugungsunfähiger Infusorien. Lassen Sie mich nur 
einen Tropfen Wasser auf die mikroskopische Platte 
legen. So, ferzt blicken Sie noch einm^ hin. Sie be- 
merken ..." 

„Ich bemerke, daß die Mikroorganismen lebendig 
werden, FortsüLie ausstrecken, üdO sie sich lebhaft 
bewegen und pfeilscrhnell hin und herschielJen/' 

„Bemerken Sie das?" schrie erregt Dr. Sturm- 
flut. „Und bildet sich nicht sofort ein Kurischluß in 
Ihrem Gehirn? Auch du bist solch eine getrocknete 
Frucht, eine solch lebensunfähige Zeltet Marsch ins 

ScrcüLT, Jtjtulap Hb tlurlcth. 10 



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— 146 - 

Wasser, daß du zu feuchtfröhlkhem Leben erwachen 
tuid gesunden kannst. Mein Heilprinzip/' fuhr er fort, 
,jbemht darauf, die Menschen an das Wasser zu ge- 
wöhnen! Wie lächerlich waren die bisherigen Be- 
strebungen der Wa&serheilküft stier. Für einige fluch- 
tige Minuten setzte man den Krdiikt:it Itiä Bid, daiui 
dann rieb man ihm angstlich jeden Tropfen Wasser 
yom Leib und zog ihm warme Kleider an. Meine 
PorscLuFigen haben mir einen andern Weg gcwicstn. 
Nur das Wasser kann den Menschen heilen. Sehen 
Sic, nach einem jpflen Regen ist die Luft frisch und 
gereinigt. Nicht wahr, Sie könnten nicht mehrere Tage 
ein ungewaschenes lienid tragen? Aber in einer «n- 
gew^chenen Luft leben Sie wochenlang und denken 
gar nicht daran, welche Verunremipingen diese Luft 
enthält. Der Regtn ist die von der Natur besorgte 
biologische Reinigung der Luft. Wenn die Menschen 
mieht so töiicht wären, so würden sie sich endlose 
Regentage wünsidien. Würum hat denn der Plarrer 
Kneipp so große Erfolge erzieh? Weil er es gewagt 
hat, die Menschen auf nassen Wiesen hertimgehen zu 
lassen. Bei meiner Regenkur n>uB der ganze Men&ch 
naß sein. Ich habe dieses sUile Tai deshalb gewählt, 
weil es die meisten Regentage hat, und leh d^nlre der 
gütigen Vorsehung, daB sie mir im Jahre meiner 
Eröllnung so hilfreich enlgegengekommen isL" 

„Verkühlen sich denn Ihre Patienten nicht? Gibt 
es in Ihrer Anstalt keinen Schnupfen, kein rheuma- 
tisches Reißen? Kein gictitisches Zucken?** 

„Sie sprechen ja wie die gedankenlose Menge. 
Mur der wasserscheue Mensch kennt diese Krankheiten. 
Bisfier sprach man von Abhärtmi^. Aber gerade 
abgehärtete Menschen wollen wir gar nicht eniehen, 
ivir wollen sie verweichlicht haben, jedoch im neuen 
Sinne, im Regensinne, aufgeweicht, feucht Woher 



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- 147 - 

sollen die MikrcN^rgfanismeti kommen, wenn die LuN 
59 gründlich gewaschen bt? Nun sehicn Sic, meine 
Kranken tragen die von mir erfundenen porösen 
fk^huhf', welche an alten F.cicen und Enden dem Was.«;er 
reichlich Zutritt lassen. Sie kennen den Rcgcnachinn 
nicht Auch die Hüte und Kleider sind derart aus- 
geführt, daß das Wasser ungehindert zum Körper 
gelang^en kann. Für den Fall der Sonnentage haben 
wir eine große Halle, in der ein künstlicher Regen 
erzeugt wird, in welcher die mir anvertrauten Men- 
schen sich einige Stunden he mm bewegen müssen/' 

„Und Ihre Erfolge, Ileir Doktor?'' 

„Einfach großartig [ Ich sage Ihnen, wochenlang 
votlier sind die Plätze meiner Anstalt besetzt^ und 
ein jeder Patient, der mein Regensanatorium vcr- 
Jätlt, ist so beg^cistert, dab er mir sofort einige neue 
jiisendet." 

Ich war derart erstaunt über diese Mitteilungen^ 
daS ich Herrn Dr. Sturmflut bat, mir die näheren 
Einrichtungen der Anstalt zu zeigen. Ajch wollte ich 
gern einige seiner Klienten kennen lernen. Doktor 
Sturmflut war sofort bereit, zeigte mir die ver- 
schiedenen Zimmer^ in denen sich sehr sinnreich Icon- 
^truierte Wassef betten befanden; er führte mieh in 
den Spielsalon, wo einige Herren unter einer 
Regendusche mit Kautscfiukkarlen fröhlich dem 
Tarockspiel huldigten, wobei es so eingerichtet war, 
daS der Dreier nicht mit Worten gcspritit wurde. Das 
treigms wurde so zum Ausdruck gebracht, daß der 
Spritzende einen neben ihm befindlichen Dti^ch- 
apparat auf das Gesicht des kontricrten Gegner^ 
nchtete. Spritzte dieser zurück, so galt das natürlich 
als Refourspritzer, während der „Sub** mit einem 
kneippis[:hen Oberguß markieri wurde. Auch das 
neue W^as^erbiilard interessierte mich höehlichsL Die 

1(^ 



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— 148 -- 

Klienten sahen dabei alle so frisch und munter aus, 
daß tch sie wirklich um ihre eisenfeste Gesundheit und 
das bEüliende Exterieur beneidete. 

„Wenn ich das früher gewußt hätte, lieber 
Dr. Slunnflut,'' s^gte Ich zaghaft, «.so hätte ich mich 
ja die ganze Zeit aidtt über die Regentage geärgert. 
Ich wäre einfach in (hr Sanatorium eingetreten mit 
dem Bewußtsein^ daß der Reg^en im Tnteresse tu einer 
Gesundheit c:in notwendiges Requisit der Natur däi^ 
Stellt.'* 

In diesem Moment veHinsterte sich das Gesicht 
aller Anwesenden. Durch dic^ zerbreche neu Fenster- 
scheiben leuclitete der blaue tiimmel, und die Sänne 
»andte siegreicJi ihre eisten brennenden Strahlen auf 
das RegeDsanatorium. 

Dr. Sturm flu ts Antlitz verfinsterle sich auch. „Da 
muß ich gleich nach dem Rechten sehen;" sa^te 
er und stieg auf seinem Aeroptan hoch in die Luft 
Ich ihm nach, ohae daß er es benierkie. Nach eiaer 
halben Stunde landete er jenseits des Passes vor 
einem sotinig gelegenen, reizend geschmückten Hause, 
auf dem zu lesen war: „Sanatorium cur Sonne.'' So< 
fort bemerkte ich den ungeheuren Schwindel. 

„Dr. Sturmflut]*' schrie ich, „Sie sind der ab- 
gefeimteste Spitzbube, den unser Jahrhundert gesehen 
hat. Sic arbeiten ja in zwei Lagern. Während der 
Regentage predigen Sie den Regen, an den Sonnen* 
tag^en sind Sie Besitzer des Sani tori ums zur Sonne, 
Ich erkenne Sie jet^t, denn idi habe mich einmal vier 
Wochen vcn Ihnen in Iliren Sonnenbädern rösten 
und braun färben laesen. Ich werde Ihr £chamlo&es 
Treiben . . .** ich konnte nicht weiter sprechen. 
Shirmflut stürzte sich auf mich und wollte mich aus 
der Höhe des vieriehrten Stockes, wo unsre Aeroplane 
^«Llandet waren, zu Boden stützen. Ein furchtbares 



C^r\r\cs{£> O'iqinalfrom 

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— 149 — 

Ringen begann, da verlor ich den Halt, sauste in die 
Tiefe und wachte auf. , , , An der Türe hätnmerfe 
es laut; „AufsUlien! Der ersk sdiüiic Tiijä! Heule 
steigen wir auf/' 

So endete mein abwechshitigsr eicher Traum vom 
Rcgcttsanatorium, Wer weiß, ofa sich nichi aus dem 
Traume eine Tat entwickelL Audi in der Medizin ist 
manchmal das Ori^nelic Trumpf. An Narren, die 
den neuesten Unsinn mitmaclieii, gab ea nittnab dneit 
Mangel 



C^i^i^filif O'iqinalfrom 

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Das soziale Serutii. 

Protektion vermag alles, sagfeti die Leute. Monate- 
lang hatte Ich mich bamüht, in das LaboratoHuTn d^s 
berühmten Bakteriologen Dr. Warenikow Eingang m 
finden, um meine Leser über seine nettesten, sensitto- 
111*1 Ifn Fntrieckungeti infonrieren tu lcftnrif»n. Jedps- 
tns.\ wenn ich meine Visilkartcr hincinsdiictde, erhielt 
jcli von dem reich livrierten Diener dte Antwort: Der 
Herr Professor tonne mich nicht empfangen, er dürfe 
jetrt absolut nicht gestört werden, da er gerade im 
B^rifJe sei, eine wichtige Arbeit zu vollenden, — 
Die besten Empfehlungsbriefe meiner Freunde und 
verBchiedener angesehener Gelehrten halfen gar nichts. 
Und (k>di fm£t es^ üaß Pratektiun alles vermag! Der 
Satz mulJte entschieden feilsch sein, denn mir hatte 
die schöofite Prolektion nichts geholfen. Einige Wochen 
verbrachte ich damit, darüber nachzudenken, ob ich 
nicht eine altes bisherige umstürzende Brosctiüre ^,Das 
Ende der Prf^tpkfionsivirtschflft" veröffentlichfft und 
auf den Herrn Professor Warenikow verzichten sollte, 
als mir plötzlich eine geniale Idee icam. Habe ich 
auch alle Quellen der Protektion erschöpft? Gibt es 
nicht einen JVlenschen, an dessen Protektion ich ver- 
gessen hatte? 

Richtig, da saß der Haken! Mir war es gegangen 
wie dem Schildbürger, der sich sdber zu zählen ver- 
guäsun hatte, Ith hatte schun »u viele fremde Leute 



,-.,-, ^^ r^^T.^rilic« O'iqinalfrom 

D\gmm oy ^OOglC ^Ri^ceroM UNIVERSIW 



— 151 — 

protegiert, daß ich eintnal ausrahnisweise bescWoÜ, 
mich selber zu protegieren. Tch schrieb also an den 
unnahbaren Bakteriologen, ich hätte eirt^n armen 
Patienten, der von einer eigen tum liehen Krankheit be- 
fallen sei: Er leide an Weltschmerz, hasse und meide 
alle Menschen. Selbiger Kranke sei eben im Be- 
griife einen Selbstmord auszuführen. Da ich gehört 
hatte, der Professor hätle irgfendein Mitteigegen solche 
GeselUcha fiele inde erfunden, so nähme ich mir die 
Freiheit, im Interesse der Humanität zu ersuchen, ein 
kostbares Menschenleben zu retten. Nach väerund- 
I wanzig Stunden erhielt ich eine Etepesche mit dem 
lakonischen Inhalte: ,, Sendet Menschenfeind; Heilung; 
in sechs SJnnden zugesichert. Warenikow/' 

Ich beschloß mich zuerst als Menschenfeind ent- 
sprechend 2u kostümieren, weil ich selber selbstver- 
ständlich in der Maske meines Patienten in das Aller- 
h eiligste des Bakteriologen eindringen wollte. Ich 
kleidete mich vom Kopf bis zum Fuß in Schwarz, legte 
meine Stirne in ernste Falten, fuhr mit meinen Fingern 
solange durch die Harre, bts sie mir zu Berge standen, 
nahm in die rechte Tasche einen Band Lenau^ in die 
linke einen Schopenhauer; unterm Arm trug ich das 
dickleibige Werk Otto Weining'ers „Geschlecht und 
Charalcter". Auf meine entsprechend schmutzigen Man- 
schetten schrieb ich die mir aus meiner Studenten^ 
zeit vrohlbek an fiten Verse: „lUenschen, Menschen, 
falsche, h^-uchlerische' Krokodil enhmf 

So ausg'crüstet begab ich mich zitternden Herzens 
zu Dr. Warenikow und übergab ihm meinen Emp- 
fehltin^-sbriel E3er große Pfadfinder dqr Bakteriobgte 
empfing' mich in seinem Laboratorium. Ich hatte mir 
das ganz anders vorgestellt. Es war eigentlich nichts 
Besonderes zu sehen, als eine große Men^e von 
Glasröhrchen^ die miit Watte verstopft waren, und 



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' ^*-''-'g"^ 'RIHCETOM UNIVERSITV 



— 152 — 

eine fast luizählige Menge mit einer Maren Flüssig- 
kcit gefüllte Tuben. Mtt einem durchdringenden Bück 
S3h mich der hagere, schneeweiße Forsctier an. 

,^ie sind ein IVlensche-nWnd?'* fragte er, 

, Jawohl, Herr Professor." 

„Sie wollen sich das Leben nehmen?" 

„Jawohl, Herr Professor." 

;,Was wissen Sie mir über Ihre sozialen Instinkte zu 
sagen?** 

,j[ch versiehe Sic nicht, Herr Professor . . ," 

j,Nun ja, ich soltte mich klarer ausdrucken. Ant- 
worte a Sie mir nur auf meine Fragen. Haben Sie 
irgendeine politische Gestrtnung' bclättgt, sind Sic 
vielleicht Sozialdemokrat?" 

„Nein, Herr Professor. Ich habe nie das Rerfürf- 
ni» gehabt '"■cb für Politik zu Interesse ren." 

„Wie oft waren Sie verlieb*? Haben Sie viele 
Freunde gehabt, sind Sie Mitglied mehrerer Vereine?*' 

„Hier wurde mir das Lügen schwer. Ich war näm- 
lich in meinerri Leben unzählig^einal verlieb! gewesen, 
meine ganze Umgebung steht zu mir im Fieundschafts- 
trerhältnis und die Hälfte meines Elnkonmiens geht 
in verschiedenen Vereinen verloren. Nichtsdestoweniger 
lagte ich mit der mir angeborenen Frechheit, um 
die Rolle zu Ende tu spielen: „Ich bin nie vcrttcbt 
gewesen, habe keinen Freund^ hasse die Vereins- 
meierei.'* 

„Das trifft sich herrlich!" sagte der Professor. „Ich 
lechze schon langst danach, an einem solchen Men* 
sehen mein hochwertiges sozialem Serum zu ver- 
suchen. lEine einzige Injektion — und Sic atnd ge- 
heilt und gerettet." 

Schon ergriff der Professor eine kleine Spritze, die 
mit einer feinen Kadel versehen war, warf sie ins 



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' ^*-''-'g"^ 'RIHCETOM UNIVERSITV 



- 153 - 

kothetide Wasser, um sie zu sterilisieren, nnd forderte 
intch auf^ nidncn linken Arm zu entblößen. 

Icix wollte fedodt nur Näheres über das Wesen des 
sozialen Senims erfahren und mich dann unter irgend- 
einem VorwAndc drücken, ]ch machte dem ProFessor 
beg^rel flieh, daß ich d^e solche Injektion mir nie 
wurde geben lassen, wenn ich nicht genau wüßte, auf 
welchem Prinzip diese neue Heilmethode beruhte. Der 
Professor welg^erte sich entschieden. Es wäre unter 
seiner Würde, sich mit einem Patenten in wissen- 
schaftliche Dispute einzulassen. Dabei bemerkte ich, 
daß er darnach brannte, sein Serum an mir zu ver- 
suchen. Ich bestand auf meinem Wunsch mit solcher 
Hartnäckigkeit, daß er schließlich nachgab und mir 
einen kkinen Vvrlrci^ Eiielt 

„Soviel werden Sie wissen," führte er aus, „daß 
es soziale Tiere und antisoziale Tiere gibt, nicht wahr? 
Die einen leben in Rudeln^ in Gruppen, die anderen in 
stolzer Einsamkeit. Was lag nun näher als der Schluß, 
dafi diese sozialen Instinkte auf einer sonderbaren 
Beschaffenheit des Blutes beruhen müssen? Sie wer- 
den ja schon von der biologischen Reaktion gehört 
haben. Artverwandte Sera miteinander gemischt, er- 
geben einen Kied erschlag. Auf diese Weise konnte ich 
teststellen, daß die sozialen Instinkte beim JVlenschen 
und bei den Tieren auf dieselbe Ursache zurückzu- 
führen sind, auf eine Infektion mit dem ^Bacillus com- 
munis sodaIis^ Ein Beispiel: Das Blut eines berühm- 
ten Vereinsmeiers ei^ab, g^emischt mit dem blute eines 
Schafes, eine positive biologische Reaktion. Altes 
wurde mir mit dncmmaj kl^r. Gewisse große soziale 
Bewegungen, was waren sie anderes, als eine Kon- 
taktinfektjon mit dem Bacillirs sociali^ communis? Es 
gelang mir, diesen Bazillus auf der Nährgclatinc zu 
züchten und ein entsprechendes Serum zu fabrizieren. 



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' ^*-''-'g"^ 'RIHCETOM UNIVERSITV 



— IM — 

\ch habe mtt HilFe dieses Serums einen Löwen des 
ZOO [ogi sehen Gartens so lamm fromm gemacht, daß 
er sl:reng:€r Vegetarier wurde und sich nur von Heu 
und Kräutern nähren i^sacn will. Ich habe einen be- 
rüchtigten Antiseniitenhäuptling durch zwei Injektionea 
BO verwand Eli, daß er jetzt täglich im Cafe Abelen 
mit ^wei Juden eine Tä/ockpartic spielt, [ch habe 
einen Sozialdemokraten da2U gebracht, Obmann eines 
Veteranenvereines zu werden, und ich werde ohne 
Zweifel niit einer einzigen Jnjekticn Ihr Wesen voU- 
kofnmen verwandeln. Hier sehen Sie ein aus Turtel- 
iaubenbkit gewonnenes Serum, dessen Baziihts die 
WandcrUTig über mehrere der sozialsleii Tiere genom- 
men hat. Hier in dem Mikroskop können Sie ihn 
in Lebensgröße erblicken," 

Ich beugte mich über üaü Mikn^i^kujj, aber, o weh, 
im selben Moment verspürte ich einen tdsen Stich 
m meinem entblößlen Arm^, Professor Warenikow 
hatte mir, ohne mich zu fragen, eine tnjekdon gegeben. 

fch war entsetzt. Oas hatte mir noch gefehlt! Eines 
tröstete mich. Der Gedanke, daß ich sicherlich nichts 
von der Wirkung dieses Serums verspüren werde; 
daB das soziale Serum eine nutzlose Spielerei eines 
phantastischen Bakteriologen sei. Ich empfahl mich 
daher rasch von dem Professor (wie ich zu meinem 
Erätaunen bemerkte, mtt sehr großer Zärtlichkeit) und 
versprach, am nächsten Tage wieder zu kommen. 

Das tat ich auch getreulich. Aber was hatte teil nun 
in diesen vienind7wan?ig Stunden erlebt! Kaum war 
ich auf die StraSe getreten, so fühlte ich verwundert, 
daß es mir so warm ums Merz wurde, als wäre Ich 
verliebt utid hätte «oeben von meiner Liebsten den 
ersten KuO be kommen. Alles erschien mir schöner, 
losLger, Farbenprächtiger, tun kleiner Junge kam des 
Weges und iragte mich, wie spät es wäre. Ich war so 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 155 — 

gerührt über diese Frage, daß ich ihn zweimal küflte 
und noch mit zwei Krönen beschenkte. Vnr einem 
Dienstmann, der mich grQfltc, machte ich eine tiefe 
Verbeugung, erkundigle mich ehrfurchtsvoll nach 
seinem BeSinden und bat ihn um Verzeihung, daß ich 
ihn jemals iür meine niedrigen Dienste mißbraucht 
hatte. Allein wie ging's mir er&t, als ich die erste 
Dame sah! Ihr nachgehen, sie ansprechen und um 
ihre Hand anhalten, war daä Werk eirrer Minul«. Bis 
ich zu meiner Wohnung kam, hatte ich zirka zwanzig* 
Damen Liebesanträge gemacht; zehn lieSen sich meine 
Vi Sit karte gebtn, fünf erklärten mich für verrückt und 
fünf riefen nach eltiem Schutzmann. Wie Ich unbe> 
heiligt nach Hause kam, ist mir heute noch ein Rätsel 
Schließlich war ich auf der Stiege, die zu meiner 
Wohnung: führte. Meinem alten Briefträger, der mir 
die eben angelangte Post überreichte, küBte ich de- 
mutsvoU die Hand und dankte ihm für all seine Qüte. 
Meine Frau war offenbar mit der Wirkung des Serums 
am zufriedensten. Sie konnte sich meine ungestüme 
Zärtlichkeit nicht erklären und rief einmal über das 
atidetemal aus; „Seremi^, du mußt etwas auf dem Ge- 
wissen haben, sonst wärest du nicht so Sieb mit mtrl^* 
iWit Tränen der Rührung setzte ich mich an den Schreib- 
tisch und ereriff meinen Amisfcfliender. \th bemerkte, 
da6 ich von den in Wien befindlichen sechstausend 
Vereinen bloß fünf und vierzig an gf eh orte, ich begann 
mich brieflich bei allen anderen Vereinen als Mitjflied 
anzumelden. Jedesmal, wenn zehn Briefe geschrieben 
waren, gab ich sie meiner Frau mit der Bitte j sie in 
den Postkasten werfen zu lassen. „Es ist dringend, 
mein süßer, einziger, teurer, vieJg:ciiel*ter, ange- 
beteter Schatz, Du herziges, unvergleichliches Zucker- 
tlubchen, du süßes Mutzi, Schutzi, Kutzi, Du , . ." 
Einige hundert Briefe muß sie sc> befördert hab^n. 



Diy,ii.etJüy'^:.OOg[C PRINCETÖN UN VEISIT 



— 157 — 

Profuser Wareiittow, der sieh mif als Ohitiarin des 
„Vereines sueuchen fester Bakteriologen" vorgestellt 
hatte. Da wachte ich auf und sofort fiel mir der 
Professor ein und ich versland, was .mit mir vorge- 
gangen war. Zuerst ließ ich meine Trau rufen und 
beruiiE^te sie über mein £fd$tißfe$ Befinden. Sie möge 
die Wärter nur mEiig- heimschicken, es wäre alles 
Dur eiJi journalistisches Experiinetit gewesen. Dann 
ließ ich mir meinen Advokaten kämmen, der die ver- 
schiedenen eingeleiteten Eheverhandlungen und 
Vereinsspenden rückgängig machen soHtev (Vün den 
angesprochenen Damen waren verschiedene Lebens- 
zeichen eingetroffen. Merkwürdigerweise hatten selbst 
diejenigen, die erregt um einen Wachmann gerufen 
und trotzdem die Visitkarte entgegengenommen hatten, 
sicli die Sache ijberlegt und als die ersten ihre Bereit- 
willigkeit 2ur näheren Verhandlung kundgegeben. Von 
den zehn anderen waren sogar BtntnensträuBe, Ge- 
dieh (C;^ gestickte Hosenträger und Pantoffel einge- 
laufen.) 

Ich sperrte mich in ein verdunkeltes Zimmer und 
wartete dort so lange, bis die Sprechstunde des Pro- 
fessors Warenikow herangerückt war. 

Zu dem begab ich mich dfinn und klagte ihm mein 
Leid. Ich bcichttte die Wahrheit und bat ihn, mich von 
den fürchterlichen Wirkungen des sozialen Serums zu 
befreien, lieber möge er mir ein^ größere DnsiR 
des antisozialen Serums einimpfen, das sei enUchiedeu 
viel wenif^er gefährlich und kostspielig. 

Professor Warenikow war so begeistert von der 
herrlichen Wirkung seines Serums, daß er erst von 
einer antisozialen Jmmunisierung gar nichts wissen 
wollte; gchlie Blich ließ er sich dazu bewegen und 
machte midi durch eine entsprechende Dosis Anti* 
toxiit ZU eiaem Bormalen Menschen. 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 158 — 

Olüclclicherwetse waren die Kosten des Experi- 
ments nicht so groÖ, als ich anfangs gefürchtet hatte. 
Es Iteü sich alles in CJüte schlichten. 

Ganz unerklärlich ist mir das Benehmen meiner 
Frau. Sic, die sie doch so schwer unter den Wiikuu- 
gen des sozialen Seninis gelitten hatte, sa^te mir 
neulich, als ich infolge Obermüdutig etwas mißgestimmt 
und Libellauntg war: „Ganz im Ernät, liebtr Scrcnus^ 
ich denke die ganze Zeit darüber nach» ob du es 
nicht no^h einmat mit dem sozialen Serum versuchen 
solltest. Eventuell niif einer kleineren Dosis. In ge- 
wisser Hinsicht var seine Wirkung fiJr dich entschieden 
sehr heilsam, denn Zärtlichkeit ist sonst nie deine 
starke Seite gewesen! . . /* 



r^i^i^nlr" Driqinalfrom 

f \j KH.i^\K. p p I ^ i-^yQ N U N VEl S IT 



Bazillen des Tratsches* 

„Sie glauben es nicht?** sehne in erregtEm Tone 
der Professor der fiakttriulogie Franz Xaver Alt- 
mayer, ,,Sehen Sie nur in das Mikroskop hinein! — 
Bitte, genieren Ste sich nichL Was Bchen Sie dort? 
Ha — was sehen Sie dort?" 

„Icii sehe/' erwiderte ich, etwas uitsicher gemacht 
durch seine harlnückig wiederholte Versicherung, 
„ich sehe kleine Stäbchen, heläblau gefärbt, auf einem 
weißen, durdisichtigen Grunde." 

„Sehr richtig; das, v/as Sic sehen, sind die ,Bazi!tcn 
des Tratsch Es*j von mir entdeckt, von mir rem ge- 
züditet und von mir ü her impft." 

„Das ist nicht möglich^ Herr Professor. Wissen 
Sie, ich glaube an die Wissenschaft wie kein zweiter 
Arzt, AbfF Bazillen des ... Tratsches?' Wie soll 
ich mir das erklären? Ist das Plaudern eine Infek- 
tionskrankheit, etwa wie die Genickstarre oder der 
Scharheft? Ist die Tnfektion mit diesHi Bazillen am 
Ende tödlich?'* 

„Spotten Sie nicht, lieher Herr Kolleg:?," sagte der 
Professor etwas gekränkt. , ^Spotten Sie nicht! Diese 
Bazitlen haben ntdir Mensdienlchexj auf deni Ge-< 
wissen, als Sic es ahnen können. Haben Sie noch 
nie etwas von den Opf^n der Klalsch&ucht gehört? 
hat die Verleumdung, die Ehrabschneiderei, die böse 
Nachrede noch keinen Menschen in den Tod gelrieben? 
— Na alsOj sehen Sie, nur nicht vorschnell ur^ 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 160 — 

teilen . , . Also das sind die Bazillen der KlaUctisucht 
in ihren versctiiedenen Vinifenz^fraden. Hier sehen 
Sie eine gani abgeschwächte Fomi : das sind einf;iche 
PJauderbaltterien, die das harmlose Pfau sehen ver- 
ursachen; dort, diese g^roßen, ungeschlachten Gesellen^ 
hochviruletite Mikroorganismen, die Bakterien der ge- 
meinen wissentlichen Verleumdung- Und Sie glauben 
es noch immer nicht? Warum denn? Haben Sie sich 
schon einmal darüber Rcchenscttäft gegeben, wamtit 
das Plaudern so ansteckend istP Oie Antwort ist ja 
sn naheliegerd: Weil es eine Infektion tat! . . . Haben 
See noch nie davon gehört, daß ciit Lästermaul ein 
ganzes Stadtviertel infizieren kann? Wieso verbreiten 
sich die verschiedenen Gerüchte so rasch, wenn niehE 
durch die geheimnisvolle Kraft der Kontagiosität?" 

Ich war endlich überzeugt und gab dieser meiner 
Übeneiigiing' beredten Ausdruck. Ich w^ollte nur eines 
wi^:»i;[i : wieso der Professor AUmajer m dieser sen- 
sationellen Enideckung gekommen sei. 

„Wie ich dazu gekommen bin ? Auf dl« einfatchsle 
Weise der Welt. Die hüusiidie Not hat mich dazu 
gebracht. Seit einigen Jahren litten wir fürchterlich 
unter d&r Dienstbotenmisere. Kaum kam ein iVladchen 
ins Haus, und war es das bravste und bescheidenste, 
so wurde es nach ein paar Tagen fredi und unaus- 
stehlich, um uns nach eim paar weiteren Tagen di* 
Kündigung an den Kopf zu werfen. Wir forschten 
lange und konnten keine andere Ursache finden, ah 
daß irgend jemand im Hause das Mädchen , abreden' 
müsse. ,Wie sie ins haus kommen'» rief meine Frau^ 
4st es, als ob sie von der Tratsdiatmasphäre infiziert 
würden!^ Wie ein Blitz kam mir da die Erleuchtung, 
Ich untersuchte das freche Stubenmädchen, das ims 
ehengesagt hatte: !n so Hnem Hause bleibe siie nicht 
länger, sie v^erde ihre vierzehn Tage machen. Kuri 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 161 — 

und gut^ ich untersuchte das Mädchen bakteiiologisdi. 
Alf ihrer Zunge fand Ich das erstemal meinen Tratsch- 
bazillus (bazillus calumniaris feminalis Attmayeri). Eine 
üntersudmng nieities Mausen ergab £[ar ktint Anlmlt^- 
puntte für eine Infektion im Hause. Endlich kam ich 
auf di« Idee, den Mundspeichel unserer Hausbesorgerin 
bakteriologiscfi zu untersuchen. Richtig! Sie war die 
Infektionsquelle, Eine solche falsche Person I Wissen 
Sie, warum sie das getan hat? Weil sie uns in den 
dien stboten losen Tagen immer aushelteit mußte und 
dafür entsprechend honoriert wurde. O — ich habe 
ihr gehörig meine Meinuiig gesagt. Die wird das nit^ttt 
SO bald vergessen." 

^,Das ist ja noch schlechter," erlaubte ich mir ein- 
zuwenden. „Stc Wird jetzt die Dicstbotcn im ge- 
heimen noch meJir aui hetzen. Das ist eine ganz falsche 
Taktik." 

„Ah, lieber Herr Kollcga, Sic rechnen ja nicht 
mit den Fortschritten der Wissenschaft, mil den groß- 
artigen Errungenschalten d^r Bakterictlcigie. Ich habe 
sofort eine Kuh mit diesem Bakterium infiziert; sie 
hat diese Infektion glätiiend überstanden, Sie war 
immun gegen Traisch. Sie mußte mir nun das 
Serum ([efeiti, das Idi benötigte, um meine Dienst* 
boten zu immunisieren, fch sage Ihnen,^ die Wirhting 
war einfach fabelhaft. Denken Sie sich, sie eilen an 
der Portierloge vorbei und bleiben nicht skhen. Wenn 
die Hausbesorgerin zum Kijchenfenster hinein spricht, 
geben sie niemals eine Antwort oder höchstens eine 
so brummig verdrossene, diiß ia^ Entstehen eincä 
Gespräches einfach unmöglich ist/* 

^,Die angenehmen Folgen sind natürlich nicht aus- 
geblieben?^* 

,,Das können Sie sich denken. Unsere Dtenstboleri 
sind wahre Mi4ister, wie man sie heutzutage kaum 

Seteius, Askuiip iJs HvLäüfi. 11 



Diy,ii.etJüy'^:.OOgtC ^. pRiNCETÖN UN VEISIT 



— 162 - 

irgend ow findet Und denken Sie sich den weiteren 
Portschrltt Ich habe die Hausbesorgerin selber immunj' 
siert. Allerdings habe ich da 10()00(!) Antitoxin ein- 
tieiten gebraucht, so infiziert war die Person. Aber 
jetzt sollen Sie diese einst gefürchtete ^aultrommer, 
diese Bezirks traiscfien, wie die Wiener sagen, beob- 
achten. Mäuschenstill sitzt sie in ibrer Portierloge^ 
wie sie das HausbesorigerziHinier jetzt not^el Jienn&n, 
und im Hause herrscht s etiler Friede und süße Ein- 
tracht" 

Jch war wirklich verblüfft ob der unerwarteten Mit- 
teilungen. Zweifelsohne, Professor Altmayer sollte einer 
der größten Wohltäter der Menschheit genannt wer- 
den. Ob er auch das Gegenteil versucht habe^ Leute 
mit diesen Bazillen zu infizieren? 

„Mahl, haha!'' lachte er hell auf. „Ob ich es ver- 
sucfit habe? Natürlich habe ich es versucht'* 

„Mit welchem Erfolg?" 

„Mit dem glänzendsten Erfolg, den man sieh denkeit 
kann. Ich habe einen schwelgsatnen Parlamentarier^ 
der seit tünf Jahr^ rt höchstens einmal mnraUich ^HÄrt! 
Hört!' gcrultti hat, dazu gebracht, eine Obstruktions- 
rede zu ballen, die sieben Stunden ipfedauert hat." 

„Um Himmels willen t Sic sind ja ein gefährlicher 
Mensch!'* rief ich entsetzt; „es wird ohnehin soviel 
gesprochen in unserem Parlament, was gar keinen 
Sinn und Wert hat Wollen Sie neue Dauerrcdracr 
züchten ? Im Gegenteil ! Diese Menschen soüten üegen- 
gift erhalten.** 

„Das geschieht auch. Die gefürchteisten Krafaeeler 
werdet! von mir 7um Schweigen gebracht. Im Veiv 
trauen„ — hier senkte sich seine Stimme zu einem 
vertraulichen Flüstern ~ ,,dafür erhalte ich ja die 
hohe staatliche Subvention, Ja^ man hat für mich 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



-- 163 — 

sogar 3U Kamek zu berum zw ecken aus Afrika bezogen. 
Kamelantitoxiji ist das beste!*' 

^jOenügt nidir ein gewöhnlicher Wiederkäuer, Herr 

Er überhörte meine Frage und sprach weiter: „Doch 
was sind all diese Erfolgte gegenüber der unglaub- 
lichen Erleichterung' des Gerichtsverfahrens? Sie 
haben jangst gelesen, daß der Defraudant Petersen 
ein umfassendes Geständnis abgelegt hat. Wem ht 
doA zu verdanken? Mijr. Eine cinrtge Injektion eines 
hochwertigen Serums — von meiner Schwiegermutter 
genommen — nnii di«* Redeflut dps VerbrechcrSj der 
bisher ktin Wort gesprochen hatte, war nicht mehr 
ZU dämmen, tir sprach zuerst mit seinen Zellen- 
genossen, dann mit seinem Auheher und schließlich 
erzählte tr dem Untersuchungsjichter haaikldii die 
ganze üeschichte seines Verbrechens," 

„Er soll ja sehr übertrieben haben " 

^Jat Sehen Sie, das ist die Schattenseite der In- 
jektion, Die Leute wissen nicht mehr Phantasie von 
Wirklichkeit zu trennen. Wir müssen erst die indi- 
viduelle Dnsienirtg des Serums kennen lernen, wir 
müssen ein Kalkül stellen können, wie viele natür- 
liche liiltäkräfte dem Serum zu Hilfe kommen. Ich 
hflbf gPtflde heute einen Geg^nversäich gemacht und 
mir eine solche Injektion gegeben, um mich an meiner 
eigenen Ferson von der Wirkuugf des Serums zu ijber- 
zeugen," 

„WasI?" rief ich entsetzt^ „Sie stehen heute unter 
der Wirkung der Bazillen des Tratsches? O, ich Esel! 
Da höre ich Ihnen die ganze Zeit zu, und Sie reden 
wer weiß was zusammen und wissen ebensowenig: 
wie der Defraudant Petersen, wo die PhantaGie auf- 
hör( und die Wirkllcbkeit anfängt. Nein, Herr -" 

11* 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 164 — 

Professor! Heute ist nicht der l. April; ich lasse 
mich n[chi mm hesien halten !" . . , 

Der Professor war plötzlich mäuschenstill geworden. 
im Nebenzimnier hörle man einen diimpfen Krach, 
als wenn etwas zu Boden gefallen wäre. Dann brach 
eine helle FrauensUniine los, und dne Fliit von Ver^ 
wünsch ungen er^QÖ sich über ein schweigsames, nur 
leise widersprechefides Dienstmädchen, 

„Das ist?" . , . 

„Meine Frau/' seufite der Hen Professor und sank 
mit zitternden Knien in ein FauieuiL 

Ein Blick auf die Jamincrgcstalt des großen Gf> 
lehrten überzeugte mich» daß sein hochwertiges Seriim 
ihm in seiner Familie nicht allzuviel genutzt hatte. 

Eine zweite schrille Frauenstitntne übertönte die 
erste: ,,Da ist nur dein sauberer Mann schulde dein 
teurer Franz Xaver^ der die Vasen immer an den Rand 
des Schreibtisches stellt" 

„Das ist?" . . . 

j,] Meine Schwicgcnnuttcr . . . Lachen Sic mich nicht 
aus, aber an diesen beiden Damen ist jedes Serum 
nutzlos verschwendet. Ich habe mir heute die Injeb 
tiOQ ^egeben^ am Ihnen einmal nach Herzenslust Rede 
und Antwort zu stehen, ich bin ja sonst vertoren . . . 
Ja, im Vertrauen, die ganze Iirfindiing habe i<:h nur 
des häuslichen Friedens wegen gemacht , . /' 

Die Stimmen schwollen an, sie näherten sich der 
Tör. Ich floh, so rascb ich konnte, mit der traurigen 
CewlQheit, daß die Methode des Professors Franz 
Xaver Altmayer wotil eine schöne Zukunft m ver^ 
sprechen scheine, aber eine traurige Gegenwart zu 
verhindern nicht imstande sei. 



r^i^i^nlr" Driqinalfrom 

f \j tJ*.J^ H. p ij I f^ ,-£ jQ N U N VEl S IT 



Die Untersuchung der Zul(uttft 

Es war eine kleine, aber gewählte Gesellschaft von 
Afzten, Advnifalf'n, Poll?:HhPAmfp'Ti und Riehtfrn, den<'n 
der berühmte Psychologe und Professor der Krimina- 
logie Herr l>r. Edward Watchison seine Experimente 
vorführte. Er hatte es mitemommtn, verschiedenen 
hartnäckig; leugnenden Deschuldigten, denen mit den 
bisherigen, veralte teo Methoden nicht beizukommcn 
war, tfiit seinen n«uen Apparaten ein Geständnis m 
cntlucken und sie ihrer Suhuld zu überführen. 

Den Reigen eröffnete die Untersuchung eines jungen 
kriftigcn ßaucrnbu rächen, der beschuldigt war, seinen 
üheim bestohlen und das üeld an einem unhekannten 
Ort versteckt zu haben. Watchison erläuterte immer 
mit einigen Worten das Wesen seiner Apparate, 

^,Wir wollen zuerst konstatieren, wei(*her Teil des 
Gehirns bei dtescnt Besdiuldigten jetzt intensiv 
arbeitet/ sagte er mit tiefer» sympathischer Stimme 
in tadellosem Deutsch, das durch seinen fremdländi'- 
sehen Aki^ent einen eigentüinlichexi Reiz erhielt. ,,Wa9 
Sie hier sehen, meine Herren, ist der Apparat von 
Piofeesor Blondlot in Nancy zur Erzeugung von soge- 
nannten N-Strahlen. Sie wissen es ja alle, daß Pra^ 
fessor Charpentier in Pari? den Nachweis geliefert 
hat, daß jene Gehimzentren, welche gerade in An- 
spruch genommen werden, viel mehr N-Strahlen aus- 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 106 — 

senden, als die ruhenden. Diese kleine Papierscheibe, 
u, eiche ich mit einer düjitien Schichte eines fluores- 
zier reu den, das heiß! in auffallendem anders als in] 
durchgehenden Lichte farbigen, ixnterschwefel saurem 
Sakes überzogen habe, leuchtet hell auf, wenn diese 
zehn Zentimeter lange Bleirßhre, Vielehe nur zur Kon- 
zeDtrierung^ der Strahlen dient, die gerade in Erregung 
befindliche Hirnpartic berührt. 

Dem großen, so lange verkannten Forscher Doktor 
Fr am Jo$eF Qall haben wir es zu verdanken, daS wir 
die Lokalisationen der einzelnen Sinnesfunktionen am 
Gehirnschädel genau kennen. Hier das Spracfazentriun, 
da das Musikzentrum, dort der mathcmatisctic Sinn, 
der DiebssJnn, der Ordnungssitin usw. Ich werde jetzt 
das Gehirn s^sttmatiseh auf die Erregung der ein- 
zelnen Zentren absuchen/' 

Feierliche Stille herrschte im kleinen Saale. Der 
Baiiernbursch sah g-Ieichmütig', mit verbissenem 
Trotte auf die erregte Gesellschaft. Dr. Watchison 
rief von den einzelnen Zenb-en aus, nachdem er vor- 
her das Zimttier votl kommen verdunkelt hatte: „Mathc- 
tnatischer Sinn, Freundschaftsäinn, Arbeitssi nn.^' 

Der Schirm blieb duikeU 

„Eitelkeit, Selbstbewußtsein, Religion" 

Der Sehiriij blieb dunkelt 

Güte, Urteilskraft Humor.« 

Der Schirm blieb dunkel! 

„Liebessinn!*' — — 

Siehe da! Der Schirm leuchtete hell auf. 

Ebens» war es beim Erwerbssinne, Diebssinne und 
beim Lti^en&inne der Fall. 

Der Psychologe lächelte fein und sagte ruhig: „Jctrt 
haben wir bereits das Wictitigste konstatiert. Cr lügt. 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 167 — 

er hat gestohlen, und wenn ich die Sprache der 
N-Strahlen d entlieh verstehe, so hat er das getan, um 
seinen Erwerbssinn und sducn Liebessinn zu betätigen. 
Hinter diesem Diebstahl steckt ein Weib. Er liebt 
ein Mädchen und liofft, mit diesen ge&tohlenen Geld- 
mitleln seine Ehe üegriindtrn zu töuxiefi, Existiert 
ein Mädchen auf dem Hofe oder in der Nachbarschaft, 
wo der Bursch in EMensten stand?'* 

Der anwesende Untersuchungsrichter bestätigte die 
Annahnie des geistreichen Krim in a logen. 

nGuL Dam lassen Sie den Koffer üieses Mädchens 
oder vielmehr die Wohnung ihrer Angehörigen genau 
durchsuche n/' 

In diBsem Moment ging^ mit dem gleichg'ijiltig diein- 
achaucndcn Untcrsuchungsobjckt eine merkwürdige 
Veränderuno: vor. Er sank in die Knie, fing anj zu 
heulen und zu stottern und bat um Ojiade für seinen 
Seh atz. Er wolle die Wahrheit gestchen, Nttr seinem 
Mädel sollte nklits geschehen, äein Alädel sei uii< 
schuldig. Es sei alles buctistäbhch so, wie es Dr, Ed- 
ward Watchisoji angegebea habe. 

Unser Erstaunen über diesen heispiellüst^n Edulg 
hatte sich kiLm gelegt, als eine zweite Versuchsperson 
hereingeführt wurde. Ee war eine ältere, sehr distin- 
guiert ausseherde I^ne, die den Namen eines Mit- 
schuldigen — es handelte steh um Erzeug^ung und 
Verbreitung falschen Papiergeldes — nicht nennen 
wollte. 

„Meine Herren," führte unser Experimentator aus, 
„In diesem Falle können wir mit den N-Strahlen gar 
nichts ausrichten. Hier muß der neuerfundene Apparat 
des Professors der Psychiatrie jn Gießen Dr. Sommer 
seine guten Dienste leiste n> Dieser emsige Gelehrte 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



" 168 — 

hat einen kleinen Appant angfegfeben^ der den mensch- 
lichen Puls in musikalische Tcne umzuwerten vermag. 
Die kteinen Bewegungen des PuUes werden auf eine 
2ungenpfeife übertragen, die je nach der Höhe der 
Erfegung verschieden starke und verschieden hohe 
Töne ausslüät/' 

E^r Apparat wurde am entblößten ünierarm be^ 
festigt. Sofort ertwnlen leise pfdiende Töne, wie das 
feine Piepsen eines Singvogels. 

„Wollen Sic die Güte haben, aus diesem Buche 
das alphabetische Veneichnis aller Vornamen vorzu< 
lesen?*' bat der geistreiche Seelen forsch er einen Polizei- 
beaiiileti. 

Dieser heg^nn die Namen mechanisch hefunter- 
zulesen. Es zeigte sich gar iteine Veränderut^. Es 
war schon beim S, 

Die Töne waren Immer gleich geblieben, 

Bei T wurden sie kaum merklich stärk er. Plötzlich 
bei „Wilhelm*' ertcnten einige schKIle, auffallend laute 
Pfiffe. 

,,Wer von Ihren Bekannten heifit denn Wilhelm?" 
„Überlassen Sic das Weitcrc mir, Herr Doktor," 
unterbrach der Untersuchung^ rieh ter den Gelehrten. 
,,Sie haben einem [eisen Verdacht, der sich längst 
in mir regte, neue Nahmng, jia fast eine gewisse 
Berechtigung gegeben. Ich weiß jetrl genug. Der 
Fall wird mir plötzlich vollkommen klar. Ich mochte 
aber diese Untersuchung nicht an dieser Stelle zu 
Ende führen. Versuchen wir's mit einem anderen 
FalL*' 

Die arme, ganz aus der Fassung gebrachte Dame, 
der das ganze Verfahren wie ein Teufelsspuk vor- 
p^ekomtnen sein mag, wurde abgeführt. 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 169 — 

Was aber nun folgte^ Cbedraf aUe Erwartungen. 
Wir alle mußten uns an den Versuchen beteilig'ca 
Ein kleines Tischchen, in dem (fr«i Metallplatten in 
einer Vertieiung vom Wasser ums|>ölt waren, wurde 
in die Mitte des Saales gestellt. Die drei Plätten 
waren durch Leitungsdrähte mit drei verschiedenen 
fälligen Glühlampen verbunden, Rot, grün und blau. 
Vorläufig waren sie noch ganz djnkeL 

Dr. Watchison erklärte utiA den Apparat. Das ist 
der Rheostat von Professor Dr. Sommer, dem wir 
auch den soehen he währten ^^tonenden Puls" ver- 
dankcin; dieser n]crkv\'üfdigc Apparat stciU alle seeli- 
schen Ausdrucksbewe^ngen Jn Licht- und farben- 
erBcheinungen dar Schon der russische Forscher Prini 
Tarchen off und der deutsche Gelehrte Dr. Sticker 
haben dargetan, datS bei versctiiedenen Ausdrudes- 
bewegungen elektrische Ströme durch den ganacn Kör- 
per laufen, die sich iu den Fingern besonders deutlich 
nachweisen lassen. Auch ein Wiener Forscher, Pro- 
fessor Stricker, halte ähnliche Erfahrungen mitgeteilt. 
Professur Soittiiier fand nun, daß die venadiiedenen 
psychischen Varganj^e von entsprechenden Bewegun- 
gen und eiektromotorischen Erscheinungen an den 
Fingern, den Füßen und den Stirn- und Qesichts- 
musketn begleitet werden, die sich mittels dieser Lam- 
pen leicht nachweisen lassen. 

Ein hoher richterlicher Funktionär legte seine Finger 
aui die rheoslatischen Platten. Sofort leuchteten die 
drei Lampen hell auf. Die Farben wechselten, wurden 
bald schwächer, bald stärker. 

Bald war die blaue Flamme iitärker, bald die 
anderen. 

Der englische Forscher lächelte überlegen. 

„Sie sind von der Richiigkeit meiner Methode noch 
nicht überzeugt! Stimmt das? Sic zweifeln." 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 170 — 

Es stimmte. — — 

In ähnlicher Weise konnte der für die Sprache der 
FartfC maßgebende KriminaJajzt fast alle unsere Ge* 
danken richtig erraten. Die einen bewunderten, die 
anderen beneideten, die dritten zweifelten usw. Doktor 
Watcbiü^on spradi noch einige zuüamnienfassiendc 
Worte. Es wäre kein Zweifel, eine Sprache ohne 
Worte sei gefunden w^orden. Mittels neuer einnreichei 
Methoden wäre der Justiz eine mächtige Waffe in 
dte Hand gegeben worden. Man könne der Wn^hrheil 
objektive, unterstützende, unanfechtbare, aller Weil 
verständliche Geweise g'eben. Man könne die unbe- 
wußten Funktionen des Gehirns klar zum Ausdruck 
bringen. Während der Professor diese wichtigen Funde 
und ihre fundamentale Bedeutung erklärte, kam mir 
eine teuflische Idee. 

Ich näherte mich leise dem Schirme, *uf dem Doktor 
Watchison die N*Strahlen aufgefangen hatte und er- 
griff v^orsichtjg die BkitöhrCj die dieselben können-' 
trjeren konnte. 

Unauffällig richtete ich sie auf jene Stdie seines 
Hauples, wo ich das Lügcnzentrum vermutete. 

Dann drehte ich mit einem Rudc die elektrische 
Beleuchtung ah. Der Umscfialter befand sich dicht 
hinter dem Apparate dee Professors fiJondlot. 

Es wurde stcrckfinsler. 

Nur die fhioreszierende Platte leuäitele hell auf. 

„Lügner l" — schrie ich in sinnloser Aufregung. 
,, Lügner! Sie sind ein Lügner! Ihr Lügeiizeutrum 
leuchtet ja stärker, alB das des Bauern- 
burschen," 

Der Tumult der dann folgte, war unbeschreiblich. 
Alles rannte durcheinander, lachte, beulte, schrie, tobte. 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



^ 171 ^ 

Plötzlich erfaßte mich Dr. Watcliison an mcmer 
Kehle und preßte sie mit eiserner Faust zusammen. 
Ich stöhnte laut auf und . . . erwachte. 

Es dauerte einige iVlinuten, bis ich mich genau orien- 
fiereti konnte. Wie war denn das? Hatte ich alles 
nur geträumt? Ich lag in meinem Bette und neben 
mir die beiden Broschüren von Blondlot und Sommer 
über ihre wunderbaren Entdeckungen und eis Aufsatz 
von Dr. Veragouth übci' den „Psychq-galvaiiischeti 
Reflex'*, 

Also nur ein Traum ! 

Sollte er nkiit einmal zur Wahrheit werden können? 



r^f^i^nliT Driqinalfrom 

•y \j U*.J^ H. p ij I f^ ,-£ jQ N U N VEl S IT 



Ein BesucK bei Dn Zukunft 

Das war also das Wartezttnmer des berühmten 
Mannes, Glatte schwarze Wänd<*, in denen steh zahl- 
lusc, vcn>chied*;n gcruinitt: Spicgd bt:fanUt:n, Mandt- 
mal wurde es ganz finster; elektrische Funken sprüh- 
ten hin und her; die Wände knisterten unheimlich. 
Dann wieder für einige Minuten helles Tageslicht. 

Mir war etwas schwül zumute. Wie froh war 
kh, als sich die Tür des Ordinationszimmers öffnet« 
und ich in den Arbeitsraum des groCen Mannes ein- 
treten duHle. Dr. Zukunft begrüßte mich in äuBerat 
zuvorkommender Wci^c. ,Jct] freue mich,'' aagtc er, 
^, einen so hervorragenden! und bedeutenden Mann 
kennen zu lernen, dessen Htrz für ailes Edle und 
Hohe schlagL'' — „Sic kennen midi ja gar nicht,*' 
wendete ich schüchtern ein. ,,tcfi komme mit dem 
Expreßhiftballon direkt ans der Provinz, lim Sie zu 
konsultieren." 

„Sie sind aber ein naiver Provimler. Wir Ante 
df^ eifiund^wanzigsten JahrhunHerts haben es nicht 
mehr nötig, die Patienten lange auszuFragen. 5ie sind 
bereits im Wartezimmer gründlich durchleuchtet wor- 
den. Hier können Sie Ihre Photogramme sehen, wenn 
es Sie interessiert.'' 

„Ich bitte sehr darum." 

jjHier sehen Sie Ihre inneren Organe ; sie sind 
vollkommen gesund. Ihr üirn ist, wie Sie Lienierktnj 
überlastet. Ihre Nervenstränge zerfasert, überdehnt 
Schlimm steht es mit Ihrem Blute. Sehr schlimm. Ihre 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 173 — 

rolcn Elut körperchen sind in einem jämmerlkhen Zu- 
stand — von den weißen gar nicht zu reden." 
„Fahren Sie fori, lieber Herr Doktor/' 
„Sie haben bloß dreimllUonensicbenhundertzweiund- 
sechzi gf ta) I seil d ilre Ell u n fl eriei nm n d z wa n 7i g R t utkörper- 
dien in einem Kubikmeter Blut! Sie wissen vielleicht 
nicht, daQ jeder normale Deutsc±ie viermillionenzwei- 
hutidertcirtutidachhi^tausendyweihiKrdertsieb^'titind- 
ncunzig haben solL Da$ sind iünfhundertundneun- 
tindzwanit^tausetidneunhundertsechsundsiebz^i^f Blut- 
körperdien za wenig. Das ist eine Schande für die 
deutsche NatJon, die die bLutreicli^te der Erde bleiben 

soll." 

„Was hat denn der Blutreichtum mit den Blut- 
hgrpierdicn ax tun?" fragte ich sdiüchtem, 

,»Das wissen Sie noch nicht? Dieser Aberglaube. 
daB die Mengen des Blutes variieren, muß eiamal 
ausgemerzt werden. Alle Menschen haben gleich viel 
ßluL Das Verhältnis der roten zu den weißen Blut- 
körperchen ist der einzig maSgebende Faktor. Das 
Blutkörperchen ist der Träger des Lebens und der 
Lebenskraft.^' 

Hier nahm rnich der gelehrte Doktor bei der Hand 
und führte mich vor ein Riesen mikrosfcop. Er legte 
meinen Finger sorgsam zwischen zwei Glasplättchen 
und öeÖ micb danfi durch eine bequeme Öffnung auf 
den Finger sehen. 

Mir schwindelte Zahllo«;e rote und weifle Srhriben 
drehten sich in einem brausenden roten Strome, 

„So siebt Ihr Blut aus. Diese Jämmerlichen weißen 
Blutkfvrpf^rchenl — Wie sind sie sn mager und schwach! 
Diese jammervollen Freßzellen!" 

„Warum FrebzeJIen?" 

j^Sehen Sie dort in der Ecke diese aallHnüchen, 
sicFi forfbcwcgendea Gebilde? Das sind Bakterien.'' 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 174 — 

,,Um Himm&lswillen]" 

,,Er5c:hrecken Sie nidit — die hal jedermann zu 
jeder Zeit. Sehen Sie genau zu. Die weißen Zellen 
Stürzen sich auf diese kleinen Menschenfeinde und 
fressen sie auf." 

„Gott sei Dank." 

„Gott sei Dank — aber sie sind auf die Dauer 
ru schwach, um alle Kämpfe zw bestehen. Dort — 
fressen sie schon wkdtr. Das hat schon vor hundcit- 
tüntzig Jahren ein ß;escheiler Russe, Melschnikofr, be- 
schrieben. Er nannte das Phagocytose. Für seine 
Zeit hat er viel geleistet. Heute sehen wir vieE mehr. 
Erlauben Sie — wir werden ein stärkeres ülas ein- 
BcKalten, So — jet^t gucken Sie nur hinein. Sie seh*n 
jedes Blutkörperchen ^u grüß wie eine Nuß. Was,^ 
das ist ein Anblick:? Betn^^rken Sie den \Minderbaren 
Btrahlenförmigen Bau der ßlntidle? Hier ruht das 
Rätsel des Lebens und der Vererbung. Eine jede 
Zelle reprisentjen das gfetreue Spiegelbild des ganzen 
Menschen, ^11« seine Eigenschaften, seine Vorzüge 
und Fehler sind in jeder Zelle enthalten. Die Zelle ist 
der Mikrokosmus, das Verkleinerutigsbild des Ganzen. 
So kann eine 2el]e> ein Samenfaden alle die Zeichen 
einer menschlichen Individualität, die Dispositionen 
und Immunitäten vererben. V&'enn wir noch besser 
werden sehen lernen, so werden wir entdecken, daß 
die Zelle wieder aus Millionen Zellen besteht, jeder 
millionfite Teil wieiier aus A'lilHonen und so ins Un- 
endliche," 

jjRas verstehe ich nicht," 

„Ich auch nicht. Wir armen Menschen sind end- 
lich. Wie können wir das Unendliche begreifen? Kön- 
nen Sie sich eine Linie ohne Ende denten? Nein! 
Können Sie das Ende des Hinsmcb ausdenken? Was 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 175 — 

koJUDit nach dem Eniie? Wgrin ist das Ende ent- 
halten?** 

i^Ha^lkn Sie etrij, teurer Doktor Sie verwirren 

midi," 

,,Sehen Sie Ihre armen, weißea Blutkörperchen an, 
diese schwache Stiuktur, diese zarten Tragbalkens' 

„Was jst zu tun — tielfen Sie mir^ koste es, was 
es wolle!*' 

„Das wird bald geschehe:!! scin."^ Er öffnete einen 
Schrank, in dem sicti zalilrelctie braune, sorgfältig 
numenerte Phiolen befanden. „Das ist gesundes Blut 
— voa gesunden Leuten.^* Mit einer feinen Nadel, 
deren Stich ich nicht empfand, spritzte er mir den Inhalt 
einer Phiole unter die Haut, 

Ich fühlte mich wie neugeboren. Ein Gefühl uti- 
gekannter Kraft und Lebensfreude durch strDmte mich. 

Der Doktor zeigte mir rfas FinHongen der neuen 
BlutköfpercheiL unter dem Mikroskop. Sie schien cti 
einen wahren frehelfer au besitzen. Aus allen Win- 
keln holten sie Bakierieti und Toxine hervor und 
fraßen sie auf. 

„Noch vier solcher Injektionen, und Sie sind ge* 
sund. Das war ein Oesufldhdtsserum, eine tünstiiche 
Züchtung von Blutzellen. Diese Zdlcn ^^taninicii, von 
einem Athleten her Wäre Ihr Geist 2u schwach, ich 
hätte Ihnen ein Oekhrtenserum einspritzen können. 
Das ist eben der Fortächrilt. Wir können den CliaJ akter 
ändern, wir können dumme L"eute klug machen und 
Überklug^e bescheiden. Es handelt sich nur um die 
Form des Serums." 

„Das ist wirklich eroßartig'.*' 

jjWir werden die gante Menschheil regpenerleren S 
Wenn nur die Frauen nicht durch tausende von Jahren 
so unbarmherzig gegen alle Gebote der Hygiene g^e- 
aündlgt hätten! Glauben £ic mir, man findet noch hcntc. 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 176 — 

obwohl das Mkderlragen sdl fünfzig: Jahren gesHzHch 
vertx)teii ist, kaum eine gesunde Leber. Setien Sie 
sich nur dieses Präparat aus dem vorigen Jahrhundert 
an. Eine scgenannle Schnürleber. Das armCr so wich- 
tige Organ ist direkt entzweigesclmitten und ver- 
kümmert. Das wollten Frauen, Men&chea und Mütter 
sdn! Sie wissen viclldcht nidit, daß ein deutscher 
Arzt, Dt, iVleynert, rtocJi vor liundert Jahren die Bleich- 
sucht, die so erschreckend grassierte, auf das Tragen 
des Mieders zurückführte. Auch in Kadettensdiulen, 
wo die jungen Krreger (Qott sei Dank — jetzt tx'auchen 
wir Ifdne Wafienträger mehr!) einen Leihriemen ge- 
tragen haben, ist dies Leiden bei Männern aufgetreten. 
Wenn auch viele den Dr. Meynert bekämpft haben, 
etwas Wahres scheint doch daran gewesen zu sein. 
O, dieses schreckliche iwancigste Jahrhundert! Die 
Trauen waren keine Mütter, die Stilifälii^keit war ver- 
loren gegangen, die Männer waren rervös und zer- 
fahren. Sie wart:n dem g:e wältigen Ansturm neuer 
Erfindungen nicht gewachsen." 

„Wir haben doch auch große Erfindungen/' 
,Ja — aber wir bauen nur aus, was uns das 
vorige Jahrhundert angefangen hat Wir sind mit den 
neuen Errungenschaften a u ige wach äen. Wir haben 
unsere großartig soziale Medizin, die uns täglich ge- 
sijnder und starker macht Wir haben gegen jedes 
Leiden ein Heilserum, und für uns gibt e& keine 
Täuschung. Früher nahm man die Medizin, und ob sie 
wirklich wirkt e, war Sachs der Erfahrung und des 
Vertrauens. Heule wird der Kranke durchleuchtet. 
Haarscharf sehen wir den Sitz des Übcis und haar- 
scharf beobachten wir die Wirkung urt^ierer Ar7nden, 
Unsere Erfolge sind so augenfällig, si> für sich spre- 
chend, daß wir 4rzte jetzt die angesehensten Menschen 
im Staate sein sollten.^' 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



_ 177 — 

„Sind Sie es nkht?*' 

„Ncinl Denken Sk nur, diese undankbaren Leiiic. 
Jetzt, wo sie alle gesund sind, werden sie alle unzu- 
frieden. Das Leben kt Ihnen zu eintönig, die ewigen 
Serum injektiomen zu lang^wdlig;. Sic selinen sich nach 
Schmerzen. Einige Doktoren, die mit 5cEi[nerzen be- 
liandeln und die schmerzlosen Methoden als natur- 
widrig verschreien^ erfreuen sich eines ungchcuerliciicn 
\t^eltruFes- Sie sind reicli geworden, fahren in grellen 
Aeroplanen von Haus zu Haus — es ist einfach nicht 
zum Aushallen/' 

„Aus Freuden sehne ich midi nach Schmerzen!" 
heißt es schon im ,,Tannhiuser^', dieser atteti, ernst 
SD berühmten und heute fast vergessenen Oper/* 

,^Es ist unglaublich. Ich hin jetzt so auf die Schmerz- 
losigkeit eingeriehtet^ daß ich nicht anders behandeln 
kann. Meine Kinder weinen nicht, meine Kranken 
leiden nicht und meine Mütter gebären ohne Schmerzen. 
Soll ich jetzt umsatteln und die neuen ^^schmerzhaften" 
Methoden anwenden? Neii^ ich wandere nach dem 
Mond, dem Mars oder dem Jupiter aus!*' 

Und wie ich den Dr. Zukunft kenne, hält er sein 
Worl. Er wtrd auswandern. — — 



Eer«Atit, JU^Itp tJt HuUkln. 13 



r^i^i^nlr" Driqinalfrom 

f \j tJ*.J^ H. p ij I f^ ,-£ jQ N U N VEl S IT 



Die modernste Wohnung. 

Mein ehemaliger ScbuLkoKcgc Dr. Blasspicg^cl war 
ininier ein erfmdung-sreictier KopJ gewesen. Schon in 
den ersten GymnaRJal jähren überrasdite er uns durch 
allerlei sinnige Vorrichtungen. So konsiruierte er ein- 
mal tfine äuHerst gelungene Erbsenwiitfmaschine, die 
«ine hdbe Stunde lang vom Ofen ;ius Has Haupt 
unseres verhaßten Mathematikprofeasors Xaver Wur- 
^dkiiopt unsichtbar botit bordierte und ihn zur Ver- 
zweiflung trieb. Ein andermal verstand er es, mittels 
eines Nag^els jene geiürditete Schublade zu öffnen, 
in der das Klassenbuch mit all seinen für uns so widi- 
ttgen Aufzeichnungen versperrt war. Täglich über- 
rasdite er uii» tnit einer neuen Idee, Seine Leistungen 
waren sonst mittelmäßige. Schlecht und recht halte 
er sich durchs Gymnasium durchgearbeitet, und da 
wir verscfiiedene Universitäten bezogen, war er bald 
gänzlich meiacm Gedächtnis entschwunden. 

Jüngst traf ich ihn unvermutet auf der Ringstraße. 
Erst wollte ich's nicht g^lauben, daß dieser elegante 
und so freundlich drein blicken de Kavalier mein altei 
Freund BEasspiegel sei, deiseibe Blassptegel, der trotz 
seines Erfindungsreichtums den Oebrauch von Zwirn 
und Nadel behufs Annähens unentbehrlicher Knöpfe, 
sowie das Tragen reiner Wäsche als Barbarei erklär tc> 
Aber er war es doch, sah mir vergnügt ins Auge, und 
als ich zweifelnd den M und zu einer Frage öffnete, rief 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 179 — 

er mir fröhlich entgegen: „Natürlich bin ich sb, Blas- 
spieg^el, dein alter Schulkoilege Blasspiegel £** 

„Na^ das freut mich, daß icli dich sehe, wie gellt 
es dir?*^ 

„Danke, sehr gut, ich weiß nicht, ob es einem 
Mensel 4 £:i] iHil dieser WtU besser gehl- idi kani) viel- 
leicht mil Fug und Recht sagen, daß ich der glück- 
lichste Mensch ;iuf der Welt bln.'^ 

Einen Moment lang schien mir ßlasspiegel ver- 
dächtig. Ich hatte schon viele Menschen im Leben 
gefunden, die sich 3.[s die Glücklich stcji gebürdeten ^ 
sie warsn aber alle Geisteskranke gewesen, denen ein 
tinerforGchliches gütiges Schicksal diesen holden Traum 
von Glück und Wohkrgtrhen, diese unäa^hare Leben»- 
freudCj die die kiitt „Euphorie" nennen, beschieden 
hat Sollte Blas&piegel? . . . Nein, Jiein, das sah man 
auf den ersten Blick. Glück und Zufriedenheit strahl- 
ten ja förmlich aus seinen Augen, die dabei so ver- 
nünftig und ruhig in die Welt blickten. '' 

,,Du bist wahrtiattig immer glücklich r"' 

jjmmen" 

,^Du kennst keine Ärgernisse? Dir sind die fdne^n 
Nadelstiche des Lebens fremd« die seihst das schönste 
Glück trüben können?^' 

„Nadelstiche des Lebens? Ich weiß nicht^ was 
du tri einst, für mich hat das Leben nur angenehTne, 
rosige Farben." 

,,Du hast wohl keine Frau, keine Kinder, keine 
Dienstboten, keinen Beruf, bi^t ein Junggeselle^ der 
von seinen Renten lebt?" 

j, Keineswegs, ich habe eine Frau^ fünf Kinder, 
einige Dienstboten und einen ziemlich anstrengenden 
Beruf. Ich bin näntlidi Spezialist für Oiat^enbehand- 
lung.'* 

12* 



r^i^i^nlr" Driqinalfrom 

f \j U<.J^ H. p p I f^ ,-£ jQ N U N VEl S IT 



— ISO — 

,^lJnd da hast du keine Kränkungen? Da gelit dir 
alles glatt vcn statten? Wem v^erdankst du das alles ?'^ 

„r>as is* sehr einfach. Ich habe dier niodernsfe 
'V/ohnung^ dte je ein Mensch bewohnt hat Und mit 
Hilfe dieser Wohnung verstehe icb es, mif mein Leben 
so angenehm zu gestalte«, wie es überhaupt für einen 
Sterblichen mö^iidi ist, und bin dabei egoistisch gtnug, 
über die anderen Menschen zu lachen, die es nicht 
zustande bringen, sifh mit hlilfe der VX^lssenschaft ein 
so Igen los eä und freudenreiche» Leben xu gteslulteri,'' 

„Du, Blasspiegel, du maclist doch keinen Scherz 
mit mir 7**^ 

„Gott bewahre, ich will dir beweisen, daß ich dein 
aufrichtiger Freund bin. Ich habe ja schon auf der 
Schulbank so ein kleinfs Fatble für dich gehabt und 
dich den anderen Kollegen vorgezogen. Also reich' 
mir deinen Arm und laß dich von mir In die modernste 
Wohnung unserer Zeit führen, Vorher muß ich dir 
noch einige kleine Aufklärungen geben. Du wirst 
ja schon in verschiedenen Blättern gelesen haben, 
welche Fortsdiritic die Wissenschaft in der Erfor- 
schung der physiologischen Eigenschaften des Lichts 
gemacht hat Nicht wahr, du bist ja selber Arzt, du 
hast den Röntgcnrummcl tni (gemacht, du kennst die 
ürund2üge der geheimnisvollen Becquerel -Strahlen, 
die das Radium permanent aussendet, du weißt auch, 
dal3 Finscn in Kopenhagen mit dem konzentrierten 
Lichte der Sonne schwere Hautkrankheiten, wie zum 
Beispiel „t-Upus", 7u heilen vermag? Nicht wahr, 
das weißt du ja?" Dabei blickte Blasspiegcl mich 
seltsam ironisch und überlegen an. 

Etwas gekränkt, erwiderte ich ; ^Laß diese Froaze- 
leien, du so 11 lest niicli genügend kennen, um zu wis- 
sen, daß ich mich nie damit begnüge, an der Ober- 
fläche zu treiben und die allen erreichbaren Brocken 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



-- 181 - 

au hu schnappen. Ich habe mich mit diesen Dingeit 
lange Zeit und intensiv beschäftigt." 

„Um so besser, dann freut es micli erst redit^ daß 
ich die modernste Wohnung einem Kenner 2eige. So, 
Jetzt sind wir bei meiner Wohnung/' 

Wir hielten auf der Treppe eines eleg'anten Ring- 
straßenpalais vor einer Tür, die eben aussah wie alle 
andejen Türen lüiU auf der nicht!» zu stehen war aU 
ein Ideines Glasschildchen mij der kurzen lakonischen 
Inschrift: „Dr. Blasspiegel, ärztlicher Haa^^'Uchsheför- 
ilerer." Mein KoUeg^a drückte auf einen seitlich an- 
gebracfaten Knopf, worauf sich die Tür öffnete und wir 
in ein allerdings seltsam gestaltetes möbliertes Vor- 
Zimmer traten. Ich sah nichts als vier glatte Wände, 
wie ich gleich bemerkte, waren es Glaswände, die 
Decke war ebenfalls aus Gks und an einzelnen Stehen 
von verschiedenrarblgen elektrischen Olühlämpchea 
durchbrochen. Vergebens spähte ich nach einem Haken 
aus, wo ich meinen Überrock und Hut hinhängen 
kannte. 

Blasspiegel verstand mich. „Du, da<: t^f hei mir 
ganz besonders einfach." Er nahm von einem kleinen 
Gesims ein MetallstälKiien, befestigte es mit einer 
warten Klemme nn tu einem Winterrock, tat das Gleiche 
mit meinem Hut und im Nil schwebten die beiden 
Gegenstände frei in der Luft, „Das ist nur eine KUinig- 
keit, eine praktische Anwendungf der von den Menschen 
leider zu wenig beacMcten ni^gneti scheu Anzidiung^ 
kräfte." Im selben Augenblick drehte er an einem 
elektrischen Umschalter und nach einem leisen Knacken 
schlössen sich die Fensterläden, wir waren im Fiiistern, 
Es dauerte aber nur eine Sekunde und schon erstrahlte 
ein mildes zartblaues Uciit aus alten Glastafeln und 
veri»et£te diten, ob matt wollte oder nicht, in eine 
gewisse behagliche Stimmung. 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— J82 — 

,,So, jetzt bist du zum Eintritt in mein Warte- 
zimmer gehörig^ präpariert. Siehst du, was das Licht 
alJes vermag? Fühlst du dicti nicht angeregt und guter 
Laune?*' 

„Freilich/' sagte tch, „das ist wohl der Einfluß 
des ßlauNcEites; doch laß irtjch das Wartezlaimer 
sehen." 

Wir traten in ein ähnlich ausgestattetes Zimmer, 
in dem einige sehr bequeme hauteuils um ein kleines 
Tischchen gruppiert uaren. Vorläufig sali es bei 
Sontiealicht mit seinen glatten Glasscheiben recht 
ärmlich und zu mindest scfir sonderbar aus. Wieder 
dauerte es keine Sekunde und mein Kollege hatte 
auf elekii ischexn Wege die Feusterfliigel gesddossea 
und ich befand mich in einem Räume, in dem rosen- 
Jarbencs Licht von allen Seiten auf mich einströmte. 
Meine Stiminun^ wurde ^u^chcnds besser. Ciii merk- 
würdiges Hoffmmgsgefühl erfüllte meine Brust, die 
schweren Sorgen, die Ich vorher empfunden hatte, 
waren wie weggeflogen. — — — 

„Was? Das regt an, das macht Hoffnungen, das 
steigert die Oxydation des Stoffwechsels! Wirst es 
nun begreifen, daß mir meine Patienten, nachdem 
sie eine Viertelstunde hier gewartet haben, die un- 
sinnigsten Summen be:cah!en, die ich verlange, daß 
sie nie tlie Hoffnung verlieren, auch wenn sie sehen^ 
da 3 nach mehrwoch entlich er Behandlung noch kein 
Härchen ihrer kahlen Platte entsproß? Mein Ordi- 
naticnszimmer willst du sehen? .. . Dieselbe Ge- 
schichte, nur in grün. Orün lindert alle Schmerzen, 
grün lindert alle Beschwerden. Wenn meine Besucher 
auf der Stiege noch so viel Vorwürfe, Kiagen, Be- 
schwerden auf d^n Lippen hatten, nach dem rosa- 
farbenen Wartezimmer kommen sie ins grüne Ordi- 
nationszimmer WO ich die dir bekannten Manipula- 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 183 — 

ttonen lur Beförderung des Haarwuchses mit Rönlgfen- 
Strahkn vornehme. One seltsame Veränden^ng geht 
mit ihnen vor. Alle ihre Beschwerden sind vergessen, 
ihre Schmerzen \rergangen und ertthusias tisch preJEeti 
sii^ meine Kunst und ihre Erfolge. 3u, auf diese Weise 
ist ja iüt m(^in materJcJles Auskommen sehr gut ge- 
sorgt, und ich könnte jetjt schon ruhig von den Zinsen 
meines Vermögens leben, wenn es mir riidit S^rdAi 
machen würde, als der erste Spezialist der Welt zu 
gelten, Tau sende von Anerkennungsz eichen zu besitzen, 
ohne audi je in WaJirfieit einen besonderen Erfulg er- 
rungen zu haben/' 

Nachdem ich midi von itieiner Verbtüffiing erhöh 
hatte, sah ich wohl das Eine ein, daß Dr. Biasspicgel 
in seinem Berufe mit weiser Ausnützung der ver- 
schiedenen Licht Wirkungen nur schöne und angenehme 
Stunden verleben mußte. 

Wie war es aber mit den anderen Sorgen des 
Daseins? Während kh darüber nachgrübelte, hatte 
mein ertiridungsreichcr Freund schon meinen Arm er- 
griffen und mich in ein zweites Gemach geführt, das 
in wunderbarem milden blauen Lichte erglänzte. i^Hier 
hole ich mir," sprach er bewegt, ^,die Kraft für den 
Kampf ums Dasein. Du kcnrtst ja die Forschungen 
von f*isani in NeapeL der nach^ewieseTi hat, daß durch 
den Einfluß des blauen Lichts unsere Muskeln eine 
viel grofierc Arbeitsleistung voUbnngen können als 
Jm nonnalcn. Allerdings darf man diese Bestrahlung 
nicht über zwanzig Minuten ausdehnen, sonst tritt 
der gegenteilige Effekt ein. Früh morgens, wenn 
meine Dienstboten erwachen, iühre ich sie für ein 
Viertelstündchen unter dem Vorwande, da 3 sie hier 
zuerst zusammenräumen müssen, herein und la^se $ie 
intensiv bestrahlen, Ein ungeheurer Arbeitseifer be- 
machJlgt sich dieser unter dem EmfEui) des Blaulichts 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 184 — 

Stehenden Gesthöpfe. Jn kurzer Zeil sind sie mit der 

ganzen Wohnung fertig, wobei natürlich auch der 
f^üttstige Einfluß der rose n Farbe nen und grünen Strah- 
len mit In trwäßoing zu iiefien ist; die für die Stim- 
mung gefährlichen 2itiinier lasse idi bei Sonnenlicht 
räumen." 

„Du hast auch gefährUche Zimmer?" 
„Naiürlich! Rote, gelbe und weiße Strahkn steigern 
die Schmerzen und regen die Nerven mächtig auf. 
Wenn mich Leute besuchen, die ich bald los werden 
will) so empiange Ich sie im gelben Zimmer. Sofort 
bemächtigt sich ihrer eine böse Unruhe, ihre Schmerzen 
steie^ern sich und mit geschickter Ausnutzung meiner 
Lichtstrahlen weiB ich &ie bald auf die höflichste Weise 
zu entferneti und mir Ruhe m verschaffen. Gläubiger, 
Schuldner, gleichgültige Menschen, Freunde, Ver- 
wandte, alle die kleinen Vermittler zwischen meiner 
Lichtinsel und dem Leben, tann ich mir jedesmal 
so präparieren, wie sie mir zu meiner Stimmung- pas- 
sen, wie ich sie haben wilL Schkflose Nächte kenne 
ich nicht] Violette Strahlen müssen mir meinen Stoff- 
wechsel verlangsamen, mein Gehirn beruhigen und 
mich in den Schlaf leuchten, wenn man es so sagen 
darf. Krankheiten kenne ich nicht, weil ich sie im 
Keime mit mefnen Lichts tr ah Tfn unterdrücke. Du 
siehst also, ich habe allen Grund zu behaupten, daß 
ich der gflücklichste Menscit bin, und dieses Glück ver- 
danke ich nur meiner „modernsten" Wohnung. 

[n diesem Moment öffnete sich die Tiir und eine 
hachgeivaehsene, ebenso unliebenswürdige als häßliche 
Dame stür^te mit sichtbaren Zeidien des Zc»rnes iti 
das Zimmer. ,,Dii bist wieder eine halbe Stunde länger 
ausgebild^enj als ich es dir erlaubt h^bel Was soll 
das bedeuten?'* 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



~ 185 — 

Blassplegel schrumpfte förmlich in sich zusammen, 
warf seiner Gattin einen bittenden Blick zu, wobei er 
auf mich bedeutungsvoll liitiwks. Offenbar war ^^dem 
glücklichsten Menschen'* diese Szene In meiner Qegen- 
wart sehr petnürh. 

„Ah — was g^ehen mich deine Freunde an, ich 
habe es satt, mich weiter in dieser Art vemach- 
lässigefi zu lassen. Sc^ jetzt gehst du in dein graues 
Zimmer, wo du Zeit haben wiist, über deinen b^den- 
iDsen Leichtsinn und deine Sdileditigkeit nachzuden- 
ken! Vfr*!tandfti?" 

Als ich mich nach dieser bedeutungsvollen Szene 
wiedei aut der StraBe befand, war mir sonderbar zu- 
mttte; ich wußte nicht, ob ich lachen oder weinen, 
sollte. Eines stand für mich fest; da^ Wesen mancher 
Frauen lädt sich auch in der j,niodemste{i** Wohnung 
nicht merklich beeinflussen. 



r^i^i^nlr" Driqinalfrom 

f \j tJ*.J^ H. p ij I f^ ,-£ jQ N U N VEl S IT 



Das medizinische Gasthaus. 

„Bist du's — oder bist du's nicht?" 

„Ja, idi bin es — Ems( Zierlich, dein Freund und 
ehemaliger Leidensgenosse/' 

„Hast du dich aber verändert! Du siehst ja blü- 
hend aus!^' 

„Nicht wahr? Das macht meine Kost. Ja -- ja 
— lächle nicht, ich bin mir durch die Kunftt meines 
Wirtes am Leben geblieben/* 

»,Du iiberl reibst!** 

„Nein, ich übcrtrdbc nicht. Es ist die lauterste 
Wahrheit. Weißt du was? Komm, überzeugte dicti 
einmat selber. Qeii' mit mir in das ,, medizinische 
Gasthaus"* 

„Aha — ich verstehe. Ein üasthaLts, wo Medi- 
ziner verkehren, die auf dich aufpassen. Danice, danlce! 
Die Oesellschalt kenne ich aus der Zeit meiner 3tu- 
dien her" 

Mein Freund Zierlich kchie hell auf. Dann schob 
er seinen Arm unter den meinen und zog rntcfi mit 
sanfter Qewalt mit. 

,,Hör einmal zu. Hast du sdiou einmal elwas 
vcn einem Etsenspinat gehört?" 

„Ich glaube, aber ich erinnere mich gar nicht ittehr 
daran/' 

fjAlso, paifl mal auf Da ist einmal so ein Doktor 
in Wien auf die Idee gekommen, den Eisengehalt des 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 187 — 

Spinats zu verstärken, Er setzte den Spinat in eisen- 
haltiges Erdreich und sieKc da — der so gezogene 
Spijtal hat »iebenffi^h stärhcrt:n Elstn^t^halt 
als der normale. Das war nur ein bescheidener 
Anfangf. Immerhin ein Anfang, Was tag nun näher, 
als den Schliif^ zu ziehen, alle notwendigen heil- 
mittel auf solche Weise in der Pflanze zu erzeugfen? 
Du kennst doch das Schlagwürt voq der Natur- und 
Kunstheilkunde, Auf diese Weise kehren wir von der 
Chemie und ihren Präparaten zur ersten JVledizin der 
Menschheit zurück — zur Pflanze. Hier sind alle 
Medikamente in ihrer Urform enthalten. Wir suchen 
nur überall durrh ent^^prefhi^nriien Nä^rhoflen die natür- 
lichen Anlagen zu verstärken." 

ich sehe noch immer nicht . . .** 

„Du wirst schon sehen. Metn Nährvater, Herr 
Kulicke, ha! sich mit dieser Wissenschaft besdtäftip^t 
und da& erste ^medizinische Gasthaus* gegründet. So 
— da sind wir sdioji." 

Richtig — da statt ri e^ jn mit großen Lettern. 

,jErstes medlziniscties Gafthaus von Emanuel 
Kulicke, Naturkochkün^tler. Ehrenmitglied vieler Anti- 
nlJfchol- und Vcgctarlancni'CTcinc.'' Wir traten durch 
eine einfache Glastür in eine Art Wartezimmer. In 
einem kasserähnlichcn Verschlage saß ein herkulischer 
Mann; wie mich mein Freund belehrte, der Wirt 
selber. Ehen war vor uns ein dürrer hagerer Mann 
eingetreten. Fr wendete sifh an der Wirt und hat 
Um Aufnahme in den Krets der Stammgäste. 

„Was feWt Ihnen denn? Sind Sie krank? Sie 
wissen es ja: gesunde Lcuf^ haben hier nichts zu suchen." 

Die Jammeiigestalt begann eine Unzahl unangeneh- 
mer Leiden aufzuzählen; Kribbeln in den Beinen, 
FUmmern vor den Augen, Appetitlosigkeit, Schwäche^ 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 188 — 

„Oenug-!" unterbrach der wohlgfenahrte Wiri. „Ich 
erkenne schon Ihr ganzes Leiden, Sie haben schlech- 
tes Blut, schlechte Verdauurg luid eine schlaffe Mus- 
kulatur, zu schwache Antitoxine. Sie erhalten heute 
zu Mittag;: Lezithmsupp£ aus hochwertigen Lezithin- 
eiern, ein Vegeiarianerbeefsteali mit Eisensplnat (acht- 
facht}, einen Jodreis und Dextrin-Tropon-Somatose- 
Doppelkräftsemmeln dazuj ferner einen halben Liter 
alkoholfreies Pilsnerbier. Das Weitere hören Sie am 
Abend/' Die Jammergestalt verschwindet durch eine 
geräuschlos sich drehende Tür. 

Wir kamen an die Reihe. Mein Freund stellte mich" 
als „ICnl legen" vor, ier sich für dieses Oasthatis sehr 
interessiere. Ich richtete an Kulicke nach ein paar 
Begrüßungs Worten erstaunt die ^rage, woher er sich 
das enorme medizinische Wissen angeeignet ha he, 

„Das war das wenigste. Ich habe mir das neue 
Buch „Die übernatürlichste tieilkunde'* oder 
^tOIe Kunst, in zwölf Stunden sein eigener 
und der Arct der anderen lu werden" gekauft. 
Da Steht alles drin. Ich weiü nicht, wozu die armen 
Doktoren so lange studieren. Es ist doch alles so 
einlach. Sehen Sie, idi bin Vegetarianer und habe 
doch Fleisch zur Verfügung'. Vegetarianisdies Fleisch, 
Ich habe einige Pflanzen &o lange entsprechend mit 
rieischsakeii und Eiweißätofien gefüttert^ bis sie genau 
den chemischen Nährwert des Fleisches erreicht haben. 
Au eh mein Bier ist durch ein eigenes Verfahren alko- 
holfrei geworden.*' 

Während dieser Worte kam eine tiefversch leierte, 
korpulente Dame auf den Wirt zu. Wir traten diskret 
zurück. Sie sagte einige leise Worte und blieb ver- 
legen stehen, 

„Ich verstehe, meine Onädige,^' rief Herr Kulicke, 
„Sie erhalten eine ganz besonders wirksame Kost 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 189 — 

Alks durch die Pflanzen. Rhabarbenuppc, Alocgulyas 
mit Rizinusgurkensalat und einen Liter saure Patent- 
milch von Kühen, die in cigeaen Ställen mit , Wiener 
Trank!' gefüttert wurden/' 

Die Dame nahm ihren Speisezettel in Empfang 
(durrh iien Sehleier glaubten wir ihr Erröten bemerken 
2U können) und verschwand. 

Der Wirt verließ einen Moment Janjj säiAen thron- 
«hnlichen Sitz, Er trat \^ürdevolI auf mich zu und 
«rgriff meinen Pub. 

„Sie scheinen sehr erregbarer Natur ztl sein," 

Das mußte ich leider bestätigen. 

„Da iirüssen Sk meinen bfomlilitigen ,Meefalgen- 
sälat' versuchen. Der wird Ihnen Wunder tun," 

Wir traten endlic]i in den Saal ein. Das wir erat 
eine Überritsdiuiig ! Die Stainiugäsle waren In ver- 
schiedene Gruppen geteilt Jede Gruppe saß in einer 
andersfarbigen durch Glaswände ge&chützlen Abtei- 
lung drin. Da gab es gdbe, blaue^ grüne und rote 
Abteilungen. 

„Was?«' rief der Wirt, „dae ht genial! Blaulicht- 
inittag — Rutlichtfrübätück. ^ Nur eine Ki^mbination 
der modernsten Behelfe der Wissenschaft* Wir haben 
auch eine Fluc^res^enzgruppe, Aber noch mehrE £a 
werden hier die verschiedenen Farbstoffe gegessen. 
'Wir haben es nicht nötig, die verschiedenen 
modernen Farbstoffe einzuspritzen. Wozu 
habe ich doppelfarbiges Rotkraut, die patent- 
schwarzen Heidelbeeren, die verschiedenfar- 
bigeri Obatarten? Hier ist allctri die nafürlicbe 
Strahlenbehandlung zu linden. Wozu erst Medi- 
kämente einnehmen, so daH man immer daran er- 
innert wird, krank zu sein. Sehen Sic, lieber Herr 
Kollege^ Sie gestalten schon, daß ich Sie so nenne, 
hier ist das viel einfacher iAm ißt und nimmt 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— \m — 

zugleich dte notwendigen Medikamente ein. Ich ver- 
binde das NüUlidie mit dem Notwendigen. Ein bc^ 
rütimter Arzt hat einmal gesagt: Ein Drittel der Men- 
schen werde durcti das gute Essen, zwei Drittel werden 
durch das schkchte Esstfn krank. Im ,medizinisdim 
Gasthaus' werden die Leute durch das Essen gesund." 

„Das ist wirklich grofi artig," erwiderte ich höflich. 
jjja, aber wie schmeckt das Essen?*' 

„Wie SCI II es denn schmecken? Ausgezeichnet. 
Vorzüglich, wie jedes andere Essen. Sie müssen näm- 
lich wissen — hier senkte sicti seine Stimme zu einem 
leisen, den Gästen kaum vernehmbaren Flüstern — 
Tneiac Kur ist auch eine Sugigcstionskur. Die Einbil- 
dung, die Macht des Glaubens ist alles! Mein 
Fleisch ist ganz gewöhnliches Fleischj mein Bier echtes 
aliioholischcs Getränk usw. Da gibt es aber eine 
Unmasse törichter Menschen, die bei jedem 
BifiSfiij, <\t.n sie essf'n, und h^^i jedem SchtucW, 
den ^ie trinken, sich Gewissensbisse machen; 
die ftirchten, daQ sie sicli auf diese Weise das 
Lehen verkiir^en. Für solche Menschen wirlct 
meine Suggcstions mahl zeit Wunder, Sie essen 
sogar zwei Portionen Pilanzerbeefsteak, es schmeckt 
ihnen vorzüglich, sie nehmen an Gewicht zu und 
haben wenigstens gar keine Skrupeln.'* 

„Ah — das ist wirklich großartig! Herr Kuticke, 
ich sehe, daß Sie das Zeug in sich haben, mit den 
müdeiijen Jämmergcätaltcn, die sidi Menschen nen- 
ne n, zu \erkehren.'^ 

„Danke für Ihre gute Meinung. Dabef habe ich 
noch einen zweiten Schvvitidel, wenn rn^tu das so 
nennen darf, Nifcotirfreic Zigarren, alkoholfreie Biere, 
entgiftete Liköre, e^traktiv&toff freie Rostbraten, von 
Nuklein und Säuren befreites Kirn und Bries, oxal- 
säurefreien Spargel usw." 



^- ■ ■ ,. f^^j^f\\^ Driqinalfrom 

D itnii^etf üy V^i OO 9 IC 



PRINCETÖNUNVEISIT 



— tQl — 

Warfen d des Gtäprädie» waren wir in ein zweites 
Zimmer getrelen, das entsetzlicEi nach Knoblauch roch. 
Herr Kulicke schmunzelte, „Das sind lauter Tuberku- 
Jöse, welche die neue, \vn einem italienisdien Professor 
ang^egebene .Knoblauchkur* nehmen. Das Mittel wirkt 
geradezu Wunder. Audi besorgt der ICnobtauch in 
einfachster Weise die Isolierung der iiifekliüsea Kran«' 
kcri. Von einer Cberlragung^ des Leidens durch einen 
Kuß ist natiiriich keine Rede." 

Plötzlich hörte man Lärm, üe schrei, versctiiedene 
Ausdrucke des Unwillens, des Zornes. Alles dräng^t 
sich um eine kleine Türe, deren Anwesenheit man 
sonst diskret verseil we igt, 

Kultcke verschwand ra$ch, ließ mich allein und 
kam nach eintg^en Minuten ganz bkidl zurück. 

„Ich bin verloren! Denken Sic sich» Herr Kollege, 
die Köchin hat die beruhigenden ülsorten mit dem 
Rinn IIS öl verwechselt. Hefft^n Sie mir! Verlassen Sie 
mich nicht i Haben Sie vielleicht Opium bei sich? 
Die armen, ohnehin so erregten Stammgäste aus der 
grünen Ciruppe werden mir ja alle Atiahleihen." 

„Ja — war das Rizinusöl wirklich und nicht nur 
suggestiv gemeint?" 

„Zum Kuckuck mit der ganzen Sug^gestion, Es war 
echtes, unverfälschtes Rizinusöl, Und die andere 
Gruppe " die hartleibigen Stamtngäste »Gelber Tisch*, 
die heute nur gewöhnliches Öl bekummen haben! Das 
war ja das Geheimnis meiner größten Erfolgte! — 
Ich bin verloren , , ,*' 

Schon stilnten sich die verseil iedenen Tisch genossen 
schmähend und eifernd auf den Wirl, Alle Bande der 
Ordnung scliicnen gelöst. Ich verlieG in alier Eile dai^ 
„Erste medizinische Gasthaus", so daQ ich über das 
Ende der Rizinusschlacht nichts erzählen kann. Ich 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 192 — 

habe nur eif ahren, daß Herr Kulicke nach verschiedenen 
[Reibereien mit den Behörden jetzt einen ärztliLhen 
Kompag^non hat Er und sein Sozius sind auf dem 
besten Weg'e; reiche Leute zu werden. Ihr Lokal soD 
überfüllt sein,, und die Besucher zahlen willig die 
teuersten Preise, um das Neueste mitzumachen und 
endlich einmal ^,etwas Vemunftig'es" für ihre Gesund- 
heit ZM tun. 



r^i^i^nlr" Driqinalfrom 

f \j tJ*.J^ H. p ij I f^ ,-£ jQ N U N VEl S IT 



Eine neue Erfindung, 

Dohtor Oerniain de la Calamotte ging safart auf 
das Thema ein: „Das ist schön, dafl Sie gekommen 
sind; Sie sollen der Erste sein, der meine neue Er- 
findung kennen krnt. Ich lege groäes Gewicht dar- 
auf^ daß Sie dieselbe bis in ihre Onzelheften kennen 
lernen, damit Sie Ihren Lesen in Ihrc^r bekannten 
populären Manier darüber Bericht erstatten können. 
Die Tragweite dieses neuen Apparates, sein Einfluft 
auf fii*^ Gestaltung des modfrnert l.ehett*;, sind vor- 
läufig unberechenbar." Dabei zeigte mir der Erfinder 
zwei 1( leine, unscheinbare Staniolplatten, die durcli 
dünne, grüne Leitungssctiniire mit einem merkwür- 
digen Kasten in Verbindung standen, der einerseits 
mit einem Phonographen, andererseits mit einer auto- 
matischen SthreibmasehJne in \ferbindiing war. 

i,,Nach Ihren dunkeln, sehr knappen Andeutungen 
bin ich sehr ffespannt auf Ibre Demonstrationen ; Sie 
scheinen ja ein Problem gelost zu haben, das mich 
seit vielen Jahren in intensivster Weise besdiäftigt 
hat** 

„Wollen wir nicht Platz nehmen?*' sag^te der 
geistreiche Franzuse. „3u, setzen wir uns in diesen 
lauschigfen Winket, zünden Sie sich eine Zigarre an 
— eine echt« Importierte, sie wird Ihnen wohl mun- 
den — und lassen Sie sich zuerst etwas vvn der 
Vorgeschichte meiner Erfindung' erzählen/* 

In der eleganten Gelehrtengtube herrschte ein trau- 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



- 194 — 

liches Halbdunkel, daä von einer ffrün verschleierten 
«Icktrisdicn riamnie gerade rur Not erhellt wurde. 
Üermam de la Calamotte saü mir gegenüber, starrte 
sinnead auf seine Maschine, blie^ mit der Langsam,* 
kejt eines passionierten Raudiers feine Rauchringcl 
in dje Luit und sprach durch einige Minuten kein 
Wort. Sein, feitief, blasser, von einem lichtblonden 
Spitibarte gesthmiitkter Kopf wurde von Zeil in Zeit 
durch das Au {leuchten der Zigarre heller beleuchtet, 
190 daß man das merkwürdige Funkeln seiner dunklen 
Aug;en bewundem konnte. Endlich fing er an: 

„Sie wissen es ja am besten, wie die großen Ent- 
deckungen der Rörttgenstrahlen und des Radi um lichtes, 
der drahtlosen Telegraphie die Welt In Erstaunen 
gesetzt haben; das Unmögliche schien möglich ge- 
worden. Alle die Wunder der Telepathie, alle Myste- 
rien der Femwirkung, alle Oehelmitisse des Köiper- 
inneren losten sich langsam dem staunenden Forscher- 
gcistc. Schon vorher hatten bedeutende Forscher den 
Ursprung jeder menschliche und nalütlichen Kraft 
in Wellenbewegungen gesucht. Was war der Lärm? 
Schwingender Äther? Was das Licht? Die Elektri- 
zitit? Der Al^netismu^? Die Karben wirkung^en? 
Alles ließ sich auf Schwingungen der einzelnen feirtftten 
Moleküle zurückführen. Die Entdeckung der Hertzi" 
sehen Wellen war nur der Anfang einer neuen Reihe 
glorreicher Entdeckungen, die aufeinanderfolgen muB- 
ten, weil der Fortschritt der Wissenschaft unaufhalt- 
sam geworden ist. Was lag^ nun näher, als zu seh Ue Ben, 
daß all unser Denken und FüMen auf Wellenbewe- 
gungen des Gehirns zu riickiu führen ist Tausende 
hatten diesen Gedanken, aber noch keinem war es 
gelungen^ diese Schwingungen sichtbar demonstrieren 
zu können. Ich bin es imstande^ und das ist eben 
meine neue Erfindung;/' 



Dnj,li.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 195 — 

(^Unglaublich! Wenn es wahr wäre . . /' 

„Wenn es wahr wäre? Ihre Zweifel sollen bald 
beseitigt werden. Sehen Sie diese fdnen Stanial- 
platten. Gestatten Sie, d^ß ich sie an Ihrem Kopfe 
befestige. So. Jetzt blicken Sie mir einen Moment 
in die Aüg;en,'* 

Doktor Calamotte drückte einen kleinen Hebel, 
worauf sicii ein ühnverk mit feinem, leicht klappern- 
dem Gange in Bewegung setzte. Am Ende der Schreib- 
maschine zeigte sich eine kleine Rolle, die iiticr und 
über beschrieben war. Der Gelehrte wart einen Blick 
auf das weiße Blatt und lächelte seltsam. ,^o, jetzt 
können Sie lesen, was Sie sich gerlacht haben und 
sagen Sie mir ohne UmscHweife, ob mein Apparat 
die Wahrheit registriert hat." 

Gitternd vor Erregung nahm ich das unheitnliche 
Papier in die Hand. Es waren wirklich meine Qe* 
danken: „üii bist ein schlauer Franzose! Mir willst 
du einen Mumpit:; vornachen und glaubst, daß ich 
deinen Scliwiftdel nicht durchschaue? O, mich wirst 
du nicht verblüffen. Ich habe schon größere Gauner, 
als du einer bist, entlarvt, Schwindel, alles Schwin- 
del . . /' 

Betroffen stand ich vor diesem unfaßbaren Rätsel 
und wider meinen Willen errötete ich, wie alle Men- 
schen, deren Otdiirikengc^Tig einer Uawüliihcit über- 
führt wird. „Verzeihen Sie, großer Meister, die Frei- 
heit meiner Gedankenassoziationen, die eine trübe 
Erfahrung immer über jsnes Oehirnzentrum führt, das 
ein moderner Qall als das Zentrum der Skepsis und 
des Zweifele bezeichnen müSte.^^ 

„Regen Sie sich nicht auf, lieber Freund, wenn 
Sie längere Zeit mit meinen] Apparate arbeiten, so 
werden Sie sich an solche Vorkommnisse gewöhnen 
niiissen. Ich glaube nicht, da3 Sie unter zehntausend 

n* 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



- 196 - 

Menschen einen finden werden, dessen Gedanken eich 
mit seinen Worten decken. Das ist leider nur bei 
den Tieren der Fall, mit denen ich dam vor Ihnen 
einige Versuche anätellen werde. Sie sind docb be- 
gierig, das Wesen meiner neuen Erfindung kennen 
lü lernen? Sie ist eigentlich sehr einfach. Aber Sie 
wissen p, jeder neue^ große Forisch ritt ist nur der 
zufälligen Entdeckung^ des Selbstveiständllchen zu ver- 
danken. Dieser feinen 5 tan lo [platte werden die Schwin- 
gungen des Gehirns übermittelt — feine, fast unnteB- 
bare Schwingungen. Durch diese Lei tungs schnüre wer- 
den diese leisen Schwingüns:eri in diesen Kasten gc- 
leitcl^ wo sie durch einen Multiplikator, der IhTc Kraft 
auf das tausendfache verstärk!, hindurchgehen müssen. 
Das Weitere iM sehr einfach, frrh lasse diese Schwin- 
gungen entweder einern schreibenden Tekphoti über- 
mitteln — Sie wissen, die Erfindung ist schon einige 
Jahre alt und nicht von mir — oder in einen von 
mir verbesserten PhonogTaphen einströmen, der diese 
elcklrischen Schwingungen in die menschliche Sprache 
— ich habe die deutscfie gewählt — übersetzt.** 

„Oäs ist ja großartig f Sje werde tj ja damit eine 
Revolution unseres Lebens hervorbringen/* 

Aber schon kreischte der Phonograph mit semer 
eintönigen bledicrneti Stiinrue; „D^s hi ja grttOarligf 
aber praktischen Wert hat es gar keinen/' 

Wieder mußte ich, auf einer Lüge ertappt, heftig 
errötcD. Duktoi Gt:rmain üe la Calamutte lachte hell 
auf. „Wollen wir uns nicht lieber durch den Phono- 
graphen unterbauen? Sie müssen erst lernen, so z\i 
rtrden, wit; Sie denken. Mt;inL* Erfindung sollte nur 
ein Spielzeug sein?'' — „Was denn?" brummte der 
Phon€grapb. — „Haben Sie denn bedacht;, was ich 
damit leisten kann? Das gcinze Gerichtsverfahren wird 
auf eine kurze phonographische Aufnahme reduziert. 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 1Q7 — 

Es gibt keine unscliuldigf Verurteilten mehr, alles muß 
mir mein Apparat erzählen. Wer sich ntcht Freiwillig' 
aufnehmen lassen will, der ^ird in der Narkose zum 
Sprechen ifebrachl. Der zweifeinde Gatte kann sich 
jederzeit von der Treue oder Untreue seiner Frau über- 
zeugen» der Lehrer kann genau ergründen, was das 
Gehirn seines Schülers in einem Jahre in der Schule 
gelernt hat, kurz und gut^ die Welt der unbcTvußten 
Gedanken, die Abgründe der geheim versteckten Oe- 
fühle, sie Icfinnen all? erforscht werden — es gibt 
keine Rätsel der SeeJe mehr/' 

Auf ein elektrisches Signal des geistreichen Er- 
finders erschien ein Diener mit einem großen, schwar- 
zen Neufundländer. Scfiweifvedeltid stürzte: sich das 
kluge Tier auf seinen Herrn, der ihm die btaniolplatten 
«m den Schädel band und das Uhrwerk in Bewegung 
setzte, 

„Mein Efuter, ßfuter Herr/* schnarrte der Phono- 
graph, „wie heb ich dich, doch wer ist denn dieser 
fremde Hen? Er wird dir doch nichts zuleide tun; 
ich warte nur daraaf, bis er es waßft, darin will ich 
mich auf ihn stürzen und meine weißen Zähne in sein 
Fleisch graben. Traue dich nur, du frecher Einüring- 
ling!'^ Dabei ließ der Hund ein deutliches Knurren 
vernehmen. 

„Ruhig, Cäsar," rief der Herr, „so, du hast deine 
Pflicht getm, du kannst gehen. MC^ollen wir jetzt noch 
einen zweiten Versuch machen? Ich werde Ihnen 
noch eine Katze vorführen; es ist fächerllch, daß so 
viele Menschen geglaubt haben, das Tier denke nicht 
und es gäbe keine Tierseele, Sie können sich über- 
zeugen, daß alle Wesen des Tierreiches Gefühle und 
Gedanken haben, und ich hoFfe^ auch In Bälde einen 
Apparat zu konstruieren, der die Sprache der Pflanze i 
in menschliche Laute verwandelt. Der Hund denkt 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



allerdings schon in der Sprache, in der sein Herr 
tnit ihm verkehrt. Aber da diese Itien Uedanken die- 
selben Welkn KervOTTufen, so wird ei möglich sein, 
alle Gefühlsäußerungen des Weltalls auf eine be- 
stimmte Sprache zurückzuführen. Wallen Sie die Katze 
tigren oiier ?iehen Sie einen Säugling vorlf** 

„Edi bitte um den 5äugll[i;g>'^ 

Doktor Calainotte überreichte mir einige Tag^ebuch- 
blätter seines drei Monate alten SoKnes. ,,Selt€n Sie," 
sagte er und wies auf einen groSen Schrank hln^ „diese 
zwanzig: gfroßen Bälde sind ei g^ entlieh die gesammel- 
ten Wcike meines iwölf Wochen alten Franfots, den 
ich die erste Zeit fast permanent mit meinem Apparat 
beobachtete. Das wird die Geschichte eines Menschen 
werden, die ungeheueres Aufsehen machen muß. 
Lesen Sie nur seine letzten Gedanken von heute 
morgen, '* 

Ich tat, wie mir geheißen. ,jWanjrn läßt man mich 
SO lange hungein, ist es eine Art, mich so zu quälen? 
Auch bin ich viel 7U fest eingeschnürt. Warum .'«:hau- 
kclt mich denn diese duniinc Amme so heftig hin 
Tind her? Wenn sie mir lieher zu trinken geben 
würde!" In diesem Sinne gingen die Aasiführungeti 
über mehrere Seiten — Trance Is schien noch nicht über 
viele Gedanken reihen zu verfüj^en. 

„Lieber Doktor/' sprach ich, „lassen Sie mich jetit 
Itire Geü^uiken lesen/' Duktor Calamotle ersdirak 
heftig^. „Was^ Ihnen nicht einfällt, Ich weiß nocli nichts 
ob Sie schon auf wahre Gedanken entsprechend trai- 
niert sind. JVlerken Sie sidi das Eine; Ich will meinen 
Apparat nur für die großen Notwendigkeiten sparen: 
denn wenn in Wahrheit ein Mensch wüßte, was der 
andere von ihm denkt, wenn all das dichte Netz von 
tüs^f Falschheit und Heuchelei, das jetzt über unsere 
Taten, Worte und Gedanken ausgebreitet ist, zerrissen 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 109 — 

würde, der Mensdi würde skli schaudernd vom Men- 
schen abwenden und einsarn In die WäEder Flüchten^ 
um im Verkehr jnit den Tieren die Wahrheit zu Umen. 
Dds äinü die Errun^ensdiaften un:>erer Kultur t" 

„Sie sehen zu schwarz, was liegt denn daran, daß 
wir uns gegfenseitig immer faeltigea. In der Lüge 
wohnt das Glück/' 

„Das Glück ? Soll ich Ihnen einig'e Aufnahmen von 
Oiucklicfien vorführen?'' 

jjUm Himmelswitlen, neinl Sie haben mir schon 
zuviel gesagt; metnen Lesern jedoch will ich eine 
genaue Beschreibung Ihres Appaiates übermitteln und 
einen großen Preis für denjenigen Menschen aus- 
schreiben, der es wag'eti wiirde, die gehEimen, unbe- 
wußten Ocdankcn eines cinzigccn Ta^cs und einer 
Nacht zu veröHentlichen.*' 

Doktor Oermain de ia Catamotte lachte hell atif. 
„Glauben Sic, daß die Mcn schert wissen wollen, was 
Sie denkenr' Ja, wenn sie schon soweit wären, wie es 
die alten Philosophen mit ihrem , Erkenne dich selbst' 
angestrebt haben , . , Wenn sie schon so weit wären, 
dann wäre ja mein ganzer Apparat überflüssig . , J* 



r^i^i^nlr" Driqinalfrom 

f \j tJ*.J^ H. p ij I f^ ,-£ jQ N U N VEl S IT 



Phantasien eines Geimpften. 

Wate ich in Wien gewesen, als die sogenannte 
Blatternepidemie ausbrach^ ich hätte all das, wa& ich 
berichten wj]|, ntclit erlebt Aber aus der ferne sehen 

sich alle Dinge viel schre[!k]icher an. Ein paar Fälle 
einer nie erloschenen Krankheit werden gleich Epi- 
demie genannt. Gewisse Kleinigkeiten wachsen eben 
mit zunehmender Entfernung^ auch Hic' Furcht und 
zugleich die Verehrung der Wohltaten der Kälber^ 
Jymphe. ich war damals im Ausland, so beschloß 
ich also, mich im Ausland impfen zii lassen. Und die 
Gelegenheit war so günstig. Zufällig hielt ich mich 
in der Stadt auf, wo der berühmte Bakteriologe Pro- 
fessor Seuchenfresser sein Laboratorium hatte. Auch 
regte s^icji mein Forsch er trieb. Bei dieser Gelegen* 
heit konnte ich ja vielleicht ein regelrechtes Interview 
mit dem gefeierten Gelehrten absolvieren und so das 
teure Honorar der Impfung durch neues Wissen in 
quadratischer Potenz hereinbringen. 

Gedacht — gelan. Ich war nie ein Freund von 
langen Entschlüssen, Ein Autobus brachte mich in 
einigen Minuten vor das In&titut des Menäclienfreundes. 
Er war zufällig zu Hause und gleich 2u sprechen. 

Ob ich nicht einen hoch virulenten Pestbazillus be- 
obachten wolle, den er gerade im Mikroskop eingestellt 
hatle? Ich zeigte — so unhöflich kann ich mitunter 
sein — nicht das geringste Verlangen nach dieser neuen 
Bf^kanntschatt, Ich hätte getiug mit rier Angst vor 
den Blattern auszustehen. Ich wäre schon gli'ickUch^ 
wenn ich nur die Impfung überstanden hätte. 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 201 — 

,^Was für Lymphe wünschen Sie denn ?** fragle 
der zuvorkommende Professor, der alte Vorbereifungen 
m der von mir gewünscliten Operation traf. 

„ Se Ifjstverständlich Kuhpocken lym ph e /* 

„Man sieht, daB Sie mit den neuesten Forscüung'en 
der MedUJi) iikUt vertiaut bjnd,*^ bemerkte Dr. Seuclied- 
fresser „Wissen Sie denn nicht, daß wir zwsuizig 
verschiedene Arten der Lymphe besitzen?^* 

Ich war ganz beschämt },Wir haben In Wien 
noch nichts dsivon gehört. Sie müssen schien so liebens- 
würdig sein und mir einige Aufklärungen über die 
verschiedenen Arten der Lymphe gebcn^ ehe Kh midi 
ZU einer entschließe." 

},Sehr gern. Sie kenncrn dodi die seit Jahren an- 
erkannte Theorie, daß jede Zelle ein genaues Spiegel- 
bild des ganzen Körpers ist? Gewissermaßen ein 
Mikrokosmus, der aller Eigenschaften des Mikrokos- 
mus enthält? Nur auf solche Weise können wir uns 
erklären, difi das winzig kleine Keimplasma alle Eigen- 
schaften des Erzeugern übertragen kann. Ist es nicht 
wunderbar, daQ eine Zelle in der Größe eines Million- 
slei Millimelets beispielsweise die große Nase, den 
merkwürdigen Gang, da* musikalische Gehörj die 
leichte Erregbarkeit usw. übertragen kannr* Dies ist 
ja nur möglic^h, weil in dem verschwindend geringen 
Tröpfchen des Protoplasma alle die Eigenschaften 
des Vaters enthalten sind, weil jede Zelle das getreue 
Abbild des Organismus ist, dem sie angehört. Der 
große Seh ritt j den die Wissenschaft nach vorwärts 
gemacht hat, Ist die trkenntnis, daü wir mit der 
Impfung und der Einspritzung des Serums — beides 
sind ja Produkte, die dnrcli Passieren eiues Tier- 
körpers ihrer Giftigkeit beraubt wurden — auch die 
Eigenschaften des Tieres auf den Menschen über- 
tragen," 



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— 202 — 

nHerr Professor l Sie belieben zu scherzen!" er- 
laubte ich mir einzuwerfen. 

< j^Keine Rede vcn einem Scherz! Erscheint Ihiit^D 
denn der Gedanke so unsinnig? Was ist denn das 
Serum, das wir du spritzen? Eine tierische, hoch- 
organisierte Substanz] Was ist der Eiter der Kuhpocke, 
aus dem wir den Impfstoff beziehen? Woraus besteht 
er? Aus ^erfal]enen ^vvaiBeti Blutkörperchen der Kuh. 
Es ist gar keine Frage; die Impfling überträgt dem 
menschlichen Körper eine Spur des tierischen Proto- 
plasmas, eine Spur, die schon gcnügf, utn im Laute 
der Jahrhunderte eine große Wirkung ausi Hüben. Ich 
glaube, dem einsichligen Denker ist dieser Hinflufl 
der Tierwelt auf den Menschen nicht entgangen. Die 
Impfung besteht schon mehr als hundert Jahre, Es 
läßt sich nicht leugnen, daß die Eigenschaften der 
Kälber auf die gan2:e geimpfte Mcnsctiheit abgefärbt 
haben. Das Kalb ist ein harmloses, friedliches Tierchen. 
Haben Sie nicht bemerkt, daß in allen Staaten, wo die 
Impfung eingeführt wurde, der kriegerische Charakter 
des Voltes gemildert wurde ? Wo ffab es vor hundert 
Jahren Friedensvereine? Nirgends! Wo sind sie heute 
zu finden? In den Kulturstätten. Wu fehlen sie? 
In den Staaten, wo man nicht impft Jetzt werden 
Sie begreifen, weshalb in Marokko, in Rußland, in 
Südamerika, in China und in Afrika so viel gekämpft 
wird. Es handelt sich um Völker, welche die Impfung 
gar nicht oder sehr wenig kennen. Andererseits ist 
das Kalb ein Tier, das immer in Herden lebt, nie- 
mals vereinzelt. Merken Sie nicht den Zusammen- 
hang? In allen KuUur$ traten entsteht eine mächJige 
soziale Bewegung. Die Menschheit teilt sich in ver- 
<tchiedene Gruppen. Hie Gruppen qjammeln sich 
wieder. Auch daa neue Aufflammen der sogenannten 
Vereinsmeierei hängt nur mit der Impfung zusammen,'* 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 203 - 

Ich war ganz entzückt über diese neue Erkennfnis, 
„Ach, lieber Herrc* Professor, Sie habtn mir erat die 
Augen geöffnet, jetzt sehe ich ja den Zusammenhang 
klar ein. Es liegt etwas Erhebendes in dieser Erkenntnis. 
Ich bin näiiilidi eiii Wieni^r, ein Bürger jener Stadt, 
in der sich die Parteien nie miteinander vertragen. Was 
erwarten Sie von der gesamten Durch Impfung der 
Stadt? Wird eine Medliche Bewegung von migetiemer 
Gewalt alle Gegensätze verlöschen und eine neue 
Ära der Eintracht und der Liebe erblühen lassen? Wer- 
den wir tausend neue Vereine gründen?" 

„Gemachl Oemach!'' sagte der Gelehrte. „Ich bin 
mit meinen Auseinandersetzungen noch nicht fertig^. 
Die Schlußfolgerungen können Sie dann selber liehen. 
Diese Einimpfung \on tierischen Substanzen hat auch 
ihre Nachteile, die Ich Ihnen nicht verhehlen kann. 
Das Mlveau, das geistige Niveau der Menschen sinkt 
von Jahr zu Jahr Die letzten hundert Jahre haben 
kein großes Genie hervorgebracht. Wir haben zahl- 
lose Talente, aber kein Qeniei Wo können Sie mir 
heute einen Shakespeare, einen Newton, einen Kepler, 
einen Goethe, einen Lionardo da Vinei zeigen? Zur 
Zeit der Imphing sind sie nicht mehr möglich. Man 
spricht *!o viel ^^fln der nfgfftipration der Mf^nwlieii, 
Man kla^t allgemeii, daß die Reaktionäre di€ Ober- 
hand gewinnen. Alle diese Erscheinungen sind nur 
Folgen der allgemeinen Vakzination^ und g-erade jene 
Krciaej die sich gegen die Impfui^ sträuben^ hätten 
allen ümnd, die Kerdennatur des Homa sapiens zu 
verstarken , . . Doch ich müßte noch Stunden reden^ 
um dies Thcnia ?u erschöpfen, Sie weiten ja wissen, 
welche Lymphe Sie anwenden sollen. Sehen Sie, da 
haben meine Forschungen eingesetzt. Ich habe mir 
hnmer gedacht, daß sich in der Lymphe die verschie- 
deneti Eigenschaften der verschiedenen Tndmduali- 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 204 — 

täten unter den Stieren iiadiwdsen lassen mfißteiL 
Ich habe Jahrzehnte damit zugebrachl, die verschie- 
de tien Individualitäten unter den Stieren — denn ihre 
Eigenschaften vererben sidi auf das Kalb — zu beob- 
achten. Jch kam dazu auf eine sonderbare Art. Mir 
war ee autgefallen, daß die meisten Anarchisten iur 
Spanien stammen, aus dem Landt;, wu iuiulge der 
Stiertcämpfe eine Generation wilder, unbändiger» blut- 
rüns liger Stiere gezüchtet wird. Ich reiste nach Spa- 
nien und nahm mir die Mühe, der Sache nachzugehen. 
Es zeigfte sich, daß alle Anarchisten tatsachlich ge- 
impft waren und — jetzt merken Sie auf — mit einer 
Lymphe geimpft, die einem Kalb entslammte, dessen 
Vater ein Kampfstier gewesen. Jetzt war mir die 
Sache (dar. Es gelang irir, ZM^atiiig vefschiedene 
Charaktere unter den Ochsen und Kühen, die auch 
in Betracht kamen, nachzuweisen. Und so kann ich 
nach Belieben einen wirklkhcn Einfluß auf den Cha- 
rakter des Menschen ausüben. Ich icann ihn besänN 
fäger, wenn ich die Lymphe eines tnlündi<;chen Kalbes 
bcnijtzc, ich kann ihn wild machen, wenn ich meine 
in allen Staaten patentierte ,Strerkämpfer-Lymphe* an- 
wende.*' 

Das ist wi rk lieh hoc [iinteressatil Aber welche Lymphe 
wollen Sie denn bei mir anwenden, Herr Professpr?" 

f,Da& hängt nur vom Stande ab, dem Sie an- 
l^e hören. Ein Krieger braucht Mut, ein Prediger Sanft- 
mut, ein Kaufmann kühles ßiut und ein Beamter Qc- 
duld. Was ist denn Ihr Beruf ?^* 

„Ich bin Arzt und Schriftsteller.'" 

„Ach — das trifft sich ja herrlich. Ich habe eine 
Lymphe, die ich noch nicht erprobt habe. Das ist 
die ^zehnfach starke Wiederkäuerlymphe'. Erlauben 
Sie mir Ihren Arm . . . So, die Impfung* ist vorüber. Sie 
werden jetzt für Ihren Beruf st^hr jjccigrct erscheinen.'* 



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— 205 — 

„Wie meinen Sie das — Herr Piofessor?" 

„Ihre Gedanken werden Immer um das eine Thema 
kreisen. Sie werden ein g:eis liger Wiederkäuer sein. 
Sie werden beispielswci&e , , ," 

„Aber — das ist ja ein unglaubliches Vorgehen J*' 
schrie ich äuf. „iVLtt welchem RecJit rauben Sie mir 
meine geistige Freiheit? Hätten Sie mich nicht vorher 
fragen können?" 

Mein Zorn steigerte sich. JWeine Auj^en rollten, 
CS wurde mir vor meinen Augen dunkel. Ich hob 
die Faust, um den Professor niedcraischlagen. 

„Halten Sie ein — Unglückseliger . , .*', rief der 
Professor in höchster Not, „ich habe mich ja geirrt. 
kh habe die Phiolen verwechselt. Sie sind mit jSticr- 
kämpFerljmphe"' geimpftl'^ 

„Dann sollen Sie das ersle Opfer des Stierkampfes 
seitij Sie eingebildeter Lymphversctileiflef!" 

Ich stürzte mich auf Seüchenfresser. Ein Ringen 
auf Tod und Leben bcg^ann. ich hatte aber offenbar 
seine Kraft nnterächätzl. Ich kam zu Boden und 
Seuchenfresser preßte mir die Arme derart an flie 
Brust, daß ich stöhnend aufschrie. Aber idi gewaiin 
bald dank der „S^if i^^iiipferlymphe" die Ober- 
hand. Ich fitreckte den groClen Bakteriologen mit regel- 
rechten Ober- und Untergriffen, die mir aut(>matisch 
zur Verfügung standen, zu Boden und ve:nieß das 
Laboratorium. 

Ich habe dann eine Zeitlang no<± Stierkämpfer- 
instinkte gezeigft die mir in der Praxis sehr zugute 
kamen. 

Manchmal habe ich aber einen iiirdtiterlichei Ver- 
dacht. Am Ende habe ich doch die ,,2ehnfaL:h 
stai ke Wiederli^ uerly mph e^* erhältea Ich 
weiß ntcht, aber 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



Der Himmel der Namenlosen. 

An der Htitimelstür empfitig mich Petrus. 

„Das ist schon, dass du einmal heimgekommen bist, 
und ganz be&oiiders freul es lujcli, daß du gerade 
heute £e kommen bist. Hasl du dena gewußt, daß 
wir heute die grafie Musterung* aEier tiimmelsbewohner 
haben, daß sie heute nach Rang und Verdienst geordnet 
werden? Das wird eine unendliche Reihe werden, 
die von den höchsten Gipfeln der Menschheit bis 
zu den kleinsten Geistern reichen wtrd, l^is zu den 
Schwachen im Geiste» welche eig^entlich meiner An- 
sicht nach in die Hölle gehören ; denn wenn eiü 
Dummer fromm ist, so Ist das ja kein Verdienst." 

^,[ch habe g^ehört, lieber Petrus/* erwiderte ich be- 
scheiden, j,daB heute auch die HölJcnntustcrung statt- 
findet. Kann man die wenigstens von der Feme sehen? 
Hinein traue Ich mlchi nicht. Ich fange ohnedies so 
leicht Feuer," 

„Die Hölle — die Hölle/^ sprach PetrüSj und ein 
seltsam hstiges Lächeln huschte über sein Gesicht, 
„so arg ist's mil der Hitze nicht; es gibt sogar Stelleu, 
wo es gani gemütlich warm ist Freilich wirst du 
hinein können; das geht jebt g^nz gut, seitdem ich 
mit Luziler den ^crOen Ausgleich ge!idiluäi>en habe 
ttnd wir zuweilen unterschiedliche Seelen aus- 
tauschen. Denn weißt du, bei dem g^roBen Andrang, 
der JeUi hier vor der i limmeti^tiir herrscht und den 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



- 207 — 

wir im Grunde genommen nicht so sehr den knien 
ab den verschiede nc^ti neuen Erfindungen verdanken, 
ist es oft schwer, auf den ersten Blick m entschei- 
den, ob jemand in den Himmel oder in die Holte 
gehört. Ich weiß nicht, warum alle Mcnäclie« justa- 
tnent in den Hiinnie] koirmen wellen, der bald sdireck< 
lieh überfüllt sein wird. JAir gefällt die Hölle eigent- 
Ucii an manchen SlcHext gar nicht so schlecht. Scliüu! 
schau! Es ist schon zwölf Uhr» die Eleklrischen und 
die Stadtbahnen verkehren nicht mehr, alles liegt im 
friedlictien Schlummer» heut kommt kein Men^cti mefir 
herauf. Da kann ich dich ein Sttickche:i begleiten, 
Eilen wir, es wird spät." 

f^Lieber PetruE, ich bin so aufgeregt, daß mir mein 
Herz zu zerspringen drotit; auf der Erde hat man 
so selten Gelegenheit, mit einem gra6en Manne zu 
verkehren, meistens erfahren wir erst nachdem et 
tot ist, daß daa ein grrnfler M^nn g-p^wesen ist. Dann 
ist's natürlich schon zu spät. Ich habe micrh auch 
an die Spiritisten gewendet, aber da bin ich schön 
hineingefalleti/' 

,,Wi*: war's denn?" 

,jlch habe mir den üeist Kants beschwören lassen. 
Zehn Kronen hat der Spaß gekostet. Ich legte ihm 
verschiedene Fragen über die Philosophie des Un- 
bewußten, über die Kritik der reinen Vemunit^ über 
die Welt als Wille vmd Vorstellung, über Zarathusira 
und ßuddtia vur. Er gab mir aber im unverfäti>diten 
Wiener Dialekte immer die gleiche Antwort: „Hörst 
net 3\xi mit der damischen Fragerei?' Auf meine 
letzte Frage, über den Z usain sncnhang 2wisdien 
den UQ kommensurablen Schwingungen der Äther- 
moleküle mit den flüssigen Gasen des Erdinnem er- 
widerte er mir: , Lassen S* mich schon einmal aus/ 
Empörend, nicht wahr? Zehn Kronen hafs gekettet. 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 208 — 

Du wirst begieifen, daß ich die Lust verloren habe, 
auf der Erde mit den Geistern zu verkehren. Aber 
heute, das ist ganz was anderes, fieute werde kli 
alle giroßen Geister versEmmelt sehen. Homer und 
Sophokles, Dante und Scrvantes, MoU^re, Shakespeare, 
Ooethe, Newton^ Lionardo da Vinci, Beethoven, Spi- 
noza . > .** 

„Genug, genug!" rief Petrus. ,,Genug der Namen." 
„Nenne mir nur den größten alJer MenschEn. Wer 
hat diesen Preis cmiJigcn? Ist es Goethe?** 

Petrus lächelte mit seiner gfewohnten LJebens^ 
Würdigkeit, die jedoch diesmal eine deutliche Spur 
von Ironie und Schadenfreude entdecken ließ. „Du 
wirst schon sehen .^' 

Wir traten auf eine unermeßlich grüße Wiese, deren 
Anfang und deren Ende nicht zu übersehen war. 
Diese Wiese wimmelte von. utizühligen Menschen ver- 
schiedenen AKers, die alie in paradiesischer Nackt- 
heit umherstiegen. Eine laue, milde Luft erfüllte die 
seligen Gefilde, so daß die jedem irdischen Wunsche 
entrückten Gestalten keine Kälte fühlen konnten. Hier 
war jeder nur Mensch und das entstellende oder 
vcrachönci-ndc irdische Klctd wäre eine Entwcihung^ der 
keuschen Gottes natu r gewesen. 

,,Führe mich zu den größten Geistern. Ich erkenne 
ja keinen Menschen. Sie sehen ohne Kleider ein- 
ander so ähahch, wie ein Ei dem anderen. KUnger 
hat doch mit seinen^ nackten Beethoven nicht so unrecht 
gehabt. Ich habe von unseren Größen Vorstellungen, 
die mit verschiedenen Kostümen assoziiert sind. Also 
zeige mir doch die gröBtcn Geister der Erde. 

,,Du stehst vor ihnen. Diese ungeheure Menschen- 
menge repräsentiert die besten Menschen aller 
Nationen, aller Zeiten, aller Beruf sarten/* 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 209 — 

^^Kannst du mir denn nicht sagen, welcher der 
absolut Größte war?" 

„Was fälH dir denn ein^ jemand kann in sejtieni 
Berufe ein Genie und auf dem anderen Gebiete ein 
Dummkopf sein.'' 

„Ja, ja, das stimmt. Schon Scliopenhauer hat ge- 
sagt, ein großer Philosoph könne Im praktischen Leben 
ein groRer Esel sein. Vor welcher Gruppe stehen 
wir dtnn jetzt?'* 

„Das sind Arzie.'* 

jjAhl Ärzte. Zeig* mir i-Iippoktatee, Celsus, OaUn^ 
Maimoddes? Und die neueren erst — Dillrotii, Skoda, 
Virchow, wo sind sie?" 

f,Sie diirftei] weit rückwärts s^in. Vor dir steht der 
grüßte aller krdv" 

Ein hocE^e wachsen er, freundlich blickender, schnee- 
weiSer Greis sah mir ohae jegliche Erregung gemüt- 
lich in die Augen. 

„Wie heißen Sie?*' frug ich neugierig, — „Wil- 
helwt Maiendorf,'* antwortete er liebenswürdig. 

,jMerkwürdig. Ich habe diesen Namen noch nie 
geh ort. Wo und wann wirkten Sie?'' 

„Ich war nur ein einfacher Landarzt Anfang de* 
19. Jahrhunderts in einem deutschen Oebirgsort, weit 
abwärts von der breiten Straße des Lebens. Gearbeitet 
habe ich genug, ich war Chirurg, Geburtshelfer^ Inter- 
nist, Zahnar2t, Hautspezialist, Ohrendoktor, Nerven- 
und Seelenarr.t. Alles war ii:'h, O, ich habe viel ge- 
arbcit£t. Mein Lehen war nicht kicht/' 

Erstaunt fragte ich Petrus: ^^ Warum ist der Mann 
nicht bekannt geworden. Wenn er der Frste war, 
w^arum wurde er nicht Professor?'^ 

„Du bist ung taub lieh naiv, wie alle Menschei. Sieh' 
dir diesen Mann nur genau an. Er hat die größten 
Erfindungen euerer stolzen Zelt vorgcaluil und prak- 

S«ftnut, Askulaii ab Hulekin. 14 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 210 — 

tkdt angewendet: Die Antiseptik vor Lister, die 
PerkusEion vor Skoda, die Narkose vor Simson, alles 
hat er vorher gewuDt. Und wer kennt heute seinen 
Namen! Was wißt ihr blinde Kreaturen überhaupt» 
wer groß ist und wer nicht? Daß ich nicht Lache I 
Nach dem Tode seht ihr manchmal, daß ihr jeman- 
den unterschätzt habt d^s sind jedoch nur seltene 
Ausnahmen. VtHevi«! Tausende, Hunde ritsuseiKie, 
Millionen von Großen sind schon gestörten, ohne 
daß die Menschheit es g^eahnl hat, was sie verloren 
htl. Und weißt du^ v^arum dieser Arzt der Größte 
ist, weil er bet all seinem Wissen und Können nie den 
Kl^igen eines Patienten gegen üher die Gedutd verloren 
hatj^ weil er nie auf den Erwerb, sondern nur auf 
das Wohl seiner Kranken Rücksicht genommen hat, 
weil er seinen Leidenden alles sein tonnte: Arzt, 
Vertrauter, Freund, Vater und unter Umständen auch 
Erzieher." 

„Die Mttsjker laß mich sehen. Da gibt es keinen 
Zweifel Ich kenne unsere Größen genau."" 

Wir kamen zu den Musikern. Wieder standen in 
der ersten Reihe huter fremde Gesichter, „Fetice 
Antonio Grai^ijufure, ein Kiinstler in einem kleinen 
italienischen Dörfchen, heißt der erste,^' meint Petrus, 
Ein kleineSj spindeldürres Männlein von bizarrer Häß- 
lichkeit stand VL»r mir. Die Geister verstehen alk 
Sprachen und so konnte ich ihn bequem ausfragen 

„Haben Sie etwas drucken lassen?" 

„Wie ich noch jung war sandle ich meine Werke 
nach allen möglichen RicKtungen. Kein Verleger wollte 
von mir etwas annehmen. Meine Kompositionen wären 
Wirres, unmelodiöses Zeu^, schrien sie. Ich solle das 
Komponieren aufgeben. Bevor ich geslorben bin, habe 
ich alle Koten verbrannt.'* 

„Lebt nichts auf der Erde von Ihren Werken?'^ 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 211 — 

„Doch, doch! Eines meiner Lieder ist ein Volks- 
Ijed geworden. Erst gestern saß ein verliebter Jüag- 
linfT mit seiner Liebs ^ea am Meeres strande und &ie 
kottnten Ifein Wort finden^ das ilire traurig^e Stimmung 
au&driickt^n konnte; denn sie sollten einander ver*- 
lassen. Da sangen sie meiti Lied und weinten und 
jubelten durcheinander im Trennungeweh und Liebes- 
gluck. Ich bin zufrieden/' 

Auch die gf roßten Maler trugen gar keine be- 
kannten Namen, ja der allererste unter ihnen hatte tn 
seinem Leben keinen Pinsel in der Hand g^ehabt 
Dfnkt euch, nur gedacht hat er seine Bilder und sie 
nie ausfuhren können, weil er es wußte, daß das 
Werk nie die Höhe seiner Gedanken hätte erreichen 
können. 

Weiter und weiterging's. Bei einer kleinen Gruppe 
Meb Petrus stehen. „Das sind unsere rarsten Vög^cl," 
mdnte er. „Die verBthiedenen Richter lind Rechts- 
gelehrten. Siehst du den ersten? Der hat vor zwei- 
tausencf Jahren gelebt. Das war bisher der eitizjgfe 
Richter, der keinem Menschen unrecht geti^n hat, der 
einzige] der es verstanden hat, seine Urteile, von 
seinen persönlichen Empfindungen nicht beeinflussen 
zu lassen. Hinter ihtn steht ein Kritiker^ der ähnlich 
gedacht und gehandelt hat.'^' 

„Diese Gruppe interessiert mich nicht. Wenn du 
schon so freundlich biet|, zeige mir noch die Dichter. 
Bitte, laß mich die großen Dichter sehtn.'^ 

Nach einigen Minuten stand ich vor den Dichtern. 

In der vordersten Reihe saß ein Krüppel, dessen 
Beine ganz verwachsen waren, auch der Rücktn war 
schief und hatte einen häßlicheii Buckel aufzuweisen. 

,,Das ist Cesario Caligenio — der größte Dichter 
aller Zellen.^' 

„Wo hat er gelebt?" 

14* 



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Driqinal from 
CETÖNUNVEISIT 



-^ 212 -^ 

„Vof drdlitiiidert Jahren in Spaidea. Er war milms^lt 
ttnd versdilo&seii und sprach fast mit keinem Men- 
ijdien, außer der aiten Mutfer, nn Wnri. Ab^tuk 
»46 tr vor seiner Tür» blickte ^uf tlit Stcnat, sah 
dem bpicle der nacJiüichen finsteren WoJken zu und 
d^chtt Gedichte — $prac!h diese ionlos vor sidi hin. 
Kein Memsch hat sie vemoimneo. Aber dttn lieben 
üott entgeht nidit der leiseste Uedanice mensdilichen 
Fühlefls, Dtjrdi alte Jubelrufe, durch »He Schmerzens- 
»chfcie, dufch die Choräle der Midyicf und ttaji Kriegs- 
j^eheul der Wilden drang die dumpfe Sprache — er 
war üiub und stumn der anm« Dichter — an unser 
Ohr. O^ hättet ihr die Gedichte lesen kennen, die 
der anne Krüppel sich ausgedacht hat, euer Heiz 
bitte vor Wonne erziHert, wie der verliebte Jün^Ung', 
wenn er nach lan^n Monden seine heißersehnte Ce- 
liebte sieht, und wenn euer Herz aus Stein g^ewesen 
wäre, es wäre doch geschinoben und eure Augen 
hätten Tränen geweint — vor Freude und Rührung;. 
Wen suchst du denn.** 

„Napoleon." 

„Napoleon — der ist ja hinter den ersten Tausea- 
den." 

^,5ind das Tautcr Unbekannte?^' 

„LautO" fremde Namen," 

„Petrus, mir schaudert vor deinem Paradiese mit 
seinen ersten Gdstem. LaB mich in die Holle gehen« 
vielleicht treffe ich dort einige Bekannte." 

„Kann schon sein," meinte Petrus und schmunzelte. 
„Vorwärts in die Hölle!" 

Über einen schmalen Stfg kamen wir in die Hölle. 
Sie lag nämlich merkwürdig nahe beim Paradies. 
Ein Schfitt — ein einziger Schritt lag zwischen 
Himmel und Helle. 

„Was wilht du sehen?" 



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— 213 -^ 

„Die Musiker," 

„Otil^ die kannst du sehen. Die haben nuch leichte 
Strafen." 

Durch einigte schmale Gänge kamen wir in einen 
Rjesensaa]^ in dem ein tfeidenspekUkel herrschte. 

„Siehst,** sprach Petrus, „hier sind alle Musiker, 
die fremdes Gut benutzt haben ; ihre Strafe ist schein- 
bar ieichl. Ein Klavier spielt ihnen automatisch aile 
ihre Kompositionen vor, fortwährend — Ta|^ und 
Kachi" 

Dort sah ich viele bekannte Namen — sogar aus 
der jüngsten Zeit, Jch will aber keinen Namen nennen. 

Die Kritikerhölle war noch greulicher. Ein jeder 
Kritiker stand unter Aufsicht des von ihm ungerecht 
verrtssenen Künstlers, Sie hestimmten tägtirh seine 
Strafen und weideten sich an seinen Qualen. 

O — es ^ab viel zu sehen in der Hölle und ich 
fand manche Abteilungen ganz gemütlich. Stellen* 
weise vrar es wohl heiß, aber eine nicht unang'enehm 
erträgliche Hitze. 

,, Weißt du, PetrtJSj was mir jetzt dnfällt? Die 
Hölle haben wir eigentlich auch auf Erden. Aber der 
Himmel fehlt uns eigentllcfi vollkommen.^^ 

,,Er fehlt euch nicht, blindes Mensthenkind. Ihr 
wollt ihn nichl sehen. Weißt du, daß wir uns mit 
dem Gedanken trafen, die Hölle aufzulösen? Wozu 
diese überftüesig^e M^ßre^e]? Ihr macht euch ja selber 
die Hölle auf Erden. Was sind alle Qualen und alle 
Pein der Hölle gegen die Qual und die Pein, die ihr 
euch und den anderen bereitet? Und dann! Ihr 
seht nicht eure Großen und macht eure 
Kleinen groß. Ihr kennt euren Himmel und 
3CJnc Sterne nicht. Eure ganze Erde, sie 
ist ein Mimmcl der Namenlosen." 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



Asdi crmi ttwoch. 

Ein sonderbares StraßenbiEd! Ein schwerer Kohlen- 
wagen, van zwei wuchttgen Rossen gezogen, knarrt 
Qber das holperlf^e Pflaster. Der Kutscher sitzt halb 
welnselif und in besonderem Aufzug auf dem Bock. 
Eia weis -rot gestreifter, unförmig hoher Zylinder 
schmückt sein hin und her torkelndes Haupt; ein^ 
feuerrote Kupfern ase mit einer Drafathrille dienen zur 
Erhöhung des grotesken Eindruckes. Seine Peit^die 
ist mit rosafarbenen Rosetten gescbmückl, und auch 
die Rasse haben die gleiche Zierde. Au den Ohren, 
am Rücken, in den Unghaarigenf wo htgepf legten 
Schweifen. 

Faschingdienstag, Das Volk fühlt nnrli eiwan am 
den historischen Tagen, Im Unbewußten sdner Seele 
BChluniniert die Erinnerung an eine Zeit, wo dieser 
Tag das Ende eines grnRen, seligen Rau.tiche^i, den 
Höhepunkt einer wilden Ekstase bedeutete. Im Volke 
lebt noch die Macht der Tradition. Den .^historischen 
Instinkt^' wnrilen es die modernen Psych otogen nennen. 

Langsam knirscht der Kohlenwagen über die hotp- 
tige Straße durch den sonnigen, milden Wintertag. 
Hinter ihn eilt geschiftig eine kleine, armselige Frau 
und sammelt die Kohlen, dJe Ine und da abfallen. Ver^ 
eini^ sie freudestrahlend in einen immer schwerer 
werdenden Korb. Plötzlich muB der Wagen halten. 
Eine Elektrische ist stecken gt^hliebcn, weil ein anderer 
Kohlenwagen niedergebrochen ist. Eine Zeitlang eine 
afigeraeine, wilde^, unvernLlnftige Bewegung. AUe Kut- 
scher fluchen, pultern, machen rohe Witze, die Pas- 



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— 215 — 

»anten metigen sich drein. Aufgere^ eitt ein Wach- 
mann herbei. 

„Platz machen! Eine Hofequipiiget Platz macKen !** 
Die Hofequipage fährt geräuschlos auf Gummi- 
rädem his an den Kohlenwagen heran. Mit einem 
Ruck bkibt sie stehen. Es g^cht nicht weiter. 

Von der anderen Seite kommt ein junger Kavnllerie- 
offizier herangeritten. Auch er bleibt im Gewühl 
stecket! und lindet keinen Auswege 

bine Zeitlang traben sie nebeneinander und sehen 
sich ins Gesicht: die leine Dame, die den Kdpf aitft 
der Equipage heraus biegt, der schmucke Oifizieri, der 
«attisch Angekkidfte ICutscher und die aimc kleine 
Frau , . , 

Etil Automobil rast Im sehne llsieii Tempo hera.n 
und ersucht durch grelle Signale der Huppe um 
freie Bahn. Der Chauffeur breniEt mächtig, so daS es 
den schweren Wagen beinahe zur Seite wirft Aus 
dem Auto springt ein schlanker Arzt mjt einer großen, 
gelben Tasche, Et hat es sehr eilig und ist ungehalten 
üb der unwillkLimoienen Störung. Er muß zu dnec 
Geburt und wird sclion dringend erwartet 

Er wechselt mit dem Offizier einige )X''orfe, Sie 
haben sich heute schon einmal gesehen. Der lebens- 
luslige Arzt war mit seiner jungen Frau bei einer 
Faschingsdienetagsredoute. Er trug das Gewand eines 
HadekhiB. Plötzlich stürite eine Dame in grünem Do- 
mino bewußtlos zu Boden. Er ließ sie in die Gar- 
derobe tragen, löste ihre Kleider und brachte sie ^uf 
Ihren Wunsch Im Wagen nach Hause. Er hatte keine 
Zeit sein Harlekinsgewand abzulegen. Der Offizier 
hatte ihm auf der Treppe scherzend nachgerufen: ,, Har- 
lekin als Äskulap!'' Ein anderer Herr mit einer großen 
roten, elektrisch beleuchteten Nase, rief variierend: 
„Nein! Äskulap als Harlekin!'' 



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— 216 — 

Das hatte sich noch vor einigen Stunden abgespielt 
Nun standen sie nebeneinander, dachten beide an den 
tülkn Fa:»i;tiiiigs>r(;igcn dieser Nai::tU und oji d^ ait:ik- 
würdjge NadispleL — — — 

Eis seltsames Strafienbildt Ein Ausschnitt aus der 
Trag] ka modle des Lebens, ein wunderbares Symbol 
für den Faschin^dienstas. 

Dcch schon ist es den vereinten Anstrengungen ge- 
lungen, den Weg frei zu machen. Der niedergegangene 
Kohlenwagen lieg:t auf der Seite des Weges, wie ein 
ungeheures todkrankes Tier, das sich nicht rühren kann. 
Die Elekliische setzt sich läutend und quietschend In 
Bewegnngr. Die Equipage fahrt mit elegantem Schwung 
davon, Audi der Reiter, dessen KnöpfCj von dem 
Strahl der Wintersonne getroffen, bUtzen und funkeln, 
wirft sich mit einem energischen Ruck nach vorwärts, 
nachdem er noch einen ßlick auf die arme kleine Frau 
geworden hat Auch das Autc» rast pu&tend und hu- 
schend davon. Nun ziehen anch die Ros;se des Kohlen- 
wagens kräftig ann Durch die plötzliche Bewegung 
fallen einige KoMen auf das Pflaster. Hurtig sammelt 
sie die kleine, arme Frau, 

Das Leben flutet weiter. 

Sonderharea Possen spiel d« Lebens! Wunderbare 
Tragi kcmüdie des Alltags [ Warum freuen sich denn diese 
Kutscher so übermäßig, dab sie im Narrenkleid ihre 
harte Arbeit verrichten, daß sie ihre Ros^e gchmücken, 
als gmge es zu einem frölüiclien Reigen? Was haben 
sie — einzelne ausgenoraimen — , die um kärglichen 
Taglohn Fronenden, von den Freuden d^ Faschings 
genuEsen? War ihnen nicht ein Tag so schwer wie 
der andere? Oder haben sie sich den Rausch einer 
fröhlich durchtanzten Nacht in festlich g^esthmückten 
Sälen bei rauschender Musik gönnen können P 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 217 — 

Nein! Die mekfen haben, wif e«; die ^rme, kleine 
Frau hiater dem Kohlenwagen tut, höchstens ein bc- 
scliddencs Siücltciieii von dem großen Faschingsfuticl 
der Reichen ffir sich aufgelesen. Sie haben vor den 
glänzenden Festsäßen gestanden, haben die fcinrn, vor- 
nehmen Wa^en vorfahren gesehen und haben die duf- 
tigen Kleider der rosigen und ro^ig geschininJ<ten 
Danten bewundert. Von der Ferne angestarrt, wie das 
Kihd die unerreichbaren Wunder des Märchens anstarrt 
Oder sie haben durch ein halbgeöffneles Fenster den 
lockenden Klängen eines WaUeis gekusdiC. Kleine 
Kohienstücket 

Heut« aber gehört der Tag ihnen. Sie freuen sich, 
vicHdchi. schiiüenfruh, üüß düc Frt:udt; der anderen 
ein Ende hat. Alles hat ein Endel Auch die Lust 
der Vornehmen, Juchhei 1 Heute wollen wir lustig 
sein. Zu einem Tag langt's noch. 

Die arme, kleine Frau — was weiß sie von den 
Freuden des Faschings? Ihr Korb wird immer 
schweren Kaum, daß sie dem Wagen nachkommen 
kann. Endlich glaubt sie genug zu haben. Für einen 
warmen Abend wird es ja reichen. Heute ist ja 
Faschingdienstag. Einmal im Fasching sollen ihre Kin- 
der, soll ihr Mann eine recht warme Stube genießen 
könnet]. O sie will ein Feuer entzünden, wie es 
Sich nur die reiche, feine Dame in der Equipage gönnen 
kann. Oh nie es sich täglich gönnt? Freilich, sie hat 
es leichter, Sie hat ea nicht nötig, jedes bi Sehen 
Wärme von der Erde aufzulesen . . . 

Wie wir uns über unsere Mitmenschen täuschen 
können. Auch die feine Dame läuft einem Kohlen- 
wagen nach und samtnelt Kohlen. Auch sie möchte 
von dem Wagen der Lebensfreude für sich einige wär- 
mende Strahlen erhaschen. Ihr ganzes Leben ist so 
ein gros er, schwerer Wagen vor ihr heimgefahren. 

14« 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



— 2ia ™- 

Immer hatte sie ihn im Aitge^ immer daahte sie; Ein^ 
mal wirst du ganz mmn. Was hüt ilir iJaiä Lebeti ge- 
bracht? Hat Sic nicht die kleine, arme Frau darum be- 
neidet, daß ihr ein warmes Fetier noch einige Stunden 
höchster Seligkeit bereiten kann, den Kutscher be- 
neidet weil er den Mut hat, steh zu der tollen Freude 
des Faschingdienstags zu bekennen? 

Was sie umgibt, ist Zwang, ist höfische Sitte, ist 
gemessenes Zercnoniell. Von dem wilden Wirbel des 
Lebens, in den sie sich äo gern stiirzen möchte, tönt 
m ihr ein fernes Rauschen. Was ist ihr der Fasching, 
was der Paschingdienstag?! . . . 

Ihre Stimmung igt ein ewiger Aschermittwoch. Grau 
liegt das Leben vor ihr. Die Freuden haben durch 
die Macht der Gewohnheit ihren Gianz: irerloren. Die 
Schmerlen vcriodcrn in unterdrückter Olut . > . 

Der junge, schneidige Offizier treibt sein schlankes 
Roß nervös an. Fr könnte sonst zii spat nach Hause 
kommen. Heute will er den Fasching wiirdi^ be- 
schließen. Ach — man isl nur einmal jung. Wer weiS, 
ob fr nirht bald vam T^tizsaal auf die Wal?iUtt ge- 
rufen wird. Es ist so viel Zündstoff aufgehäuft. Täg- 
lich kann e$ irgendwo losgehen. LJaruni lieber ge- 
nießen. Heute ist heut! Leben, bevor der letzte Ascher- 
mittwoch kommt . . . 

Und der Arzt ist schon bei seiner Patientin und 
hilft einem aappetoden, quieUcK enden Wesen beim 
Eintrilt in di^; Welt, Un ttrdeß wurde er £u eini;m 
Oreise gerufen, der im Sterben liegt. Ein Licht ver- 
löscht, wihretid sich ein neues entzündet. 

So setzt sidi das Leben aus Milliarden kleiner 
Schmerzen und Frettden zusammen. Ein trüber, wilder 
Strom braust es dahin in unbekannte Fernen. Einem 
letzten Aschermittwoch entgegen, der aller Lust und 
Pein ein Ende macht. 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



Urucsfer IVrldg non h f^ Bergmann In Vllesbacien. 



Die Sprache des Traumes. 

fine DarsT^llung der Symbolik und Deutung des 
Traumes in iliren Beziehungen zur krarken und 

gesunden Seele 

. für 

Ärzte und Psychologen 



Don 



Dr. Wtthelm Siekel 

Spti\a\aTZ,t fDr P«yi:hii»1tifrti|)i« und ^tf[v«iil«idfn in Wkn. 
I^eis m. 12.M. üeb, nl, 14.—. 



ripr hfk<innti? Riitnr tii^fpi't iin<; mlrd<>r <?ini? inf^r^<;;:oiifc Prob« 
seiner Tdstlasen fctrichurrg&artieit. Bdbonnthch Tuurd:« öle moAnin^ 
Trniimd^ihiini:] dtrr<ii ?rp<i(f hpgrf^ridct, Hlcin tiiiiwcht sich aber, luenn 
niiin i^liiuht i\as.s. .Stp)!pl JiblnnijiiL'h d\f Rfihn?n ^r«Lid.^ mnndi?lt. fr 
tedninit duf dürchiu^gs ö^^nfJTi ^t^c zu ao üh^rrasck^nden ni?L(7ii 
Kesultüti^ix, dass mon füglich b^haupkn kann, das W«irk bild« t'men 
marN^ti^in in dar enta^icktflunfl dei modernen .Vi:lcnforsfhunfl< €r be- 
aründd um bislifr iit der Ps^'chobgif naäi riidit ucrtn^rtd^s Prinzip, 
die BipolarUct alU'r Erschdnufigen. £r laiqt coss c\k& seelische öj- 
schfhm zmel S^Aca hat: äass einer Oebf ein Wass. der dmu^amkcit 
dis mitkiil enf.spr^che und führt ein der Hand uor eoo Troumaiidysijr 
iJt'n ßciiici,s, Ofic die midi^rsprechrndfit^in .Seelen steif munflcn sich beim 
menschen ^u einem i^chE'iiibar einhelHichm Cebilde oertrjnen. Cas 
Überraschendste jedoch bildet jener 5cfiritt, der ihn »oliend^ uon freud 
trenn! Vüütirend dieser in der ütieraro^sen Sexualität die Quelle nllcr 
nt'urotischen SiMr.ptiime steht, fiihn 5tfkel die Fleurose auf die über- 
grtiss? Knniiniilitdt, das heisst auf den Hoss, der sifh entladen mill, 
£ji'[icl;. £r meist an den Träumen der Kinder nach, dass dcis Kind 
alle kriminellen Anlagen iniolge der Vererbung ausgebildc: mitbringe, 
dass es nnih dem biagenetisfhen ürundi^esetz eine niedrige ^n:mic^eliinj}s- 
5tufe der IHenschheif citprü «rentiere, Der ll^ensch macM die ganze €nt 
c^id^elun^ d?r merschtieit durch, und dd er .lieh <nis der Vierhreeher- 
natijir zum Kulturmenschen herou.'! gebildet hct, mu^ dti£ Kind diese 
ixiTD reell er Lsdien Imstinktre ii unu er hu Liter ^rm auftnei^en. . , . . Die 
Träume sind duichmegs in bfzug zut lebim- und Krankengesthiclt« 
des Träumer.-; ünalyslert, sa ddss dd5 Buch üuch einen ^trbli^h In dli' 
Tkten des luenächlicnen Unbeiuussten und der ätruktur der rteurase 
gcstattd, Wiener all gem. Zeltung, 



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Driqinal from 
CETÖNUNVEISIT 



Wrla^ Dütt h f, Bergmonn in U(Fic&t>aden. 



Stff ben (rA(hiii*ri ; 



Über die 

sexuelle Konstitution 

und andere Sexuolprobleme, 

CFon Dr. Z. CoemenfzMt Wetmmrzl in mün<;hen. 
nih. e,— , gebunden ITlk. ?.— . 



Cifi h-rffliches Werfe, d^Sä^n dfetuellft Inhdlt in n'aoaikf Weise 
belehrt, anri?(it und untcrliail:. ^ür seinen missensctinfrtkhefi öthult 
bürgt da nom« des b^koinkn Ikrueiarzle.s, Cr eroidtcrt die rrcudsch^ 
Dffinition ik.*; iin Titd gfiiaiin[i?n BcgriF^js ü^nz ii^e^enNich durdi fin- 
g«ht?ndf \Wör<äigun0 des S^ginn« uM der Damr d^ £4?xu4lkii fuitfeljgnen, 
da' (äormatisthciiT ch^nüathen, olfaktorijchcTi und [i.^^d^iAi:hfn.J Üufikn 
der sf;fufl|m €rr«f)un^, der Stci\:iic dis tif6<tileclitstriet>eä, der s«.^u«lkn | 

Cästunfj^' und Widfr£tandsfahi(;k(?il: [b«i biidm ü^schkchtcrn) si^oiic 
der &|)^Tiri(LWki:etiAii und -rxbrefion. In dfn SdilusjifalgcrLin^tfri nicrden . 

u«rschifd«'nf S^xutolktfnjititution^n ouf)]estc!lt und bfh?riigfn.<in'<frtf 
h>')]i^ni£die Winkif qf(]?hFii. f^ul i^^hritt und Tritt begegnet un.s der 
erführen^ Spp^iülist, der «irttf seltene ^ülk uori litifrotur hritisdi oer- j 

drbfitd urd mit der Cin^tr^uuni] «igen«! &fobachtuTi)i?n nidit l^dr^f. 
Wpjtcr tßird in imci bciartiereix Äbichnitf^rn die frütik und Sinnlichkeit ^ 

.^uujii^ die tjbido ols Trik'h kraft im gdstif^er^ Cfben bthdnJcltt wobLi 
di^ >:Subtiini?rungsFragi? c\nt eii^enf frorterunq findd. fluf den 1<ankrot4?n 
Iniidlt künifien tuir nicht näher eingehen. ITirlil dlle DeutLnj^ejo utt'rdert 
ZL^timrTtün^ f>nden. B^laii^unll i.<;t di^ aus der eij^vnen 6rfahTuiii] ' 
Uviagsna ^lgt?ruri^, dass die niosturtxitian in mindeftens 75":,, di<: * 

MuuptLrsu^iie dt.'i Iinpülen? b'ilüet, und die Üb«Tzcugung^ da£& unter f 

den sctiddigcnden lllonienten die Jlbstinenz nur eine re:ti^1 untert^ecirdnctf 
RdJk spielt, tfekh Ocg "Ansatz zu sonst uniS letzt (;i:dusserten fln- I 

srhiiLum^cn tinder^r Rulori?n! D^n fin^tusj: dar ^sxiiü\H&\ und damit 
üUnh der fiebe jüF ddi ttünMlwis^hi: ^Schoff^n hui ilitdii nadi £[iea>ert- 
Ield5 Hleinuij} uberivtiötzt. Peuts^h. med, Wochenschrift, 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



Verlag wn T. f. Bergmann in Wiesbaden. 



Allgemeine Gynäkologie. 

Vorlesungen über fraucnkunde 

oom ärztlichfjn Standpunkte. 

Van 

Gohcimra! Professor Dr. f. von \KiiKttel in niönchen. 

Inhalt: 

Kiipitd I; Uw ütikT^fhicili? rnii^ifhon llliinn anA Wdh, 
Ktipitcl ri: finzclm' tie^ndiTS hkTinirrnfjcjiLle %niien, 
KtipIttM [II : Dt' JlltirhidiTfit imtl mörtalirijt des tt?o]n<?s Im Vorrtlcl:h mit 

^JüTJinigeri des mann<;3, 
Kupltrl tV : nilgi'nidnf Ursorhrn der fThrnjikiinficn nidhlicJiFr .'5psuiil- 

(irfiflnc 
Kapitel V : Die Oda hrfn der fhc. 

hupild \'h Der ^jumfiini: und pimiiuzierfe Almrl til» Kiuiikhcil^hi|i]L'lk.'. 
KiLpifd VII: Oit' öniuiiThiiL' junijifi ^rtiucn. 
Kupitcl Vllh Die Prastitufion dvä Wcibc:;, Ciulduiif.^, Ri:i]cluiic). Uut- 

nurndifikoit dfr Prii.itlhjfinri, ß^'v^rcnzruiii^ nuf K'-^tJTriink' Häu^'ttr. 
Knpik'l IX ; frkronkuniien *cluir wor 6in[)cb^n -ivr fhf. 
K(ipif(?l X : Dif pufrpfrciliJii VtirflünqL* oU Ursdchcn tjcr uTcittlifhcri 

£ ex ualioff i: kli an f n . 
Kiipitcl XI: flndcnvv-ite frhronhiLintiÄursflchfn i\^r irdhlifhvii Ovnitalivri. 
Ktipik'l XII: O'w aU^imem«: Patholiiiiio d^r nviblKhcn S^xiiiiLiriitiiiv 
KcipikI XIII: Ow ultjjcnieiTK^n €r.->chdnüii4icrl l>fi d<;ri (i^fiblidiv^n ^Scm^jciI 

crkriLnkunH,i^n 
Kiipikl XIV ; Die rncrnritTUidtitinii.'itL^rLJRvjicn cil^ Bt?]^1fit<;rA^h^'inuru|i-ii ihiii 

lohdkn unil ci!l^cin<:inbMi (^fhfdnhun^trn d<?r ^rau. 
KtipikI XV; 0\^si,TifriOiT beert DU' 5krillitdt. 

Kopikl XVI: Diir tii?riii(iJEett £4?id4;n dtn ^rau^n : MfuiüÄflicnic uiitl HvsK'rii?. 
Kt-ipiM XV;i : DI? cllfiomdre frktfnntrU il^r ^rau^jnbronkboitcn. — 

Blutprobe, 
liopilricl Xvlll: Hilgtimfirif ThtToplc dir SrciucnkraTikheiten. — flllgi'- 

mfline Vtirsthrifltjn für Ji<? Priiphvlüx* unrt für dk' din?kf\! Bs- 

hanc^iiing der Genitalien. 
Knpilpl XIX : Hii? fi(?tiliiihi? rti?r H?ödin(Tinn*'»i und frisfh npcricrfi?r- 
Kflpitfl XX: Der kün.^tlirnp flkirt und dir kün.Ulirhp <S(fri1ixiiti(in 

Kdpitd XXI : Die kün.<it\irhf Befruchtung df.s ni?n.stiilifhen Weiti^Jt. 
5ctilus£moi:L 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



\7^r1iig i^an T« f. Bergmann in UJirshur^fii. 



Soeben cischlfn: 



Der UmschtDung ^ ^ ^ « 
in der SyphUisbchandlun^ 

im ersten Jahrzehnt des XX, ]cihrhurderts 

und die jetzige Cage. 

Zur ra^difn Orientierung für den Proktiker 

dargpstdU von 

9tat Df. TOL1I011 und Dr. f^ndt. 
Prßfs M. 2.^, 



Pcrsönüchf Pr{ipliylaxe und PräD^ntinbehardkitiß, flbortiu- und 1 
pnffLii.ich? ^rahb^hünitluni;, ftapp^nhphnnrlliinQ. — Qiiprfestlb^r-, j 
Jod- und Br5entherapie ; Sttiufj Impfung und Serumthfrapk. 
HlötJiisJerfnde Therapie (ßade-, Trink- und 5diroi1ikLiren; Uarkurtn). 

— Das 5alüarsan, — 
^' I 

H^Tföeh. Rat Prof. ür. Clulkli schritt» untfriti 3/1 V. mi Prof, Tu utwn: 

Tdi komme erst hrufe da^u, Ihnen meinen besten Scinli abzuslatten ' 
fUr AU friundlldi« Übetsendung Ihr«« sdi9n«n Buch?s, das idi mit\ 
vid tnt«rcssc und frcvd« gelesen hab«. Tdi glidubf, duss Sk Im ^ 
Verein mit f « ndf ml)' diesem Budie mLrklLdi dfn Htigel auf dtri Kopf i 
gdroffFR und einem uklfaiti empfundenen Bedürfnis atgcli«lfen haben. | 

Dl« JtrztfixeU ist Jetzt tjoti der rifsigen Kasuistik, von dfn | 
tradirnen Referaten und dem Qtmo^e d£$ Prd und Conl'ro vlrhllth ' 
ctiiias Übersättigt und dn Ist es umsamehr zu bearii^sen, menn 
einmal «ine unbefangene, Mom allgemelit«« und ttiJKeren Stardpunkt 
durdisefite fVar Stellung, m\t sie Ihnen und Fcndt in so au«^«- 
jEeldinet«r Wels« gelungen l«t, gegeben mird. 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



Uerlüij DO II 1. f. Bergmann in Wksbdd^n. 



Über das Eheliche Glück. 

Crfahrung^n, ReNraonen und Katsdildge ?mes Erife^. 

ton 
Dr. med, L, EonDfnfeld in munchen. 



nuözOtiti (JUS Besprechungen ; 

Gn tuiss(?ndli?r Drtilihbcfr spri<:ht auf ömnd rfichcr frf(JhTLnj]cn 
in (tiescm Werku mit ein^r DeWkatssM, Am ihm ürmöfliiciit, ouch lÜc 
WiliH.dm ProlilijTic 2n crffrtcrn, €m flr?t, der nar olicm ITtcnsch isi 
e]r> Verstehender und ücrj^itiendar. Das flucti, dos jciL" Dt^nkcniic 
ks^n .^Iti», tiirßt ^Ir^ ^iHli? non Btfobnt:htiinpt?Ti iintl Hnrcfjiinfjcn iinH 
Ist mie fin fiifsprnfli mit Hnpm khi^^t^n, ^LJIti(]i?n, rtltim Rr?ts', il^'iii 
IIWI .^uin Heil aufschüttet. J:ti niüisrhte, mir Inttcii r^iht oii?lc 
.<i[ikher ^rdc, und ich iDilnschtf. (Dir hdttm r«:Kt d^lc di^rdrtig mcrt- 
aa\k DOlt^jtümlidi-m^dizmisdi^n Werk«, Di<j ö^g!nm(irt 

.... Hier nun bc^^fjncn tvir aklfnthalhsn tid^^hendcr. Er- 
Härt<:rung^Ti, dl« wir jedoch Kicr nicht weiter bfhanddn htinnen. Hur 
drt-1 eint sei heroor^ekob^jn, düss der UiTtass^r sich ilbt^roj] als Jhrichcr 
und lidnsw|m?ntflT D^nb^r bijrontitt, und auch JRnsichfen üuszusnir<?fhjn 
lind 211 h(?<5r[iTid(jrt nnajjt, dii? oan d^r ö«<?Hsctidft ionst in fldit und 
Riinn C|rt<tn m erden Pnhin optici rt i. 8., menn dfr Vertti s,^t'r In^irie-'imffiÄ 
unb^dini^t t^inen Uortt^il dcirin rrhlii'lecn kann, Anan nirch d?r ITInnn Jm 
^tortdi? der MnSHrtnild" in die £he eintrete. Crstlicti sei (tic ntirehclirhc 
a^kupII^ TuifliTnd dp.i Hltinnt-ji; dtirrhun.^ k\?'iaf ßilrjis-tititt für i^hpllchi'^ 
GIül'Iv und dann erflehen .sich nus einem ZjsflninienkLiminen zrueief in 
dkA^n Dinfjm gänzlich untDi^^cndcr JlknsfhfnkJndcr zuiudkn pciniii:hc 
V?urlcflcnhcit«n, die o^jrode dos Glück der flittcrwodicn bcdijnklich ^tcirer 
hännfn . . . Den i^chlu:i5 sdn^s Buches bildm einige Beh^Wk \\lüik- 
Iktiijr €hen : Das th^paar Börr^t Broinninfl, Rjbcrt und Kl dm Srhiih- 
ntann und ff»ril B<?ücomfJdd Lnd Sftlne Oatlin, Sund, 

Über die Dummheit. 

£iii^Umsdiau im Gebiete menschlicher llnziilänglidibät. 

Von 
Dr. Ceopald Coccofnfdd, 

.'^|>f jinlurjt iür riL'rbvnliranhliiL'ikn ir 111 ü n dhcn ■ 

Prda knrtonierl fTl 5.—. 



r^i^i^nlr" Driqinalfrom 

f \j U<.J^ H. p p I f^ ,-£ jQ N U N VEl S IT 



IVrldi} Dün t f. Bcigmann in Wiesbaden. 



Sexualleben und neroenleidcn. 

Die ncroö^en Störungen s^xuell^n Ursprungs. 

Von 
Dr, Ceopold Coemenfeld, 

A|K;idtdr7t für nflmvnkrdnblifiti'n in tttüHdirn. 



Rus BcRpr<?diitrt)cn r 

Jnvdifimjf^h« UVrktf du^ itflr ^ifdtr i>on fluUiri*ti, die riitht KrAnki'n- 
Imu-'ilcifiT, sflpdern flrstv mit auflflcdfhntcr f'ruiiitpriL\i,'> sind, tun uns 
diirclmu^ ntsi üan ^kWniAihit'' lllot^riiil ii^t ^in-vi^iiv und nu'il dif 
rtii-i^l^n Pjblikotiond'ri «itirtiuf fu-'^nrn, sfl ist mit itvncri im isonhrcttrr 
^all^ Mt pr^ldunlifh mt«!!!«) i]n?uftinf]?ir. nidn braudit nur ll^m^n um' 
in «.t t? b i u jt und l1 p pi? n h c 1 m zu nfniicn, uni <in£ud<;^tL'n, ams rirztc 
ohrw KnifiUiflitKiiismatöriüi ünü fj^lfisti?^ hd1]«n. Ojs j^roAS^' (icbic?t der 
psyrhtiprtthLs.htfn 6r<>rhciTiunj:|cn o.ber Idsst sich in A<:i Üaupfaathe iihcr- 
htuipt nur im .SprcKti^imm^r jtudiert^n. Uni my cuird irtdn oini? Stiiitic 
über ,,^ifxjallcticn und ncriifnlpidöi", die yo d<Kh ciriffn 5*?hr tirti<»ut- 
-Minen T^*)! öer P«yitiopdthi«n hi^rduihi^bt, i^i^radc danti b0^Tas.f,cn, nviin 
fin flr?t non dfr fluicjcdohrrt^n Erfahruni], f o tMr*f nf cl d-i sie iin.^ 
()nrbift<7t r\i<i!; üc in 4. RiiMn^jt' norlii^iit, .'^pridi:' für itirf> BrnudiKiirkfit 
mit. In der la\ bringt daa Rurh pinr ^iiUf nnn Sldff in uiirtrrfflichiL^r 
Wrtdluiifl und ana^i?hmi?r Wnigi^bünfl. Päü Kopitd flb*r den Prtliu'nliiv 
tifrltphr i.st mntil Ana auntiP^fidtnciAte Afn fonzfn i^ucbf.v Über A'k 
fhc der Hypiifhrtnit.'r spfirhr foeiPfnffUi sich .wtir irt'rrünUiji Oü5 ; 
vT fl*?ht ni^ht mit difn RaAAtrptiimUu^iti'n, di: jcdm mit dvr .]un^lflcsdll:^l■ 
nc uroji?'' ßehdftdirn tiir fin^n fnrtpflünzunji.sTaürdii^i'n Pr(|crii:rc üfis^tit^rT, 
Sröud hcinimt in dem Buch*? p<?rfiäTiHdi zw Wort, Der Abschnitt ühet 
i\w PcruersifcSt sctit .sitii mit ti^'ii Hk^ucfitfr flufiti.vsuniVLT imicinoridor, 
Ods .SLhluAsilRflnittJl (iTon liirr IVciphyldxs? und 6i?hdiidlun^; der studier 
llcuriisthcnit*) sei dtjm PraktiKcr bfsandtrs (in.^ Hvrz flfleflt; denn cä 
bi'honddt Dinpf, mit i^tien müncfier flr2f i(i:h immer ijäTizrifli auf d?iTi 
Kri*'rtsfus5(? stftit, Im ganzen oIsü; «in in »Wurf fidunfl^rt« Budi, 
di?.^£tMi terncrcT JRu^büu in einjclmcu Punkton seinfi Wert nodi urtvihen 
ipird- Dk öplcg?nhcit zu ftukticni Ausbau ist b^i dfr roÄClien ioi^f 
di?r f1uFlag«n d^m emsigm huiüt \a in der id^alstm UVi^e g^g^bfn. 

.iTlcdizini^tif Klinik'. 



e-.- :■ ,1 r^i^i^filr» Original from 

Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETON UN VEISIT 



Verlag ocrr 1. 9, Bergmann In Vliesbaden« 



Berühmte Hornosexuellc. ^"" ^^' "^^- **'*'^^ "^^" !^u"^',"' 

Dichtung und Ileurosc. Baijshjine zw Psyrtiotogie der KUnJIer 

^ 2 und des Kun5tn>crRf5. Von Dr. wllh« 

Sfekel in_\Ui(?ii. IT lk, 2.— 

Der fall Otto Weininger. S'"L^c''!''?'''ml'^ k '"•*'"' ml^"",^'' 

2 — f. Probst in müiichirii, Ftlk, i.— 

Die frau In dgr Kultiirbcoicgurg der Oeggncpart. 

Von dt, Gertrud ßduiti^r, B^^rlin. TUK l.SO 

Die einbildung als Krankheitsursache, j^j^ ^^'t^ssor Dr. 

2 Dubais m Bern, 

mk 1," 



Die abnormen Charaktere bei Ibsen- ™" ,M*'^^'^f, "^Z 

UJürrtjurg, m«, —.SO 



Das ^rroddien des öesdileditgbgDDJssIseins und seine 

Hnomalien ^^ ^^- ^' '^ KStsdier (nub^rtu^tiurg). 

— '• — 1 ntk, ;. — 

D^r f/frm ^^"^ Kampffdirift {ijc^cn die G«fdu«dic unseres £«bfn5. 
^"^"■' y^„ Qr. Thfodar CesElng. nik. 2 40 

SeXlloIcthik. ^^'^ Professor Dr. ChrlstioR von €hr«nfds in Ptas, 

ttantcsexuolJtdt und Sfrafgesetzbudi, , ^ ^*"' "5-., , 

morniien, fllh. i.— 



Kcnrüd fcrdinand rHeyer. ^''" ^''" ^' 5**^ii" '" ^^?^- 

_ _ !^ JTlfc!. L40 

Beriifsroohl und nernenleidcn. ^ „ ^*" ,'^^'*^:'^'*<'r 

Dr. Hi]gU£t ttaffmann in 

Düisddjrf. rtlt. —M 

tXcroenleben und Weltansdiouuna. y*« Or- wiiis Keiipadi 
Sadismus und niasochismus. Vdn c?ri JTifd.-Rat Prüf<?ssor 

Dr. R. Culenbur^ in Berlin 

mk. z- 

flber dGsPflttiolaarselie bei nietzsdie. >'"" ^^\^- ^- «**»>'"* 

2 II Leipiig, mh. i.H^ 

öcistcskrankheit und Verbredien, Ü.'IV^'^' **.■ ""?*" '" 



Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



V7?rlag pcn I. f* ßergmonn in WLesbcdcn, 



Zentralblatt 

für 

Psyd>oanalyse. 

Medizinistf>e Monatsschrift füc Seeteukunde. 

Herausgeber; 
Pr<)f«£ä«r Cr, Slgm. freud. 

5ctiriftlPitLng : 
Dr. nifred Hdkr, UJi^a Dr, Wlih«lm 5tetiel, Wien 

Unlcr rnitujlrtiunfl oon: 

Dr. Kdrl nbroham, O^tWti ; C^Ph R. G. naa^Mif ^Wfftf ; Pr. CudiDl| Elnimanarr^ 
Kr^H2lJiin>?n; fr. Pojl B\tttt, itc^^^Xitlm : Dr. n, R. Srill, ni'ii44)[t; Oi'- VH. Eitln^mi, 
Bi>rlin; Dr. 9. £pstrln^ Ni«iu; D:^. S. fcHiicjl, ßjdiipcsl;^ Dr. Itlax Olaf, Wi«i ; Qr. 
ItTainijj Tllr^dirfld, ßf rlin ; Dr. E. HitsdimAnn, Wkrn ; D(^ C, Jditfs, Tdrdndi: Dr. 
etlc Jullusburger, 5(f|]|Hz; Doifn^ £. 0. lunjji lürkh; fir. f. i. Mmuss, Wl^n; 
Priiffüi^iM' Ritgiust d. Cuitnbrt^tr, IV^afiol; PriiT. Cuatau TSlaötna, HnLdna: Or. UMoiU 
ntaltr, Züriirh; Or. i}l<hard ItepalLril!, U^lFi; Od^fiit 11. OjSipOtt, IHni-^küü^ Cir. Oikai 
Ffi!lkr, Ziirkli Tr. Jdinfft Pulnani, ßi'.<tt<jnL {)tlo Rank, nTitT ; Dr, H. Rcitlff« VX'^i^ii; 
Dr. fran: RIM1n, Zmirh: J>r,1,SaAqtT, U>Vn: Pr. C.5flf, IlliiniVr'; \ft. n. Urgmanr, 
DrcAdfEi] fir. MT. UuLft, iUi-sjü; Hr. £rl£h tt^ulHcn, Dnrsdi^il. 



boycn 2um iührcspK'isc oon 15 mark. 

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Diy,ii.etJüy'^:.OOglC PRINCETÖN UN VEISIT 



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